Black Cilice – Votive Fire (Review)

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Black Cilice – Votive Fire

🧿 Kurzfazit
Votive Fire ist Raw Black Metal als Kerzenritual im Nebelverstärker: verhüllt, flirrend, langgezogen und seltsam entrückt. Kein Album zum Nebenbeihören, sondern ein dunkler Zustand mit Flamme im Zentrum.

🎯 Für wen?
Für alle, die Black Metal nicht sauber erklärt bekommen wollen, sondern als Rauschen, Trance und spirituelle Zumutung begreifen. Wer bei Lo-Fi-Schleiern, fernen Schreien und langen Spannungsflächen nicht flieht, findet hier viel Glut unter der Asche.

🎧 Wie klingt das?
Rauschender, verhüllter Raw Black Metal mit flirrenden Gitarrenschleiern, fernen Vocals und einer Produktion, die nicht zuschlägt, sondern qualmt. Weniger Angriff als Beschwörung: Kerzenlicht, Kellerluft, Trance und schwarzer Nebel.

💿 Highlights
Released by Fire, Into the Inner Temple, Deconstruction of all Realities

⛔ Nichts für dich, wenn…
du Black Metal nur mit klaren Riffs, sofort greifbarer Struktur und sauberer Trennung zwischen Song, Sound und Rausch akzeptierst.

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‪‪🕯️ Black Cilice – Votive Fire: Kerzenlicht im weißen Rauschen

Black Cilice ist keine Band für Leute, die Black Metal gern mit gut ausgeleuchteter Garderobe, klarer Wegführung und freundlichem Ausgangsschild serviert bekommen. Dieses portugiesische Projekt lebt seit Jahren von Verhüllung, Rauschen, Isolation und einer Klangästhetik, die wirkt, als würde jemand in einem zugemauerten Nebenraum ein Ritual auf Kassette bannen.

Mit Votive Fire erscheint nun das siebte Album, und wieder stellt sich die alte Frage: Ist das noch Songwriting oder schon Trancezustand? Ist diese Musik schlecht ausgeleuchtet oder absichtlich dort angesiedelt, wo Licht nicht mehr zuverlässig arbeitet?

Die Antwort lautet wie so oft bei Black Cilice: Ja.

Votive Fire ist kein Album, das sich öffnet. Es glimmt. Vier lange Stücke, ein schwarzer Raum, Kerzenflammen, Rauschen, ferne Schreie und Gitarren, die nicht schneiden, sondern wie Rauch durch Ritzen sickern. Das ist ziemlich fordernd, super spröde und gelegentlich so dicht verhängt, dass man die Riffhand vor dem Ohren kaum hört. Aber genau dort liegt auch dieser seltsame Reiz.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Raw Black Metal, Atmospheric Black Metal, lo-fi geprägter Black Metal, ritueller Underground-Black-Metal
Vergleichbar mit: früher, verhüllter Raw-Black-Metal-Ekstase, alter Kellerluft, portugiesischem Untergrund und einem Verstärker, der nicht klingt, als sei er defekt, sondern als habe er etwas Seltsames gesehen.
Klangfarbe: Votive Fire klingt wie eine Wand aus schwarzem Rauch, hinter der irgendwo eine Flamme steht. Die Gitarren flirren und rauschen, die Vocals treiben weit entfernt durch den Raum, das Schlagzeug bleibt im Nebel und der gesamte Sound wirkt weniger wie eine Aufnahme als wie ein beschworenes Signal aus den Zwischenreichen.

Highlights

Released by Fire
Der zehnminütige Opener ist weniger Eingangstor als Schwelle. Released by Fire beginnt nicht einfach, er entzündet sich langsam im Rauschen. Die Gitarren legen einen flirrenden Schleier über alles, die Stimme wirkt wie aus einem anderen Raum, und nach wenigen Minuten ist klar: Dieses Album will nicht überzeugen. Es will dich einwickeln. Besonders stark ist die Geduld des Stücks. Black Cilice lässt die Musik nicht dramatisch aufbrechen, sondern hält sie in einem Zustand zwischen Glut und Erstarrung. Man wartet auf den großen Schnitt, doch stattdessen verändert sich der Nebel. Genau darin liegt die Wirkung.

