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Lev Grossman: Fantasy das Gegenteil von Eskapismus
📰 Was ist los?
Das Harvard Magazine hat ein neues Interview mit Lev Grossman veröffentlicht. Der Autor von The Magicians und The Bright Sword spricht darin über seinen Weg von Harvard-Student zum Fantasy-Schriftsteller, über die Rolle von Fantasy als Reaktion auf reale Krisen, über King Arthur als postkoloniale Allegorie und darüber, wie sehr Harvard als psychologischer Hexenkessel in seine Darstellung der Magierschule Brakebills eingeflossen ist. Außerdem erzählt er von der teuren Liebe Hollywoods zu Fantasy-Bildern und warum Romane für ihn trotzdem der Kern bleiben.
🐛 Was denken wir?
Das Interview bestätigt, was viele beim Lesen seiner Bücher schon gespürt haben: Grossman benutzt Fantasy nicht, um der Wirklichkeit zu entkommen, sondern um sie absurderweise ernster zu nehmen. Er denkt wie ein Literaturwissenschaftler, schreibt wie jemand, der mit Narnia, Tolkien und Artus aufgewachsen ist, und hat null Interesse daran, Fantasy auf Eskapismus zu reduzieren. Für ein Genre, das immer noch gern als „Fluchtliteratur“ abgetan wird, ist das eine sehr angenehme Kampfansage.
🧠 Lev Grossman: Warum Fantasy kein Notausgang, sondern ein Brennglas ist
Es gibt Autoren, bei denen man das Gefühl hat: Die lieben das Genre wirklich, nicht nur den Markt. Lev Grossman gehört genau in diese Kategorie. Das Harvard Magazine hat ihn jetzt in einem Interview darüber reden lassen, warum Fantasy für ihn nichts mit Weltflucht zu tun hat, sondern mit Klarheit. Und ja: Man merkt in jeder Zeile, dass der Mann seine Magier, Narnias und Arthurs sehr ernst nimmt. Auf die beste Art.
📚 Vom Chemie-Ersti zum Fantasy-Diagnostiker
Grossman startet in Harvard als Chemie-Student. Dann liest er in einem Proseminar Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ und merkt: Elektronenbahnen wird er nie so durchschauen wie diese eine Romanseite. Also wechselt er zu Literatur und findet genau die Art von Analyse, für die sein Kopf gebaut ist.
Der Weg zum Fantasy-Autor ist trotzdem alles andere als vorgezeichnet. Erst kommen ein Debüt, ein Bestseller über ein mysteriöses Manuskript (Codex), dazu ein Beruf als Kritiker und Tech-Autor bei TIME. Und innerlich natürlich der Traum, „richtige“ Literatur zu schreiben. Fantasy sei damals nicht das Etikett gewesen, auf das er hinarbeitete, sagt er ziemlich offen.
Heute wirkt es fast ironisch: Ausgerechnet der Mann, der sich lange an „seriöser“ Prosa abarbeitete, landet mit The Magicians eine der prägendsten Fantasy-Reihen der letzten Jahre – samt fünf Staffeln TV-Adaption bei Syfy.
🪄 Fantasy als Gegenwartsdiagnose, nicht als Fluchtweg
Der spannendste Teil des Harvard-Gesprächs: Grossmans klare Absage an das „Fantasy = Eskapismus“-Klischee.
Er sagt sinngemäß: Niemand mit klarem Verstand würde nach Westeros auswandern. Da wartet kein Wellnessurlaub, sondern ein lebensgefährliches Dauerpraktikum im Bürgerkrieg. Und trotzdem verschlingen Menschen diese Welten. Nicht, weil sie wegwollen, sondern weil sie dort die eigenen Probleme vergrößert und besser lesbar wiederfinden.
Fantasy wird bei Grossman zum Werkzeug, um reale Konflikte zu entknoten: Macht, Gewalt, Trauma, Identität. Das ist eine Linie, die er schon früher gezogen hat, etwa wenn er erklärt, dass Fantasy innere Konflikte nach außen verlagert und damit sichtbar macht, statt sich in reinen Innenwelten zu suhlen.
Kurz gesagt: Die Tür ins Fantastische führt nicht raus aus der Welt, sondern einmal um den Block und wieder hinein.
