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Hahn, Hölle, Hoffnung
📰 Was ist los?
The Book of the Dun Cow soll für die Leinwand entwickelt werden. Die neue Animationsfirma Underneath the Umbrella Productions hat sich die Rechte an Wangerins Roman gesichert. Im selben Paket stecken auch die alten Comicstrips B.C. und Wizard of Id. Der Roman erschien 1978, gewann den National Book Award und erzählt von Chauntecleer, einem stolzen Hahn, der über ein Tierreich wacht, ohne zu wissen, dass diese Tiere zugleich die Wächter über ein uraltes Unheil sind. Tief in der Erde lauert Wyrm, ein mythisches Monster, das aus seinem Gefängnis ausbrechen will.
🐛 Was denken wir?
Das ist eine der seltsameren, aber deutlich spannenderen Fantasy-News der Woche. Nicht schon wieder der nächste Auserwählte mit Junggesellenkinn, nicht schon wieder Drachenkrieg aus dem Franchise-Baukasten, sondern eine düstere Tierfabel mit Hahn, Hund, Wiesel, göttlicher Ferne und unterirdischem Weltgift. Wenn diese Verfilmung wirklich kommt, könnte sie entweder ein kleines Animationswunder werden – oder in der Familienfilm-Waschmaschine landen, wo aus apokalyptischer Fabel am Ende ein sprechender Hahn mit Mutmachlied wird. Genau da liegt der Reiz. Und die Gefahr.
🐓 The Book of the Dun Cow: Der Höllenhahn kräht Richtung Kino
Ein Hahn als Herrscher, eine Welt ohne Menschen, sprechende Tiere und unter der Erde ein uraltes Böses namens Wyrm: Walter Wangerin Jr.s The Book of the Dun Cow gehört zu diesen Fantasy-Romanen, die nach Kinderbuch aussehen und dann plötzlich mit kosmischem Grauen, religiöser Symbolik und blutiger Tierfabel um die Ecke kommen. Jetzt soll der vielfach ausgezeichnete Roman als Animationsprojekt entwickelt werden. Verantwortlich ist die neu gegründete Produktionsfirma Underneath the Umbrella Productions, hinter der Goodman Pictures und Animationsregisseur Tim Johnson stehen.
🐓 Ein Hahn steht zwischen Stall und Weltuntergang
The Book of the Dun Cow spielt in einer Welt, in der Menschen nichts zu melden haben. Die Tiere leben auf der Erde, reden, streiten, leiden, beten und ahnen zunächst nicht, dass ihre bloße Existenz Teil einer kosmischen Schutzordnung ist. Unter ihnen liegt Wyrm, ein uraltes Böses, das ausbrechen will.
Im Zentrum steht Chauntecleer, ein Hahn mit Herrscherpose, Kränkbarkeit, Mut und erheblichen Problemen mit dem eigenen Ego. Wangerin baut keinen edlen Fantasy-König mit Federkrone, sondern einen stolzen Gockel, der gleichzeitig lächerlich, rührend und tapfer sein kann.
Genau daraus entsteht die Kraft der Vorlage. Die Tiere sind keine putzigen Maskottchen mit Westen und Wanderstäben. Sie bleiben Tiere, aber sie tragen eine mythische Last. Ein Hühnerhof wird zur letzten Front gegen das Chaos. Ein Hahn kräht nicht nur den Morgen herbei, sondern steht plötzlich gegen das Ende aller Dinge.
🪱 Wyrm ist kein Disney-Bösewicht mit Nebelmaschine
Der große Gegner heißt Wyrm, und schon der Name klingt nicht nach charmantem Animationsschurken, sondern nach etwas, das unter der Welt fault. Wyrm ist keine Figur, die man mit einem Musical-Song und zwei ironischen Sidekicks entschärfen sollte. Er ist der Abgrund unter der Fabel.
Das macht die geplante Adaption so interessant. Animationsfilme haben ein enormes Talent für Tierfiguren, aber sie neigen gern dazu, dunkle Vorlagen in sichere Familienunterhaltung zu verwandeln. Bei The Book of the Dun Cow wäre das fatal. Der Roman lebt nicht davon, dass Tiere sprechen. Er lebt davon, dass Unschuld und Schrecken im selben Stall stehen.
Wenn die Verfilmung diesen Kern bewahrt, könnte daraus etwas entstehen, das eher an Watership Down erinnert als an gemütliches Sonntagnachmittagskino. Eine Tierfabel, die nicht fragt, ob Kinder Tiere mögen, sondern ob eine verletzliche Welt dem Bösen standhalten kann.

📜 Chaucer, Bestiarium und ein Hauch Stalltheologie
Wangerin greift auf ältere literarische und religiöse Traditionen zurück. Chauntecleer verweist auf mittelalterliche Tierfabeln, dazu kommen christliche Motive, Bestiarium-Anklänge und eine sehr eigene Mischung aus Komik und Finsternis.