Into the Inner Temple
Der Titel ist fast zu passend. Into the Inner Temple klingt tatsächlich wie der Gang in einen inneren Raum, in dem die Luft schwerer wird und jedes Geräusch eine zweite Bedeutung bekommt. Die Musik wirkt hier etwas fokussierter, ohne die Verhüllung aufzugeben. Die Stärke liegt in der Balance aus Monotonie und Sog. Der Song wiederholt nicht bloß, er kreist. Das ist ein Unterschied. Hier wird kein Riff ausgestellt, hier wird eine Bewegung so lange gehalten, bis sie sich in den Kopf frisst. Kein sakraler Bombast, keine große Geste, sondern ein schwarzer Innenraum, in dem die Wände langsam näherkommen.

Deconstruction of all Realities
Das Finale trägt den größten Titel und löst ihn erstaunlich konsequent ein. Deconstruction of all Realities klingt wie das langsame Zerfasern der letzten Konturen. Die Musik bleibt roh, aber sie bekommt eine fast schwebende Qualität. Als würde sich der Boden nicht plötzlich öffnen, sondern einfach nach und nach seine Zuständigkeit verlieren. Das Stück ist der beste Beweis dafür, dass Votive Fire nicht nur aus Klangnebel besteht. Unter der Oberfläche liegt eine klare Vorstellung von Bewegung, Raum und Auflösung. Black Cilice zerstört hier keine Realität mit einem Knall. Die Realität wird ausgedünnt, bis man sie nicht mehr sicher greifen kann.


🎨 Artwork

Das Cover von Votive Fire ist radikal schlicht und dadurch genau richtig. Brennende Kerzen vor schwarzem Grund, unterschiedliche Höhen, tropfendes Wachs, warme Flammen, sonst fast nichts. Kein Dämon, kein Wald, keine Ruine, kein überladenes Symboltheater. Nur Feuer im Dunkeln. Diese Reduktion ist stark, weil sie dem Album nicht hinterherillustriert, sondern seinen Kern zeigt. Ein Votivlicht ist keine Fackel für den Sturmangriff. Es ist eine kleine, hartnäckige Flamme, die für Bitte, Erinnerung, Opfer oder Schwur stehen kann. Genau so klingt diese Platte: nicht wie ein Feldzug, sondern wie ein stilles Ritual, das man besser nicht stört.

Die Kerzen wirken nicht romantisch. Dafür ist der Hintergrund zu schwarz, das Wachs zu körperlich, das Licht zu isoliert. Jede Flamme steht wie ein einzelner Rest von Orientierung in einem Raum, der ansonsten alles verschluckt. Man kann das Cover fast hören: leises Knistern, Atem im Dunkel, Verstärkerrauschen aus dem Nebenraum. Für Raw Black Metal ist das eine kluge Entscheidung. Black Cilice braucht kein weiteres Bild aus der großen Kiste der Genremotive. Das Feuer reicht. Es ist Opfergabe, Warnung und letzte Sichtlinie zugleich.


🪦 Besondere Momente

Die Produktion ist nicht Fehler, sondern Methode:
Bei Black Cilice klingt nichts zufällig verhüllt. Das Rauschen ist kein Mangel, sondern der Raum, in dem diese Musik existiert. Wer die Songs daraus herauslösen will, macht ungefähr dasselbe, als würde man eine Kerzenflamme erklären, indem man den Raum hell anknipst.

Die Songs haben mehr Kontur, als es zuerst scheint:
Votive Fire bleibt schwierig, aber nicht beliebig kompliziert. Gerade im Vergleich zu älteren, noch stärker verschlossenen Phasen des Projekts wirken die Stücke etwas deutlicher gefasst. Nicht zugänglich im normalen Sinne, aber spürbarer in ihrer eigenen Form.

Die Länge dient dem Zustand:
Vier Songs, gut 33 Minuten. Das ist kein Zufall. Black Cilice braucht Zeit, damit aus Rauschen Atmosphäre wird und aus Atmosphäre ein Sog. Kürzer wäre das vermutlich knackiger, aber auch weniger wirksam.

Das Album verweigert die übliche Dramaturgie:
Hier gibt es keine freundliche Steigerung, keinen großen Refrain, keine klare Belohnung. Votive Fire funktioniert eher wie ein dunkler Raum, in dem man nach und nach merkt, dass man nicht allein ist.

