
Silaera – An Aberration of the Void
🧿 Kurzfazit
An Aberration of the Void ist ein erstaunlich reifes Debüt: kosmischer Black Metal mit wirklicher Weite, schneidender Gewalt, großer melodischer Schönheit und einer Kompositionskunst, die aus langen Songs keine Strecke, sondern bizarre Reisen macht.
🎯 Für wen?
Für Dunkelträumer, die bei atmosphärischem Black Metal nicht nur Nebel, sondern Bewegung wollen. Wer Mare Cognitum, Vorga, Noltem, Vimur, Blackbraid und progressivere Formen schwarzer Musik schätzt, dabei aber genug Geduld für große Bögen und genug Nacken für plötzliche Abstürze mitbringt, sollte hier sehr dringend den Helm aufsetzen.
🎧 Wie klingt das?
Weit, strahlend, finster und immer wieder erschreckend schwer. Die Gitarren können wie Licht über fremden Meeren flirren und wenige Takte später zu einer schwarzen Wand anwachsen. Der Bass gibt der Musik Tiefe, das Schlagzeug ist zugleich treibend und feinfühlig, und die Vocals wechseln zwischen heiserem Raspeln und tieferen Ausbrüchen, als hätten sich in dieser Leere mehrere Formen von Leben angesiedelt. Allerdings ist keine davon besonders einladend.
💿 Highlights
Abhorring the Lifting of Eyes, From Entropic Dust, Fall into Cosmic Sleep
⛔ Nichts für dich, wenn…
du bei Black Metal nach dreißig Sekunden wissen willst, wo der Song hinwill, und sehr ungehalten reagierst, wenn er die Antwort erst nach einer kleinen interstellaren Umleitung gibt. An Aberration of the Void serviert keine Schnellmahlzeit. Es öffnet eine Schleuse und erwartet, dass du den langsamen Druckabfall aushältst.
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🌌 Silaera – An Aberration of the Void: Wenn das All dir die Zähne zeigt
Es gibt ja häufig diese Alben, die den Weltraum gerne als effekthaltige Tapete benutzen. Ein bisschen Sternennebel hier, ein paar kosmische Titel dort, dazu Hall auf den Gitarren und fertig ist die galaktische Schwärze für Leute, denen Winterwald inzwischen zu bodenständig erscheint. Und dann ist da An Aberration of the Void.
Das Debüt von Silaera klingt nicht, als würde jemand ehrfürchtig in den Nachthimmel blicken. Man gewinnt hier eher den beunruhigenden Eindruck, als würde der Nachthimmel irgendwann zurückblicken, sich dabei öffnen und etwas freigeben, das nie dafür gedacht war, einen Namen zu tragen. Schön ist dieses Album trotzdem. Teilweise sogar geradezu überwältigend schön. Aber seine Schönheit hat keine freundlichen Absichten.
Silaera spielen atmosphärischen, progressiv gefärbten Black Metal mit postmetallischer Weite, melodischer Strahlkraft und einer Schwere, die immer wieder aus dem Nichts in die Musik bricht wie ein Himmelskörper, der plötzlich beschlossen hat, nicht länger Umlaufbahn, sondern Ereignis zu sein. An Aberration of the Void ist nur fünf Stücke lang, keines davon unter sechs Minuten, und doch fühlt sich hier nichts nach Länge um der Länge willen an. Diese Songs wachsen, mutieren, kippen, gleiten, reißen auf und finden immer wieder neue Formen, ohne je den inneren Zusammenhang zu verlieren.
Das ist kein Album, das Atmosphäre über Musik legt. Es baut Musik aus Atmosphäre und lässt sie dann kollabieren.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Atmospheric Black Metal, Melodic Black Metal, Post-Black-Metal, Progressive Black Metal, Cosmic Black Metal.
Vergleichbar mit: einer Expedition zu einem unbekannten Planeten, auf dem die Berge atmen, der Horizont gelegentlich seine Farbe wechselt und der Reiseführer nach Seite drei in einer Sprache weitergeschrieben ist, die es nie hätte geben dürfen.
Klangfarbe: Der Sound von An Aberration of the Void ist zugleich groß und präzise. Der Hall weitet die Songs zu Räumen, in denen man sich verlieren könnte, doch die Produktion lässt genug Schärfe, damit die Riffs nie zu bloßen Schlieren werden. Über allem liegt dieses Wechselspiel aus kristallinem Glanz und dunkler Masse: hell aufflackernde Melodien, tiefer Unterbau, schneidende Tremolo-Linien, plötzlich hereindrückende Schwere.
Besonders stark ist, wie organisch die Gegensätze ineinandergreifen. Silaera setzen Schönheit und Gewalt nicht gegeneinander, als müssten sie sich abwechseln. Beides gehört hier demselben Wesen an. Die sanften Passagen sind nicht bloß Erholung von der Härte; sie machen diese Härte erst wirklich gefährlich, weil man ihr vorher für einen Moment vertraut hat.
