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Schwarzes Metall (4) – Black Metal Kulturgeschichte: Das Pantheon des Black Metal
Die großen Strömungen des Schwarzmetalls von Second Wave bis Avantgarde
Black Metal war nie ein friedliches Dorf mit einem Brunnen, drei Häusern und einer übersichtlichen Gemeindesatzung. Black Metal ist eher ein Kontinent, der irgendwann aus einem dunklen Meer stieg und seitdem ständig neue, gefährliche Provinzen bildet.
Im Norden liegen die Frostgebiete der Second Wave. Im Westen ziehen sich die langen Wälder des Atmospheric Black Metal. Im Süden protzen die Kathedralen des Symphonic Black Metal mit Orgeln, Chören und sehr ernsten Gesichtern. Irgendwo hinter einem Gebirgspass sitzen die Depressive-Black-Metal-Einsiedler in Kammern, in denen selbst Kerzen lieber kündigen würden. Und in den Hafenstädten der Avantgarde wird nachts mit Jazz, Dissonanz, Elektronik und kaputten Harmonien geschmuggelt.
Das ist der Punkt dieses vierten Teils: Black Metal ist längst kein einzelner dunkler Wald mehr. Er ist ein Reich voller Unterreiche.
Und wie in jedem guten Reich gibt es Provinzen, die sich hassen, heimlich voneinander lernen und bei Familienfeiern trotzdem am selben Tisch landen müssen.

Der gemeinsame Kern: Was überhaupt noch Black Metal ist
Bevor wir die Karte aufklappen, brauchen wir den Grenzstein. Black Metal lässt sich nicht allein über Tempo, Gesang oder Gitarrensound definieren. Sonst wäre jede hektische Kreissäge mit schlechter Laune ein Genrebeitrag. Trotzdem gibt es wiedererkennbare Grundelemente: Tremolo-Riffs, Blastbeats oder schnelle Drums, kreischende oder keifende Stimmen, eine oft rohe Produktion, starke Atmosphäre, Distanz, Kälte und ein Hang zu Bildern, die lieber in Nebel wohnen als in Fußgängerzonen. Solche Merkmale werden in Genreüberblicken regelmäßig als typische Bestandteile genannt; Metal Archives führt Black Metal zudem als eigene große Genre-Familie mit zahlreichen Mischformen und Ausläufern.
Aber der eigentliche Kern liegt tiefer. Black Metal ist eine Musik der Verweigerung. Gegen Wärme. Gegen Glätte. Gegen das nette Angebot, doch bitte zugänglicher zu werden. Selbst dort, wo er melodisch, symphonisch, schön oder avantgardistisch wird, bleibt oft dieses innere Nein erhalten.
Ein guter Black-Metal-Song sagt nicht: Komm rein, setz dich, wir haben schwarze Kekse. Er sagt eher: Alter, was willst du hier? Die Tür war nie für dich gedacht.
Second Wave: Der Frost legt das Gesetz fest
Wenn man vom Black Metal spricht, landet man fast zwangsläufig in Norwegen der frühen neunziger Jahre. Mayhem, Darkthrone, Burzum, Emperor, Immortal, Gorgoroth, Satyricon und andere prägten, was später als zweite Welle bekannt wurde. Diese Bands formten aus älteren Einflüssen eine strenge, kalte, sehr eigene Sprache: weniger Thrash-Rotz, weniger Death-Metal-Körper, mehr Gespenst, Frost, Nacht und Weltabkehr. Auch ältere Genreüberblicke benennen gerade Mayhem, Burzum, Darkthrone, Immortal und Emperor als zentrale Namen dieser Periode.
Bei Darkthrone klingt diese Strömung wie eine bewusst zugeschlagene Tür. A Blaze in the Northern Sky, Under a Funeral Moon und Transilvanian Hunger sind keine Alben, die gefallen wollen. Sie schneiden, rauschen, frieren. Gerade diese Reduktion wurde zum Stil. Aus wenig Klangraum entstand viel Aura.
Mayhem brachten das Ritualische. De Mysteriis Dom Sathanas wirkt bis heute nicht nur roh, sondern feierlich, unheimlich, fast liturgisch. Emperor machten aus der Nacht Architektur. Immortal bauten mit Blashyrkh ihr eigenes Frostreich und bewiesen, dass Black Metal auch mit absurder Größe funktionieren kann, solange der Ernst stark genug bleibt.
