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Hat Troja jetzt ein Meldeamt? Lupita Nyong’o und der absurde Streit um Helena
Christopher Nolans The Odyssey ist noch nicht im Kino, aber Troja brennt bereits in den Kommentarspalten. Lupita Nyong’o als Helena von Troja reicht aus, damit aus antiker Mythologie wieder Gegenwartspolitik wird. Dabei war der Mythos nie ein Archiv mit Passkontrolle, sondern immer eine Maschine der Verwandlung.
Es ist eine schöne, fast schon homerische Ironie: Christopher Nolan dreht The Odyssey, aber die eigentliche Irrfahrt beginnt schon vor Kinostart. Nicht auf dem Meer, nicht zwischen Zyklopen, Sirenen und Göttern, sondern dort, wo heute jedes große Kulturprodukt zuerst stranden muss: in der Kommentarspalte.
Lupita Nyong’o spielt in Nolans Film Helena von Troja. Außerdem Klytaimnestra, was allein schon interessant genug wäre, weil hier zwei weibliche Schlüsselgestalten des griechischen Mythos in einer Schauspielerin gespiegelt werden. Doch statt darüber zu sprechen, was diese Doppelbesetzung erzählen könnte, wird erst einmal wieder die alte Gegenwartsfrage aufgezogen: Darf sie das? Darf eine schwarze Schauspielerin Helena von Troja spielen?
Man möchte Homer aus dem Schatten rufen und ihn bitten, kurz die Hausordnung des Mythos vorzulesen.

Helena war nie beim Einwohnermeldeamt
Das Problem an dieser Debatte ist nicht, dass man über Castingentscheidungen nicht sprechen dürfte. Natürlich darf man das. Man darf über ästhetische Konzepte reden, über historische Anmutung, über politische Lesarten, über Hollywoods gelegentlich etwas selbstzufriedene Lust, jedes Problem der Welt mit einer Ensembleliste zu bearbeiten.
Aber Helena von Troja ist keine Nebenfigur aus einem sauber belegten Historienfilm. Sie ist Mythos. Projektionsfläche. Schönheit als politischer Sprengsatz. Eine Frau als Vorwand für Krieg, eine Erzählung als Brandbeschleuniger. Seit Jahrhunderten wird sie umgedeutet, umgeschrieben, moralisch verurteilt, verklärt, entlastet, beschuldigt, erhöht und benutzt. Wer bei Helena plötzlich so tut, als gehe es um dokumentarische Genauigkeit, hat den Stoff möglicherweise sehr oberflächlich sortiert, aber nicht besonders tief gelesen.
Mythologie war nie ein Museum mit Alarmanlage. Sie war immer ein lebendiger Apparat. Jede Epoche hat sich ihre Götter, Helden und Schuldigen neu gebaut. Die Griechen selbst haben ihre Mythen nicht wie amtliche Urkunden behandelt, sondern wie ein riesiges, widersprüchliches Erzählgewebe. Da gibt es Varianten, Gegenversionen, regionale Überlieferungen, politische Umdeutungen und dichterische Frechheiten. Der Mythos lebt nicht, weil er rein bleibt. Er lebt nur deshalb als Mythos weiter, weil er sich zu verwandeln weiß.
Nolan bekommt seine erste Schlacht gratis
Für Nolan ist das vermutlich gar kein schlechter Auftakt. Seine Odyssey wird ohnehin kein kleiner Kostümfilm für Sandalenfreunde, sondern ein globales Kinoereignis. Matt Damon, Tom Holland, Zendaya, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o: Das ist kein archäologisches Seminar, das ist ein gewaltiger Sternenhimmel mit legendärem Marketingbudget.
Und doch liegt gerade darin die interessante Frage: Was will Nolan mit diesem Mythos? Will er Homer monumental bebildern? Will er ihn psychologisch erden? Will er aus der Irrfahrt ein Gegenwartsepos machen? Oder benutzt er die antike Vorlage als gigantische Maschine, um über Heimkehr, Krieg, Begehren, Schuld und Erinnerung zu erzählen?