✨ Highlights
Abhorring the Lifting of Eyes ist der Moment, in dem man endgültig begreift, dass Silaera kein besonders begabtes Hoffnungspaket, sondern bereits eine erschreckend fertige Band sind. Der Song beginnt mit flimmernder, nahezu schwereloser Bewegung, öffnet sich in weite melodische Bahnen und schlägt dann mit einer Brutalität um, die nicht wie Kontrastprogramm wirkt, sondern wie der wahre Kern hinter der schönen Oberfläche.
Gerade diese Übergänge sind beeindruckend. Nichts klingt zusammengeschraubt, nichts nach „jetzt kommt der harte Teil“. Der Song verändert seine Aggregatzustände mit einer Selbstverständlichkeit, die man bei einem Debüt kaum erwarten darf. Wenn später Groove und Schwere ineinandergreifen, wirkt das nicht wie ein Effekt, sondern wie Gravitation.
From Entropic Dust zeigt die finsterste, schärfste Seite der Platte. Hier ist weniger schwebende Erhabenheit, mehr zersetzende Kraft. Die Dissonanzen greifen tiefer, die Riffs stehen kantiger im Raum, und der Song entwickelt eine fast bösartige Unruhe, ohne seine melodische Intelligenz zu opfern.
Das Stück ist wichtig, weil es verhindert, dass An Aberration of the Void jemals in bloßer Sternenschau versinkt. Silaera können Schönheit. Aber sie wissen auch, dass Schönheit im Black Metal nur dann wirklich zählt, wenn irgendwo darunter etwas wartet, das sie jederzeit zerreißen könnte.
Fall into Cosmic Sleep beschließt das Album mit über zehn Minuten Laufzeit und der Ruhe eines Wesens, das genau weiß, dass ihm niemand mehr entkommt. Der Song entfaltet sich zunächst mit fast zärtlicher Weite, lässt Melodien aufsteigen, öffnet Räume, macht die Zeit langsamer. Und dann zieht er die Schwerkraft an.
Was folgt, ist keine lineare Steigerung, sondern ein groß gebauter Schlussbogen aus Traum, Dissonanz, Raserei und Erhabenheit. Silaera lassen den Hörer hier nicht einfach einschlafen, wie es der Titel verspricht. Sie führen ihn an einen Punkt, an dem Schlaf, Auflösung und Verschlucktwerden plötzlich unangenehm ähnliche Begriffe werden.
🎨 Artwork
Das Cover von An Aberration of the Void ist nicht einfach passend. Es ist beinahe eine zweite Musikspur. Adam Burke malt eine Szene, die irgendwo zwischen Geburt, Katastrophe und kosmischer Fehlentwicklung liegt. Vor einem schwarzen Horizont erhebt sich ein amorphes, mehrgliedriges Wesen aus einem blauen, beinahe gefrorenen Untergrund; über ihm reißt der Himmel in Rot, Violett und glühendem Weiß auf, als habe dort oben etwas einen viel zu großen Schnitt gesetzt. Die Gestalt selbst ist nicht klar lesbar. Sie wirkt zugleich pflanzlich, insektenhaft, knochig, flüssig und vollkommen falsch. Als hätte das All kurz versucht, Leben zu bilden, dann aber mitten im Vorgang beschlossen, lieber einen Albtraum daraus zu machen.
Gerade diese Unbestimmbarkeit macht das Bild stark. Man kann es nicht mit einem Blick erledigen. Jedes erneute Hinsehen verschiebt die Anatomie ein wenig; aus Armen werden Fäden, aus Köpfen werden Öffnungen, aus Licht wird Wunde. Das Cover illustriert den Titel nicht, es vollzieht ihn. Dies ist keine Kreatur im Nichts. Dies ist die Abweichung selbst, sichtbar geworden für den einen Moment, in dem man noch umdrehen könnte. Dass die Platte genau so klingt, ist kein kleiner Vorzug.
🪦 Besondere Momente
Schönheit ohne Sicherheitsabstand
Die melodischen Passagen dieser Platte sind nicht bloß hübsche Gegenlichter zur Härte. Sie leuchten so stark, dass der Sturz in die dunkleren Teile erst richtig Tiefe bekommt. Silaera beherrschen eine seltene Kunst: Sie machen das Schöne nicht harmlos, sondern verdächtig.
Der lange Song als lebender Organismus
Keines der fünf Stücke wirkt wie eine Abfolge von Teilen, die brav nacheinander abgearbeitet werden. Die Songs wachsen eher, häuten sich, bilden neue Gliedmaßen und behalten trotzdem ihre Form. Gerade bei Laufzeiten von sechs bis über zehn Minuten ist das keine Nebensache, sondern der Unterschied zwischen Größe und bloßer Dauer.
