Laibach – Musick (Review)

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Laibach – Musick

🧿 Kurzfazit
Musick ist Laibachs Pop-Album für eine Gegenwart, in der Beats, Plattformen und künstliche Stimmen längst die halbe Musikwelt sortieren. Statt dagegen anzubrüllen, bauen Laibach daraus eine glänzende, kalte und verblüffend eingängige Versuchsanordnung.

🎯 Für wen?
Für Hörer, die Laibach nicht nur als Industrial-Monument, sondern als Konzeptkunst mit Bassdrum verstehen. Wer Lust auf Eurodance-Reflexe, K-Pop-Überdruck, politische Kälte und diesen unverwechselbaren Fras-Bariton hat, wird hier sehr seltsam glücklich.

🎧 Wie klingt das?
Wie eine Clubnacht unter Aufsicht. Die Synthesizer leuchten, die Beats marschieren im Vierviertel, die Gaststimmen bringen Farbe ins System, während Laibach jede Pop-Geste so lange anstarren, bis sie nervös wird.

💿 Highlights
Allgorhythm, Love Machine, Das göttliche Kind, Luigi Mangione

⛔ Nichts für dich, wenn…
du bei Laibach zwingend Blech, Beton, Marschtritt und Industrial-Frost erwartest und glänzende Pop-Oberflächen grundsätzlich für musikalischen Landesverrat hältst.

🔍 Suche im Fantasykosmos

Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.


‪‪🎧 Laibach – Musick: Und der Algorithmus salutiert im Takt

Laibach waren nie einfach eine Band. Sie waren immer eher ein akustisches Verhörzimmer mit Kunsthochschulabschluss, eine Maschine aus Provokation, Pathos, politischer Maske und kaltem Humor. Wenn diese Institution nun mit Musick ihr erstes Album mit neuem Originalmaterial seit zwölf Jahren veröffentlicht, erwartet man also keinen gemütlichen Altersausflug ins Synth-Pop-Museum.

Und genau den bekommt man auch nicht.

Musick klingt wie eine Pop-Platte, die in einem Ministerium für kulturelle Desorientierung genehmigt wurde: hell, künstlich, rhythmisch, stellenweise fast fröhlich. Nur steht im Zentrum eben kein Popstar, sondern Milan Fras, dieser singende Betonblock mit Baritonlizenz, der selbst die geschmeidigste Hook sofort in eine staatliche Durchsage verwandelt.

Das Ergebnis ist erstaunlich zugänglich, oft absurd tanzbar und zugleich so verdächtig, dass man beim Mitwippen kurz prüfen möchte, ob man gerade tatsächlich freiwillig handelt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Electropop, Synth-Pop, Eurodance, K-Pop-Elemente, Martial Industrial als kalter Schatten im Hintergrund
Vergleichbar mit: Kraftwerk in einer Propaganda-Disco, Die Krupps mit Pop-Schulungsfilm, Pet Shop Boys nach einer sehr ernsten slowenischen Kabinettssitzung.
Klangfarbe: Musick ist hell ausgeleuchtet, aber nie warm. Die Produktion setzt auf große Synth-Flächen, klare Beats, eingängige Refrains und eine fast greifbare Plastikglätte. Gleichzeitig sorgt Fras mit seinem unbeweglichen Vortrag dafür, dass diese Platte nie einfach zur Party wird. Sie tanzt, aber sie beobachtet dich dabei.

Highlights

Allgorhythm
Allgorhythm ist der perfekte Schlüssel zu diesem Album. Schon der Titel verschmilzt Rhythmus und Algorithmus zu einem Wort, das klingt wie ein Tanzbefehl aus der Cloud. Der Song pulsiert direkt, fast freundlich, aber unter der Oberfläche arbeitet diese typische Laibach-Kälte.

Wiyaala ist dabei kein schmückender Gast, sondern das lebendige Gegengewicht zur Maschinenlogik. Ihre Stimme bringt Druck, Farbe und Körperlichkeit hinein, während Fras wirkt, als habe jemand einen Generalsekretär in eine Dance-Single gestellt. Das ist lächerlich. Das ist großartig. Das ist Laibach.

Love Machine
Love Machine nimmt die Idee künstlicher Zuneigung beim Wort. Hier wird Liebe nicht erlebt, sondern produziert: sauber getaktet, glänzend verpackt, emotional vorgeformt. Der Song hat etwas Verführerisches, aber auch etwas zutiefst Unheimliches, weil er seine eigene Künstlichkeit nicht versteckt.

