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Ellende – Zerfall
🧿 Kurzfazit
Zerfall ist ein melancholischer Black Metal Zyklus, der den Absturz und die mühsame Neuordnung als durchkomponierte Reise erzählt. Emotional kompromisslos, stilistisch geglättet, aber weit entfernt von Beliebigkeit.
🎯 Für wen?
Für Hörer von intensivem, atmosphärischem Black Metal, die eine Stunde lang in einem einzigen Stimmungsbogen versinken wollen und mit Post Rock, Ambient und Klavier als festen Bestandteilen leben können.
🎧 Wie klingt das?
Breite Gitarrenwände, vielschichtige Drums, tiefer Bass, verzweifelte Screams und choraler Klargesang, dazwischen Klavier, Violine und leise Field Recordings. Alles in einer warmen, detaillierten Produktion, die Wucht und Feinheiten gleichzeitig trägt.
💿 Highlights
Nur, Wahrheit Teil I, Zerfall, Zeitenwende Teil II, Reise
⚠️ Nichts für dich, wenn…
du Black Metal nur roh, rumpelig und komplett ohne Post Rock oder Ambient-Anteile hören willst.
🌌 Ellende – Zerfall: Wenn alles in Stücke fällt und trotzdem ein Album bleibt
Ellende haben sich in den letzten Jahren vom Geheimtipp zum festen Fixpunkt im melancholischen Black Metal entwickelt. Mit Zerfall knüpft das Projekt aus Graz an die Emotionalität von Todbringerin und die experimentierfreudige Härte der Ellenbogengesellschaft an und formt daraus ein erstaunlich geschlossenes Werk. Das Album wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Songs; es präsentiert sich eher als Trauerprotokoll in elf Kapiteln, das konsequent durchgezogen wird und nebenbei in den offiziellen deutschen Albumcharts auf Platz sieben einsteigt. Bemerkenswert.
🎧 Was erwartet dich?
- Genre(s): Atmospheric Black Metal, Post Black Metal mit Ambient und Post Rock Einschlag
- Vergleichbar mit: Harakiri for the Sky, Agalloch in dunkler, deutschsprachiger Variante, ein Hauch Deafheaven ohne Hipsterpose
- Klangfarbe: Gitarren, die eher wie Sturmfronten aufziehen, Drums zwischen rasender Katharsis und jazzig angedeuteten Zwischentönen, ein Bass, der permanent wie ein unterirdisches Grollen arbeitet. Darüber Vocals von verzweifeltem Schreien bis zu choraler Klarstimme, eingerahmt von Klavierfiguren, Violine und dezenten Bläsern. Die Produktion ist dicht, warm und detailreich, ohne die rauhe Kantigkeit zu stark zu polieren.
✨ Highlights
Nur / Wahrheit Teil I / Wahrheit Teil II
Das Eröffnungsdreigestirn definiert, wie Zerfall funktioniert. Nur baut mit leisen Gitarren, Bass und zurückhaltendem Schlagzeug eine spannungsgeladene Ruhe auf, die nahtlos in Wahrheit Teil I kippt. Dort treffen rasende Passagen, Dialektflüstern und kurze Abbrüche auf akustische Inseln. Wahrheit Teil II nimmt das Motiv auf, verlangsamt und verbreitert es und legt eine schwere, tragende Melancholie darüber. Zusammen wirken die drei Stücke wie ein einziger Atemzug, der von der ersten Rissbildung bis zum offenen Bruch reicht.
Zerfall
Der Titeltrack reduziert die Raserei auf ein Minimum und setzt auf Kontrast. Sanfte Melancholie, fast schon jazzige Anmutung in den Harmonien, dann plötzlich ein Black Metal Ausbruch, der härter wirkt, gerade weil er nicht permanent im Vordergrund steht. Die Melodien balancieren fein zwischen Trostlosigkeit und flüchtiger Schönheit und machen deutlich, dass hier weniger das Spektakel als der innere Prozess zählt.
Zeitenwende Teil I und II
Das zweite Songbundle ist der emotionale Kern des Albums. Teil I startet mit Klavier und Violine, steigert sich in eine schwere, fast rituelle Wucht, Teil II zieht die Schraube mit mehrstimmigen Vocals und melodisch prägnanten Gitarren noch weiter an. Die Stücke wirken wie die Verdichtung aller vorher angedeuteten Emotionen und bilden den stärksten Block von Zerfall.
Reise
Der späte Höhepunkt. Nach der massiven Zeitenwende öffnet sich Reise ein Stück weit in Richtung Horizont. Die Gitarren und Chöre lassen kurz so etwas wie Aufbruch zu, ohne den zuvor aufgebauten Schmerz zu negieren. Ein Abschluss, der eher ein vorsichtiges Weitergehen ist als ein kitschiger Befreiungsschlag.