📜 Hintergrund

Black Cilice tauchte ab 2009 im portugiesischen Underground auf und wurde schnell zu einem jener Namen, die im Raw-Black-Metal-Bereich fast ehrfürchtig geflüstert werden. Nicht, weil hier technische Spektakel stattfinden. Sondern weil das Projekt eine äußerst eigene Klangwelt geschaffen hat: verschlossen, asketisch, rau, aber gleichzeitig seltsam entrückt. Seit den frühen Demos hat Black Cilice eine Diskografie aufgebaut, die nicht nach Karriereplan klingt, sondern nach fortgesetzter Selbstversenkung. Alben wie Mysteries, Banished From Time, Transfixion of Spirits oder Esoteric Atavism haben diese Ästhetik immer weiter ausformuliert: Rauschen als Schleier, Gitarren als Nebel, Stimme als Fernsignal, Black Metal als Zustand jenseits normaler Rocklogik.

Votive Fire steht nun nicht außerhalb dieser Linie, sondern tief darin. Die Entwicklung ist subtil. Etwas mehr Raum, etwas mehr Lesbarkeit, vielleicht auch etwas mehr Schwerkraft in den einzelnen Stücken. Aber der Kern bleibt unberührt: Black Cilice ist kein Projekt, das sich anbiedert. Es bleibt an der Wand, im Nebel, hinter der Flamme. Dass Iron Bonehead Productions dieses Album veröffentlicht, passt hervorragend. Das deutsche Label hat seit Jahren ein Gespür für Extreme-Metal-Veröffentlichungen, die nicht auf Komfort oder schnelle Konsumierbarkeit zielen. Votive Fire ist genau so ein Fall: nicht gemacht, um möglichst vielen zu gefallen, sondern um denen tief ins Ohr zu kriechen, die für diese Art von Finsternis empfänglich sind.

🪓 Fazit: Die Flamme bleibt klein, aber sie brennt hell

Votive Fire ist kein Album, das man „mal eben“ hört. Es ist auch keines, das man überzeugend nebenbei laufen lässt, während man Mails sortiert oder die Küche wischt. Diese Musik verlangt Dunkelheit, Geduld und die Bereitschaft, im Rauschen nach Bewegung zu suchen. Das macht sie nicht automatisch großartig. Manchmal bleibt Black Cilice so konsequent im eigenen Schleier, dass einzelne Passagen stärker wirken als der unmittelbare Songverlauf. Manchmal kratzt die Beschwörung an der Grenze zur Gleichförmigkeit. Und wer mit Raw Black Metal grundsätzlich wenig anfangen kann, wird hier nicht bekehrt, sondern wahrscheinlich mit Nachdruck aus dem Tempel geschoben.

Aber für das, was Black Cilice sein will, ist Votive Fire unglaublich stark. Es ist konzentriert, stimmungssicher und in seiner Kargheit erstaunlich wirksam. Die Platte hat keine großen Gesten nötig. Sie stellt vier Kerzen in einen schwarzen Raum und wartet, bis der Hörer merkt, dass der Raum größer ist, als er zuerst aussah.

Black Cilice liefern keine Revolution. Sie zünden eine Flamme. Und in diesem Fall reicht das vollkommen.

Albumcover von Black Cilice – Votive Fire: Mehrere brennende Kerzen stehen vor tiefschwarzem Hintergrund. Die unterschiedlich hohen Kerzen sind von herabtropfendem Wachs überzogen, ihre Flammen leuchten warm im Dunkeln und erzeugen eine minimalistische, rituelle Atmosphäre.
Künstler:Black Cilice
Albumtitel:Votive Fire
Erscheinungsdatum:1. Mai 2026
Genre:Raw Black Metal / Black Metal
Label:Iron Bonehead Productions
Spielzeit:ca. 34 Minuten

Trackliste:

Released by Fire
Vows Sworn for Centuries
Into the Inner Temple
Deconstruction of all Realities

📺 Offizielles Audio

Offizielles Audio zu „Released by Fire“ – Black Cilice entzünden den ersten Votivdocht zwischen Raw-Black-Metal-Rauschen, ritueller Verhüllung und schwarzer Trance. Bereitgestellt vom offiziellen Iron Bonehead Productions-YouTube-Kanal.

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