Die Second Wave ist deshalb die Reichsgründung. Hier wurden nicht alle Möglichkeiten des Black Metal erfunden, aber viele seiner Gesetze verschärft: Kälte, Kontrast, Szene-Ethos, Bildsprache, Soundverweigerung, das Misstrauen gegenüber allem, was nach normalem Metalbetrieb roch.
Man könnte sagen: Vorher gab es dunkle Musik. Danach gab es ein Reich mit ziemlich übellaunigen Grenzwachen.
Raw Black Metal: Der Keller bleibt offen
Raw Black Metal ist die Provinz, in der niemand aufräumt. Und das ist keine Nachlässigkeit, sondern ein Programm.
Hier bleibt der Sound dünn, dreckig, demohaft, kratzig, manchmal fast unverschämt abweisend. Gitarren rauschen wie kaputte Drähte im Schneesturm, Schlagzeug klingt gelegentlich wie aus dem Nachbarraum gestohlen, Stimmen verschwinden im Mix, als hätten sie selbst keine Lust auf Nähe.
Natürlich kann das furchtbar sein. Es gibt Raw Black Metal, der wirkt, als habe jemand einen Staubsauger in einem Bunker beleidigt. Aber wenn diese Ästhetik funktioniert, entsteht eine erstaunliche Wirkung: Distanz. Gefahr. Geheimnis. Das Gefühl, etwas nicht sauber Produziertes, sondern Ausgegrabenes zu hören.
Ildjarn, frühe Beherit, Mütiilation, Vlad Tepes, Sortsind oder später viele Kellerprojekte aus aller Welt zeigen unterschiedliche Formen dieser bewussten Rohheit. Beherit werden etwa als finnische Band beschrieben, deren frühe Musik durch primitiven, wilden Black Metal, Kultstatus, rohe Klangsprache, Avantgarde-Anteile und Atmosphäre geprägt war.
Raw Black Metal ist nicht der Ursprung von allem, aber er ist die Erinnerung daran, dass Black Metal nie ganz salonfähig werden wollte. Sobald das Genre zu sauber, zu bequem, zu professionell riecht, kratzt irgendwo im Keller wieder jemand an der Wand.
Und manchmal ist genau dieses Kratzen spannender als die teuerste Produktion.
Symphonic Black Metal: Wenn die Nacht eine Orgel bekommt
Symphonic Black Metal ist die Provinz mit Kronleuchtern, Nebelmaschinen und einer gewissen Neigung, den eigenen Schatten für einen Thronfolger zu halten.
Hier wird Black Metal groß: Keyboards, orchestrale Flächen, Chöre, dramatische Spannungsbögen, gotische Opulenz. Emperor haben diese Tür früh mit aufgestoßen, auch wenn sie nie einfach nur Symphonic Black Metal waren. Dimmu Borgir, Limbonic Art, Obtained Enslavement, frühe Arcturus und später zahllose andere Gruppen nutzten den schwarzen Kern für Theater, Bombast und Nachtarchitektur. Metal Archives führt Symphonic als eigene größere Metal-Kategorie, in der zahlreiche Black-Metal-Mischformen auftauchen.
Das kann grandios sein. Wenn die Raserei, die Harmonien und die orchestralen Elemente wirklich miteinander arbeiten, entsteht ein Klang wie eine schwarze Kathedrale: hoch, kalt, dramatisch, überwältigend.
Es kann aber auch kippen. Dann klingt es wie Dracula im Freizeitpark. Zu viel Keyboard, zu wenig Gefahr. Zu viel Dekor, zu wenig Abgrund.
Die Kunst des Symphonic Black Metal liegt darin, Pomp nicht mit Größe zu verwechseln. In the Nightside Eclipse funktioniert nicht, weil da einfach viel los ist. Es funktioniert, weil das Album trotz seiner Größe noch Zähne hat. Bei den besten Vertretern bleibt die Nacht gefährlich, auch wenn plötzlich eine Orgel drinsteht.
Oder anders: Eine Kathedrale ist nur dann beeindruckend, wenn unter dem Altar noch etwas lauert.

