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Fantasy Business: Lichtdrache vs. wahrer Glaube?
📰 Was ist los?
Ein Bonner Theologe nimmt Cornelia Funkes Anekdote vom „Fantasy Business“ zum Anlass, um über Erzählungen, Glaube und Imagination nachzudenken. Am Ende will er Fantasy höflich würdigen, zieht ihr aber gleichzeitig einen klaren historisch-theologischen Zaun.
🐛 Was denken wir?
Die Argumentation ist freundlich, gebildet und erstaunlich defensiv. Wer Fantasy nur als warmes Vorspiel zur „eigentlichen“ Wahrheit des Glaubens sieht, unterschätzt die Wucht von Imagination und Story. Der Bischof von Salisbury hatte vermutlich schon verstanden, was der Artikel nur andeutet: Wir sitzen alle im gleichen Boot, es besteht aus Geschichten, und wer darin ernst genommen werden will, sollte Fantasy nicht als Kinderabteilung behandeln.
🧠 Fantasy Business oder: Wenn der Bischof recht hat und die Theologie nervöse Flecken kriegt
Cornelia Funke steht im Dom von Salisbury, gesteht dem Bischof freundlich, dass sie keine Christin sei, eher heidnisch. Der lächelt und sagt:
„But Cornelia, we are both in the fantasy business.“
Ein schöner Satz. Ein Satz mit Witz, Souveränität und einem winzigen Hauch Selbsterkenntnis.
Lukas Wiesenhütter, Systematik-Profi an einer katholischen Fakultät, nimmt diesen Satz zum Anlass, ein langes Stück darüber zu schreiben, warum Glaube und Fantasy dann aber bitte doch nicht im gleichen Business sein sollen. Ergebnis: ein Text, der Fantasy erst klein macht, um sie danach halbherzig wieder zu adeln. Und genau das ist unser Problem.
📚 Was Wiesenhütter richtig sieht
Fangen wir fair an. Drei Punkte sind stark:
- Fiktion hat Wahrheitspotenzial
Er holt Chinua Achebe ins Boot und erinnert daran, dass Fiktion eine eigene Wahrheit transportiert. Geschichten helfen, Erfahrungen nachzuvollziehen, die uns ein nüchterner Warnhinweis nie so eindringlich vermitteln würde. Ein Roman über Alkohol zerstört mehr Illusionen als ein Infoflyer. - Imaginative Identification
Wir können uns in erfundene Figuren einfühlen, sie werden zu Projektionsflächen, Lernorten, Spiegeln. Das nennt Achebe „imaginative identification“ und ja, das ist genau der Grund, warum Fantasy-Leser mit Drachen und Dämonen über Trauer, Schuld und Freundschaft nachdenken. - Story als Begegnungsform
Mit Eleonore Stump und Judith Wolfe arbeitet er sauber heraus, dass Geschichten eine besondere Art von Erfahrung vermitteln, die sich nicht in nackte Fakten auflösen lässt. Erzählungen sind keine Deko des Glaubens, sondern Transportmittel für Begegnung.
Bis hierhin würden die meisten Fantasy-Leser einfach zustimmend nicken. Also wo hakt es?
⚖️ Die zentrale Schieflage: Fantasy als Übungsgerät, Glaube als echtes Spiel
Wiesenhütter versucht, eine klare Trennlinie zu ziehen:
- hier die Fantasy-Welt, „bloß erdacht“
- dort der Glaube, fest verankert in historischer Wirklichkeit
Das Muster ist durchschaubar. Fantasy darf gern als Trainingsraum für Empathie herhalten, als pädagogisches Vorprogramm. Wenn es dann jedoch um das „Eigentliche“ geht, um Gott, Geschichte, Offenbarung, dann soll bitte Schluss sein mit Drachen, Parallelwelten und Einhorn-Metaphern.
Genau an dieser Stelle rutscht ihm der eigene Befund weg. Denn er hat vorher selbst gezeigt:
- jede Erzählung, die uns etwas Bedeutendes vermittelt, arbeitet mit Imagination
- jede Annäherung an Wirklichkeit ist eine Mischung aus „finden und machen“
Wenn das stimmt, dann sind wir nicht nur im „story business“, sondern im Imagination-Business. Und das eben nicht nur, wenn wir Silberdrachen erfinden, sondern auch, wenn wir eine Weihnachtsgeschichte deuten.
🐉 Fantasy ist nicht das Sandkastenmodell des Glaubens
Ein Kernproblem des Textes: Er behandelt Fantasy-Literatur wie eine nette Übungseinheit für das, was die Bibel dann „in echt“ macht.
Dabei übersieht er drei einfache Tatsachen:
- Mythos ist kein exklusives Kirchenprodukt
Großes Erzählen über Sinn, Endlichkeit und Transzendenz gibt es lange vor institutionalisierter Theologie. Von Gilgamesch bis Tolkien arbeiten Erzählungen mit denselben Fragen wie Religion: Wozu sind wir da, wie gehen wir mit Tod, Schuld und Hoffnung um. - Der Unterschied ist nicht „echt“ gegen „erdacht“
Der entscheidende Unterschied zwischen Fantasy-Roman und Evangelium ist nicht, dass das eine „wirklich passiert“ ist und das andere nicht. Der Unterschied ist der Anspruch, den der Text stellt und die Gemeinschaft, die ihn trägt. Beides braucht Imagination, Interpretation, Deutung. - Fantasy ist kein Fluchtorgan, sondern Labor
Gute Fantasy ist kein Hinterzimmer, in dem wir vor der Wirklichkeit davonlaufen. Sie ist ein Labor, in dem Szenarien durchgespielt werden, die in der Alltagswelt kaum erzählbar wären. Macht, Erlösung, Sünde, Opfer, Wiederkunft, Gericht, zweite Chancen. Alles da, nur mit Drachen statt Dogmatik.
