Shaytan – II Incarnate (Review)

🔍 Suche im Fantasykosmos

Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Shaytan – II Incarnate

🧿 Kurzfazit
II Incarnate ist warmer, groovender, okkult angehauchter Doom/Stoner Metal mit klassischem Heavy-Metal-Rückgrat, orientalischem Einschlag und genug Hammond-Nebel, um im Proberaum heimlich einen kleinen Tempelbetrieb anzumelden.

🎯 Für wen?
Für Fans, die Doom mögen, aber nicht zwingend 74 Minuten lang in Zeitlupe durch eine Kathedrale kriechen möchten. Wer Black Sabbath, The Obsessed, Cathedral, alte Orange Goblin, ein wenig Grand Magus und die Band-Vergangenheit in Form von Demon Incarnate schätzt, dürfte hier vor Begeisterung dunkelorange aufleuchten.

🎧 Wie klingt das?
Schwer, warm, riffbetont und melodisch. Kein ausgetrockneter Wüstenrock, kein reiner Funeral-Abgrund, sondern ein sattes Doom-Gebräu mit Stoner-Schub, klassischer Metal-Kante, dezentem Orgelspuk und einem Gesang, der nicht theatralisch übertreibt, sondern die Songs mit rauer Würde durch den Rauch schiebt.

🎼 Highlights
The Sickle, Left Hand Path, Crescent Moon, Coda

⛔ Nichts für dich, wenn…
du Doom nur dann hören willst, wenn er entweder völlig zermalmt oder komplett retrobesoffen durch die Lava kriecht. Shaytan sind schwer, aber nicht plump. Okkult, aber nicht albern. Melodisch, aber nie weichkernig.

Banner für den Newsletter im Fantasykosmos mit Gandalf, der den Leser nicht vorbeilässt,

🦂 Shaytan – II Incarnate: Wenn der Teufel Orange-Amps erfunden hätte

Es gibt ja gelegentlich diese Alben, die – vor allem anderen – mit einer Art geografischer Zumutung beginnen. Beispiel? Na ja, Shaytan eben. Das klingt erst einmal nach Wüste, Rauch, Dschinn, okkulter Hitze und irgendeinem halb verschütteten Tempel, in dem niemand freiwillig den Keller auskehren wollte. Dann schaut man genauer hin und steht plötzlich mitten im verschlafenen Saarland. Genauer: bei einer Band aus Saarlouis, die früher als Demon Incarnate unterwegs war und nun unter neuem Namen so tut, als sei der Weg zur Finsternis nur eine besonders schlecht ausgeschilderte Nebenstraße Richtung Elversberg, zwischen Stoner Doom, klassischem Heavy Metal und orientalischem Riffrauch.

Das ist als Ausgangspunkt ziemlich großartig. Nicht, weil Herkunft im Metal über Qualität entscheidet. Der Gedanke wäre albern. Sondern weil II Incarnate genau aus diesem Bruch lebt: Die Platte klingt weder typisch deutsch noch konsequent amerikanisch, weder staubtrocken wie eine Kyuss-Fata-Morgana noch grabesschwer wie britischer Trauerdoom mit erweitertem Jammer-Abo. Stattdessen schiebt sie sich irgendwo dazwischen hindurch, langsam, warm, knorrig und mit genug okkulter Dekoration, um nicht bloß wie ein sehr gut eingeräucherter Proberaum zu wirken.

Das zweite Album unter dem Namen Shaytan ist kein hastiger Neustart und auch kein bemühtes Image-Ritual. Hier spielen Leute, die ihr Handwerk beherrschen. Die Riffs haben Gewicht, der Bass trägt nicht nur Unterboden, sondern Charakter, die Drums halten den schweren Karren in Bewegung, und über allem liegt diese warme, orange flackernde Grundfarbe, als hätte jemand das Cover direkt in den Verstärker gegossen. II Incarnate ist Doom für Menschen, die ihre Düsterkeit gern mit Groove, Melodie und leicht schwefligem Humor nehmen. Hier kommt also unser Wetterbericht aus dem unteren Verstärkerkreis.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Doom Metal, Stoner Doom, Classic Heavy Metal, Oriental Doom

Vergleichbar mit: Eine warme Mischung aus Sabbath-Erbe, Stoner-Druck, klassischer Metal-Dramaturgie und einer Prise Orient-Rauch, ohne in Kostümkiste oder Räucherstäbchen-Museum abzugleiten. Das hier ist kein musikalischer Basarbesuch mit Plastikdolch, sondern eher ein Doom-Ritual in einem Raum, in dem die Verstärker mehr wissen als der Hohepriester selbst.