Atmospheric Black Metal: Der Wald wird länger als der Song
Atmospheric Black Metal ist kein Ort für Eilige. Hier werden Riffs nicht einfach gespielt, sondern ausgebreitet. Wiederholung wird Landschaft. Drums werden Wetter. Gitarrenflächen werden Nebel, Wind, Schneefall, Sternenstaub oder sehr lange Wege durch sehr schlecht ausgeschilderte Wälder.
Diese Spielart stellt Stimmung und Raum stärker in den Vordergrund. Metal Music Archives beschreibt Atmospheric Black Metal als weniger aggressiv ausgerichtete Form, bei der Atmosphäre und Stimmung besonders wichtig werden.
Burzum war für diese Entwicklung ein wichtiger Vorläufer, auch wenn man die Person dahinter politisch und historisch sauber von der ästhetischen Wirkung trennen muss. Später wurden Wolves in the Throne Room, Drudkh, Saor, Elderwind, ColdWorld, Paysage d’Hiver oder Ethereal Shroud wichtige Namen für unterschiedliche atmosphärische Lesarten.
Bei Wolves in the Throne Room wird der Wald fast spirituell. Bei Drudkh klingt Natur oft nach Geschichte, Steppe, Erinnerung und Boden. Saor öffnet die Tür in Richtung keltischer Weite. Paysage d’Hiver macht aus Schneesturm eine ganze Existenzform. Und Darkspace, als kosmische Nebenprovinz, verschiebt die Kälte aus dem Wald ins All; die Schweizer Band wird als Ambient- beziehungsweise Atmospheric-Black-Metal-Gruppe beschrieben, deren Themen um Raum, Dunkelheit und kosmische Mystik kreisen.
Atmospheric Black Metal zeigt besonders gut, warum Black Metal so nah an Fantasy rückt. Er erzählt oft keine Handlung. Er erzeugt Gelände. Man hört nicht nur Songs, sondern betritt Zonen.
Manchmal dauert der Eintritt eben zwölf Minuten. Wer ungeduldig wird, war vermutlich falsch angezogen.
Pagan und Folk Black Metal: Der alte Gott bekommt Verstärker
Pagan und Folk Black Metal sind die Provinzen, in denen der Verstärker neben dem Runenstein steht und jemand schwört, das sei alles streng historisch fundiert, während im Hintergrund ein Dudelsack etwas anderes behauptet.
Hier verbinden sich Black-Metal-Mittel mit Mythologie, Volksmusik, historischen Themen, Naturbildern, alten Sprachen, regionalen Erzählungen und oft epischer Dramaturgie. Bathory steht als großer Ahnherr im Raum, vor allem mit der späteren Viking-Metal-Wendung. Enslaved, Windir, Moonsorrow, Kampfar, Primordial, frühe Ulver oder auch Falkenbach zeigen sehr unterschiedliche Ausprägungen dieses Feldes. Metal Archives führt Folk, Viking und Pagan als eigene Genre-Familie mit vielen Black-Metal-Verbindungen.
Die Stärke dieser Richtung liegt im Gefühl von Herkunft. Nicht Herkunft als enger Stammtischbegriff, sondern als Klang von Landschaft, Sprache, Sage, Verlust, Ritual und Erinnerung. Windir klingt anders als Moonsorrow, weil Norwegen nicht Finnland ist, und beide nicht einfach dieselbe Nebelhütte teilen.
Die Gefahr ist offensichtlich: Trinkhorn-Deko, Mittelaltermarkt-Kulisse, Heldentum mit zu wenig Selbstkontrolle. Wenn Pagan Black Metal schlecht ist, marschiert er direkt in Richtung Kostümkiste. Wenn er gut ist, bekommt Mythos Gewicht.
Gerade für den Fantasykosmos ist diese Richtung wichtig. Hier zeigt sich, wie dünn die Grenze zwischen Metal, Sage und Weltbau sein kann. Ein gutes Pagan-Black-Metal-Album erzählt nicht nur von alten Göttern. Es lässt klingen, warum Menschen überhaupt alte Götter erfunden haben.

Depressive Black Metal: Der Kerker im Kopf
Depressive Black Metal, oft als DSBM abgekürzt, dreht die Kälte nach innen. Hier steht nicht mehr der Wald als Gegenwelt im Zentrum, sondern der innere Raum: Isolation, Selbstverlust, Leere, Schmerz, Wiederholung, Erschöpfung. Das Heroische verschwindet. Zurück bleibt eine Stimme in einem Zimmer, das zu klein für Trost ist.