Wenn Wiesenhütter Fantasy nur als „beneficent fiction“ duldet, aber dem Glauben sofort den Sonderstatus „historisch geerdet“ zuschiebt, dann widerspricht er seinen eigenen Vorlagen.

🕯️ Story, History und die Angst vor der Konkurrenz
Ein interessanter Punkt seines Artikels ist die Weihnachtsgeschichte. Er betont, dass hier Story und History verschränkt sind. Historischer Verweis auf Augustus, literarische Erzählung über einen jüdischen Handwerker-Sohn mit Sonderstatus.
Der Trick:
- Man räumt der Story enorme Bedeutung ein
- betont aber ständig, dass unter allem eine unverrückbare historische Schicht liegt
Im Fantasy-Bereich kennen wir dieses Muster gut. Jeder zweite Marketing-Text behauptet, eine Geschichte sei „nur deshalb so bewegend, weil sie wirklich passiert ist“. Nur kümmert es die Leser am Ende oft nicht. Entscheidend ist, ob der Text wahrhaftig wirkt. Nicht, ob er fotokopierbare Belege in einem Archiv hat.
Das heißt nicht, dass Geschichte egal wäre. Es heißt nur:
Sobald du eine Geschichte erzählst, spielst du in derselben Liga wie Fantasy-Autorinnen. Du arbeitest mit Auswahl, mit Perspektive, mit Deutung.
Die theologische Nervosität entsteht genau da, wo ein Roman wie „Der Herr der Ringe“, „Die Chroniken von Narnia“ oder meinetwegen auch Cornelia Funke emotional mehr ausrichtet als eine Sonntagspredigt. Dann hilft es wenig, auf Augustus und Pilatus zu verweisen. Im Kopf der Hörenden gewinnt die Story, nicht die Fußnote.
🎭 Imagination ist kein Nebenschauplatz, sie ist das Spielfeld
Judith Wolfe erinnert daran, dass jede Wirklichkeitswahrnehmung ein „constant interplay of finding and making“ ist. Wiesenhütter zitiert das, zieht aber erstaunlich wenig Konsequenz daraus.
Wenn jede Erkenntnis von Welt unsere Vorstellungskraft involviert, dann gilt:
- Die Frage ist nicht, ob wir imaginieren.
- Die Frage ist, welche Geschichten wir unsere Imagination prägen lassen.
An diesem Punkt kippt die Hierarchie. Fantasy ist dann nicht der bunte Nebenjob, während der Glaube die „echte“ Arbeit macht. Beide sind Formen, in denen Menschen versuchen, Sinn zu finden.
Die Theologie hat da zweifellos die längere Tradition und ein theologisches Koordinatensystem. Aber das ändert nichts daran, dass sie narrative Konkurrenz hat. Und diese Konkurrenz trägt Drachenmasken, Raumschiffe, sprechende Bäume und rebellische Bibliothekarinnen.
📎 Was der Bischof eigentlich gesagt hat
Der Satz aus Salisbury lässt sich sehr schlicht lesen:
„Cornelia, wir leben beide von Geschichten, Figuren und Sinnangeboten, die ohne Fantasie nicht funktionieren.“
Wiesenhütter versucht, die Pointe zu retten, indem er am Ende den Begriff verschiebt. Aus „Fantasy Business“ macht er „Imagination Business“. Das ist klug, aber halbherzig.
Denn genau an dieser Stelle hätte er zugeben müssen:
Wenn wir beide im Imagination-Business sind, dann darf sich die Kirche nicht zurücklehnen und so tun, als hätten nur andere das Problem, ausgedachte Welten ernst zu nehmen.
Die eigentliche Herausforderung lautet:
Wie geht Glaube damit um, dass Menschen heute oft zuerst durch Fantasy-Romane lernen, was Barmherzigkeit, Opferbereitschaft oder Hoffnung bedeuten.
🐲 Redaktion im Fantasy Business
Wenn wir die Argumente des Artikels ernst nehmen, landet man bei einem einfachen Fazit:
- Fantasy-Literatur ist keine harmlose Parallelwelt, sie ist ein vollwertiger Lernort für Ethik, Empathie und Sinnfragen.
- Theologie arbeitet mit denselben Werkzeugen: Erzählung, Metapher, Imagination.
- Der Unterschied liegt im Selbstanspruch, nicht in der Textgattung.
Vielleicht wäre es ehrlicher, den Satz des Bischofs so stehen zu lassen:
„We are both in the fantasy business“ heißt dann:
Wir sind beide verantwortlich dafür, welche Bilder von Welt, Mensch und Gott wir in die Köpfe der Leute setzen.
Und anstatt Fantasy kleinzureden, könnte die Theologie anfangen, sie als ernsthafte Gesprächspartnerin zu behandeln. Nicht als niedliches Story-Vorzimmer, sondern als Kollegin im selben Haus.