Klangfarbe: II Incarnate klingt orange. Das ist nicht nur wegen des Covers naheliegend, sondern ziemlich exakt das akustische Gefühl dieser Platte. Die Gitarren brummen nicht frostig, sondern warm. Der Bass schiebt wie ein schwerer Karren voller verbotener Kerzen durch eine abschüssige Gasse. Die Drums bleiben geerdet, ohne zu schleppen. Und die Hammond-Orgel ist kein Hauptdarsteller, sondern ein wunderbar unheimlicher Schatten an der Wand.

Der große Pluspunkt: Shaytan überfrachten ihren Sound nicht. Sie könnten bei diesem Bandnamen problemlos in Richtung Wüstenklischee, Höllentheater und okkulte Tapetenrolle abbiegen. Tun sie aber nicht. Stattdessen setzen sie auf Songs, die tatsächlich funktionieren. Riffs kommen, bleiben, arbeiten. Melodien tauchen auf, ohne mit erhobenem Zeigefinger nach Aufmerksamkeit zu betteln. Der Gesang fügt sich ein, statt das Ganze in eine lächerliche Beschwörungsoper zu verwandeln.

🔥 Highlights

The Sickle eröffnet das Album mit genau jenem breiten, schweren Riff, das man bei einem solchen Cover erwartet. Kein langes Anklopfen, kein atmosphärisches Herumtasten, sondern ein direkter Schritt in den Kreis. Das Stück suhlt sich in diesem angenehmen Zwischenbereich aus Doom-Schwere und Stoner-Wärme, ohne dabei matschig zu werden. Besonders stark ist die Art, wie Shaytan das Tempo nicht einfach drücken, sondern tragen. Langsam heißt hier nicht träge. Langsam bedeutet vielmehr: Der Stein rollt, und niemand sollte versuchen, ihn mit bloßen Händen aufzuhalten.

Left Hand Path ist der Song, an dem der okkulte Dreh am deutlichsten zündet. Der Titel ist natürlich klassisches Metal-Material, aber Shaytan machen daraus keinen billigen Kerzenständer-Moment. Das Stück hat Zug, Groove und eine innere Spannung, die gut zum Thema des zerrissenen Menschen passt. Die Gitarren setzen nicht auf bloße Wucht, sondern auf Bewegung. Der Song wirkt wie ein Gang durch einen Gang, in dem links und rechts Türen offenstehen, hinter denen man besser nicht nachsieht.

Crescent Moon bringt die melodische Seite des Albums besonders schön nach vorn. Hier wird klar, dass II Incarnate nicht nur aus schweren Riffs besteht, sondern auch aus Formgefühl. Das Stück hat etwas Kreisendes, beinahe Beschwörendes, aber ohne den Song in ätherischen Nebel aufzulösen. Der Mond steht hier nicht romantisch über dem Dünenkamm. Er hängt eher wie eine Sichel über dem Amp und fragt, warum noch niemand den Bass lauter gemacht hat.

Coda ist als Abschluss stark, weil das Stück nicht einfach den Deckel auf die Platte legt, sondern noch einmal den Raum verändert. Und ja: Der versteckte Nachklapp nach kurzer Pause ist ein schöner kleiner Gemeinheitsgriff. Doom-Platten, die beim Abschied noch einmal aus der Ecke husten, verdienen grundsätzlich Sympathiepunkte. Man sollte also nicht zu früh abschalten. In dieser Musik lauert selbst hinter dem Ende noch ein kleiner oranger Amp-Geist.

Ein grimmiger Oger versucht, ein Schwert aus einem Stein zu ziehen, während kleine Waldtiere neugierig und furchtlos zuschauen.

🎨 Artwork

Das Cover ist eine klare Ansage: orangefarbener Grund, schwarzer Rahmen, zwei gespiegelte gehörnte Schädel, darüber das Bandlogo, darunter der Albumtitel. Mehr braucht es nicht. Kein überladenes Dämonenpanorama, keine apokalyptische Landschaft mit 47 brennenden Zikkuraten, kein Photoshop-Gewitter aus Symbolen, Schlangen und fragwürdigen Flammen. II Incarnate setzt auf ein starkes Zeichen.

