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🏛️ The Daily Meme #126 – Flora und Fauna der Zwischenreiche: Der Flattermull


Boneys Naturforscher-Logbuch-Eintrag
Position: Waldboden zwischen Wurzelknick, Modergrund und jenem feuchten Stück Unterholz, in dem selbst Regenwürmer nur noch mit Zeugen arbeiten.
Wetter: Nass, schmatzend, bodennah. Also ideale Bedingungen für alles, was im Erdreich lebt, schlecht sieht und trotzdem der Meinung ist, unbedingt fliegen zu müssen.
Lagebericht
Willkommen zurück zu „Flora und Fauna der Zwischenreiche“, jener Bildungsreihe, in der wir uns weiterhin mit Tieren befassen, die beweisen, dass die Natur gelegentlich einen Einfall hat und danach niemanden mehr fragt.
Unser heutiges Exemplar heißt Flattermull.
Die Gelehrten nennen ihn Talpavolus auripennis.
Das bedeutet frei übersetzt:
„ohrflügeliger Grabflatterer.“
Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass dieses Tier aus keiner klaren Entscheidung hervorgegangen ist. Seine Haut ist bleich, faltig und von jener feuchten Nacktheit, die sofort den Wunsch weckt, ein Tuch darüberzulegen oder zumindest ein Protokoll anzufertigen. Fell besitzt er kaum. Würde ebenfalls nicht viel.
Auffällig sind vor allem die sogenannten Ohrflügel.
Sie sitzen seitlich am Kopf und Rücken, groß, dünn, durchscheinend und vollkommen überambitioniert. In ruhigem Zustand wirken sie wie nasse Häute. Bei Aufregung vibrieren sie leicht, was dem Flattermull den Anschein verleiht, als wolle er gleich abheben, sich aber im letzten Moment an seine Körperform erinnert.
Sein Lebensprinzip ist einfach:
Alles, was weich ist, wird durchwühlt.
Alles, was krabbelt, wird roh geschluckt.
Alles, was an ihm vorbeigeht, wird angeschleimt.
Heutiges Exemplar
Das hier dokumentierte Tier wurde auf nassem Waldboden beobachtet, zwischen Moos, fauligem Laub und einer Wurzelhöhle, aus der es vermutlich kurz zuvor mit dem Selbstbewusstsein eines missratenen Erdgeistes hervorgekrochen war. Das ist typisch für die Art. Der Flattermull lebt überwiegend unterirdisch, kommt aber bei Regen an die Oberfläche, um kleine Insekten, weiche Pilze, Larven, Wurzelmilben und andere bedauernswerte Bodenbewohner aufzuspüren. Dabei nutzt er seinen langen Rüssel, der mit großer Hingabe in jede Öffnung gesteckt wird, die nicht ausdrücklich widerspricht.
Seine Vorderklauen sind kräftig, breit und zum Graben gemacht. Damit kann er Erde lösen, Laub aufreißen und in kürzester Zeit eine Waldfläche so aussehen lassen, als habe dort ein sehr kleiner Totengräber mit Eile gearbeitet.
Fliegen kann der Flattermull angeblich auch.
Allerdings nur nach großzügiger Auslegung des Begriffs.
Die meisten dokumentierten Flugversuche bestehen aus einem hastigen Sprung, hektischem Flattern, einer kurzen Phase des berechtigten Zweifelns und einer Landung, die von Fachleuten als „bodennahes Scheitern mit Hautsegeln“ bezeichnet wird.
Boneys Urteil
Der Flattermull ist kein elegantes Flugwesen.
Kein Herr der Lüfte.
Und ganz sicher kein stolzer Wächter des Waldbodens.
Er ist vielmehr das, was entsteht, wenn ein grabendes Tier, ein Paar viel zu große Ohrhäute und ein völlig übertriebener Traum vom Himmel in dieselbe kleine Kreatur geraten.
Mit anderen Worten:
ein Maulwurfproblem mit Höhenfantasie.
Und natürlich gehört er damit in diese Reihe.
Denn die Zwischenreiche bestehen nicht nur aus Drachen, Greifen und anderen Wesen, die mit Anstand durch die Luft schneiden. Sie bestehen auch aus diesen kleinen, nassen Bodenversuchen, die beim ersten Windstoß aussehen, als hätte jemand einen alten Lappen aufgeschreckt.
Der Flattermull ist nicht majestätisch.
Er ist nicht schnell.
Und sein Verhältnis zur Schwerkraft bleibt angespannt.
Aber er ist beharrlich. Und das ist bei einem Tier, das jeden Tag erneut versucht, seine eigene Anatomie zu widerlegen, beinahe bewundernswert.
Abschließende Notiz an euch krabbelnde Waldbodenforscher
Wenn ihr demnächst nach Regen ein leises Scharren im Laub hört, dann denkt bitte an unsere Worte:
Nicht alles, was im Moos raschelt, sucht nur Würmer.
Manches träumt vom Himmel und landet trotzdem in eurem Stiefel.
Und wenn euch dann ein bleicher Rüssel, zwei winzige Augen und ein Paar feuchter Ohrflügel entgegenkommen, dann bleibt ruhig, tretet zurück und gebt dem Tier nicht das Gefühl, beobachtet zu werden.
Der Flattermull ist empfindlich.
Nicht seelisch.
Nur physisch.
Morgen wiederkommen.
Dann widmen wir uns vielleicht dem Brunnenschieler, jenem glitschigen Hofwasserbewohner, der schon von unten aussieht, als habe er dem Tageslicht nie verziehen.