Senidah fügt sich dabei stark ein, weil sie dem Stück nicht einfach Wärme gibt, sondern eine Art gefährliche Eleganz. Love Machine funktioniert deshalb nicht als bloßer Witz über Pop. Es ist Pop, der genau weiß, dass er ein Witz sein könnte, und trotzdem gewinnt.

Das göttliche Kind
Das Finale ist der merkwürdigste Moment des Albums. Das göttliche Kind wirkt wie ein spiritueller Restposten aus einer Zukunft, in der Maschinen gelernt haben, Andacht zu simulieren. Keine klassische Hymne, kein sauberer Schlusspunkt, eher ein flackerndes Symbol am Ende der Strecke.

Gerade dadurch bleibt der Song hängen. Er verweigert die einfache Pointe und lässt Musick nicht als reine Pop-Satire enden, sondern als irritierendes Nachbild. Da ist plötzlich nicht mehr nur Spott. Da ist auch eine Frage: Was bleibt vom Erhabenen, wenn selbst das Erhabene reproduzierbar wird?


🎨 Artwork

Das Cover von Musick bringt die ganze Platte in ein einziges, grelles Symbol: Ein ausgestreckter Unterarm liegt vor einem pink leuchtenden Neon-Schriftzug, der den Albumtitel wie ein Reklameschild aus der Pop-Apotheke in den Raum brennt. Zwischen den Buchstaben hängt eine Spritze, ebenfalls von diesem künstlichen Licht durchglüht. Auf dem Arm prangt das Laibach-Logo wie ein Tattoo, halb Markenzeichen, halb Brandmal.

Das ist schlicht, aber ziemlich präzise. Musik erscheint hier nicht als Kunst, Trost oder große Menschheitsgeste, sondern als Injektion. Etwas wird verabreicht. Etwas geht direkt ins Blut. Pop als Droge, Algorithmus als Nadel, Klang als Suchtstoff. Die pinke Neonästhetik verhindert dabei jeden klassischen Industrial-Ernst: kein Beton, kein Stahlhelm, kein Monument. Stattdessen wirkt alles wie eine ästhetisch sterile Mischung aus Klinik, Club und Werbekampagne.

Gerade dadurch passt das Artwork perfekt zu Musick. Laibach zeigen nicht die alte Machtkulisse, sondern die neue: glatte Oberfläche, grelles Versprechen, kontrollierte Verführung. Der Witz ist, dass dieses Bild fast zu schön ist, um nur Warnung zu sein. Es lockt. Es leuchtet. Es verkauft dir die Krankheit gleich als Lifestyle-Produkt mit.

So sieht Pop aus, wenn er nicht mehr aus dem Radio kommt, sondern intravenös verabreicht wird.


🪦 Besondere Momente

Pop als Tarnkappe:
Die Platte wirkt beim ersten Kontakt fast einladend. Beats, Hooks, Gaststimmen, Glanz. Doch je länger Musick läuft, desto stärker merkt man, dass Laibach diese Zugänglichkeit nicht verschenken. Sie benutzen sie. Jeder eingängige Moment versteckt eine zweite Ebene im Mantel.

Fras bleibt Fras:
Der entscheidende Unterschied zwischen normalem Pop und Laibach-Pop steht am Mikrofon. Milan Fras klingt nicht wie jemand, der ein Gefühl ausdrückt. Er klingt wie jemand, der ein Gefühl offiziell verliest. Dadurch kippt selbst der leichteste Refrain sofort ins Autoritäre, ohne dass die Band dafür besonders laut werden müsste.

Die Gäste öffnen Fenster:
Wiyaala, Senidah und die weiteren Stimmen verhindern, dass Musick zu einer rein kalten Konzeptplatte erstarrt. Sie bringen Bewegung, Farbe und unterschiedliche Körpertemperaturen ins System. Laibach bauen den Rahmen, die Gäste sorgen dafür, dass darin Leben herumläuft.

Der Tanz bleibt verdächtig:
Das vielleicht Beste an Musick ist sein Misstrauen gegenüber dem eigenen Vergnügen. Viele Songs funktionieren unmittelbar. Man kann sie hören, ohne vorher ein Seminar über politische Kunst zu besuchen. Trotzdem bleibt immer dieses kleine Gift im Ohr: Warum macht das gerade Spaß? Und wer hat davon profitiert?

📜 Hintergrund

Laibach wurden 1980 im slowenischen Trbovlje gegründet und gehören zu den wenigen Gruppen, bei denen das Wort „Kunstprojekt“ nicht nach Ausrede klingt. Als Teil der Neuen Slowenischen Kunst haben sie früh verstanden, dass Macht nicht nur durch Inhalte spricht, sondern durch Gesten, Symbole, Stimmen, Uniformität und Inszenierung.