Xasthur, Leviathan, Shining, Silencer, Lifelover, Make a Change… Kill Yourself, Austere oder Forgotten Tomb stehen für sehr verschiedene Formen dieser Richtung. DSBM ist eine klar erkennbare, aber auch äußerst extreme Randzone des Black Metal.
Musikalisch arbeitet DSBM oft mit schleppenderen Tempi, klagenden Gitarren, langen Wiederholungen, schneidenden Schreien, grauer Atmosphäre und einem Gefühl von Eingeschlossensein. Die Landschaft wird psychologisch. Der Wald wächst nach innen. Die Ruine steht im Kopf.
Das ist eine heikle Provinz, weil sie schnell in Pose, Kitsch oder problematische Romantisierung kippen kann. Aber in ihren stärksten Momenten zeigt sie etwas Entscheidendes: Black Metal muss nicht immer nach Macht klingen. Er kann auch nach Zerfall klingen. Nicht nach dem Zerfall eines Reiches, sondern nach dem Zerfall eines Menschen. Man sollte dort nicht dauerhaft wohnen. Aber man darf wissen, dass diese Provinz existiert.
Post Black und Blackgaze: Wenn die Wand plötzlich Licht durchlässt
Dann kam irgendwann Licht in die schwarze Wand. Nicht warmes Licht. Eher eines, bei dem man nicht sicher ist, ob es Rettung oder nur eine andere Art von Entfernung bedeutet.
Alcest sind hier der zentrale Name. Souvenirs d’un autre monde und Écailles de lune öffneten Black-Metal-Spuren in Richtung Shoegaze, Post-Rock, Traum, Erinnerung und ätherische Melancholie. Später wurden Deafheaven, Lantlôs, Bosse-de-Nage, Heretoir, Harakiri for the Sky, Der Weg einer Freiheit, An Autumn for Crippled Children und viele andere Teil dieser erweiterten Landschaft.
Post Black und Blackgaze behalten oft Tremolo-Gitarren, Blastbeat-Energie und harsche Vocals, aber sie setzen sie anders ein. Der Riff wird zur Fläche. Der Ausbruch wird zum Crescendo. Der Schrei steht nicht nur für Hass, sondern auch für Überforderung, Sehnsucht, Durchlässigkeit.
Das machte Puristen erwartbar nervös. Sobald irgendwo helle Gitarrenflächen auftauchen, sortiert ein Teil der Szene reflexhaft die Patronengurte. Aber genau das zeigt, wie lebendig das Genre geworden ist. Black Metal kann heute auch leuchten, ohne seine Fremdheit zu verlieren.
Der entscheidende Unterschied: Guter Blackgaze macht Black Metal nicht harmlos. Er zeigt nur, dass auch Licht verletzen kann.

Avantgarde Black Metal: Der Dornenbusch lernt Jazz
Avantgarde Black Metal ist die Gegend, in der die Karte irgendwann aufgibt.
Hier wird der schwarze Grundstoff zerlegt, verbogen, mit fremden Elementen verseucht und wieder zusammengesetzt: Dissonanz, krumme Strukturen, Jazz, Industrial, Elektronik, seltsame Harmonien, theatrale Stimmen, urbane Alpträume, kosmische Kälte, okkulte Theorie, alles möglich. Metal Archives führt Experimental und Avant-garde als eigene Kategorie mit zahlreichen Black-Metal-Mischformen.
Ved Buens Ende waren früh wichtig, weil sie Black Metal mit schrägen Akkorden, eigenwilligem Gesang und einer fast traumlogischen Atmosphäre auflösten. Arcturus bewegten sich vom symphonischen Black-Metal-Umfeld in Richtung Avantgarde und Progressive Metal; ihr Debüt Aspera Hiems Symfonia wird als noch stark black-metal-geprägt beschrieben, während spätere Alben deutlich experimenteller wurden.