Nyong’os Hinweis, es handle sich um eine mythologische Geschichte, ist deshalb mehr als Verteidigung. Es ist eigentlich der Schlüssel. Mythologie ist kein Naturkundemuseum der Antike. Sie ist tatsächlich das Gegenteil davon: ein Raum, in dem Gesellschaften ihre Ängste, Wünsche und Machtbilder immer wieder neu verkleiden. Helena ist dabei nie nur Helena. Sie ist das Gesicht, auf das eine Welt ihre Begierde malt. Und danach wundert sich dieselbe Welt, dass alles brennt.
Die Passkontrolle vor den Toren Trojas
Natürlich wird jetzt wieder so getan, als ginge es allein um Werktreue. Das klingt möglicherweise vornehm, doch Werktreue ist eines dieser Worte, mit denen man sehr gut auftreten kann, wenn man eigentlich etwas ganz anderes meint. Man trägt es vor sich her wie einen Schild, auf dem „Respekt vor der Vorlage“ steht. Dahinter steht dann oft genug: „Meine Vorstellung von der Welt soll bitte nicht gestört werden.“
Dabei ist gerade Homer, wenn man schon diesen Namen bemüht, alles andere als ein Betonfundament. Die Odyssee ist ein Text aus Mündlichkeit, Erinnerung, Variation. Ein Werk, das selbst aus vielen Stimmen stammt. Es ist sehr viel näher an einem wandernden Lied als an einem versiegelten Nationalarchiv. Wer heute so tut, als müsse Helena von Troja nach modernen Reinheitskriterien der Rekonstruktion besetzt werden, betreibt am Ende selbst Fantasy. Nur eine sehr langweilige: die Fantasy einer Vergangenheit, die es so eindeutig niemals gegeben hat.
Und hier wird es für uns spannend. Denn Fantasy-Leser wissen eigentlich besser als alle anderen, dass Herkunft im Mythos nicht nur Biologie ist. Figuren tragen Bedeutungen. Sie sind Symbole, Wunden, Flüche, Spiegel. Eine Königin kann ein Reich verkörpern. Ein Gesicht kann einen Krieg auslösen. Eine Frau kann zur Erzählung werden, weil Männer um sie herum ihre Gewalt rechtfertigen müssen. Helena ist folglich nicht interessant, weil sie „die richtige“ historische Hautfarbe hätte. Helena ist interessant, weil sie die Frage stellt, wer über Schönheit, Schuld und Begehren erzählen darf.
Der Mythos gehört nicht den Torwächtern
Die Debatte um Nyong’o zeigt einmal mehr, wie wenig Vertrauen manche Leute in die Kraft jener Stoffe haben, die sie angeblich verteidigen wollen. Wer Homer nur schützen kann, indem er ihn klein macht, schützt nicht Homer. Er schützt sein eigenes Welt- und Bühnenbild.
Denn große Mythen halten Widerspruch aus. Sie überleben Übersetzung, Theater, Film, Oper, Schulunterricht, schlechte Referate, gute Romane, alberne Sandalenfilme und gelehrte Fußnoten. Sie überleben sogar Hollywood. Vermutlich auch Nolan. Was sie schlechter überleben, ist die Verwechslung von Mythos mit Besitzurkunde.
Troja brennt also wieder. Nur diesmal nicht, weil ein hölzernes Pferd durchs Tor gerollt wurde, sondern weil ein Teil des Publikums offenbar glaubt, die Tore Trojas seien ein Grenzübergang mit Formularpflichten. Homer würde wahrscheinlich mit Unverständnis reagieren, und die Sirenen würden lachen.
Und Helena? Die würde vermutlich tun, was sie seit Jahrtausenden tut: schweigend im Zentrum des Feuers stehen, während alle anderen behaupten, es gehe doch nur um sie.







