Dhorams Fluch (Eine Fantasy Kurzgeschichte)

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⚒️ Dhorams Fluch (Eine Fantasy-Kurzgeschichte)

Es hieß, die Hallen von Khar-Grund seien aus einem einzigen gewaltigen Fels gemeißelt worden.
Feuer in den Schmieden, Bier in den Bechern, Ruhe in den Gängen und über allem König Baldrim Eisenbart, dessen Schultern so breit waren wie sein Thron selbst.

Nur einer fand an diesem Bild keinen Gefallen: sein jüngster Sohn.

Dhoram hatte keinen Bartzopf voller Kriegstrophäen, keine geborstenen Schilde an der Wand, kannte keine Lieder, in denen sein Name fiel. Er hatte nur etwas, das bei Zwergen nicht viel galt: einen hellen Kopf und eine gnadenlose Ungeduld.

„Deine Zeit kommt“, sagte Baldrim, wenn er gut gelaunt war.

„Meine Zeit ist immer dann, wenn ich grad nicht da bin“, murmelte Dhoram dann und starrte auf die große Karte der Grenzlande, auf der die Markierungen der Orkstämme wie blutige Flecken klebten.

Einer dieser Flecken hatte keinen Namen. Nur ein Brandzeichen: ein schwarzes Auge über einem Schädel. Dort, sagten die Alten, herrschte Gor’Thak der Ungebrochene, ein Ork, der gestorben und wiederauferstanden war, weil die dunkle Magie eines Schamanen in ihm lebte, an Fesseln aus Eis und Flammen gebunden. Ein untoter Kriegsherr, der ganze Stämme allein durch seinen Hass zusammenhielt.

„Geschichten für Kinder“, sagte Baldrim. „Untote Orks, pah. Als ob ein Ork sich daran erinnern könnte, dass er tot ist. Sie erinnern sich doch nicht mal an die Namen ihrer Mütter.“ Dann lachte er dröhnend.

Dhoram wusste es besser. Er hatte zu viele Berichte gehört, die zu früh beendet wurden. Zu viele Späher, die nie zurückkehrten, wenn sie in eine bestimmte Richtung gesandt wurden. Und er wusste noch etwas: Sein Vater würde die Orks niemals frontal angreifen. Baldrim war vorsichtig, vielleicht war er sogar klug, aber Dhoram sah darin nur Schwäche.

„Wir könnten das ganze Schwarztal niederbrennen“, sagte er eines Abends beim Rat.

Die Brüder lachten. „Mit deinen drei Wegskizzen und zwei Dutzend Wachen?“

Baldrim schwieg lange, dann legte er die Hand auf den Hammer an seiner Seite. „Ein König beginnt keinen Krieg, um einem Jungen zu beweisen, dass er Mut hat.“

Dhoram stand zu schnell auf. „Dann braucht das Reich vielleicht einen anderen König.“

Der Saal wurde still. Baldrims Blick ruhte nun schwer auf seinem Sohn.

„Eines Tages wirst du verstehen“, sagte er. „Oder du wirst nicht mehr da sein, um es zu tun.“

Das war die Nacht, in der Dhoram beschloss, sich Hilfe zu holen, auf der anderen Seite.


Weit unterhalb der tiefen Hallen von Khar-Grund gab es Schächte, die niemand mehr nutzte. Ein alter Lüftungsschacht führte tief, tiefer als die Schmieden, tiefer als die Wasseradern, die man angezapft hatte. Dort unten roch es nach kaltem Eisen und nach uraltem Rauch, der schon lange hätte verweht sein müssen..

Dhoram trug keine Fackel. Er trug eine Lampe mit bläulicher Glut, eines der Hexenlichter aus den Silbersenken, die eher Schatten als Stein beleuchteten.

Am Ende des Schachts erblickte er eine Tür, die keine Zwergenhand gebaut hatte. Schwarzes Metall, zu glatt, zu kalt. In der Mitte: das Zeichen, nach dem er gesucht hatte. Glühendes Auge über Schädel.

Dhoram legte die Hand darauf.

„Gor’Thak“, sagte er. „Ich bin Dhoram, Sohn Baldrims. Ich biete dir einen Handel.“

Es war keine Stimme, die antwortete. Es war ein Kratzen, als würden tödliche Nägel über die Innenseite der Welt fahren.

Dann hörte er die Worte: tief, rau, als käme sie aus einem Maul ohne Fleisch.

