
Ilienses Tree – Toward The Storm
🧿 Kurzfazit
Toward The Storm ist ein schweres, ernstes Doom/Death-Album über innere Verwüstung, Widerstand und das langsame Gehen in den Sturm. Keine große Neuerfindung, aber ein atmosphärisch starkes Werk mit grauer See im Herzen.
🎯 Für wen?
Für Fans, die frühe Anathema, Novembers Doom, alte Paradise Lost-Schwere und melancholischen Death-Doom ohne Zuckerguss mögen. Wer lange Spannungsbögen und echte Trostlosigkeit sucht, bekommt hier ausreichend Wetterlage für den Brustkorb.
🎧 Wie klingt das?
Zäh schleppende Riffs, tiefe Growls, dunkle Melodielinien, schwerer Bass und ein Schlagzeug, das mehr trägt als prügelt. Die Platte klingt wie ein Gewitter, das nicht plötzlich losbricht, sondern seit Tagen über dem Meer hängt.
💿 Highlights
To Not Be Forgotten, Sudden Rain, Toward The Storm
⛔ Nichts für dich, wenn…
du bei Doom/Death schnelle Überraschungen, wilde Stilbrüche oder sofortige Refrain-Belohnung erwartest.
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🌩️ Ilienses Tree – Toward The Storm: Doom am Rand der Klippe
Ilienses Tree sind auf der Insel Sardinien beheimatet, und das hört man Toward The Storm nicht im touristischen Sinne an. Hier gibt es keine mediterrane Wärme, keine salzige Romantik, keinen Sonnenuntergang für Menschen mit Leinenhemd und Weißweinglas in der Pfote. Dieses Album steht an einer schwarzen Küste, sieht dem Gewitter entgegen und fragt nicht, ob man nicht doch noch schnell ins Trockene huschen möchte.
Man geht da jetzt durch.
Das zweite Album der Band ist klassischer Doom/Death Metal im besten und im schwierigsten Sinne: langsam, schwer, gedrückt, emotional aufgeladen, aber nicht sonderlich daran interessiert, das Genre neu zu erfinden. Toward The Storm schlägt keine neuen Türen ein. Es steht eher vor einer einzigen Tür, legt beide Hände dagegen und drückt so lange, bis dahinter etwas nachgibt.
Das ist nicht revolutionär. Aber wenn die Wellen richtig stehen, ist es unfassbar wirkmächtig.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Doom/Death Metal, Melodic Death-Doom, melancholischer Doom Metal
Vergleichbar mit: frühen Anathema in tieferer Brandung, Novembers Doom mit weniger Pathos, Paradise Lost in der alten Katakombe, dazu ein Hauch italienischer Küstenfinsternis.
Klangfarbe: Toward The Storm ist graublau, schwer und feuchtkalt. Die Gitarren hängen lange in der Luft, der Bass legt sich wie nasser Stein unter die Songs, und Maurizio Melonis Growls wirken nicht theatralisch, sondern erschöpft, als kämen sie aus einem Körper, der längst verstanden hat, dass Erlösung keine Abkürzung kennt.
Das Album besteht aus fünf Stücken, die alle eher als Stationen funktionieren denn als klassische Songsammlung. Left Alone öffnet die Tür mit Piano und dunkler Ahnung, danach zieht die Platte Schritt für Schritt tiefer in ihr Wetter. Das ist ein kluger Aufbau, weil Ilienses Tree ihre Wirkung nicht aus plötzlichem Effektgewitter ziehen. Sie setzen auf Druck, Wiederholung, Gewicht und langsame Verschiebung.
Die Kehrseite: Wer das Genre kennt, wird hier nur selten überrascht. Toward The Storm geht einen vertrauten Pfad. Aber es geht ihn mit Haltung, Atmosphäre und einer ehrlichen Schwere, die nicht bloß auf traurig gestimmt ist, sondern tatsächlich etwas trägt.
✨ Highlights
To Not Be Forgotten
To Not Be Forgotten ist das emotionale Zentrum des Albums. Der Song bewegt sich schwer, aber nicht träge. Die Riffs werden lange gehalten, die Growls drücken tief in den Mix, und immer wieder entsteht dieses Gefühl, dass sich etwas in Zeitlupe aufrichtet, das besser liegen geblieben wäre.