Wenn Hall nicht kaschiert, sondern öffnet
Viel Reverb ist in diesem Genre wahrlich keine Innovation. Hier aber dient er nicht als Nebelmaschine für fehlende Ideen. Er schafft Räume, in denen die Musik tatsächlich weiterwachsen kann, während Riffs, Drums und Vocals genügend Kontur behalten, um nicht im eigenen Kosmos zu verdampfen.
Das Schlagzeug denkt mit
Die Drums treiben nicht nur an, sie reagieren. In den harten Passagen knackt und peitscht die Snare mit echtem Biss, in den ruhigeren Momenten zieht sich das Spiel zurück, ohne je passiv zu werden. Das gibt der Platte eine Beweglichkeit, die viele ähnlich angelegte Alben erst nach mehreren Veröffentlichungen erreichen.
Der Schrecken kommt nie allein
Wenn Silaera schwer werden, dann selten auf eine eindimensionale Weise. Unter der Gewalt liegt meist noch eine melodische Linie, hinter der Dissonanz ein Schimmer, in der Raserei ein Hauch Ordnung. Gerade dadurch bleibt die Musik lange nach dem Hören im Kopf: Man erinnert sich nicht nur an den Einschlag, sondern an das Licht darum herum.
📜 Hintergrund
Silaera entstanden 2019 zunächst als Ein-Mann-Projekt und haben sich für das Debütalbum zu einer vollständiger arbeitenden Formation erweitert. An Aberration of the Void erscheint selbstveröffentlicht und ist trotz seiner beachtlichen Geschlossenheit tatsächlich das erste Album der Band. Die Musik wurde von L.A. komponiert, der außerdem Gitarren, Bass, Gesang und Mix übernahm. Neil Schneider spielte das Schlagzeug ein und zeichnete auch für das Mastering verantwortlich; D.C. steuerte den Text zu From Entropic Dust bei. Das Artwork stammt von Adam Burke, dessen Arbeiten längst zu den zuverlässigsten Türen in fremde Welten der aktuellen Metalkunst gehören.
Dass hier ein Debüt vorliegt, muss man sich beim Hören immer wieder aktiv ins Gedächtnis rufen. Nicht, weil An Aberration of the Void makellos wäre. Sondern weil es bereits mit erstaunlicher Sicherheit weiß, welche Art von Welt es errichten möchte und welche Mittel dafür wirklich nötig sind. Fünf Songs, knapp sechsunddreißig Minuten, kein Füllmaterial, kein halbfertiger Nebel. Silaera denken groß, aber nicht verschwenderisch.
🪓 Fazit: Die Leere war nie leer
An Aberration of the Void ist eines dieser Alben, bei denen das Wort Debüt fast ein wenig unhöflich wirkt. Es klingt nach Anfang, nach erster Setzung, nach noch nicht ganz abgeschlossenem Werden. Silaera dagegen klingen hier bereits, als hätten sie eine Tür gefunden, hinter der ihre eigene Sprache schon lange auf sie gewartet hat. Natürlich erfindet dieses Album atmosphärischen Black Metal nicht neu. Es kennt seine Ahnen, seine Himmelsrichtungen, seine vertrauten Werkzeuge. Aber es besitzt etwas, das wichtiger ist als bloße Originalität im engen Sinne: eine eigene Gravitation. Die Songs ziehen einander, die Kontraste gehören zusammen, die Schönheit hat Zähne, und selbst dort, wo bekannte Formen auftauchen, wirken sie wie Teil eines Kosmos, der nicht zusammengestellt, sondern entdeckt wurde.
Das ist der seltene Fall eines Albums, das ebenso viel Staunen wie Wucht erzeugt. Ein Werk, das sich nicht zwischen kosmischer Erhabenheit und schwarzer Gewalt entscheiden muss, weil es beides längst als dieselbe Naturgewalt begriffen hat. Silaera haben mit An Aberration of the Void keinen Blick ins All geworfen. Sie haben einen Spalt hineingeschnitten. Und dahinter hat leider schon etwas darauf gewartet.

| Künstler: | Silaera |
| Albumtitel: | An Aberration of the Void |
| Erscheinungsdatum: | 10. Mai 2026 |
| Genre: | Atmospheric Black Metal / Melodic Black Metal / Post-Black-Metal / Progressive Black Metal |
| Label: | Self-Released |
| Spielzeit: | ca. 36 Minuten |
🎼 Trackliste:
The Emergence of Suffering
Abhorring the Lifting of Eyes
From Entropic Dust
A Celestial Grave
Fall into Cosmic Sleep
👥 Credits
L.A.: Komposition, Gitarren, Bass, Gesang, Texte auf Tracks 1, 2, 4 und 5, Mix
Neil Schneider: Schlagzeug, Mastering
D.C.: Text zu From Entropic Dust
📺 Full Album Premiere
Kompletter Albumstream zu „An Aberration of the Void“ – Silaera entfalten ihr Debüt als kosmische Black-Metal-Reise zwischen schimmernder Schönheit, schwarzer Gravitation und sehr unfreundlichen Dingen jenseits des Himmels.
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