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Der Pass als Fluchmal: Nadav Lapid und die neue Kulturprüfung
Der israelische Regisseur Nadav Lapid hat seine Teilnahme am FID Marseille zurückgezogen. Boykottaufrufe, Festivaldruck, Filmrückzüge: Aus einem Künstler wurde ein Symbolträger. Der Fall zeigt, wie schnell Kunst heute nicht mehr nach Werk, Haltung oder Risiko beurteilt wird, sondern nach Herkunft, ganz so, als trüge jeder Pass ein magisches Siegel, das im falschen Licht zu brennen beginnt.
Es gibt Momente, in denen Kultur nicht mehr fragt, was ein Künstler sagt. Sie fragt, woher er kommt. Dann wird das Werk kleiner, die Biografie verdächtiger, der Pass lauter. Und plötzlich steht nicht mehr ein Film im Raum, sondern ein Herkunftssiegel.
Nadav Lapid ist dafür ein fast zu präziser Fall. Der israelische Regisseur hat seine eigene Regierung seit Jahren scharf kritisiert, seine Filme behandeln Identität, Gewalt, Staat, Körper, Sprache und die Zumutungen nationaler Zugehörigkeit nicht gerade mit Samthandschuhen. Er ist kein offizieller Kulturbotschafter im Sonntagsanzug, kein weichgezeichneter Repräsentant einer Regierungslinie, kein höflicher Exportartikel.
Und doch reichte seine Einladung zum FID Marseille, um ihn in eine Rolle zu zwingen, die mit seiner Kunst nur noch indirekt zu tun hat: Israeli. Punkt. Herkunft als Urteil. Pass als Zaubermarke.

🎬 Der Film verschwindet hinter dem Siegel
In den Zwischenreichen wäre das eine düstere Szene: Ein Regisseur tritt mit einer Filmrolle an das Tor eines Festivals. Die Wächter fragen nicht nach Schnitt, Bild, Rhythmus, ästhetischem Risiko oder politischem Mut. Sie heben nur eine Laterne, und auf seinem Pass beginnt ein Zeichen zu glühen. Danach ist alles gesagt.
Genau das ist die Gefahr solcher Kulturprüfungen. Sie beginnen mit einem moralisch verständlichen Impuls: Kein Kunstbetrieb soll so tun, als existierten Krieg, Besatzung, Terror, Propaganda, staatliche Gewalt und internationale Verstrickung nicht. Kultur ist nie unschuldig. Festivals sind nicht außerhalb der Welt. Wer einlädt, positioniert sich. Wer schweigt, oft auch.
Aber zwischen politischem Bewusstsein und Herkunftsgericht liegt eine Schlucht. Und in dieser Schlucht verschwinden ausgerechnet jene Stimmen, die man hören müsste, wenn es ernst wird.
Lapid ist kein einfacher Fall für Parolen. Genau deshalb ist er interessant. Er lässt sich nicht bequem einsortieren. Er kritisiert Israel von innen und außen, arbeitet im europäischen Festivalraum, stört nationale Selbstbilder, und sein Kino lebt gerade davon, dass Identität nicht als saubere Schublade existiert. Ihn auf einen Pass zu reduzieren, ist nicht nur unfair. Es ist künstlerisch blind.
🧾 Der neue Bannkreis heißt Herkunft
Der moderne Kulturbetrieb liebt Bannkreise. Manche werden mit sehr guten Gründen gezogen. Andere mit sehr großer Selbstgewissheit. Man lädt aus, distanziert sich, prüft, erklärt, markiert, signalisiert, und nach kurzer Zeit sieht die moralische Landkarte ordentlich aus. Hier drinnen die Guten. Dort draußen die Problematischen. Dazwischen ein sehr dünner Flur für Widerspruch.
Der Fall Lapid zeigt, wie gefährlich diese Ordnung wird, wenn sie nicht mehr zwischen Staat, Regierung, Institution, Finanzierung, Werk und Künstler unterscheidet. Dann ist der Pass nicht mehr ein Dokument. Er wird ein Fluchmal. Er haftet am Körper, überstrahlt die Sprache, verschluckt die Filme.