Besonders stark ist die Geduld der Band. Ilienses Tree überladen den Song nicht mit billigen Ausbrüchen, sondern lassen die Schwere arbeiten. Dadurch entsteht kein plumper Klagemarsch, sondern eine Art inneres Mahnmal. Der Titel passt: Hier geht es nicht um Erinnerung als schöne Geste, sondern um Erinnerung als Last, die man trotzdem nicht ablegen darf.
Sudden Rain
Sudden Rain ist der Song, in dem Cover und Musik am deutlichsten ineinanderfallen. Man sieht diese dunkle Küste, die Felsen, das aufgewühlte Meer, den Blitz am Horizont, und plötzlich wirkt die Platte weniger wie ein rein inneres Drama, sondern wie eine Naturgewalt mit menschlichem Kern.
Die Gitarren führen hier stärker, die Melodien ziehen wehklagend durch den Nebel, und der Song hat genug Länge, um tatsächlich Wetter zu werden. Nicht alles passiert schnell. Genau das ist der Punkt. Sudden Rain baut Druck auf, bis man das Gefühl hat, der Himmel selbst müsse irgendwann nachgeben.
Toward The Storm
Der Titeltrack bündelt am Ende die große Idee des Albums: nicht weg vom Sturm, sondern hinein. Das Stück ist schwer, finster und etwas resignierter als kämpferisch, aber gerade darin liegt seine Kraft. Hier wird nicht heroisch gegen die Dunkelheit angeschrien. Hier wird weitergegangen, obwohl der Horizont geschlossen ist.
Als Finale ist Toward The Storm keine triumphale Entladung, sondern eine Verdichtung. Die Band führt das Album nicht aus der Finsternis heraus. Sie bleibt darin stehen. Das ist konsequent, vielleicht sogar der ehrlichste Schluss, den diese Platte haben kann.
🎨 Artwork
Das Cover von Toward The Storm ist fast unverschämt passend. Eine Küste unter einem schweren Gewitterhimmel, links eine dunkle Klippe, rechts draußen im Wasser Felsnadeln wie schwarze Zähne, darüber ein greller Blitz, der den Himmel aufreißt. Keine Figur, kein Logo-Gewitter, kein überdeutlicher Metal-Kitsch. Nur Landschaft, Wetter und ein Moment kurz vor dem Einschlag.
Gerade diese Zurückhaltung macht das Bild stark. Es erzählt nicht die Platte nach, es stellt ihren Zustand dar. Die Musik von Ilienses Tree klingt genau so: als würde man am Rand einer Klippe stehen und nicht wissen, ob der Sturm von außen kommt oder längst im eigenen Kopf begonnen hat.
Die Farbigkeit aus Grau, Blau, Violett und fahlem Licht nimmt dem Motiv jede Postkartenromantik. Das Meer ist hier kein Sehnsuchtsort, sondern eine Fläche, die alles schluckt. Die Felsen stehen wie stumme Zeugen, der Himmel wirkt weniger dramatisch als endgültig.
Für Doom/Death ist das eine sehr gute visuelle Entscheidung. Keine Gruft, kein Schädel, kein Standard-Symbolkoffer. Stattdessen ein echtes Bild für seelische Wetterlagen. Und ja, das ist deutlich wirkungsvoller als der tausendste Friedhof mit Nebel und Laterne.
🪦 Besondere Momente
Left Alone als Schwelle:
Der kurze Opener ist kein vollwertiger Song im klassischen Sinne, sondern ein Vorraum. Piano, Dunkelheit, Andeutung. Das funktioniert, weil es nicht zu lange auf Bedeutung macht. Es öffnet die Tür, lässt kalte Luft herein und verschwindet.
Die Platte schreit nicht, sie lastet:
Viele Doom/Death-Alben verwechseln Emotion mit maximalem Drama. Ilienses Tree sind besser, wenn sie nicht drücken, sondern liegen bleiben. Die besten Passagen entstehen dort, wo die Band den Schmerz nicht ausstellt, sondern ihn im Riff verankert.
Wenig Risiko, aber klare Handschrift:
Toward The Storm verlässt die Genrelinien kaum. Das kann man kritisieren. Trotzdem klingt die Platte nicht beliebig, weil Atmosphäre, Tempo und Tonfall stimmig ineinandergreifen. Sie ist kein Experiment, sondern eine konzentrierte Ausarbeitung.