Die zwei Schädel funktionieren natürlich sofort als Bild für die »II« im Titel. Zwei Köpfe, zwei Hörnerpaare, zwei Wege, zwei Inkarnationen. Gleichzeitig wirkt das Ganze wie ein okkulter Stempel, den man auf eine Kiste drückt, in der niemand harmlose Dinge lagert. Die Farbe ist dabei entscheidend. Schwarzweiß hätte das Motiv schnell in Richtung Standard-Doom gedrückt. Dieses Orange macht es lebendig, warm, leicht toxisch und sehr passend zur Musik.

Am schönsten ist, dass Cover und Klang wirklich zusammenfallen. Man sieht das Bild und hört praktisch schon den ersten Gitarrenakkord: warm, rau, staubig, aber nicht ausgetrocknet. Der Kreis in der Mitte wirkt wie eine Zielscheibe für Riffs. Oder wie ein Portal, das nicht in die Hölle führt, sondern in einen Proberaum mit sehr gutem Bass-Sound und bedenklicher Belüftung.

🪦 Besondere Momente

Die Hammond-Orgel als Geist im Nebenraum:
Die Orgel drängt sich nicht nach vorn, und genau deshalb funktioniert sie. Sie kleistert die Songs nicht mit Retro-Sirup zu, sondern legt kleine Schatten in den Hintergrund. Manchmal reicht ein dunkler Schimmer, eine Andeutung, ein leichtes Flackern hinter den Gitarren. Das ist wesentlich wirkungsvoller als jede große Orgel-Geste, bei der man sofort einen bärtigen Magier im Samtmantel vor Augen hat.

Der Himalaya in der Wüste:
Mit The Sickle, Bharanzar und Crescent Moon öffnet die Platte einen seltsamen Raum zwischen Wüstenfantasie und Hochgebirge. Das ist kein glattes Konzeptalbum, aber als Bild großartig: Der vermeintliche Wüstenteufel steht plötzlich im Kishtwar-Himalaya und schaut auf einen Sichelmond-Gipfel. Genau solche Brüche machen Metal interessant. Nicht alles muss logisch auf einer Landkarte liegen. Manchmal reicht es, wenn ein Riff den Weg kennt.

Links hoch, rechts wieder runter:
Left Hand Path und Right Hand Path geben dem Album eine kleine okkulte Wegkreuzung. Das könnte schnell platt werden, ist es aber nicht, weil Shaytan die Idee musikalisch nicht überinszenieren. Die Platte wirkt dadurch wie ein Rundgang durch verschiedene Kammern desselben Ritualbaus. Man nimmt links die dunklere Treppe, rechts die andere, und am Ende landet man trotzdem wieder vor den zwei Schädeln auf dem Cover. Sehr solides Albummauerwerk.

Bharanzar als Zwischenlicht:
Die beiden kurzen Bharanzar-Stücke sind keine großen Songs, sondern eher kleine Atemzüge im Gesamtbild. Gerade dadurch erfüllen sie ihren Zweck. Sie lösen die Platte nicht auf, sondern geben ihr Kontur. Man merkt kurz, dass hinter den Riffs noch ein anderes Gelände liegt: weniger Verstärkerwand, mehr dünne Luft, Fels, Mondlicht und ein Pfad, den man besser nicht nachts geht.

Banner für die Serie Schwarzes Metall über die Geschichte des Black Metals.

📜 Hintergrund

Shaytan sind keine Anfänger, die gerade entdeckt haben, dass langsame Riffs und Totenköpfe bestens zusammenpassen. Die Bandgeschichte führt zurück zu Demon Incarnate, die von 2010 bis 2022 aktiv waren. Unter neuem Namen erschien 2024 zunächst Chapter One, nun folgt mit II Incarnate die zweite Stufe dieser neuen Phase.

Das hört man. Die Platte wirkt nicht suchend, sondern gesetzt. Shaytan wissen, wo sie hinwollen, und sie haben genug Erfahrung, um nicht jeden Einfall unnötig auszustellen. Besonders der intensivere Einsatz von Hammond-Orgel und der kräftigere Bass geben dem Album eine breitere, rundere Gestalt. Die Produktion von Charles Greywolf passt dazu: kräftig, warm, transparent genug für Details, aber nicht so glatt, dass die Riffs ihre Kanten verlieren.

