Wenn das Theater Gericht spielt, landet irgendwann der Richter auf der Anklagebank

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Wenn das Theater Gericht spielt, landet irgendwann der Richter auf der Anklagebank

Milo Rau hat aus dem Tribunal eine Kunstform gemacht. Jetzt zeigt die Causa Peter Thiel bei den Wiener Festwochen, wie schnell moralische Bühnenmagie gegen ihren eigenen Zauberer zurückschlägt. Das Theater wollte die Welt richten. Nun sitzt plötzlich seine Urteilskraft selbst im grellen Licht.

Es gibt Künstler, die stellen Fragen. Es gibt Künstler, die öffnen Räume. Und dann gibt es da noch Milo Rau, der offenbar gern gleich den Gerichtssaal mitliefert, inklusive Zeugenbank, moralischer Beleuchtung und der beruhigenden Aussicht, dass am Ende wenigstens symbolisch jemand verurteilt wird.

Das Tribunal ist Raus große Form. Nicht das alte Theater mit Vorhang, Intrige und nervösem Premierenpublikum, sondern das Theater als Weltgericht im Halbdunkel: reale Konflikte, reale Opfer, reale Täterstrukturen, reale Empörung, nur die Urteile bleiben dekorativ genug, um nachher mit Prosecco besprochen zu werden. Das ist politisch, dringlich, oft eindrucksvoll – und manchmal eben auch gefährlich nah an jener Sorte Heiligsprechungsmaschine, die aus Komplexität ein Bühnenbild macht.

Bei den Wiener Festwochen hat diese Maschine nun ordentlich geruckelt. Peter Thiel, Tech-Milliardär, Palantir-Mitgründer, Trump-Unterstützer, Apokalypsendenker mit Silicon-Valley-Glanz und politischem Schwefelgeruch, wurde erst eingeladen und dann wieder ausgeladen. Rau, der Mann des offenen Konflikts, des Tribunals, der Zumutung, zog die Einladung zurück, nachdem der Druck wuchs.

Und plötzlich stand nicht mehr Thiel im Zentrum, sondern Rau selbst.

Ein Theaterregisseur steht in einem dunklen Bühnen-Tribunal innerhalb eines leuchtenden Bannkreises, während Richterstuhl, Mikrofone, Akten, Masken und Scheinwerfer ihn zugleich als Richter und Angeklagten erscheinen lassen. Im Hintergrund beobachten geisterhafte Zeugen und ein strenges Publikum die Szene.

⚖️ Der Hohe Richter der Zwischenreiche

Im Fantasykosmos wäre Milo Rau kein klassischer Theaterintendant. Er wäre der Hohe Richter der Zwischenreiche, jener Mann, der auf der Bühne einen schwarzen Kreis aus Kreide zieht, die Welt hineinruft und dann verkündet, man werde nun gemeinsam herausfinden, wer hier eigentlich schuldig sei.

Das Problem: Wer zu oft das Schwert der moralischen Erkenntnis hebt, sollte irgendwann prüfen, ob er es noch führt – oder ob es längst zum Requisit geworden ist.

Raus Theater lebt von der Geste des Ernstes. Es sagt: Hier wird nicht bloß dargestellt, hier wird verhandelt. Hier steht nicht nur Kunst, hier steht Welt. Diese Geste hat Macht. Sie kann verdrängte Gewalt sichtbar machen. Sie kann Zeugenschaft organisieren, wo Öffentlichkeit sonst nur müde nickt. Sie kann Theater aus der samtigen Harmlosigkeit reißen und wieder in jenen Bereich stoßen, in dem es weh tut.

Aber dieselbe Geste hat auch eine dunkle Rückseite. Denn wer Gericht spielt, erzeugt nicht nur Erkenntnis. Er erzeugt Rollen. Opfer, Täter, Zeugen, Publikum, Richter. Und irgendwann merkt man, dass die Bühne zwar nach Wahrheit ruft, aber immer noch entscheidet, wer sprechen darf, wie lange, unter welchem Licht und mit welchem dramaturgischen Nutzen.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eigentliche Falle.

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🕯️ Der Moralzauber hat Nebenwirkungen

Der Fall Thiel ist deshalb so hübsch bitter, weil er Raus System an seiner empfindlichsten Stelle trifft. Wenn Theater der Ort sein soll, an dem das Böse, das Gefährliche, das Abgründige, das Reaktionäre, das Unbequeme und das gesellschaftlich Giftige öffentlich geprüft wird – was passiert dann, wenn das Unbequeme tatsächlich vor der Tür steht?

Dann wird es plötzlich praktisch. Und praktische Moral ist ja nun selten so majestätisch wie ihre hübsche Plakatfassung.

