Evermore – Mournbraid (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Evermore – Mournbraid

🧿 Kurzfazit
Mournbraid ist ein sehr gutes, kantiges Power-Metal-Album mit dicker Hook-Dichte, starkem Gesang und erfreulich viel Stahl in den Gitarren. Kein Genrewunder. Aber ein verdammt überzeugender Beleg dafür, dass klassischer europäischer Power Metal 2026 noch immer nicht klingen muss wie aufgewärmter Festival-Met.

🎯 Für wen?
Für alle, die Nocturnal Rites, Edguy in starker Phase, Avantasia ohne Theater-Übergewicht und Helloween mit etwas mehr Druck mögen. Wer Power Metal nur dann akzeptiert, wenn entweder Einhörner explodieren oder alles nach Plastik riecht, ist hier falsch.

🎧 Wie klingt das?
Scharfe Riffs, klare Leads, treibende Drums, viel Melodie, aber selten zu viel Zuckerguss. Johan Haraldsson hält das Ganze mit einer flexiblen Stimme zusammen, während die Produktion breit und modern ist, den Gitarren aber genug Biss lässt. Eher Stahlklinge als Samtumhang.

💿 Highlights
Underdark, Armored Will, Ravens At The Gates

⚠️ Nichts für dich, wenn…
du bei jeder hörbaren Referenz sofort das Original aus dem Regal ziehst und neuen Bands grundsätzlich erst dann Glauben schenkst, wenn sie das Genre komplett neu verkabeln.


‪‪⚔️ Evermore – Mournbraid: Wenn der Trauerzopf eine Stahlklammer trägt

Evermore sind inzwischen beim dritten Album angekommen, und genau an diesem Punkt trennt sich bei solchen Bands oft die Spreu vom Eisen. Das Debüt Court Of The Tyrant King stellte 2022 die Grundmauern hin, In Memoriam schob 2023 mehr Größe und mehr Feinschliff nach, und Mournbraid muss nun Beweis führen, ob aus einer sehr guten Power-Metal-Band auch eine wirklich markante werden kann. Die Antwort fällt zweigeteilt aus: Diese Platte ist stark, scharf, eingängig und handwerklich verdammt sattelfest. Aber sie trägt ihre Einflüsse auch so offen vor sich her, dass die eigene Signatur noch nicht ganz so tief eingebrannt ist, wie man es bei Album Nummer drei vielleicht gern hätte.

Was Evermore dabei klar von der bunten Resteverwertung des Genres trennt, ist ihr Zugriff auf musikalische Härte. Das hier ist kein Federboa-Power-Metal mit Schaumkrone, sondern ein Album, das die Melodie liebt, ohne die Gitarren zu entmannen. Die Songs drücken, die Refrains sitzen, und selbst wenn der Geist von frühen 2000ern permanent durch den Raum läuft, klingt Mournbraid nicht wie nach peinlichem Cosplay-Messe-Auftritt, sondern wie eine Band, die ihre Klassiker sehr genau studiert hat und jetzt versucht, daraus ein eigenes Schwert zu schmieden.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Melodic Power Metal, Heavy Metal, stellenweise mit leichter Bombast-Schlagseite
Vergleichbar mit: frühe 2000er zwischen Edguy, Nocturnal Rites, Avantasia und einer gut geschliffenen Judas Priest-Stahlkante
Klangfarbe: Ein Album mit dem Sound einer frisch polierten Klinge in einer alten Waffenkammer. Alles daran wirkt vertraut, aber nicht abgestanden. Die Gitarren schneiden ordentlich, die Keys unterstützen eher, als dass sie den ganzen Laden in Zuckerwatte ertränken, und der Gesang trägt die Songs nicht als Operngedöns, sondern nach Art eines echten Front-Shouters. Gerade das macht Mournbraid so angenehm: Es will groß sein, aber nicht albern. Es will episch sein, aber nicht effekthascherisch, es will einfach nur treffen. Und das tut es meistens.

Highlights

Underdark
Der Opener nach dem kurzen Intro ist die vielleicht beste Visitenkarte des Albums. Hier sitzt fast alles: Tempo, Schärfe, Refrain, Haltung. Der Song war nicht umsonst die dritte Vorabnummer und das offizielle Video-Stück, denn er zeigt diese Band genau dort, wo sie am stärksten ist: melodisch, druckvoll und deutlich metallischer als ein Großteil der Konkurrenz. Dazu kommt die düstere inhaltliche Kante, weil Underdark laut Band eine Geschichte über Isolation, Verzweiflung und Depression erzählt. Das verleiht dem Song mehr Gewicht als die übliche Genre-Lyrik-Gymnastik.

Armored Will
Hier klingt Mournbraid am ehesten nach der Version von Evermore, die man künftig gern noch deutlicher hören würde. Der Song vereint Pathos, Vorwärtsdrang und eine angenehm harte Grundierung, ohne in blankes Posieren abzugleiten. Statt nur die üblichen Power-Metal-Schablonen abzuhaken, wirkt Armored Will wie ein Stück, das tatsächlich für die Bühne, fürs Mitbrüllen und fürs Wiederhören gebaut wurde. Wenn die Platte einen Song hat, der nach eigener Fahne riecht und nicht bloß nach gut sortierter Plattensammlung, dann diesen.

Ravens At The Gates
Die zweite Single legt genau den Punkt frei, an dem Mournbraid am meisten Spaß macht: wenn die Band die Melodik nicht als Kuscheldecke benutzt, sondern als Beschleuniger. Das Stück hat Zug, genug Schärfe im Riffing und jene leicht dunklere Färbung, die Evermore ohnehin besser steht als allzu blank polierter Edelmetall-Pomp. Gerade weil der Song nicht künstlich aufpoliert wirkt, bleibt er hängen. Das ist mehr wert als hundert mit Goldlack überzogene Refrains.


🎨 Artwork

Das Cover von Mournbraid setzt nicht auf diffuse Fantasy-Finsternis, sondern auf ein sehr klares, fast schon melodramatisches Bild: Eine Frau mit langem roten Zopf sitzt vor zwei Grabsteinen, darüber ein schwarzer Rabe, im Hintergrund ein riesiger blutroter Mond. Alles ist in tiefe Rot- und Schwarztöne getaucht, als würde die ganze Szene in einer Mischung aus Trauer, Erinnerung und drohendem Unheil stehen.

Gerade dieser rote Zopf in der Bildmitte macht das Artwork so einprägsam. Er wirkt fast wie der eigentliche Titel des Albums in Bildform: etwas Geflochtenes, Persönliches, Schmerzhaftes. Dazu kommen die Grabsteine, der Rabe und der übergroße Mond — lauter Motive, die Verlust, Schwermut und düstere Romantik aufrufen, ohne ins Beliebige abzurutschen.

Das Cover passt deshalb ziemlich gut zur Musik: melodisch, dunkel, pathetisch, aber nicht albern. Es sieht aus wie klassischer Power Metal, nur mit etwas mehr Graberde an den Händen.


🪦 Besondere Momente

Die Rollenverteilung ist hier offensichtlich: Johan Karlsson trägt auf dem Album Gitarre, Bass, Piano und Orchestrierungen, während Andreas Vikland Drums und zusätzlich Gitarren übernimmt. Dadurch entsteht kein klassisches Fünferband-Gefühl, sondern eher ein sehr fokussierter Maschinenraum, in dem jede Entscheidung ziemlich kontrolliert gesetzt wirkt. Das erklärt auch, warum Mournbraid trotz aller Stilwechsel nicht auseinanderfällt. Da schiebt keine lose Session-Mannschaft herum, sondern ein Trio mit klarer Hand an den Hebeln.

Interessant ist auch die thematische Klammer. Laut offiziellem Albumtext erzählt jeder Song eine eigene Geschichte über persönliche Konflikte, Druck, Manipulation oder innere Kämpfe. Gerade The Illusionist (Raise The Curtain) passt dazu gut, weil die Single den sozialen Blender als ausgedienten Bühnenzauberer spiegelt: Täuschung als Aufführung, Lüge als einstudierte Nummer. Das ist kein revolutionärer Kunstgriff, aber immerhin mehr als das übliche „Schwert hoch, Drache tot“.

Und dann ist da noch die Produktion. Aufgenommen wurde das Album im MWC Studio, produziert und gemischt von Marcus „Mackan“ Alfsson, gemastert von Svante bei Chartmakers West. Das hört man dem Material an. Die Platte ist groß und modern genug, um zu drücken, lässt den Gitarren aber genug Raum, damit der ganze Spaß nicht in glattem Studioglanz erstickt. Genau das ist bei dieser Art von Musik Gold wert.

📜 Hintergrund

Evermore kommen aus Karlskrona in Schweden, wurden 2016 gegründet und bestehen im Kern aus Johan Haraldsson, Johan Karlsson und Andreas Vikland. Nach der frühen Northern Cross-Phase und dem eigentlichen Albumauftakt mit Court Of The Tyrant King haben sie sich mit In Memoriam bereits sauber in jene Ecke gespielt, in der klassischer europäischer Power Metal nicht überproduziert, sondern fokussiert, melodisch und zugleich aggressiv daherkommt. Mournbraid führt diese Linie weiter, ohne die Grundformel komplett umzuschreiben.

Genau darin liegt aber auch die offene Baustelle. Evermore können Songs schreiben. Sie können Refrains bauen. Sie können ihr Genre mit spürbarer Liebe und ordentlicher Härte bedienen. Was ihnen noch fehlt, ist jene letzte Unverwechselbarkeit, bei der nach zwanzig Sekunden nicht mehr zuerst fünf andere Bands durchs Hirn laufen. Das ist kein kleines Problem, aber auch kein Todesurteil. Es ist eher die klassische Schwelle vom starken Genrevertreter zur wirklich eigenständigen Größe. Und Mournbraid ist nah genug dran, dass man den nächsten Schritt durchaus noch erwarten darf.

🪓 Fazit: Viel Herz, viel Stahl, noch keine eigene Krone

Mournbraid ist ein Album, das man ziemlich leicht mögen kann und nur schwer abschätzig wegwischen wird. Dafür ist es zu gut gespielt, zu klug gebaut und zu treffsicher in seinen Hooks. Die Platte hat Biss, sie hat Melodien, sie hat Druck, und sie verzichtet erfreulich oft auf jene peinliche Überzuckerung, die Power Metal so gern in die Selbstparodie treibt.

Der Haken bleibt die Identität. Evermore sind auf diesem Album sehr oft exzellent darin, die Tugenden des Genres zu bündeln, statt es zu sprengen. Das reicht für ein starkes, sehr hörbares, stellenweise richtig packendes Album, aber noch nicht ganz für den ganz großen Alleinstellungs-Donnerschlag. Wer damit leben kann, bekommt hier keine Pflichtübung, sondern einen verflucht gutes Power-Metal-Album mit reichlich Schliff und Kante.

Albumcover von Evermore – Mournbraid: Frau mit langem rotem Zopf sitzt zwischen Grabsteinen vor einem riesigen roten Mond, auf einem Stein hockt ein schwarzer Rabe.
Künstler:Evermore
Albumtitel:Mournbraid
Erscheinungsdatum:20. März 2026
Genre:Melodic Power Metal, Heavy Metal
Label:Scarlet Records
Spielzeit:ca. 50 Minuten

Trackliste:

The Void
Underdark
Nightstar Odyssey
Titans
Oath Of Apathy
The Illusionist (Raise The Curtain)
Armored Will
Ravens At The Gates
Mournbraid
Old Man’s Tale (Bonus Track)

🎬 Offizielles Video

Offizielles Video zu „Underdark“ – ein düsterer Vorabgruß aus Depression, Druck und melodischem Stahl. Bereitgestellt vom offiziellen Scarlet Records-Channel auf YouTube:

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