🎨 Artwork
Das Grauen hat viele Gesichter: Das Cover von Zerfall wirkt wie ein klassisches Ölporträt, dem jemand die Realität aus dem Gesicht geschnitten hat. Vor matt-beigem Hintergrund blickt eine Frau mit streng zurückgebundenem, dunklem Haar seitlich aus dem Bild, die Augen müde, fast leer. Über ihr Gesicht ziehen sich schwarze, spinnenartige Linien: wie ein zerbrochener Rahmen oder ein Insektengerüst, das an Stirn, Nase und Wangen andockt und in dunklen Schlieren nach unten tropft. Kein Blut, kein Splatter – eher der Eindruck, dass etwas Inneres nach außen läuft und die Konturen des Ichs langsam auflöst. Unten prangt das Ellende-Logo, als Dornenkranz um den Schriftzug gelegt. Das Bild ist unangenehm intim und passt perfekt zum Albumtitel: Zerfall nicht als große Explosion, sondern als stiller, unaufhaltsamer Prozess im eigenen Gesicht.
🪦 Besondere Momente
• Dialekt und Flüstern in Wahrheit Teil I geben dem Album eine irritierende Bodenhaftung. Hier steht nicht nur abstrakte Misere im Raum, sondern ein sehr konkretes, geerdetes Ich.
• Die Violine von Klara Bachmair verleiht der Zeitenwende eine zusätzliche Schwere und hebt die Trauer über reines Gitarrengeheul hinaus auf eine fast kammermusikalische Ebene.
• Dass Zerfall als Black Metal Album in Österreich und Deutschland hoch in die Charts einsteigt, zeigt, wie sehr Ellende mit ihrer sehr persönlichen, schweren Sprache einen Nerv getroffen haben. Es fühlt sich nicht nach Ausverkauf an, sondern nach einem Moment, in dem eine Nische kollektiv bemerkt wird.
🪓 Fazit
Ellende existiert seit gut anderthalb Jahrzehnten, aufgebaut und geführt von L.G. aus Graz. Alben wie Todbringer und später Todbringerin haben die Band als eine der wenigen Formationen etabliert, die melancholischen Black Metal mit Ambient und Post Rock so ineinander weben, dass weder Kitsch noch Langeweile überwiegen.
Mit Ellenbogengesellschaft wurde der Sound progressiver, schärfer und sperriger. Manche Hörer liebten diese kantige Richtung, andere vermissten die unmittelbare Emotionalität der Vorgänger. Zerfall wirkt wie die Antwort auf diese Spaltung. Das Album integriert die komplexeren Strukturen der Ellenbogengesellschaft, kleidet sie aber in wärmere, zugänglichere Klangfarben und gibt jeder Komposition deutlich mehr Luft.
Textlich dreht sich vieles um Verlust, Trauma, Selbstzerlegung und das diffusive Gefühl, aus dem eigenen Leben zu rutschen. Die Stücke sind dabei nie Tagebuch, sondern eher Verdichtungen von Zuständen, die man so auch ohne konkrete Kenntnis der Hintergründe nachvollziehen kann.
Zerfall ist kein „Best of Ellende“, sondern die bisher reifste Verdichtung dessen, wofür diese Band steht. Die Songs sind komplex, aber nie vernagelt, emotional offen, aber nie billig. Ein, zwei Titel wie Übertritt mögen in der direkten Gegenüberstellung etwas weniger heftig einschlagen, bleiben jedoch weit davon entfernt, Füllmaterial zu sein.
Wer Ellende bereits begleitet, findet hier ein Album, das sich nahtlos in die Diskografie einfügt und sie gleichzeitig auf einen neuen Höhepunkt führt. Wer mit atmosphärischem Black Metal bisher wenig anfangen konnte, bekommt mit Zerfall einen fordernden, aber lohnenden Einstieg in eine Welt, in der Zerbrechen nicht das Ende, sondern der Ausgangspunkt für Kunst ist.

| Künstler: | Ellende |
| Albumtitel: | Zerfall |
| Erscheinungsdatum: | 2. Januar 2026 |
| Genre: | Atmospheric Black Metal, Post Black Metal |
| Label: | AOP Records |
| Spielzeit: | ca. 51 Minuten |
Nur
Wahrheit Teil I
Wahrheit Teil II
Zerfall
Übertritt
Ode ans Licht
Zeitenwende Teil I
Zeitenwende Teil II
Reise
🎬 Full-Album-Stream
Offizieller Full-Album-Stream zu „Zerfall“ – der aktuelle, atmosphärische Black-Metal-Zyklus von Ellende. Bereitgestellt vom offiziellen AOP Records-Channel auf YouTube:
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