Thiel war für das Festivalthema beinahe zu passend: Tech-Kapital, Apokalypse, politische Macht, religiöse Schatten, Weltdeutung aus dem Maschinenraum der Gegenwart. Ein idealer Dämon für Raus Bühne. Einer, den man nicht mit Blumen begrüßen muss, aber gerade deshalb öffentlich sezieren könnte. Ein wunderbar finsterer Zwischenreiche-Gast, dessen Einladung mindestens riskant, vielleicht sogar notwendig gewesen wäre, wenn das Tribunal mehr sein will als ein Chor der ohnehin Überzeugten.

Doch dann wurde der Dämon wieder ausgeladen. Nicht gebannt nach der Verhandlung. Auch nicht entlarvt vor Publikum, sondern entfernt, bevor der Kreis geschlossen war. Das ist dramaturgisch natürlich sehr sauber. Nur politisch riecht es nach Weihrauch und Angstschweiß.

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Das Tribunal als Komfortgericht

Hier liegt der eigentliche Haken. Politisches Theater liebt das Risiko, solange es gerahmt bleibt. Es liebt den Konflikt, solange die eigene Seite weiß, wann sie klatschen darf. Es liebt die Zumutung, solange sie nicht das Programm gefährdet, die Partner nervös macht oder den moralischen Haushalt durcheinanderbringt.

Raus Tribunal-Theater steht nun vor einer unangenehmen Frage: Ist es wirklich ein Ort der Konfrontation – oder ein Komfortgericht für ein Publikum, das gern harte Urteile sieht, solange die Angeklagten vorher korrekt ausgewählt wurden?

Denn natürlich braucht kein Festival Peter Thiel. Niemand muss ihm eine Bühne bauen. Niemand muss Silicon-Valley-Macht einen roten Teppich ausrollen. Das wäre die billige Verteidigung. Die interessantere Frage lautet: Was sagt es über ein Theatermodell aus, das den öffentlichen Streit als Kunstform beansprucht, aber beim größten Streit plötzlich den eigenen Versuchsaufbau abbricht?

Man kann das als Verantwortungsbewusstsein lesen. Jedoch kann es just die Sekunde sein, in welcher der Hohe Richter merkt, dass sein Tribunal nicht feuerfest ist.

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Die Selbstgerechtigkeit trägt Richterrobe

Das Zwielicht dieser Kunstform besteht darin, dass sie den moralischen Ernst der Wirklichkeit in die Form des Theaters überführt. Das kann groß sein. Aber es kann auch eine unheimlich elegante Form von Selbstermächtigung werden. Wer das Tribunal baut, bestimmt den Saal. Wer den Saal bestimmt, bestimmt die Ordnung des Sprechens. Wer die Ordnung des Sprechens bestimmt, bestimmt oft schon die Richtung des Urteils.

Das Theater tut dann so, als öffne es einen Raum. In Wahrheit zeichnet es jedoch manchmal nur den Bannkreis. Und das Publikum sitzt drumherum wie ein aufgeklärter Hexenzirkel, bereit zur Erschütterung, aber bitte mit vernünftiger Pausenordnung.

Raus Kunst war immer dann am stärksten, wenn sie echte Zumutungen nicht nur behauptete, sondern aushielt. Wenn sie Widerspruch nicht dekorierte, sondern riskierte. Wenn sie das Publikum nicht in moralischer Überlegenheit badete, sondern beschmutzte. Genau daran muss sie sich nun messen lassen. Denn wer Gerichte inszeniert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand fragt, nach welchem Recht hier eigentlich verhandelt wird.

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Das Schafott steht jetzt auf der Bühne

Die Causa Thiel ist also nicht bloß eine Peinlichkeit der Wiener Festwochen. Sie ist ein Riss in der Methode. Ein kleiner, aber sichtbarer Bruch in der großen Theatermaschine, die Weltkonflikte auf die Bühne zieht und dort zugleich verdichtet, ordnet und ästhetisch auflädt.

Vielleicht ist Milo Rau weiterhin einer der wichtigsten politischen Theatermacher Europas. Wahrscheinlich sogar. Aber gerade deshalb ist dieser Moment interessant. Nicht, weil er ihn erledigt. Sondern weil er ihn prüft.

Ein Theater, das über Macht richtet, muss zeigen, wie es mit der eigenen Macht umgeht. Ein Tribunal, das die Welt vorlädt, muss irgendwann selbst erscheinen. Und ein Richter, der zu lange im Scheinwerferlicht steht, sollte nicht überrascht sein, wenn das Publikum eines Tages nicht mehr auf die Angeklagten schaut. Sondern auf ihn. Denn in den Zwischenreichen gilt ein altes Gesetz:

Wer den Richtstuhl beschwört, sitzt ihn irgendwann gegenüber.

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