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Corpus Delicti – Liminal (Kurzcheck)
🧿 Kurzfazit
Liminal ist kein Nostalgie-Album zum Abhaken, sondern ein ziemlich souveräner Zeitsprung: Corpus Delicti klingen, als hätten sie die Neunziger nie verlassen und trotzdem heimlich alle guten Post-Punk-Platten der letzten 20 Jahre inhaliert. Ein Comeback, das eher Präsenz als Denkmal ist.
🎯 Für wen?
Für Gothic-Rock- und Darkwave-Fans, die Sylphes und Obsessions im Regal stehen haben und wissen, warum Sarabands mehr als nur eine Best-of war. Für Leute, denen heutiger TikTok-Goth zu glatt ist und die lieber in verrauchten Kellerclubs als auf Instagram-Festivals leben.
🎧 Wie klingt das?
Dunkler Gothic-Rock mit Post-Punk-Kante, frostigem Bass und diesen typisch schimmernden Gitarren, die wie Neonlicht im Nebel hängen. Der Sound ist klar produziert, aber nicht poliert, die Drums treiben, der Gesang schwankt zwischen pathetischer Beschwörung und kalter Distanz. Zeitloser 90er-Flair, der sich spürbar ins Jahr 2025 rübergerettet hat.
💿 Highlights
Crash, Room 36, This Sensation
⚠️ Nichts für dich, wenn…
du deinen Gothic lieber als Synth-Pop mit Disney-Filter hörst und schon bei Worten wie Batcave, Deathrock oder Jean-Luc-Verna die Augen verdrehst.
👁🗨 Corpus Delicti – Liminal: Wenn ein Kult-Gespenst wieder greifbar wird
28 Jahre Studiofunkstille, ein fast schon mythisch verklärtes Kultalbum namens Sylphes im Rücken, dazu ein kompletter Markt, der sich vom Tape-Trading zum Algorithmus-Streaming gedreht hat: Eigentlich war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein neues Corpus-Delicti-Album entweder als peinlicher Nostalgie-Zombie oder als glattgebügelte Modernisierung endet. Liminal macht beides nicht. Die Franzosen knüpfen hörbar an ihre Neunziger-Wurzeln an, schieben aber genug Gegenwartsdringlichkeit in Songwriting und Produktion, dass hier kein Museumsexponat, sondern ein lebendiger, ziemlich selbstbewusster Gothic-Rock-Brocken steht.
🎧 Was erwartet dich?
- Genre(s): Gothic Rock, Post-Punk, Darkwave-Flair
- Vergleichbar mit: Eine dunklere Schnittmenge aus The Mission, frühen The Cure und den schärferen Momenten von Christian Death, gewürzt mit einem Hauch moderner Post-Punk-Schärfe à la She Past Away, aber immer klar als eigenes Ding erkennbar.
- Klangfarbe: Liminal lebt von seinem Bass. Der zieht sich wie ein schwarzes Rückgrat durch die Songs, stoisch, knarzig, immer leicht nach vorne gemischt. Darüber legen sich Gitarren, die selten prahlen, sondern Linien zeichnen: schimmernd, sirrend, manchmal beinahe Shoegaze-haft weich, dann wieder sägend, fast schon Deathrock. Das Schlagzeug hält das alles mit einem trockenen, organischen Groove zusammen, der eher Club als Stadion sagt.
Der Gesang von Sébastien Pietrapiana ist nach wie vor der heimliche Hauptdarsteller: nasal-düster, aber melodisch, mit diesem leicht theatralischen Vibe, den heute kaum noch jemand ernsthaft hinbekommt, ohne in Parodie zu kippen.Die Produktion klingt modern genug, um neben aktuellen Darkwave-Veröffentlichungen nicht alt auszusehen, lässt den Songs aber Luft. Es gibt keine Loudness-War-Betonplatte, sondern Raum für Dynamik, Reverb-Schatten und dieses Gefühl, dass die Band tatsächlich in einem Raum steht.
✨ Highlights
- Crash: Der Opener wirkt wie eine Zeitkapsel, die jemand direkt aus 1994 in 2025 geworfen hat. Ein klassischer Corpus-Delicti-Aufschlag: verzögerter Gitarrenauftakt, dann schiebt der Bass wuchtig nach vorne, das Schlagzeug zieht einen marschartigen Groove, während die Stimme zwischen Beschwörung und Refrain-Haken pendelt. Crash könnte problemlos auf Sylphes stehen, nur mit etwas klarerer Produktion und einem Hauch mehr Low-End. Perfekter Einstieg für alte Fans, die wissen wollen, ob die Band ihr eigenes Erbe noch versteht.
- Room 36: Die Vorab-Single ist der eigentliche Schlüsseltrack des Albums. Room 36 verknappt den Corpus-Sound auf eine dichte, nervöse Post-Punk-Essenz: fuzzige Gitarren, ein Bass, der an die aggressiveren Momente von Killing Joke erinnert, dazu ein durchgehend treibender Beat. Die Atmosphäre ist klaustrophobisch, wie ein Hotelzimmer, das zu klein für all die Geister ist, die darin wohnen. Das dazugehörige Video mit Jean-Luc Verna als zentraler Figur macht aus dem Song eine kleine Noir-Horror-Performance. Musikalisch ist das die härtere, modernere Seite von Liminal, die zeigt, dass die Band verstanden hat, warum ihr Sound heute wieder relevant ist.
- This Sensation: Hier schlägt das Album seine Brücke Richtung Deathrock und klassischer Gothic-Romantik. Ein kompakterer Song, der seine Dringlichkeit nicht aus Tempo, sondern aus Spannung bezieht. Gitarren und Bass verschränken sich zu einem wogenden Teppich, über dem der Gesang fast mantrahaft kreist. Mehrere Reviews verweisen auf Christian-Death-Vibes, und das passt: This Sensation klingt wie eine düstere Liturgie über verlorene Körper und hartnäckige Erinnerungen, gleichzeitig hymnisch und intim. Ein Paradebeispiel dafür, wie Corpus Delicti es schaffen, große Gesten zu fahren, ohne kitschig zu werden.
🪦 Besondere Momente
- Der Titeltrack als Schlussportal: Liminal beschließt das Album mit einem knapp siebenminütigen Stück, das sich langsam öffnet. Hier werden die Gitarren flächiger, beinahe Shoegaze, die Rhythmusgruppe hält sich zunächst zurück, der Song wirkt wie ein Gang durch einen Traumflur voller flackernder Lampen. Erst nach und nach verdichtet sich alles zu einem Finale, das eher trägt als explodiert. Der Titel ist Programm: Liminal fühlt sich an wie eine Schwelle, nicht wie ein Punkt.
- Under His Eye und der Mut zur Instrumentenfarbe: In Under His Eye tauchen plötzlich Piano und sogar ein Trombone auf, ohne dass es nach Fremdkörper klingt. Die zusätzlich eingespielten Parts von Frédéric Allavena und Max Abrieu sorgen für eine leicht sakrale, aber nicht überladen pompöse Note. Es wirkt eher wie eine schiefe Kapellenmusik am Ende der Welt, die von einem Kellerclub-Mixer eingefangen wurde. Ein schönes Beispiel dafür, wie man neue Farben in einen etablierten Sound holt, ohne ihn zu verbiegen.
- Visual Art als Teil der Musik: Die Zusammenarbeit mit Jean-Luc Verna ist kein beiläufiger Bonus, sondern ein Statement. Die Kunstfigur im Video zu Room 36 und das markante Covermotiv greifen ineinander. Das Artwork basiert auf einer Zeichnung des Künstlers, eingebettet in ein von Elliot und Sébastien Pietrapiana gestaltetes Coverkonzept, fotografiert von Christian Perez. Ergebnis ist kein austauschbares Digitalcover, sondern ein Bild, das tatsächlich nach zeitgenössischer Kunst und nicht nach Stock-Template aussieht.