Sardinien ohne Postkarte:
Die Herkunft der Band ist interessant, weil diese Musik nicht nach den üblichen Doom-Zentren klingt, aber auch nicht plakativ „mediterran“ sein will. Das Cover liefert dafür den besseren Schlüssel: Insel nicht als Urlaub, sondern als Randlage. Meer nicht als Freiheit, sondern als Grenze.
📜 Hintergrund
Ilienses Tree wurden 2013 in Cagliari auf Sardinien gegründet. Schon der Bandname trägt eine leicht archaische, verwurzelte Schwere in sich, und genau so klingt auch ihre Musik: nicht urban, nicht modernistisch, sondern erdig, dunkel und nach innen gekehrt.
Nach Till Autumn Comes von 2020 markiert Toward The Storm den nächsten großen Schritt. Die Band arbeitet weiterhin im Feld des Doom/Death, aber die neue Platte wirkt geschlossener, ernster und stärker auf ein zentrales Bild hin ausgerichtet. Es geht nicht nur um Trauer, sondern um das Aushalten eines Zustands: Entfremdung, Verlust, Scham, Angst, innere Gegenwehr.
Das Line-up besteht aus Maurizio Meloni am Mikrofon, Claudio Kalb am Bass, Simone Milia und Matteo Maccioni an den Gitarren sowie Giammarco Vacca am Schlagzeug. Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde das Album in Cagliari im Overcore Studio von Lorenzo Mariani.
Man hört dieser Produktion an, dass sie keine künstliche Monumentalität sucht. Der Sound ist klar genug, damit die Melodien greifen, aber schwer genug, damit die Platte nicht in Schönklang kippt. Gerade im Doom/Death ist das wichtig. Zu viel Politur, und alles wird Trauerdeko. Zu wenig Kontur, und alles versinkt im Matsch. Ilienses Tree finden hier eine brauchbare Mitte.
🪓 Fazit: Der Sturm, der keine Metapher sein will
Toward The Storm ist kein Album, das den Doom/Death aus seinem alten Keller holt und ihm neue Fenster einbaut. Dafür ist es zu traditionsbewusst, zu eng am Kern des Genres, zu wenig bereit für echte Brüche.
Aber das muss nicht zwingend ein Problem sein.
Denn Ilienses Tree verstehen, was diese Musik tragen muss: Gewicht, Atmosphäre, Glaubwürdigkeit und eine emotionale Linie, die nicht wie Theater wirkt. Die besten Momente des Albums sind stark, weil sie nicht um Aufmerksamkeit betteln. Sie ziehen langsam heran, verdunkeln den Raum und bleiben dann einfach stehen.
Natürlich könnte Toward The Storm an manchen Stellen mutiger sein. Ein schärferer Kontrast, ein überraschender Bruch, ein stärkerer Ausbruch hätten der Platte zusätzliche Tiefe gegeben. Doch auch so funktioniert das Album als geschlossenes, ernsthaftes Doom/Death-Werk mit eigener Wetterlage.
Wer Innovation sucht, wird hier nicht völlig durchnässt aus dem Meer steigen. Wer aber ein stimmiges, schweres, melancholisches Album hören will, das seine Dunkelheit nicht verkauft, sondern aushält, bekommt eine gute halbe Stunde Musik für graue Tage, offene Wunden und späte Fensterblicke.
Ilienses Tree gehen nicht vor dem Sturm in Deckung.
Sie schreiten erhobenen Hauptes hinein.
Und manchmal muss man genau das tun.

| Künstler: | Ilienses Tree |
| Albumtitel: | Toward The Storm |
| Erscheinungsdatum: | 1. Mai 2026 |
| Genre: | Doom/Death Metal |
| Label: | Meuse Music Records |
| Spielzeit: | ca. 36 Minuten |
Trackliste:
Left Alone
To Not Be Forgotten
Wandering
Sudden Rain
Toward The Storm
📺 Offizielles Lyric-Video
Offizielles Lyric-Video zu „To Not Be Forgotten“ – Ilienses Tree öffnen den Sturm mit schwerem Doom/Death, grauer Melancholie und langsamem Druckaufbau. Bereitgestellt vom offiziellen Meuse Music Records-YouTube-Kanal.
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