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Wenn der Artusroman Jiddisch spricht
📰 Was ist los?
Die ÖAW stellt in einem Interview den altjiddischen Ritterroman „Widuwilt“ vor. Astrid Lembke, Professorin für Germanistische Mediävistik an der Universität Mannheim, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Text. Der „Widuwilt“ überträgt einen hochmittelalterlichen Artusstoff in einen jüdischen, jiddischsprachigen Kontext.
🐛 Was denken wir?
Das ist ein wunderbarer Kulturtreffer. Nicht nur, weil Drachen und Ritter vorkommen, sondern weil hier sichtbar wird, dass Fantasy immer schon ein reisendes Genre war: Stoffe wandern, Sprachen wechseln, Figuren verändern sich, und plötzlich sitzt Artus nicht mehr nur im höfischen Mittelhochdeutsch, sondern auch mitten in jiddischer Erzählkultur.
🐉 Fantasy des Mittelalters auf Jiddisch: Ritter, Drachen und der „Widuwilt“
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften zeigt, wie nah alte Artusstoffe und moderne Fantasy beieinanderliegen
Fantasy gab es schon, bevor sie Fantasy hieß. Sie trug nur andere Kleider, ritt auf höfischen Pferden durch Handschriften und sprach manchmal eben auch Jiddisch.
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat ein schönes Interview mit der Mediävistin Astrid Lembke veröffentlicht. Darin geht es um den altjiddischen Ritterroman „Widuwilt“, eine Bearbeitung des mittelhochdeutschen Artusromans „Wigalois“ von Wirnt von Grafenberg. Der Text zeigt, wie mittelalterliche Erzählstoffe in neue kulturelle Kontexte wanderten – und wie vertraut vieles davon für heutige Fantasy-Leser klingt: Ritter, Drachen, gefährliche Abenteuer, starke Frauen, Identitätssuche und eine Welt, in der das Wunderbare nicht erst um Erlaubnis bittet.

🏰 Der „Widuwilt“: Artusstoff mit neuem kulturellem Echo
Der „Widuwilt“ entstand im 15. oder 16. Jahrhundert und basiert auf dem mittelhochdeutschen „Wigalois“. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine plumpe Übersetzung, sondern um eine eigenständige Bearbeitung für ein jüdisches Publikum. Der junge Held sucht seinen Vater, kämpft gegen ritterliche und riesenhafte Gegner, trifft monströse Waldbewohnerinnen und wird sogar von seiner Braut vor einer ungewollten Hochzeit gerettet.
Das klingt erstaunlich modern. Nicht, weil mittelalterliche Literatur heimlich Netflix erfunden hätte. Sondern weil viele Grundmuster bis heute funktionieren: Herkunftsgeheimnis, Prüfung, Monsterkampf, gefährliche Reise, Identitätsfindung, Familienzusammenführung. Nur dass hier eben kein Marketingetikett „Fantasy“ auf dem Einband klebte.
🐲 Drachen waren nie nur Dekoration
Besonders schön ist der Drachenaspekt. In modernen Fantasywelten sind Drachen oft Freunde, Reittiere, uralte Weise oder Prestige-Haustiere mit Brandgefahr. Im Mittelalter waren sie meist gefährlicher, feindlicher, stärker mit Herrschaft, Gewalt und Ordnung verbunden.
Astrid Lembke hat selbst zu Drachen in mittelalterlicher und moderner Literatur gearbeitet. In einem wissenschaftlichen Beitrag beschreibt sie, dass Drachenkämpfe im Mittelalter häufig genutzt wurden, um über Identität, Hierarchie, Herrschaft und Gewalt nachzudenken.
Das ist der Punkt, an dem die Sache für Fantasykosmos richtig interessant wird. Der Drache ist nie nur ein großes Reptil mit Feuerproblem. Er ist ein Prüfstein. Wer gegen ihn kämpft, verhandelt zugleich Macht, Selbstbild und soziale Ordnung. Mit anderen Worten: Schon im Mittelalter war der Drachenkampf selten nur Bosskampf. Er war Worldbuilding mit Zähnen.
👑 Starke Frauen, andere Akzente
Der „Widuwilt“ ist auch deshalb spannend, weil die Übertragung in einen neuen kulturellen Kontext Figuren und Akzente verändert. Die ÖAW hebt hervor, dass mittelalterliche Stoffe beim Wechsel von Sprache, Publikum und Zeit nicht einfach gleich bleiben. Sie werden angepasst, verschoben, neu gewichtet.
Gerade für Fantasy ist das ein wichtiger Gedanke. Wir tun oft so, als seien Motive wie Ritter, Drachen, Zauber, Prüfungen und verborgene Herkunft fest verdrahtet. In Wahrheit waren sie immer beweglich. Jeder kulturelle Raum macht etwas Eigenes daraus. Der „Widuwilt“ zeigt genau das: ein bekannter Artusstoff, aber anders erzählt, anders gebrochen, anders adressiert. Kein geschlossenes Denkmal, sondern lebendige Stoffwanderung.
🧭 Fantasy war immer unterwegs
Der Reiz dieser ÖAW-Meldung liegt deshalb nicht nur in der schönen Kuriosität „jiddischer Ritterroman mit Drachen“. Sie erinnert daran, dass Fantasy keine moderne Erfindung aus Verlagsschubladen, Rollenspielregalen und Streamingalgorithmen ist. Fantasy steht auf alten Fundamenten.
Auf Artusromanen. Auf höfischer Epik. Auf Heiligenlegenden. Auf jüdischen Bearbeitungen. Auf Wandergeschichten. Auf Handschriften, die Stoffe nicht konservierten, sondern beweglich hielten. Der „Widuwilt“ ist dafür ein wunderbares Beispiel: Mittelalterliche Fantasy, bevor sie so hieß – und zugleich ein Beweis dafür, dass große Erzählmotive nie nur einer Sprache, einer Kultur oder einem Regal gehören.
🪓 Der Drache sprach auch Jiddisch
Die ÖAW-Meldung ist ein Kulturfundstück, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um Tiefenschärfe: Wer moderne Fantasy verstehen will, sollte auch ihre alten Seiten kennen.
Der „Widuwilt“ zeigt, dass Ritter, Drachen und gefährliche Questen längst durch Europa wanderten, bevor jemand „High Fantasy“ auf ein Buchrückenetikett schrieb. Und genau das ist die schönste Pointe: Der Abenteurer musste nicht erst nach Mittelerde wandern. Manchmal reichte schon ein jiddischer Artusroman.