„Endlich.“

Die Tür öffnete sich nicht. Aber der Raum dahinter schob sich in seinen Kopf.

Dhoram sah Ruinen, schwarze Totenfeuer, einen makabren Thron aus Rippen und Ketten. Darauf eine Gestalt, albtraumhaft in ihren Ausmaßen, mit graugrüner, rissiger Haut, deren Augen wie glimmende Schlacken brannten. An seinem Hals lagen eiserne Ringe, von denen Ketten in die Dunkelheit führten.

„Gor’Thak“, flüsterte Dhoram.

Die Gestalt neigte den Schädel leicht. „Baldrims Junges. Du stinkst nach Gold und Ungeduld.“ Die Worte schepperten wie lose Knochen.

Dhoram zwang sich, nicht zurückzuweichen. „Ich will auf den Thron. Mein Vater ist zu schwach, meine Brüder zu dumm. Khar-Grund braucht einen Herrscher, der nicht wartet, bis unsere Todfeinde vor den Toren stehen.“

„Und?“ Gor’Thaks ließ schwarze, dolchartige Zähne blitzen. „Was hat das mit mir zu tun?“

„Du beherrschst die Stämme im Schwarztal. Ich weiß, dass du ein Heer von Toten führst. Du könntest meine Feinde… beschäftigen, während ich im Inneren aufräume.“

Gor’Thaks Lachen war trocken, wie Holz, das im Feuer bricht. „Der kleine König will also, dass der tote Ork seine Aufräumarbeit macht.“

„Ich will einen Krieg, den ich gewinnen kann“, fauchte Dhoram. „Du willst Rache an meinem Vater. Ich öffne dir eine Tür ins Herz seiner Hallen. Du lässt mir die Krone… und den Ruhm.“

Gor’Thak schwieg fast länger, als der Zwerg ertragen konnte. Die Ketten an seinem Hals klirrten leise, als würden unsichtbare Hände daran zerren.

„Ein einfacher Pakt“, sagte er schließlich. „Ich schicke meine Schatten in deine Hallen. Sie werden Fallen lösen, Unglücke lenken, Unfälle beschleunigen. Dein Vater, deine Brüder, sie werden fallen wie morsche Balken. Und du… bleibst stehen.“

Er beugte sich vor. „Dafür gibst du mir ein Tor.“

„Wir haben viele Tore“, sagte Dhoram. „Sag eines, ich—“

„Nicht aus Stein.“ Gor’Thaks Augen glommen heller. „Ein Tor aus Blut.“

Dhoram stockte. „Was soll das heißen?“

„Wenn du König bist“, knirschte Gor’Thak, „öffnest du mir den Weg in dein Reich. Nicht durch Mauern. Durch dich. Du wirst mein Anker in der Welt der Lebenden. Ich bleibe dort, wo ich bin. Aber mein Wille wird durch dich gehen.“

„Ich werde kein Sklave sein“, stieß Dhoram hervor.

„Du wirst ein König, der nie fällt“, sagte Gor’Thak leise. „Dein Volk wird dich für jede Rettung feiern, jeden Sieg, jedes Massaker, das dich unersetzlich macht. Und wenn du abends in den Spiegel siehst, wirst du wissen, wem du das verdankst.“

Dhoram biss sich auf die Zunge. Er dachte an Baldrims genervte Blicke, an die Brüder, die lachten, an die Karte mit den schwarzen Flecken.

„Ich bleibe ich“, sagte er. „Du bekommst… einen Platz in meinem Schatten, weiter nichts.“

Gor’Thak grinste. Es klang, als ob Risse in altem Knochen aufplatzten.

„So seien die Worte gesprochen“, sagte er. „Binde sie.“

Dhoram zog ein kleines Messer und ritzte sich in die Handfläche. Blut tropfte auf das Zeichen des untoten Königs. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde der Berg schwanken.

Dann war es vorbei.


Es begann mit einem Sturz.

Der älteste Bruder, Hrodgar, der nie einen Schritt machte, ohne in jede Richtung zu sehen, stürzte zwei Tage später in der Schmiedekammer in die Tiefe. Die Kette der Lastenwinde war gerissen. „Altersschwäche“, sagten sie. „Hrodgar hatte einfach Pech.“

Baldrim stand schweigend am Rand der Grube. Dhoram bemerkte, dass sein Vater für einen Herzschlag aussah wie ein Mann ohne Rüstung.

