
Angellore – Nocturnes
🧿 Kurzfazit
Nocturnes ist ein wahrhaft prachtvolles Gothic-Doom-Album zwischen schwerer Melancholie, Märchenwald, Kammermusik, Funeral-Schatten und dunkler Romantik. Angellore spielen nicht auf schnellen Effekt, sondern bauen aus fünf langen Stücken eine eigene Nachtwelt, in der Flöte, Oboe, Bassklarinette, Cello, Klavier, klare Stimmen und harsche Vocals langsam ineinanderwachsen.
🎯 Für wen?
Für Dunkelherzen, die bei Theatre Of Tragedy, Tristania, Draconian, Saturnus, Empyrium, altem Gothic Doom, romantischem Death-Doom und schwermütigem Dark Metal nicht an Kitsch denken, sondern an Kerzen, Ruinen, Nebel, große Stimmen und sehr dramatische Spaziergänge durch Wälder, aus denen man besser nicht allein zurückkehrt.
🎧 Wie klingt das?
Wie ein nächtlicher Waldweg, der erst harmlos wirkt und dann plötzlich an einem schwarzen Fluss endet. Die Gitarren sind schwer, aber nie plump. Die Stimmen wechseln zwischen ätherischer Klarheit, ernster Würde und rauer Dunkelheit. Dazu kommen Folk- und Kammermusikfarben, die dem Album nicht Dekoration, sondern Seele geben. Das klingt nicht nach Symphonic-Metal-Prunk mit Samtvorhang und Plastikmond. Es klingt nach echter Schwermut, nach alten Steinen, kaltem Regen, feuchtem Laub und einer Liebe, die so lange durch die Jahrhunderte geistert, bis selbst das Jenseits genervt die Tür zuschlägt.
🎼 Highlights
Falling Birds, Black Sun River, Martyrium
⛔ Nichts für dich, wenn…
du Doom nur dann ertragen kannst, wenn er entweder komplett zermalmt oder nach drei Minuten freundlich zum Refrain findet. Nocturnes nimmt sich Zeit. Sehr viel Zeit. Diese Platte schreitet, wandelt, schwebt, kniet nieder, betrachtet den Mond und schreibt danach wahrscheinlich noch einen sehr langen Brief auf vergilbtem Papier.
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🌙 Angellore – Nocturnes: Gothic Doom für verlorene Seelen im Mondwald
Der Wald auf dem Cover wirkt tatsächlich nicht so, als wolle er jemanden erschrecken. Das wäre auch zu einfach. Das finstere Gehölz macht eher den Eindruck, als wisse es längst, wer sich auf seinen Pfad verirrt, welche Erinnerung dort zwischen den Bäumen liegt und warum der Mond heute Nacht nicht zufällig so seltsam kalt durch die Wolken bricht.
Klingt dick aufgetragen? Mhm, vielleicht, aber genau dort beginnen Angellore.
Nocturnes ist kein Album, das anklopft. Es steht plötzlich hinter dir, leise, bleich, mit feuchtem Laub an den Schuhen und einer Stimme, die einfach viel zu schön klingt, um völlig harmlos zu sein.
Die Franzosen aus Avignon liefern hier kein normales Gothic-Doom-Album ab, sondern fünf ausladende Nachtstücke, die klingen, als hätte jemand Theatre Of Tragedy, Tristania, Empyrium, Draconian und Saturnus in einen verwunschenen Wald geschickt – ohne Taschenlampe, aber mit Flöte, Oboe, Bassklarinette, Cello, großem Gefühl und sehr guten und durchaus dramatischen Absichten.
Das hier ist keine Platte für Leute, die Doom nur als Tempoangabe verstehen.
Nocturnes ist eher ein dunkles Märchenalbum: langsam, schwer, sehnsüchtig, kammermusikalisch durchzogen und randvoll mit dieser romantischen Überwältigung, bei der man nicht genau weiß, ob gerade jemand stirbt, liebt, träumt oder in einem Nebelmoor dramatisch versinkt.
Wir möchten das so zusammenfassen: Das Ding ist nicht traurig. Es ist mondsüchtig.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Gothic Doom Metal, Atmospheric Doom Metal, Death-Doom, Dark Metal, Folk-inspirierter Doom.
Vergleichbar mit: einem alten Schlosspark bei Mitternacht, in dem Tristania ein Theaterstück aufführen, Empyrium die Bäume streicheln und Draconian am schwarzen Fluss die letzte Kerze anzünden.
Klangfarbe: Nocturnes klingt warm, tief und weit. Die Produktion ist rund und groß, aber nicht überpoliert. Die schweren Gitarren haben Druck, die Stimmen stehen klar im Raum, und die akustischen Instrumente wirken nicht wie nachträglich aufgestreuter Zauberstaub, sondern wie tragende Balken in einem alten, knarrenden Haus. Der Sound hat genau die richtige Balance: genug Glanz für die großen melodischen Bögen, genug Schatten für den Doom, genug Natürlichkeit für die kammermusikalischen Details.
🔥 Highlights
Falling Birds ist der ideale Einstieg, weil der Song sofort zeigt, wie Angellore auf Nocturnes arbeiten: langsam öffnet sich der Raum, die Melancholie legt sich über die Gitarren, und dann treten diese Stimmen auf, als kämen sie nicht aus einem Studio, sondern aus verschiedenen Kammern derselben Erinnerung. Das Stück besitzt diese besondere Qualität guter Gothic-Doom-Longtracks: Es erzählt, statt nur zu schleppen. Die Musik wirkt wie ein Märchen, das bereits sehr lange erzählt wurde, bevor wir dazukommen. Oboe und Bassklarinette geben dem Song eine fast gespenstische Tiefe. Nicht im Sinne billiger Spukhaus-Effekte, sondern wie ein kühler Luftzug aus einem Raum, der eigentlich verschlossen sein sollte.
Black Sun River ist der unmittelbarste Moment des Albums, ohne wirklich kurz oder einfach zu sein. Der Song hat eine stärkere Sogwirkung, eine fast tanzende Dunkelheit, und genau hier wird deutlich, wie gut Angellore große Gefühle führen können, ohne sie in Zuckerguss zu ertränken. Der schwarze Fluss im Titel ist keine bloße Gothic-Dekoration. Man hört ihn. Er zieht durch den Song, langsam, kalt, mit dieser eigenartigen Mischung aus Sehnsucht und Unheil. Die Melodien bleiben hängen, die Stimmen finden eine schöne Balance aus Trauer und Beschwörung, und der Song beweist, dass Nocturnes trotz seiner Länge nie bloß Stimmungstapete ist.
Martyrium ist vermutlich der Moment, in dem das Album am stärksten seine Kathedrale baut. Hier wird alles größer, feierlicher, windiger. Man sieht förmlich den Himmel über einem Moor aufreißen, während irgendwo im Hintergrund eine tragische Gestalt entscheidet, dass normale emotionale Regulation leider keine Option mehr ist. Das Stück lebt von seinem Pathos, aber es kippt nicht ins Lächerliche. Das ist wichtig. Gothic Doom darf groß sein, sogar sehr groß. Er darf nur nicht so tun, als sei ein Vorhang aus rotem Samt bereits ein Gefühl. Martyrium hat Substanz unter den großen Gesten. Die Schwere trägt, die Stimmen greifen ineinander, und die Atmosphäre ist so dicht, dass man danach kurz prüfen möchte, ob draußen wirklich noch derselbe Tag ist. Ein unglaubliches Ding von einem Song.
🎨 Artwork
Das Cover von Nocturnes ist im Grunde schon die halbe Review. Ein dunkler Wald. Ein mondheller Himmel. Ein verwinkelter Weg. Alte Ruinen. Eine einsame Gestalt in der Ferne. Darüber das filigrane Angellore-Logo, darunter der schlichte Titel: Nocturnes. Mehr braucht es nicht.
Das Bild wirkt wie eine Szene aus einem alten Gothic-Schauer-Roman, kurz bevor jemand eine Stimme im Nebel hört und natürlich trotzdem weitergeht, weil Figuren in solchen Geschichten selten gute Entscheidungen treffen. Die Komposition ist wunderbar passend: links die verfallenen Steine, rechts der Pfad, oben der Mond, überall Bäume, Schatten und diese leicht fiebrige Märchenfinsternis.
Besonders stark ist, dass das Artwork nicht auf grelle Schockwirkung setzt. Keine Dämonenfratze, keine Blutfontäne, kein überladener Friedhofskatalog. Stattdessen: Atmosphäre. Erwartung. Verlorenheit. Der Wald sieht nicht aus, als würde er einen sofort töten. Schlimmer: Er sieht aus, als würde er einen verstehen. Und genau das passt zum Album. Nocturnes ist kein Horrortrip, sondern ein einziger, permanenter Sog. Das Cover erzählt dieselbe Geschichte wie die Musik: Wer hier hineingeht, kommt vielleicht wieder heraus. Aber sicher nicht unverändert.
🪦 Besondere Momente
Der erste Schritt in den Wald
Schon Falling Birds macht klar, dass Angellore nicht hetzen. Die Band baut den Eingang zum Album wie ein Tor: langsam, schwer, verziert, aber nicht prunkverliebt. Man tritt ein und merkt erst nach ein paar Minuten, dass hinter einem kein Ausgang mehr zu sehen ist.
Die Stimmen als Figuren
Auf Nocturnes wirken die Vocals nicht nur wie Gesangsspuren, sondern wie Rollen in einem dunklen Kammerstück. Klare Stimmen, rauere Ausbrüche, erzählende Passagen und feierliche Linien stehen nicht zufällig nebeneinander. Sie bevölkern diese Songs.
Kammermusik ohne Zierrat
Flöte, Oboe, Bassklarinette und Cello sind hier keine hübschen Feigenblätter für Metal mit Mittelalterhut. Sie geben den Stücken Tiefe, Farbe und Struktur. Gerade deshalb wirkt das Album so märchenhaft, ohne in Folklore-Kulisse zu kippen.
Die Länge wird zur Tugend
Fünf Songs, fast alle deutlich über sieben Minuten, mehrere über elf Minuten: Das kann furchtbar werden, wenn eine Band irgendwie selbstverliebt einfach Dehnung mit Größe gleichsetzt. Angellore machen daraus aber einen echten Erzählfluss. Die Songs dürfen langsam und tief atmen, ohne dabei einzuschlafen.
Romantik mit Graberde unter den Fingernägeln
Das größte Kunststück: Nocturnes ist sehr romantisch, aber nicht weichgespült. Die Platte liebt große Gefühle, aber sie weiß, dass große Gefühle meistens nicht auf Balkonen enden, sondern an Flussufern, in Ruinen oder im eiskalten Regen.
📜 Hintergrund
Angellore kommen aus dem französischen Avignon und wurden 2007 gegründet. Die Band bewegt sich seit Jahren in einem Feld aus Gothic Doom, Dark Metal, Death-Doom, Folk-Einflüssen und romantischer Schwermut. Vor Nocturnes erschienen unter anderem Errances, La Litanie des Cendres und Rien Ne Devait Mourir.
Produktionstechnisch ist das Album sorgfältig aufgestellt: Gemischt wurde Nocturnes von Déhà, das Mastering stammt von Markus Skroch. Das Artwork wurde von Florent „Celin“ Castellani gestaltet. Auf der Ardua-Seite werden zudem Gastbeiträge von Gunnar Ben an der Oboe, Ségolène Perraud an der Flöte, Dirk Goossens an der Bassklarinette und Raphaël Verguin am Cello genannt.
🪓 Fazit: Der Mond geht nicht unter
Nocturnes ist ein Album, das man nicht nebenbei hört, während man Mails sortiert und überlegt, ob noch Käse im Kühlschrank liegt. Diese Platte verlangt nach Raum, Dunkelheit und Zeit. Und idealerweise nach einem Fenster, gegen das Regen schlägt, selbst wenn man ihn zur Not innerlich simulieren muss.
Angellore machen hier vieles richtig, was im Gothic Doom schnell schiefgehen kann. Sie überladen ihre Musik nicht mit bloßem Bombast. Sie versinken nicht in Schönheit um der Schönheit willen. Und sie verwechseln Langsamkeit nicht mit Tiefe. Stattdessen entsteht aus schweren Gitarren, wechselnden Stimmen, kammermusikalischen Farben und dunkler Melodik ein Album, das tatsächlich wie eine Reise wirkt.
Nicht jeder Hörer wird diese Geduld mitbringen. Manche werden sich nach mehr Härte sehnen, andere nach kürzeren Formen, wieder andere nach einem Refrain, der früher die Hand hebt. Aber wer sich auf Nocturnes einlässt, bekommt ein selten stimmiges Gothic-Doom-Werk: schwer, elegant, märchenhaft, tief traurig und dabei erstaunlich lebendig.
Das Album schreit nicht. Es ruft aus dem Wald. Und natürlich geht man hin.

| Künstler: | Angellore |
| Albumtitel: | Nocturnes |
| Erscheinungsdatum: | 15. Mai 2026 |
| Genre: | Gothic Doom Metal / Atmospheric Doom Metal / Death-Doom |
| Label: | Ardua Music |
| Spielzeit: | ca. 55 Minuten |
📺 Offizielles Lyric-Video
Offizielles Lyric-Video zu „Black Sun River“ – Angellore führen auf Nocturnes tief in den Mondwald: Gothic Doom zwischen schwarzem Fluss, kammermusikalischer Schwermut und dunkler Romantik.
🎼 Trackliste:
Falling Birds
Black Sun River
Forsaken Fairytale
Martyrium
A Dormant Stream
👥 Besetzung & Credits
Lucia: Vocals
Rosarius: Clean & harsh vocals, electric & acoustic guitars, synths, grand piano
Walran: Harsh & clean vocals, synths, grand piano
Celin: Bass, additional guitars, EBow, backing extreme vocals
Ronnie: Drums & percussions
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