Ihr Prinzip war nie einfache Opposition. Laibach spiegeln Systeme, bis deren Sprache unheimlich wird. Sie nehmen Zeichen der Autorität, des Pop, der Nation, der Massenkultur oder der Ideologie und überführen sie in ein überzeichnetes Ritual. Genau deshalb wirken sie bis heute nicht wie eine normale Bandkarriere, sondern wie ein Langzeitexperiment mit wechselnder Beleuchtung.

Nach Spectre von 2014 erscheint Musick nun als Rückkehr zum eigenen Songmaterial. Dazwischen lagen Projekte, Sonderwege, Soundtracks, Konzerte und jene typische Laibach-Bewegung durch Geschichte, Politik und Popkultur, bei der man nie ganz weiß, ob gerade eine Pointe vorbereitet oder eine These exekutiert wird.

Mit Musick verschiebt sich der Fokus nun auf eine Gegenwart, in der Musik nicht mehr nur aufgenommen, sondern permanent berechnet, empfohlen, generiert und entwertet wird. Laibach reagieren darauf nicht nostalgisch. Sie jammern nicht dem alten Tonträger hinterher. Sie nehmen die neue Oberfläche ernst genug, um sie zu besetzen.

Das ist klüger als bloße Abwehr. Und deutlich unheimlicher.

🪓 Fazit: Wenn Pop zur Versuchsanordnung wird

Musick ist kein Laibach-Album für Puristen, die jeden Synthesizer erst dann akzeptieren, wenn er nach Fabrikhalle riecht. Dieses Album ist heller, poppiger, rhythmischer und manchmal fast irritierend leichtfüßig. Aber genau darin steckt seine Stärke.

Laibach beweisen hier nicht, dass sie „auch Pop können“. Das wäre viel zu klein gedacht. Sie zeigen, dass Pop inzwischen selbst ein Machtinstrument geworden ist: weich, verführerisch, permanent verfügbar, sauber portioniert. Und statt davor zurückzuweichen, stellen sie sich mitten hinein.

Deshalb funktioniert Musick so gut. Die Platte ist eingängig, aber nicht bequem. Sie ist tanzbar, aber nie harmlos. Sie ist künstlich, aber nicht leer. Und sie ist stellenweise so absurd unterhaltsam, dass man beinahe vergisst, wie düster ihre Grundidee eigentlich ist.

Laibach haben kein spätes Wohlfühlalbum gemacht. Sie haben einen Pop-Apparat gebaut, der lächelt, blinkt und im nächsten Moment deine Bewegungen auswertet.

Wir tanzen trotzdem.

Was sollen wir auch sonst tun?

Albumcover von Laibach – Musick: Ein ausgestreckter Unterarm mit Laibach-Tattoo liegt vor einem grell pink leuchtenden Neon-Schriftzug „Musick“. Zwischen den Buchstaben hängt eine Spritze, die wie eine künstliche Musik-Injektion wirkt.
Künstler:Laibach
Albumtitel:Musick
Erscheinungsdatum:1. Mai 2026
Genre:Electropop / Synth-Pop / Martial Industrial
Label:Mute
Spielzeit:ca. 42 Minuten

Trackliste:

Musick feat. Wiyaala
Fluid Emancipation
Singularity feat. Donna Marina Mårtensson
Resistencia feat. Gregor Strasbergar
Love Machine feat. Senidah
Luigi Mangione
Keep It Reel feat. Manca Trampuš
Yes Maybe No feat. Donna Marina Mårtensson
Allgorhythm feat. Wiyaala
Das göttliche Kind

📺 Offizielles Video

Offizielles Musikvideo zu „Allgorhythm“ – Laibach verwandeln den Algorithmus in einen Tanzbefehl zwischen Pop-Glanz, Systemkritik und internationaler Stimmgewalt. Bereitgestellt vom offiziellen Laibach and Mute-YouTube-Kanal.

Mehr Album-Reviews für dich?

Episches Fantasy-Banner im Stil von Gandalf: Ein weißbärtiger Zauberer blockiert mit erhobenem Stab den Weg und ruft ‚Du kannst nicht vorbei!‘. Darunter der Zusatz: ‚Es sei denn, du abonnierst unseren Newsletter!‘. Rechts unten ein glühender, magischer Button mit der Aufschrift: ‚Lass mich rein, du Narr!
Banner zur Fantasykosmos Playliste SONGS OF DOOM & GLORY.

Außerdem ziemlich lesenswert: