Einar Solberg – Vox Occulta (Review)

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Einar Solberg – Vox Occulta

🧿 Kurzfazit
Vox Occulta ist ein großes, aufwendig gebautes Soloalbum von Einar Solberg: stimmlich spektakulär, orchestral wuchtig, kompositorisch ambitioniert, aber nicht immer frei von Überinszenierung. Zu gut für Spott, zu aufgeblasen für bedingungslose Ehrfurcht.

🎯 Für wen?
Für Hörer, die Leprous mögen, aber noch mehr Orchester, Drama, Theaterlicht und emotionale Überhöhung vertragen. Wer bei Devin Townsend, Pain Of Salvation, Agent Fresco oder symphonischem Prog nicht sofort den Fluchtweg sucht, dürfte hier einiges finden.

🎧 Wie klingt das?
Wie ein Prog-Album, das sich nicht mit einem Proberaum zufriedengibt, sondern direkt einen Konzertsaal mietet, die Streicher aufstellt und dann fragt, ob irgendwo noch ein Weltuntergang frei ist. Groß, sauber, dynamisch, manchmal hinreißend, manchmal aber auch so bedeutungsschwer, dass man kurz lüften möchte.

💿 Highlights
Medulla, Liberatio, Vita Fragilis, Grex

⛔ Nichts für dich, wenn…
du bei Orchester-Pathos, Falsett-Drama und emotionaler Maximalbeleuchtung sofort innerlich aussteigst. Vox Occulta flüstert nicht. Es stellt sich auf eine Klippe und erklärt dem Himmel langwierig die eigene Verletzlichkeit.

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‪‪🎭 Einar Solberg – Vox Occulta: Wenn Prog plötzlich Oscar will

Einar Solberg veröffentlicht mit Vox Occulta sein zweites Soloalbum. Die Platte erscheint am 24. April 2026 über InsideOutMusic, umfasst acht Songs und wurde gemeinsam mit dem Norwegian Radio Orchestra eingespielt. Produziert wurde Vox Occulta von Einar Solberg und David Castillo, gemischt von Adam Noble. Neben dem Leprous-Frontmann wirken unter anderem Keli Guðjónsson von Agent Fresco, Chris Baum von Bent Knee, Ben Levin, John Browne von Monuments, Pierre Danel von Novelists und Jed Lingat mit.

Das klingt auf dem Papier natürlich alles nach einem echten Ereignis. Orchester. Prog. Metal. Pop. Falsett. Growls. Pathos. Lateinische Titel. Und dazu dieser große Selbstentwurf: Einar Solberg möchte als cineastische Persönlichkeit des Prog wahrgenommen werden. Das ist ein Satz, bei dem man entweder ehrfürchtig nickt oder sofort den inneren Samtvorhang anzündet.

Die Wahrheit liegt, wie so oft bei großem Kunstanspruch, mitten im gut ausgeleuchteten Nebel. Vox Occulta ist kein billiger Bombast-Unfall. Dafür kann Einar Solberg zu viel. Aber es ist auch nicht das ganz große Offenbarungswerk, als das es sich bisweilen selbst inszeniert. Es ist ein stark gesungenes, beeindruckend arrangiertes, manchmal überwältigendes und manchmal arg selbstverliebtes Album zwischen Prog, Orchesterdrama und Gefühlsarchitektur mit eingebautem Marmortreppenhaus.

Dazu passt das Cover fast schon erschreckend gut: Einar Solberg im Smoking, schwarzweiß ausgeleuchtet, mit rotem Einstecktuch und Filmplakat-Typografie. Keine Band, kein Instrument, kein Symbolchaos, kein fantastischer Abgrund. Nur der Künstler als Hauptdarsteller seiner eigenen großen Innenraumpremiere. Das ist stilvoll, keine Frage. Aber es legt die Latte auch absurd hoch. Wer so auftritt, darf sich nicht wundern, wenn man fragt, ob unter dem Anzug wirklich ein Abgrund steckt — oder nur sehr viel Eitelkeit.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Progressive Metal, Symphonic Prog, Cinematic Rock, Art Pop, Modern Classical
Vergleichbar mit: Leprous ohne Banddemokratie, Pain Of Salvation mit mehr Kinoleinwand, Devin Townsend ohne kosmischen Irrwitz, Agent Fresco mit größerem Saal und weniger körperlicher Unmittelbarkeit.
Klangfarbe: Hier klingt vieles wie ein seelischer Ausnahmezustand im Festspielhaus. Streicher steigen auf, Gitarren brechen hinein, Drums arbeiten präzise gegen die große Geste, und Einar Solberg singt, als müsse jede Silbe gleichzeitig Beichte, Anklage und Trailerfinale sein. Vox Occulta ist warm, massiv, transparent produziert und fast immer auf Wirkung gebaut. Das ist seine Stärke — und sein Problem. Denn wo alles leuchtet, wird Schatten schnell zur musikalischen Mangelware.

Highlights

Medulla
Hier funktioniert der große Solberg-Anspruch am besten, weil der Song nicht nur schwebt, sondern beißt. Das metallische Fundament gibt der ganzen Theatralik Reibung. Einar Solberg darf seine Stimme ausfahren, aber der Song hält dagegen. Genau das braucht dieses Album: nicht nur Erhebung, sondern Widerstand. Medulla ist groß, aber nicht nur groß gemeint. Das ist ein Unterschied.

Liberatio
Liberatio beginnt mit jener Art von Streicherspannung, die sofort nach innerem Drama klingt, kippt dann aber in eine erstaunlich griffige Struktur. Der Refrain öffnet sich weit, ohne völlig ins Zuckrige zu fallen. Natürlich ist das pathetisch. Natürlich will dieser Song nicht einfach gefallen, sondern getragen werden. Aber hier gelingt der Balanceakt zwischen Kammersaal und Prog-Bühne ziemlich überzeugend.

Vita Fragilis
Der stärkste Moment für alle, die Vox Occulta nicht als reines Schönklangalbum hören wollen. Vita Fragilis hat mehr Kante, mehr Druck und eine spürbare Unruhe. Die harschen Vocals bringen dringend benötigte Erdung in das orchestrale Geschehen. Gerade weil der Song nicht auf klassische Strophe-Refrain-Sicherheit setzt, wirkt er lebendiger als manche sauberer gebaute Passage. Hier klingt das Album kurz nicht nur teuer, sondern gefährlich.

Grex
Fast zwölf Minuten sind im Prog manchmal eher Einladung als Straftatbestand. Grex liegt irgendwo dazwischen, aber auf der richtigen Seite. Der Song nimmt sich viel Raum, manchmal vielleicht etwas zu viel, entwickelt aber tatsächlich eine eigene Sogwirkung. Hier kann Einar Solberg seine cineastische Idee ausbreiten, ohne bloß Effekt an Effekt zu kleben. Nicht alles ist zwingend, aber vieles hat Atmosphäre. Und das Finale zieht noch einmal ordentlich an.


🎨 Artwork

Das Cover von Vox Occulta ist fast schon der ehrlichste Moment des Albums. Schwarzweiß, Smoking, ernster Blick, rotes Einstecktuch, große Typografie, unten die Mitwirkenden wie auf einem Filmplakat. Das sieht weniger nach Progressive Metal aus als eher nach Prestige-Kino, Preisverleihung und sehr sorgfältig arrangierter Selbstmythologie.

Und genau deshalb passt es perfekt. Einar Solberg verkauft Vox Occulta nicht als Platte, sondern als Ereignis. Als Hauptrolle. Als große Produktion mit Orchester, Gästeliste und dem Versprechen, dass hier nicht einfach Songs gespielt werden, sondern Bedeutung den Raum betritt.

Das kann man mutig nennen. Man kann es aber auch ziemlich eitel finden. Denn das Cover stellt die zentrale Frage des Albums bereits vor dem ersten Ton: Ist das hier große Kunst mit filmischer Wucht oder steht da jemand im Anzug vor dem eigenen Pathos und wartet, dass der Vorhang aufgeht?

Optisch ist das sauber, edel und konsequent. Aber es ist auch gefährlich nah an jener Art von Selbstinszenierung, bei der Prog plötzlich nicht mehr nach Abenteuer klingt, sondern nach Bewerbungsvideo für die Hauptrolle im eigenen Seelendrama.


🪦 Besondere Momente

Der zentrale Reiz von Vox Occulta liegt in der Zusammenarbeit mit dem Norwegian Radio Orchestra. Das Orchester ist hier nicht bloße Verzierung im Hintergrund, kein später aufgeklebter Goldrand für ohnehin fertige Songs. Es ist Teil der Grundidee. Viele Stücke denken von Anfang an in Bögen, Spannungen, Steigerungen und dramatischen Räumen.

Das ist beeindruckend, aber auch riskant. Denn Einar Solberg besitzt eine Stimme, die ohnehin schon viel Raum beansprucht. Wenn dazu noch Orchester, schwere Gitarren, komplexe Rhythmik und emotionale Hochspannung kommen, entsteht nicht immer Tiefe. Manchmal entsteht schlicht Fülle. Und Fülle ist nicht automatisch Bedeutung.

Am besten ist Vox Occulta, wenn die Wucht gebrochen wird: durch metallische Härte, durch rhythmische Verschiebung, durch dunklere Momente, durch kontrollierten Rückzug. Am schwächsten ist es dort, wo jeder Abschnitt so klingt, als wolle er unbedingt ein Schlüsselmoment sein. Dann wird aus Kino schnell Trailerlogik.

📜 Hintergrund

Einar Solberg ist als Sänger, Keyboarder und zentrale Stimme von Leprous längst eine der markantesten Figuren des modernen Prog. Seine Stimme ist dabei Fluch und Segen zugleich. Sie ist unverkennbar, technisch enorm, emotional sofort identifizierbar — aber sie kann Songs auch dominieren, bis kaum noch Luft zwischen Komposition und Ausdruck bleibt.

Sein erstes Soloalbum 16 war persönlicher, direkter und in Teilen noch stärker an der Frage interessiert, wie weit sich Solberg von Leprous entfernen kann, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren. Vox Occulta geht nun einen anderen Weg: größer, breiter, orchestraler, selbstbewusster. Dieses Album will nicht suchen. Es will auftreten.

Und genau darin liegt seine Spannung. Vox Occulta klingt nicht wie ein Künstler, der zufällig ein Orchester bekommen hat. Es klingt wie ein Künstler, der den Konzertsaal schon beim Schreiben mitgedacht hat. Das verdient Respekt. Aber Respekt schützt nicht vor Kritik. Denn wer so groß baut, muss sich fragen lassen, ob im Inneren jedes Raumes auch wirklich etwas steht.

🪓 Fazit: Eine offene Klinge statt eines Grabsteins

Vox Occulta ist ein gutes Album. In einigen Momenten sogar ein starkes. Einar Solberg singt überragend, die Produktion ist hochwertig, das Orchester ist sinnvoll eingebunden, und die besten Songs besitzen eine echte Mischung aus Kraft, Schönheit und Unruhe. Medulla, Liberatio, Vita Fragilis und Grex zeigen, dass dieser Ansatz funktionieren kann.

Aber Vox Occulta ist auch ein Album, das seinem eigenen Anspruch manchmal zu sehr aufs Glatteis folgt. Der cineastische Gestus wird nicht immer musikalisch verdient. Einige Passagen wirken, als solle die große Form fehlende Schärfe ersetzen. Nicht jeder emotionale Ausbruch ist automatisch Tiefe. Nicht jeder Streicherbogen ist ein Abgrund. Und nicht jeder lateinische Titel macht aus Pathos gleich Kunst.

Trotzdem wäre es falsch, diese Platte als bloßes Kitschtheater abzutun. Dafür ist sie zu präzise gearbeitet, zu gut gesungen und in ihren besten Momenten zu wirkungsvoll. Vox Occulta ist vielmehr ein Album an der Grenze: zwischen echter Größe und großer Pose, zwischen Prog-Wagnis und Klangluxus, zwischen innerer Stimme und rotem Teppich.

Am Ende bleibt ein Werk, das beeindruckt, gelegentlich nervt, oft trägt und manchmal zu sehr getragen werden will. Also genau die Sorte Album, über die man einfach ganz wunderbar streiten kann — und sollte.

Albumcover von Einar Solberg – Vox Occulta: Schwarzweißes Porträt von Einar Solberg im Smoking, seitlich in einem dunklen, eleganten Innenraum stehend; als einziger Farbakzent leuchtet ein rotes Einstecktuch, links stehen Albumtitel und Künstlername in großer Filmplakat-Typografie.
Künstler:Einar Solberg
Albumtitel:Vox Occulta
Erscheinungsdatum:24. April 2026
Genre:Progressive Metal, Symphonic Prog, Cinematic Rock
Label:InsideOutMusic
Spielzeit:ca. 54 Minuten

Trackliste:

Stella Mortua
Medulla
Vox Occulta
Liberatio
Serenitas
Vita Fragilis
Grex
Anima Lucis

🎬 Offizielles Video

Offizielles Video zu „Vita Fragilis“ – ein orchestraler, dramatischer Vorgeschmack auf Vox Occulta. Bereitgestellt vom offiziellen InsideOutMusicTV-Channel auf YouTube:

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