„Halte die Männer zusammen“, sagte Baldrim später. „Sie brauchen jetzt einen, der nicht ins Bodenlose starrt.“

Dhoram nickte. Er hielt sie zusammen. Mit klaren Befehlen, harten Worten. Die meisten waren ihm dankbar.

Eine Woche später brannte ein Lagerhaus. Funkenflug aus einer Schmiede, hieß es. Niemand stellte die Frage, warum ausgerechnet dort die Reservevorräte standen, die Baldrim für den Fall einer Belagerung hatte anlegen lassen. Baldrim hustete seitdem mehr. Eichengerade Haltung, aber Husten in jeder Pause, die er beim Reden machte.

Dhoram spürte nachts manchmal, wie sich der Schatten an der Wand anders bewegte als sein Körper. Wenn er die Hand hob, war der Schatten schneller. Wenn er den Kopf drehte, blieb der Schatten einen Augenblick zurück.

„Wir kommen gut voran“, flüsterte eine Stimme an seinem Ohr, die nicht durchs Ohr kam. „Bald hast du, was du willst.“

„Ich habe gesagt, ich bleibe ich“, knurrte Dhoram in die Dunkelheit.

„Tu, was du willst“, murmelte Gor’Thak. „Wir teilen uns nur die Richtung.“

Der zweite Bruder, Bran, starb im Trainingshof. Ein Bolzen, der nicht hätte geladen sein dürfen, löste sich. Man sagte, der Schütze habe die Waffe versehentlich nicht gesichert. Bran fiel um, als hätte ihn jemand den Faden durchtrennt, an dem sein Leben hing.

Beim Begräbnis hielt Dhoram die Rede. Er sprach von Pflicht, von Opfer, von der Notwendigkeit, hart zu sein in harten Zeiten. Die Männer nickten. Baldrim sah ihn an, und für einen Moment war in seinem Blick etwas, was Dhoram noch nie gesehen hatte: Stolz. Und Angst.

„Du sprichst wie ein König“, sagte Baldrim später leise.

„Vielleicht braucht Khar-Grund genau das“, antwortete Dhoram.


Der Tag, an dem Baldrim starb, war unspektakulär.

Kein Krieg, kein Orkheer, kein Donner. Nur ein Ratstreffen in der großen Halle, eine Karte auf dem Tisch, drei Schritte von der Treppe entfernt. Baldrim trat zurück, der Stein unter seinem Fuß brach und der Zwergenkönig stürzte.

Niemand hatte gewusst, dass der alte Balken unter der Treppe wurmstichig war. Niemand hatte gesehen, wie die Fugen in den Tagen zuvor feiner geworden waren. Niemand, außer jener Macht, die durch Dhorams Schatten kroch.

Der Aufprall war kurz. Der Schrei, den Baldrim tat, war keiner, den man mit Königswürde verband.

Dhoram stand wie erstarrt, dann sprang er die Stufen hinunter. Er hielt seinen Vater im Arm, fühlte die Wärme schwinden, so wie Bier aus einem zersprungenen Krug strömte.

„Du wirst ein besserer König sein, als ich es war“, flüsterte Baldrim, kaum hörbar.

Dhoram wusste nicht, ob das seine Worte waren oder die von Gor’Thak, die sie durch den sterbenden Mann geschoben hatten.


Die Krönung erfolgte schnell. In unsicheren Zeiten wartet man nicht gerne mit den Titeln.

Die Halle war voll, die Bärte geflochten, die Hämmer gesenkt. Die Schmiedefeuer brannten heller als sonst, als wolle der Berg selbst sehen, wer ihm aufs Dach gesetzt werden würde.

Dhoram kniete vor dem steinernen Thron. Die Krone lag auf einem roten Kissen, schwer, aus dunklem Metall, geschmückt mit Runen, die älter waren als Baldrims Linie.

Der Erzpriester nahm die Krone, hob sie an. „Dhoram, Sohn Baldrims, nimmst du—“

In diesem Moment wurde es kalt.

Nicht in der Halle. In Dhoram. Als würde jemand von innen alle Körperwärme entziehen. Sein Schatten an der Wand flackerte, obwohl neben ihm Feuer brannte.

Jetzt, flüsterte Gor’Thak in seinem Kopf. Tor aus Blut. Öffne dich.

Die Krone senkte sich auf sein Haupt. Metall berührte Haut und Haare.

