Der dunkle Gesang der Wälder

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Der dunkle Gesang der Wälder

Ich kam in das sagenumwobene Letharion, weil ich Pflanzen studieren wollte.
Ich blieb, weil ich die Wahrheit fand.

Der Wald lag wie ein grüner Ozean unter den gewaltigen hölzernen Türmen der Elben, und jeder Ast und jedes Blatt schienen aus reinem Licht gemacht.
Es hieß, er singe.
Nicht nur im Wind, nicht nur bei Regen.
Der Waldgesang war immer, allgegenwärtig und alles Lebendige durchdringend.
Die Elben hörten diese Melodien, fein wie hauchzartes Glas und verträumt wie das Leuchten der Sterne selbst.
Ich hörte nur Stille. Und war beschämt.

Bis zum dritten Tag.

Da vernahm ich zum ersten Mal das Kratzen.
Ein Geräusch, das ich nicht mit meinen Ohren wahrnahm, sondern als Kribbeln unter der Haut.
Ein Rasseln, ein Schaben, ein langsames Ziehen von etwas, das sich bewegen wollte.
Etwas, das nicht atmete und das dafür sorgte, dass namenloses Grauen meinen Körper erzittern ließ.

Ich fragte eine Elbin namens Velisir danach. Eine hohe Gestalt mit freundlichem Wesen und klaren Augen, die immer zu lächeln schienen.

„Das ist das Lied“, sagte sie. „Du musst dich ihm nur öffnen.“

Und so öffnete ich mich.
Doch, was schließlich in meinen Geist drang, war kein Lied.

Nach einer Woche wurde ich zu einem der sagenhaften nächtlichen Sangeskreise geladen. Freundlich, aber unmissverständlich.
Ein Kreis aus zweihundert Elben stand in einer Senke, die von gewaltigen Bäumen umringt war. Sie sangen. Hell und rein.
Nie zuvor hatte ich Stimmen von solch virtuoser Schönheit und einschmeichelnder Sanftheit vernommen.
Der Klang vibrierte im Boden.

Und der Boden antwortete.

Ich hörte es entsetzlich klar. Ein grausiges Rasseln, laut und schmerzhaft, als würden trockene Äste wie Fingernägel über Stein schaben.
Als zöge etwas schmerzhaft Atemluft ein, dessen Qual zu groß war, um noch keuchen zu können.
Ein Poltern tief unter mir, langsam und mit graueneregender Ungeduld.

Die Elben sangen lauter.

Und dann sah ich die Opfer.
Nicht auf der offenen Lichtung, ganz eben noch am Rande meines Blicks.
Drei Elben wurden von den ältesten Sängern zu einer Wurzel geführt, die wie gewaltige schwarze Arme aus der Erde ragte.
Sie sangen weiter, selbst als die unheimlichen Wurzelarme sie gnadenlos gepackt hatten und ihre Stimmen zu versagen drohten.

Als ich Velisir später fragte, sagte sie:

„Er nimmt doch nur, was er braucht.“

„Wer ist er?“

Sie legte einen Finger auf die Rinde und lächelte mich an, so wie man einem unwissenden Kind bedauernd zulächelt.
„Der Erste unter uns.“

In dieser Nacht kam ich nicht zum Schlafen.

Der Wald war wach.
Und ich hörte wieder dieses Schaben.
Diesmal rhythmisch.
Diesmal wie Schritte in der Ferne.
Schwer und unheilvoll.

Keine Elben gingen dort, keine Tiere.
Der Tod selbst schritt durch den nächtlichen Wald.

Am achten Tag lud man mich ein, mitzusingen.

„Du hast eine gute Stimme“, sagte Velisir.
Und ich wusste, dass sie log.
Denn meine Stimme war noch nie gut gewesen.

Ich wurde in den Kreis geführt. Zweihundert Elben stimmten an. Ein warmer Klang, viel zu schön und lieblich, um wahr zu sein.
Ich hörte darunter den wahren Ton.
Diesen schweren, pochenden Laut.
Langsam. Tief. Schmerzhaft dröhnend.

Ein Herz.
Aber kein Herz aus Fleisch.
Ein Herz aus Holz.
Ein Herz, das weiter zu wachsen schien.

Der Boden bebte unter meinen Füßen.
Die gewaltigen Baumkronen über uns wogten wie das Meer an der Küste Chromans bei Sturm.
Etwas darunter bewegte sich.
Etwas Großes.
Etwas mit vielen Stimmen.

Die Elben sangen.
Der Wald antwortete.

Und plötzlich wusste ich, warum ich eingeladen worden war.
Nicht wegen meiner Stimme.
Nicht wegen meiner Verbundenheit mit ihnen.

Sondern weil diese dunkle Wesenheit, die der Wald selbst war, weitere Opfer erwartete.

Velisir trat an meine Seite.
Sie flüsterte nur ein Wort:

„Sing.“

Mich erfasste reines Grauen, und ich tat es nicht.

Und in diesem Moment wurde der Gesang falsch.

Die Erde unter meinen Füßen barst.
Eine gewundene Masse aus Wurzeln quoll hervor, pulsierend, lebendig.
Ein riesiges, gelblich und krank schimmerndes Auge öffnete sich darin.
Kein Tierauge.
Ein Blick aus dem Holz selbst.
Uralt.
Ewig hungrig.

Die Elben schrien nicht.
Sie sangen weiter.
Lauter und bedrohlicher, alle Schönheit war aus den Stimmen verschwunden.
Sie kämpften nicht gegen die Kreatur aus dem Holz.
Sie kämpften gegen mich.

Denn meine Weigerung war der falsche Ton.
Ich war der Fehler im Lied des Waldes.

Ich rannte.
Ich weiß nicht, wie ich entkam.
Nur, dass der Wald hinter mir atmete.
Dass die Bäume sich bewegten wie die Rippen einer gewaltigen Wesenheit.
Dass das Schaben lauter wurde, je weiter ich lief.

Jetzt schreibe ich dies im Grenzdorf Antharas, das nah genug am Wald liegt, um ihn immer noch flüstern zu hören.
Mein Körper ist ein Behältnis des Zerschundenseins und unerträglicher Schmerzen.
Ich kann nicht mehr weiter fliehen.
Es kratzt an den Wänden.
Es kratzt unter dem Boden.
Und ich weiß, wie das Lied enden wird.

Ein unheimlicher Wald voller uralter Bäume mit gesichtslosen Wurzelmündern und tiefen Augen in der Rinde. Ein Kreis elbischer Sänger steht in einer Lichtung und hält ein uraltes Wesen im Boden durch Gesang in Schach. Ein einzelner Mensch schaut fassungslos auf das Ritual.

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