Blut Aus Nord verwandelten Black Metal in kalte industrielle und metaphysische Architektur. Deathspell Omega bauten daraus dissonante Theologie mit Gitarren. Oranssi Pazuzu ließen Psychedelic, Space Rock und Black Metal miteinander in einem finnischen Sumpf diskutieren, bis niemand mehr wusste, wer zuerst geblinzelt hatte. Imperial Triumphant verschieben die schwarze Ästhetik in Richtung urbaner Jazz-Apokalypse.
Auch jüngere industrielle Formen zeigen, wie weit die Provinz inzwischen reicht. Pitchfork beschrieb etwa Lykotonon als Band, die Black Metal mit Industrial-Rhythmen, Elektronik und digitalen Texturen verbindet und damit eine technologische Gegenbewegung zu traditionell naturfixierten Black-Metal-Bildern schafft.
Avantgarde Black Metal ist nicht immer angenehm. Manchmal ist er nicht einmal besonders nachvollziehbar. Aber genau darin liegt seine Funktion: Er verhindert, dass das Genre nur noch seine alten Burgen besichtigt.
War Metal: Die Gerölllawine am Kartenrand
Man könnte War Metal als eigene gefährliche Randzone aufführen. Nicht jeder würde ihn direkt ins Zentrum des Black Metal stellen, aber seine Nähe zu Bestial Black Metal, Death Metal und extremem Underground ist unüberhörbar. Blasphemy, Beherit, Conqueror, Archgoat, Revenge oder Proclamation stehen für eine Spielart, die weniger an Wald, Frost oder Transzendenz interessiert ist als an totaler Überwältigung. Hier wird nicht gewandert, hier wird bombardiert.
War Metal ist oft primitiv, chaotisch, martialisch, körperlich, brutal. Wo Atmospheric Black Metal eine Landschaft öffnet, tritt War Metal die Tür aus den Angeln und ruft danach vermutlich noch etwas sehr Unhöfliches in den Raum.
Als ästhetische Provinz ist das wichtig, weil es zeigt, wie nah Black Metal manchmal am reinen Extrem liegen kann. Kein feines Nebelspiel, keine zerbrechliche Lichtmetaphysik, keine gotische Krone. Nur Lärm, Gewaltgeste, Schädel, Riff, Schlag.
Nicht jeder muss dort Urlaub machen. Aber auf der Karte sollte das Gebiet markiert sein. Mit Warnschild. Und vielleicht ohne Rückfahrkarte.
Kosmischer Black Metal: Kälte ohne Wald
Eine besonders reizvolle Nebenprovinz ist der kosmische Black Metal. Hier wird die typische Kälte des Genres nicht mehr über Schnee, Gebirge oder nordische Wälder erzeugt, sondern über Leere, Vakuum, Sterne, Raum und metaphysische Entfernung.
Darkspace sind dafür der Klassiker. Ihre Musik klingt nicht nach Waldgrenze, sondern nach Luftschleuse. Dronende Riffs, Ambient-Flächen, Maschinenkälte, minimalistische Weite. Die Schweizer Band gilt als Pionier eines kosmischen Atmospheric-Black-Metal-Zweigs, dessen Themen um Raum, Dunkelheit und kosmische Mystik kreisen.
Auch Mare Cognitum, Spectral Lore, Mesarthim oder Midnight Odyssey bewegen sich in unterschiedlichen kosmischen Zonen. Dort wird Black Metal zum Blick in den Himmel, aber nicht im romantischen Sinn. Die Sterne sind keine Freunde. Sie sind kalte Punkte in einer Leere, die uns nicht einmal ignoriert, weil sie nicht weiß, dass wir da sind.
Das ist eine wunderbare Erweiterung der klassischen Bildsprache. Frost muss nicht immer auf Erde liegen. Manchmal ist das kälteste Reich überhaupt nicht nordisch, sondern interstellar.

Warum diese Provinzen zusammengehören
Jetzt könnte man fragen: Was hält diesen Kontinent überhaupt zusammen? Was verbindet Darkthrone mit Alcest, Emperor mit Wolves in the Throne Room, War Metal mit Avantgarde, Immortal mit Darkspace?
Nicht immer viel. Zumindest nicht äußerlich. Manche dieser Bands würden vermutlich ungern gemeinsam in einer Vereinsbroschüre stehen, und manche Hörer würden beim falschen Nachbarn sofort Grenzkontrollen fordern.
Aber unter der Oberfläche gibt es gemeinsame Bewegungen.