Die Kraft des Romans liegt gerade darin, dass hohe Symbolik und bäuerliche Lächerlichkeit ständig nebeneinander stehen. Ein Hahn kann eitel sein und trotzdem ein tragischer Verteidiger der Schöpfung. Ein Hund kann jammernd durchs Leben stolpern und trotzdem das Herz der Geschichte tragen.
Diese Mischung ist schwer zu verfilmen. Wer sie zu ernst nimmt, bekommt religiöses Scheunendrama. Wer sie zu niedlich nimmt, bekommt Tierklamauk mit Weltuntergangsdeko. Der richtige Ton müsste dazwischen liegen: würdevoll, komisch, bitter, seltsam.
🎞️ Die Produktionslage: Viel Name, noch wenig Gewissheit
Wichtig ist: Das Projekt ist angekündigt, aber noch kein fertiger Film. Underneath the Umbrella Productions startet mit einem auffälligen Rechtepaket. Wizard of Id scheint dabei zunächst das konkretere Projekt zu sein, mit Tim Johnson als Regisseur und Co-Autor. The Book of the Dun Cow steht als Entwicklungsstoff im Portfolio.
Rechte sichern heißt noch nicht: Film kommt sicher ins Kino. Gerade Animation ist teuer, langwierig und gnadenlos. Viele Projekte schaffen es von der Ankündigung nie bis zur fertigen Fassung. Und ein düsterer, religiös grundierter Tierfabel-Roman von 1978 ist nicht exakt der einfachste Pitch für ein modernes Kinopublikum.
Trotzdem ist die Nachricht spannend. Denn sie zeigt, dass Studios weiter nach Stoffen suchen, die nicht komplett aus den üblichen Franchise-Regalen kommen. The Book of the Dun Cow ist kein naheliegender Massenstoff. Gerade deshalb könnte er auffallen.
🐄 Zwischen Kinderbuch-Regal und kosmischem Horror
Der größte Irrtum wäre, The Book of the Dun Cow als harmlose Tierfantasy zu behandeln. Ja, es gibt sprechende Tiere. Ja, der Held ist ein Hahn. Ja, das klingt auf dem Papier nach etwas, das man neben Fuchs, Dachs und Maulwurf ins Regal stellen könnte.
Aber der Roman ist finsterer. Es geht um Opfer, Angst, Schuld, Glauben, Gewalt und die Frage, ob das Gute standhält, obwohl es schwach, eitel, verletzlich und ziemlich schlecht vorbereitet ist. Wangerin schreibt keine saubere Heldensaga. Er schreibt eine Fabel, in der das Heilige und das Komische aneinanderreiben, bis Funken aus dem Misthaufen steigen.
Genau das könnte im Kino großartig funktionieren. Animation muss nicht glatt sein. Animation kann mythologisch, schön und unheimlich zugleich sein. The Book of the Dun Cow hätte das Zeug zu einem Film, der Kinder verstört, Erwachsene überrascht und Hähne nie wieder ganz harmlos aussehen lässt.
🧙 Warum diese News für Fantasy zählt
Für Fantasy ist diese Entwicklung interessanter als der nächste große Serienplan mit zehn Staffeln und fünf Königreichen. The Book of the Dun Cow erinnert daran, dass das Genre nicht nur aus Karten, Dynastien und Zaubersystemen besteht. Fantasy kann auch Fabel sein. Allegorie. Tierreich. Theologie mit Schnabel.
Das ist im aktuellen Markt fast erfrischend fremd. Während viele Stoffe so wirken, als seien sie in einer Datenbank aus Tropes zusammengeschraubt worden, kommt Wangerins Roman aus einer älteren, kantigeren Tradition. Er steht näher an Fabel, Mythos und Predigt als an Streaming-Optimierung. Das macht ihn riskant. Und gerade deshalb reizvoll.
🪓 Unser Fazit: Bitte nicht weichspülen, dieser Hahn braucht Schatten
The Book of the Dun Cow als Animationsfilm ist eine kleine, merkwürdige und ziemlich faszinierende Nachricht. Der Stoff ist alt, preisgekrönt, halb vergessen und voller Bilder, die auf der Leinwand stark wirken könnten: ein Hahn als Herrscher, ein Tierreich ohne Menschen, ein Monster unter der Erde, eine Welt, die ausgerechnet von ihren unschuldigsten Bewohnern bewacht wird.
Ob daraus wirklich ein Film wird, bleibt offen. Noch steht das Projekt am Anfang. Aber schon die Idee reicht, um hellhörig zu werden.
Wenn Underneath the Umbrella Productions den Mut hat, Wangerins Vorlage nicht in harmloses Federvieh-Kino zu verwandeln, könnte hier etwas Seltenes entstehen: ein Animationsfilm, der nicht nur niedlich schaut, sondern in den Abgrund kräht.