Natürlich kann man über Kulturförderung streiten. Natürlich kann man über staatliche Fonds, internationale Festivalpolitik und symbolische Repräsentation reden. Das muss man sogar. Aber wenn am Ende ein dissidenter Künstler aus dem Raum gedrängt wird, während gerade sein Werk und seine Position gegen jene politischen Verhältnisse arbeiten, die man kritisiert, dann hat die Prüfung ihren Gegenstand verloren.
Dann zählt nicht mehr die Moral.
Es richtet der Reflex.
🏛️ Festivals als Grenztore
Filmfestivals waren immer auch Orte der Macht. Wer gezeigt wird, wer eingeladen wird, wer Preise bekommt, wer Panels besetzt, wer als Stimme der Gegenwart gilt — all das ist nie neutral. Aber Festivals sollten im besten Fall Grenztore sein, keine Zollstationen der Reinheit.
Ein gutes Festival hält Widerspruch aus. Es kann sagen: Diese Regierung ist politisch verheerend, und trotzdem hören wir einen Künstler, der genau diese Ordnung angreift. Es kann sagen: Wir diskutieren die Bedingungen der Finanzierung, ohne Menschen auf Herkunft zu reduzieren. Es kann sagen: Boykott ist ein politisches Mittel, aber nicht jede Anwendung ist automatisch klug, gerecht oder treffsicher.
Kultur, die nur noch eindeutige Fälle erträgt, wird sehr schnell ärmer. Nicht etwa, weil alles erlaubt sein muss, sondern weil die schwierigen Stimmen zuerst verschwinden, sobald das Raster gröber wird.
🧙♂️ Die Magie der moralischen Vereinfachung
Es ist verführerisch, die Welt in Zeichen zu verwandeln. Ein Pass, ein Land, ein Festival, ein Boykott, ein Rückzug. Schon hat man eine Erzählung. Sie ist schnell, teilbar, anklagefähig und moralisch gut beleuchtet.
Nur ist Kunst selten so gehorsam.
Lapids Filme arbeiten nicht wie Botschaftstafeln. Sie sind unbequem, nervös, körperlich, politisch aufgeladen. Sie verhandeln Zugehörigkeit nicht als Ausweisfrage, sondern als Wunde. Gerade deshalb ist es bitter, dass ausgerechnet ein solcher Künstler in eine Ausweisfrage hineingezogen wird. Das ist die schwarze Komik des Falls: Ein Regisseur, dessen Werk nationale Identität als Zumutung behandelt, wird von der Kulturöffentlichkeit genau auf nationale Identität zurückgestutzt.
Man könnte es nicht besser inszenieren. Man sollte es nur nicht tun.
🪞 Der Pass ist nicht der Mensch
Der Streit um Nadav Lapid ist deshalb größer als Marseille. Er zeigt eine kulturelle Nervosität, die inzwischen überall lauert: Wer darf sprechen? Wer gilt als belastet? Wann wird Herkunft zur Schuld? Wann wird Solidarität zur Vereinfachung? Und wann beginnt ein Boykott nicht mehr Macht zu treffen, sondern diejenigen, die Macht ohnehin widersprechen?
Es gibt keine einfache Antwort. Genau deshalb wäre Kunst der richtige Ort dafür.
Nicht als Freispruchmaschine und gewiss nicht als diplomatische Ausrede, sondern als Raum, in dem Widersprüche nicht sofort getilgt werden müssen.
Wenn dieser Raum sich schließt, gewinnt niemand. Nicht die Kunst. Nicht die Kritik. Nicht die Opfer realer Gewalt. Nicht die Öffentlichkeit. Am Ende bleibt nur ein Tor, ein Wächter und ein Dokument, das lauter spricht als der Mensch, der es trägt.
In den Zwischenreichen nennt man so etwas einen Fluch.
Im Kulturbetrieb bezeichnet man es als Haltung.
Der Unterschied wird gerade kleiner.