⚔️ Arthur, Rom und die Nachbeben der Geschichte
Mit „The Bright Sword“ legt Grossman 2024 seine eigene Artus-Variante vor. Und natürlich benutzt er den Stoff nicht nur, um Schwerter klirren zu lassen. Im Harvard-Interview erzählt er, wie sehr ihn beim Wiederlesen von „Le Morte d’Arthur“ die politische Lage dahinter beschäftigte:
- Britannien als postkoloniales Land, das noch lange unter den Nachwirkungen römischer Herrschaft leidet.
- Ein König Arthur, der eigentlich auf der Seite der alten Ordnung steht und erst lernen muss, was das für seine eigene Geschichte bedeutet.
Für Grossman ist Artus genau deshalb so langlebig: Jede Epoche findet einen anderen Nerv in diesem Mythos. T. H. White liest den Stoff unter dem Schatten der Weltkriege, Grossman schaut eher auf Imperium, Gewalt und die Frage, wie ein Land mit seiner Vergangenheit zurechtkommt. Fantasy wird hier zum politischen Spiegel, nicht zum Mittelalter-Disneyland.

🎓 Harvard, Brakebills und die dunkle Akademia
Eine der schönsten Passagen im Interview ist die über Harvard und Brakebills. Auf die Frage, ob es da eine Verbindung gibt, antwortet Grossman im Prinzip: natürlich.
Harvard beschreibt er als „psychologischen Zoo“: Menschen mit extremen Ambitionen, komplizierten Biografien und sehr unterschiedlichen Antrieben, die auf engem Raum permanent aneinanderprallen. Genau diese Energie hat er in Brakebills gegossen – das College der Magier in The Magicians, das Hogwarts ersetzt, sobald alle eine Alkoholhistorie, komplexe Liebesleben und existenzielle Krisen haben.
Spannend ist auch seine eigene Rückschau: Grossman sieht The Magicians heute als Teil dessen, was man mittlerweile „Dark Academia“ nennt – obwohl es den Begriff damals noch gar nicht gab. Eine Reihe, die Fantasy mit Uni-Nervenzusammenbrüchen, Klassismus, Depressionen und der Frage verknüpft, was passiert, wenn man Narnia wirklich ernst nimmt, statt es nur als Kinderzimmer-Escape zu benutzen.
🎬 Hollywood, Pferdekosten und die Grenzen des Budgets
Natürlich kommt auch Hollywood zur Sprache. Grossman war mit „The Map of Tiny Perfect Things“ schon im Film unterwegs, The Magicians lief als Serie, The Bright Sword ist in Entwicklung. Trotzdem sagt er ziemlich trocken: Wenn es so wirkt, als würde er gerade nicht mit Hollywood arbeiten, heißt das meistens nur, dass er gerade an etwas schreibt, das es nie aus der Entwicklungshölle schafft.
Seine nüchterne Diagnose: Fantasy ist billig zu schreiben, aber teuer zu filmen. Game of Thrones mit seinen Pferden, Schlachten und Drachen ist für ihn das Paradebeispiel dafür, wie hoch der Preis aussieht, wenn man all die inneren Monster plötzlich als echte Reittiere einkaufen muss.
Trotzdem reizt ihn die Arbeit im visuellen Medium, einfach weil sie andere Räume erreicht als die Romane. Aber die Priorität bleibt klar: Prosa ist seine Muttersprache.
❤️ Warum wir Lev Grossman mögen
Man merkt im ganzen Gespräch: Grossman ist keiner dieser Fantasy-Autoren, die sich fürs Genre entschuldigen, während sie heimlich auf den Booker schielen. Er kennt die Modernisten, er liebt Woolf, er versteht Arthur und entscheidet sich trotzdem bewusst dafür, Drachen, Zauberer und Königreiche zu benutzen, um über Gegenwart zu sprechen.
Das Interview ist im Grunde eine kleine Programmschrift:
Fantasy ist hier kein Abenteuerspielplatz für Eskapismus, sondern eine Sprache für all das, wofür der realistische Roman manchmal zu brav geworden ist. Und ja, genau für diese Haltung feiern wir ihn hier im Fantasykosmos gern ein bisschen.