Erstens: Black Metal arbeitet mit Distanz. Ob Keller, Wald, Kosmos, Kathedrale, Innenraum oder Avantgarde-Labor – immer geht es um einen Abstand zur normalen Welt.
Zweitens: Black Metal macht Klang zu Atmosphäre. Selbst in der rohen Form geht es selten nur um Riffs. Es geht um Temperatur, Raum, Oberfläche, Aura.
Drittens: Black Metal liebt Schwellen. Zwischen Mensch und Natur. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Schönheit und Abstoßung. Zwischen Krach und Kunst. Zwischen Ernst und unfreiwilliger Komik, diesem ewigen Abgrund, an dem das Genre mit erstaunlicher Regelmäßigkeit herumturnt.
Und viertens: Black Metal bleibt ein Genre des Risikos. Wer es zu glatt macht, verliert den Kern. Wer es nur roh macht, riskiert Langeweile. Wer es zu pompös macht, landet in der Gruftoper. Wer es zu schön macht, bekommt Ärger mit dem Frostamt.
Die besten Bands wissen das. Sie bewegen sich zwischen den Provinzen, ohne ihre innere Spannung zu verlieren.
Die Karte ist nicht das Reich
Natürlich ist jede Genre-Karte eine Vereinfachung. Bands passen selten sauber in Schubladen, gute Alben noch seltener. Enslaved können Black, Viking, Progressive und etwas ganz Eigenes sein. Ulver sind längst kein Black-Metal-Projekt mehr und bleiben trotzdem ein wichtiger Schatten in der Frühgeschichte. Blut Aus Nord wechseln die Räume, als hätten sie im Keller eine geheime Architekturmaschine stehen. Agalloch liegen zwischen Black Metal, Folk, Doom und Post-Rock und haben trotzdem mehr Black-Metal-Seele als manche Band mit fünf umgedrehten Kreuzen im Proberaum.
Darum sollte man Genres nicht wie Gefängnisse behandeln. Eher wie Wetterzonen. Sie helfen, etwas zu verstehen, aber sie ersetzen nicht das Hören.
Das Pantheon des schwarzen Metalls ist also kein starres Götterverzeichnis. Es ist eine Karte aus Frost, Rauch, Wald, Lärm, Licht, Ruine, Kosmos, Keller und beschädigter Schönheit.
Und wie jede gute Fantasykarte enthält sie Orte, an denen man besser nicht zu lange bleibt.
Nächste Folge
In der nächsten Folge betreten wir die Problemzone: Alles Nazis? Black Metal, Provokation und politische Problembären.
Denn wer eine Kulturgeschichte des Black Metal schreibt, kann die braunen Ränder, die Grauzonen, die rechten Codes, die Ausreden, die bewusste Provokation und die echten Abgründe nicht einfach hinter Nebel und Gitarren verstecken. Black Metal ist nicht automatisch rechts. Aber das Genre hat politische Schatten, die man benennen muss – gerade dann, wenn man seine Kunst ernst nimmt.
Bis dahin. Hörnchen oben lassen und empfehlt uns gerne weiter.
Die Reihe: Schwarzes Metall
Eine Kulturgeschichte des Black Metal zwischen Frost, Mythos und Weltenbau.
(1) Black Metal ist wie Kohlenstoff: Wie aus einem dunklen Grundstoff ganze Weltreiche entstehen
(2) Frost, Wald, Nacht: Die Bildsprache des Black Metal zwischen Ruine, Nebel und Sternenlicht
(3) Vom Krach zur Kunstform: Wie aus Provokation, Garagensound und Gegenkultur eine eigene Hochästhetik wurde
(4) Das Pantheon des schwarzen Metalls: Die großen Strömungen des Black Metal von Second Wave bis Avantgarde (22.5.2026)
(5) Alles Nazis? Black Metal, Provokation und politische Problembären (29.5.2026)
(6) Die Weltenbauer: Bands, die nicht nur Songs schreiben, sondern ganze Klangreiche errichten (5.6.2026)
(7) Schönheit im Schwarz: Wenn Dunkelheit nicht nur bedrohlich ist, sondern leuchtet (12.6.2026)
(8) Perspektivisch zappenduster: Die Zukunft des Black Metal zwischen Tradition, Avantgarde und neuer Finsternis (19.6.2026)
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