Dhoram spürte, wie die Runen auf der Innenseite der Krone aufglommen, nicht im warmen Zwergenlicht, sondern in jenem fahlen, kalten Grün, das er in Gor’Thaks Ruinen gesehen hatte.

Ein Hauch von Asche lag plötzlich in der Luft.

Er stand auf. Die Halle jubelte. „Dhoram Eisenbart! König von Khar-Grund!“

Ihre Stimmen waren laut, aber irgendwo dahinter, leiser, hörte er anderes Getöse: Schlachtrufe, Kettenklirren, das dumpfe Stampfen von vielen schwereren Füßen.

Hinter den Zwergen, hinter den Mauern, fern, aber deutlich, als hörte er zwei Welten gleichzeitig.

„Siehst du?“ flüsterte Gor’Thak. „Dein Volk jubelt dir zu.“

Dhoram hob die Hand, um den Jubel zu dämpfen – und bemerkte, dass seine Fingerspitzen einen Hauch zu dunkel waren. Als hätte der Schatten begonnen, nach außen zu kriechen.

„Was hast du getan?“ presste er zwischen den Zähnen hervor, die Lippen zum Lächeln verzogen, damit niemand es merkte.

„Ich habe das Tor geöffnet“, sagte Gor’Thak. „Wie besprochen.“

Dhoram blickte in die Menge. Gesichter, Bärte, Narben. Männer, die ihn jetzt als König sahen.

Dann blinzelte er und für einen Herzschlag sah er sie anders.

Ein niedriger Dachboden voller wartender Gestalten, vorn ein improvisierter Richtertisch mit drei Elben, schwarzweiße Illustration.

Fleischlos. Leere Augenhöhlen. Helmfragmente, verrostete Rüstungen, Kiefer mit spitzen Zähnen. Sie standen an derselben Stelle, bewegten dieselben Münder, aber in einem anderen Licht waren sie nicht mehr lebendig.

Er riss den Blick fort, keuchte leise. „Nein.“

„Doch“, sagte Gor’Thak, ruhig wie Stein. „Du wolltest ein Heer, das nie fällt. Hast du geglaubt, das ginge mit warmem Blut?“

Dhoram merkte, wie sein Herz schneller schlug und gleichzeitig langsamer, als würde es sich an einen anderen Takt gewöhnen. Einen Trommelrhythmus, der weit draußen erschallte, durch Schädelhallen und Untergänge.

Der Erzpriester trat zurück. „Majestät“, sagte er, „das Volk erwartet eure erste Verfügung.“

Alle Augen ruhten auf Dhoram.

Er wollte sagen: Wir ziehen uns zurück. Wir öffnen die Tore. Wir brechen den Pakt.
Stattdessen hörte er, wie seine Stimme klar und fest durch die Halle rollte, und die Worte waren nicht die, die er in seinem Kopf hatte:

„Schmiedet die Rüstungen neu“, sagte er. „Verdoppelt die Garde am Westtor. Und schickt Boten ins Schwarztal. Sagt Gor’Thak: Der Thron ist bereit.“

Ein Raunen ging durch die Halle, ehrfürchtig und erschrocken zugleich. Die meisten verstanden den letzten Satz nicht. Ein paar Alte wurden kreidebleich.

Dhoram verstummte.

Ich hab das nicht gesagt, dachte er. Ich hab das nicht—

„Natürlich hast du das“, flüsterte Gor’Thak. „Du bist mein Tor. Ein Tor, das man nicht von innen schließt.“

Dhoram senkte den Blick. Der Schatten zu seinen Füßen war dunkler als die anderen. Breiter. Und als die Zwerge „Lang lebe der König!“ riefen, sah er, wie sich mitten in seiner Silhouette etwas bewegte, als würde jemand anders darin stehen und mit ihm die Hände heben.

Für einen Augenblick, einen einzigen, sah er im schwarzen Umriss einen Helm mit Orkhörnern.

Da begriff Dhoram den eigentlichen bitteren Witz an seinem Pakt:

Er hatte seine Familie geopfert, um König der Zwerge zu werden –
und gemerkt, dass er nur die Maske des untoten Orkherrschers trug.

Der Berg jubelte, die Schmieden dröhnten, die Becher klirrten.

Und tief unter Khar-Grund, in der Finsternis des Schwarztals, lehnte sich Gor’Thak auf seinem Knochenthron zurück, schloss die leeren Augen und lächelte zufrieden.

Endlich musste er keinen Krieg mehr führen.
Der neue Zwergenkönig würde das für ihn erledigen.

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