- Reunion mit Plan statt Nostalgie-Scheindasein: Schon die Singles Chaos und A Fairy Lie hatten angedeutet, dass die Band es ernst meint. Liminal knüpft daran an und fügt sich in einen länger geplanten Comeback-Bogen: Reunion 2020, gefeierte Live-Shows, das Live-Album From Dust To Light, jetzt das erste Studioalbum seit drei Jahrzehnten. Das wirkt nicht wie ein einmaliger Grabraub am eigenen Backkatalog, sondern wie eine zweite Karrierehälfte, die bewusst aufgezogen wird
📜 Hintergrund
Corpus Delicti gehören zu den Namen, die in jeder ernst gemeinten Gothic-Diskussion über die Neunziger auftauchen. Twilight, Sylphes und Obsessions haben der europäischen Goth-Szene einen eigenständigen französischen Akzent gegeben: melodisch, romantisch, aber mit genug Kante, um nicht im Fledermaus-Kitsch zu versinken. Die Band löste sich 1997 auf, tauchte in diversen Best-ofs und Reissues wieder auf und wurde über die Jahre fast schon zum Geheimtipp der Jüngeren, die das Genre rückwärts entdecken.
Der erneute Auftritt ab 2020 kam nicht als reines Revival-Paket. Nach einer Reihe von Reunion-Shows, die schnell ausverkauft waren, erschien 2024 das Live-Album From Dust To Light, aufgenommen in Mexiko-Stadt. Kurz darauf folgten die neuen Singles Chaos und A Fairy Lie, die schon andeuteten, dass Corpus Delicti nicht nur das alte Material verwalten wollen. Liminal ist jetzt der logische nächste Schritt: ein vollwertiges neues Album über Twilight Music, inklusive aufwendiger Vinyl-Editionen, Bonus-Single für frühe Besteller und einer UK-Tour 2026.
Spannend gewiss, dass sich die Kritik hier ziemlich einig ist. Peek-a-Boo vergibt 95 von 100 Punkten und lobt Liminal als nahezu ideales Beispiel dafür, wie eine klassische Gothic-Rock-Band in der Gegenwart klingen kann. Andere Magazine sprechen von einem der wichtigsten Genre-Releases des Jahrzehnts, zumindest, wenn Room 36 als Indikator genommen wird.
🪓 Fazit
Liminal ist kein revolutionäres Album, das Gothic Rock neu erfindet. Es ist etwas anderes, fast Schwierigeres: ein spätes Werk, das die eigene Geschichte ernst nimmt und trotzdem nicht verstaubt. Corpus Delicti schreiben keine Hymnen für Streaming-Playlists, sondern Songs, die nach Kellerclub, verschwitzten Nächten und zu langen Heimwegen im Morgengrauen klingen.
Wenn du mit Sylphes sozialisiert wurdest, wirkt Liminal wie der Besuch eines alten Freundes, der grauer geworden ist, aber genau weiß, was er tut. Wenn du neu im Thema bist, ist das hier eine der seltenen Gelegenheiten, einen echten Neunziger-Kultact beim überzeugenden zweiten Frühling zu erwischen.
Für mich ist Liminal damit ein Pflichtkauf für alle, die den Begriff Gothic Rock nicht als bloße Spotify-Kategorie, sondern als Haltung verstehen.

| Künstler: | Corpus Delicti |
| Albumtitel: | Liminal |
| Erscheinungsdatum: | 28. November 2025 |
| Genre: | Gothic Rock / Post-Punk |
| Label: | Twilight Music Production |
| Spielzeit: | ca. 42 Minuten |
Crash
Room 36
It All Belongs To You
This Sensation
Under His Eye
Chaos
Fate
Endless Sighs
Out Of Steam
Liminal
🎬 Corpus Delicti – Fate (Official Video)
Offizielles Video zu „Fate“ vom Album „Liminal“. Ein weiterer Blick auf den aktuellen Gothic Rock Sound von Corpus Delicti.
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