Stilistisch sitzt II Incarnate in einer interessanten Nische. Doom ist klar der Kern, aber die Platte ist nicht finster um der Finsternis willen. Der Stoner-Anteil sorgt für Bewegung, die klassischen Metal-Elemente halten die Songs auf Linie, und die orientalischen Einflüsse liefern Farbe, ohne als aufgesetzter Schmuck zu wirken. Das Ergebnis ist ein Album, das schwer genug für die Gruft und warm genug für den Sommer ist. Seltene Kombination. Normalerweise bekommt man bei solchen Temperaturen entweder einen Sonnenstich oder eben Funeral Doom. Shaytan liefern beides in deutlich angenehmerer Dosierung.

🪓 Fazit: Wenn der Sichelmond auf den Verstärker fällt

II Incarnate ist kein Album, das Doom in eine völlig neue Richtung dreht. Warum sollte es auch? Viel wichtiger ist, dass es seinen eigenen Raum findet: warm, schwer, melodisch, leicht okkult, angenehm kompakt und mit einem Sound, der genau weiß, wann er drücken und wann er atmen muss. Shaytan vermeiden die zwei großen Fallen dieses Genres. Sie versinken nicht im trägen Selbstzweck, und sie verwandeln ihren Okkultismus auch nicht in Karneval mit Räucherschale.

Die Platte ist besonders stark, wenn sie ihre Gegensätze ausspielt. Saarland und Shaytan. Wüste und Himalaya. Doom und Stoner. Linker Pfad und rechter Pfad. Schädel und Groove. Das alles könnte wie ein hübscher Baukasten wirken, aber II Incarnate hält diese Elemente erstaunlich geschlossen zusammen. Vielleicht, weil die Band nicht versucht, aus jeder Idee ein Konzepttheater zu machen. Sie schreibt einfach gute, schwere Songs und lässt die Bilder im Hintergrund arbeiten.

Natürlich wird hier niemand bekehrt, der Doom grundsätzlich für musikalisches Möbelrücken in Zeitlupe hält. Wer aber schwere Gitarren mag, ohne gleich im Morast versinken zu wollen, bekommt ein starkes, kompaktes und charaktervolles Album. II Incarnate riecht nach überhitztem Röhrenverstärker, dunklem Holz, altem Rauch und einem Ritual, bei dem der Bassist mutmaßlich als Einziger den Überblick behalten hat.

Für uns ist das klar: Shaytan liefern hier eine dieser Platten, die nicht laut nach Aufmerksamkeit schreien, aber nach kurzer Zeit im Raum stehen wie ein orangefarbener Altar. Und dann merkt man: Der Teufel muss gar nicht aus der Wüste kommen. Manchmal reicht Saarlouis völlig.

Albumcover von Shaytan – II Incarnate: Orange-schwarzes Doom-Metal-Cover mit zwei gespiegelten gehörnten Totenschädeln in einem schwarzen Kreis, darüber das Bandlogo Shaytan, darunter der Albumtitel II Incarnate.
Künstler:Shaytan
Albumtitel:II Incarnate
Erscheinungsdatum:19. Juni 2026
Genre:Doom Metal, Stoner Doom, Classic Heavy Metal, Oriental Doom
Label:Barhill Records
Spielzeit:ca. 35 Minuten

🎬 Offizielles Video

Offizielles Video zu „Left Hand Path“ von Shaytan – ein schwerer Gang durch okkulte Schatten, innere Abgründe und warm brummenden Doom-Rauch.

🎼 Trackliste:

The Sickle
Left Hand Path
Bharanzar Pt. 1
Crescent Moon
Right Hand Path
Bharanzar Pt. 2
B.O.P.
The Witness
Coda

👥 Besetzung

Kai Schneider – Drums
Jan Paul – Guitars
Jochen Klose – Guitars
Julian Küster – Vocals
Thorsten Jacob – Bass

Mehr Album-Reviews für dich?

Banner zur Fantasykosmos Playliste SONGS OF DOOM & GLORY.
Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

Außerdem ziemlich lesenswert: