Von wegen zweite Wende: Warum Deutschland seit 37 Jahren im Prolog feststeckt

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🧙 Von wegen zweite Wende: Warum Deutschland seit 37 Jahren im Prolog feststeckt

Marieke Reimann fordert eine „Zweite Wende“. Vielleicht braucht Deutschland aber zuerst den Mut, die erste irgendwann für beendet zu erklären. Über reale Ungleichheit, historische Verantwortung und ein Land, das seine politische Gegenwart mit bemerkenswerter Ausdauer in die Fußnoten von 1990 zurückschickt.

Deutschland besitzt ein bemerkenswertes politisches Talent: Es kann eine Mauer in einer Nacht öffnen, ein Land in elf Monaten vereinigen und anschließend fast vier Jahrzehnte darüber diskutieren, ob dieser Vorgang womöglich noch gar nicht richtig begonnen hat.

Seit dem Mauerfall sind 37 Jahre vergangen. Die staatliche Einheit wird im Oktober 36 Jahre alt. Ganze Biografien passen inzwischen zwischen den Abend des 9. November 1989 und unsere Gegenwart. Wer heute 36 ist, wurde nach der Wiedervereinigung geboren. Wer damals gerade volljährig war, nähert sich dem Rentenalter.

Und doch steht Deutschland weiterhin gelegentlich vor seiner eigenen Geschichte wie eine Fantasygruppe vor einer verschlossenen Questtür.

Aufgabe noch nicht abgeschlossen.

Offene Nebenmissionen: Vermögensunterschiede beseitigen, Eliten neu verteilen, gegenseitige Vorurteile überwinden, Treuhand endgültig ausdiskutieren, Identitäten versöhnen, politische Entfremdung behandeln und bitte noch einmal überprüfen, ob der Westen dem Osten genügend zugehört hat.

Belohnung nach Abschluss: Deutsche Einheit.

Voraussichtliche Spielzeit: unbekannt.

Ein pompös inszenierter Herrscher im patriotischen Umhang präsentiert sich auf einer hölzernen Aussichtsbühne in einer Landschaft aus Geysiren, Wasserfällen, Redwoods und Canyonfelsen. Während ausländische Besucher am Parktor Goldmünzen zahlen, arbeiten erschöpfte Ranger im Vordergrund, ein Bison mit Zylinder und ein Grizzly beobachten das Spektakel.

Die Wiedervereinigung als Early Access

Marieke Reimann schlägt in ihrem neuen Buch Zweite Wende – Warum Ostdeutschland uns alle angeht nun eine weitere Runde vor. Der NDR beschreibt ihr Buch als Plädoyer dafür, Ostdeutschland endlich ernster wahrzunehmen. Reimann kritisiert westdeutsche Klischees, die geringe Zahl Ostdeutscher in Führungspositionen und einen medialen Blick, der den Osten bisweilen behandelt wie eine merkwürdige Auslandsregion mit deutschen Straßenschildern. Ihr Buch soll ausdrücklich ein „Händereichen“ zwischen Ost und West sein.

Daran ist zunächst wenig, worüber man sich lächerlich machen könnte. Dass Ostdeutsche in vielen Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert sind, ist real. Dass wirtschaftliche und vermögensbezogene Unterschiede fortbestehen, ebenfalls. Und wer sich einmal einige westdeutsche Debatten über „den Osten“ angehört hat, weiß, dass dort bis heute gelegentlich ein Tonfall gepflegt wird, als habe eine Expedition gerade einen unbekannten Stamm hinter Magdeburg entdeckt.

Die Bundesrepublik besitzt durchaus ein westliches Standardmodell des Normalen. Viele große Unternehmen sitzen im Westen, bedeutende Medienhäuser ebenfalls, Vermögen sowieso. Die Wiedervereinigung verlief eben nicht als romantische Fusion zweier gleich großer Reiche, die anschließend gemeinsam eine neue Hauptstadtflagge nähten.

Ein System blieb bestehen.

Das andere verschwand.

Wer daraus bis heute Macht- und Repräsentationsunterschiede ableitet, betreibt keine Befindlichkeitsfolklore. Nur beginnt genau dort die interessantere Frage.

Wie lange darf Vorgeschichte eigentlich Gegenwart regieren?

Das Bundesministerium für Wendenachbetreuung

Machen wir es uns doch einfach und stellen uns Deutschland als Fantasyreich vor. Nach Jahrzehnten der Teilung fällt im Jahr 1989 die große Mauer. Die Menschen jubeln. Tore öffnen sich. Familien finden zusammen. Auf Marktplätzen werden Fahnen geschwenkt, der Barde spielt Wind des Wechselgelds, und sämtliche Chronisten erklären das Zeitalter der Trennung für beendet. Hurra!

Danach wird vorsichtshalber ein Bundesministerium für Wendenachbetreuung, Transformationsfolgen und historische Befindlichkeitsprüfung eingerichtet.

Zunächst für fünf Jahre. Dann für zehn. Und schließlich stellt jemand fest, dass fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer Unterschiede bestehen.

Das Ministerium bekommt einen Neubau. Nach 25 Jahren wird eine Kommission eingesetzt, um zu untersuchen, weshalb Ost und West noch nicht vollständig zusammengewachsen sind.

Nach 35 Jahren entsteht die Taskforce „Vollendung der Einheit“.

Im Jahr 37 erscheint ein Buch mit dem Titel Zweite Wende.

Ein Beamter hebt vorsichtig die Hand.

»Verzeihung. Wann war eigentlich die erste beendet?«

Im Saal wird es still.

Der Mann wird anschließend in die Außenstelle Saarland versetzt.

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Geschichte erklärt viel. Sie unterschreibt keinen Wahlzettel.

Die deutsche Ostdebatte besitzt einen Mechanismus, der intellektuell zunächst vernünftig wirkt und politisch irgendwann eigenartig wird.

Man versucht zu verstehen.

Warum wählen Menschen anders? Warum ist das Vertrauen in Institutionen geringer? Warum wirken autoritäre Angebote stärker? Warum fühlt sich ein Teil der Bevölkerung kulturell und politisch nicht vertreten?

Dann kommen Transformation, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Treuhand, demografischer Bruch, Vermögensunterschiede, mediale Repräsentation und Erfahrungen nach 1990 auf den Tisch.

Alles relevante Faktoren.

Das Problem entsteht, wenn aus Erklärung allmählich Entlastung wird.

Dann passiert etwas fast Magisches: Ein Mensch trifft im Jahr 2026 eine politische Entscheidung, und innerhalb weniger Sekunden wird sie historisch zurückübersetzt.

Der Zauberer hebt seinen Stab.

Treuhand!

Plötzlich befinden wir uns wieder 1991.

Noch eine Wahl.

Demütigungserfahrung!

1993.

Noch ein politischer Radikalisierungsschub.

Mangelnde Repräsentation!

2004.

Die politische Gegenwart besitzt damit ein erstaunlich belastbares Alibi. Irgendwo findet sich nämlich immer ein älteres Ereignis, das ihr Verhalten erklärt. Natürlich muss man Ursachen kennen. Eine Demokratie, die nicht versteht, weshalb Menschen sich von ihr entfernen, verhält sich destruktiv.

Eine Demokratie, die Menschen ihre Entscheidungen irgendwann gar nicht mehr zurechnet, wäre allerdings nicht viel klüger.

Verstehen erklärt eine Wahlentscheidung. Es übernimmt sie nicht.

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Der Punkt, an dem das Märchen aufhört

Besonders unangenehm wird diese Frage beim Erfolg der AfD. Hier lohnt Präzision, weil politische Schärfe nichts gewinnt, wenn sie juristisch schlampig wird. Die Bundes-AfD darf derzeit nicht als gesichert rechtsextremistische Bestrebung bezeichnet werden: Das Verwaltungsgericht Köln untersagte dem Bundesamt für Verfassungsschutz im Februar 2026 vorläufig, die Gesamtpartei bis zur Entscheidung im Hauptsacheverfahren so einzustufen und öffentlich entsprechend zu behandeln.

Bei einzelnen ostdeutschen Landesverbänden ist die Lage anders. Der sächsische Verfassungsschutz führt die AfD Sachsen als erwiesen rechtsextremistische Bestrebung; Sachsen-Anhalt stuft seinen Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein.

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in Sachsen 37,3 Prozent der Zweitstimmen, in Sachsen-Anhalt 37,1 Prozent.

Das sind keine Fußnoten.

Man kann erklären, weshalb solche Ergebnisse entstehen. Man sollte es sogar.

Nur besitzt ein erwachsener Wähler irgendwann einen eigenen Stift.

Es wäre eine merkwürdige Form von Respekt, Ostdeutschen jahrzehntelang zu erklären, sie müssten endlich als selbstbewusste politische Subjekte ernst genommen werden und ihnen anschließend jede unangenehme politische Entscheidung als Nachwirkung historischer Umstände wieder abzunehmen.

Politische Gleichberechtigung beginnt womöglich an einem ziemlich unromantischen Punkt:

Man traut Menschen auch zu, selbst Mist zu wählen.

Das klingt härter als die übliche therapeutische Deutschlanddiagnostik.

Es ist aber womöglich wesentlich weniger herablassend.

Der Westen befindet sich selbstverständlich bereits am Ziel

Damit der Westen jetzt nicht zufrieden die Hände faltet: Seine Rolle in diesem Stück ist ebenfalls bemerkenswert. Westdeutsche Institutionen haben über Jahrzehnte einen erheblichen Anteil der Unternehmenszentralen, Medienmacht, großen Vermögen und Führungspositionen behalten. Dann stellte man gelegentlich verwundert fest, Ostdeutsche fühlten sich in den zentralen gesellschaftlichen Strukturen nicht ausreichend repräsentiert.

Das besitzt ungefähr die Eleganz eines Königs, der sämtliche Minister aus seiner eigenen Provinz ernennt und anschließend besorgt fragt, weshalb die Randprovinzen plötzlich so empfindlich reagieren.

Auch die Sprache verrät einiges.

Der Osten müsse „ankommen“.

Er müsse aufholen.

Er müsse lernen.

Der Westen dagegen befindet sich in dieser Erzählung bereits im Endgebiet der Zivilisation. Er besitzt keine Transformationsgeschichte, nur bundesdeutsche Normalität.

Seine Fehler heißen Politik.

Ostdeutsche Fehler heißen Ostdeutschland.

Reimanns Kritik an solchen Deutungsmustern trifft deshalb einen Punkt. Der NDR fasst ihre Position so zusammen, dass überregionale Medien den Osten häufig als Krisen- oder Sonderzone behandelten und westdeutsche Erwartungen weiterhin den Normalitätsmaßstab vorgäben.

Das darf man ruhig arrogant nennen.

Nur ergibt sich daraus kein lebenslanges politisches Widerrufsrecht für die andere Seite.

Dass der Westen Fehler gemacht hat, kann unmöglich bedeuten, dass der Osten auf unbegrenzte Zeit seine eigenen machen darf.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

Die DDR als Retro-Königreich

Noch sonderbarer wird es dort, wo aus Erinnerung gelegentlich Verklärung wird. Die DDR war keine folkloristische Regionalvariante Deutschlands mit etwas schwierigerem Reisebüro. Sie war eine Diktatur mit politischer Verfolgung, Überwachung, Gefängnissen, Grenztoten und einem Staatssicherheitsapparat, dessen Aktenberge bis heute dafür sorgen, dass Historiker keine Beschäftigungsprobleme bekommen.

Trotzdem kann die Vergangenheit im Rückblick erstaunlich weich werden.

Damals war mehr Gemeinschaft.

Damals war manches sicherer.

Damals wusste man wenigstens, woran man war.

Das mag als individuelle Erinnerung nachvollziehbar sein. Menschen erinnern ihr eigenes Leben schließlich nicht wie Verfassungsschutzberichte.

Politisch wird es problematisch, sobald aus biografischer Wärme eine Art Diktatur-Retroedition entsteht.

DDR Classic.

Jetzt ohne Mauer.

Mit denselben autoritären Grundgefühlen, aber besseren Autos.

Die Vergangenheit wird dabei von ihren unangenehmsten Funktionen gereinigt und anschließend als verlorene Ordnung verkauft. Ein politisches Atlantis, das unterging, bevor jemand genauer nachfragen konnte.

Auch das ist Fantasy. Nur eine ziemlich gefährliche.

Deutschland entdeckt das Wende-Franchise

Vielleicht ist „Zweite Wende“ deshalb sogar der perfekte Titel für unsere nationale Befindlichkeit. Die erste Wende war erfolgreich genug, um ein Land zu vereinigen, aber offenbar nicht erfolgreich genug, um die Reihe zu beenden.

Also folgt:

Wende II – Jetzt wirklich auf Augenhöhe.

Danach:

Wende III – Die Rückkehr der Treuhand.

Wende IV – Eine neue Hoffnung.

Wende V – Der Westen schlägt zurück.

Spätestens 2055 übernimmt ein Streamingdienst die Rechte.

Die Handlung bleibt weitgehend identisch: Ost und West sitzen an einem Tisch und erklären einander, dass der andere die eigene Lebensgeschichte weiterhin nicht vollständig verstanden habe.

Im Jahr 2090 eröffnet das Bundesministerium für Wendenachbetreuung eine Außenstelle auf dem Mond.

Der Osten kritisiert seine geringe Repräsentation bei der Leitung der Raumhäfen.

Der Westen besitzt zufällig sämtliche Raumhäfen.

Beide Seiten haben einen Punkt.

Die Sitzung wird natürlich vertagt.

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Vielleicht besteht Einheit aus Verantwortung

Die eigentliche Leistung von Reimanns Buch könnte deshalb darin liegen, eine Debatte wieder zu öffnen, die keineswegs abgeschlossen ist. Deutschland besitzt weiterhin wirtschaftliche, kulturelle und institutionelle Unterschiede zwischen Ost und West. Die Vorstellung, man müsse nach 1990 nur genügend Autobahnen bauen und einige Jahrzehnte warten, bis die Geschichte von selbst verdunstet, war immer zu schlicht.

Aber eine zweite Wende hätte nur dann einen Sinn, wenn sie das Land stärker in die Gegenwart führt.

Mehr ostdeutsche Führungskräfte? Darüber kann man reden.

Vermögensstrukturen und Eigentumsgeschichte? Unbedingt.

Westdeutsche Selbstgewissheit in Medien und Institutionen? Hervorragendes Material.

Politische Entscheidungen im Jahr 2026 weiterhin so behandeln, als seien sie überwiegend Nachbeben einer Epoche, die vor mehr als einem Dritteljahrhundert endete? Nein, da wird aus Verständnis irgendwann Denkmalschutz für politische Unmündigkeit.

Deutschland muss die DDR nicht vergessen, um Ostdeutschland endlich als Gegenwart zu behandeln. Der Westen muss seine Dominanz und seine Fehler nach der Einheit nicht kleinreden. Und Ostdeutsche verlieren keinen Anspruch auf historische Anerkennung, wenn man ihnen zugleich politische Verantwortung zumutet.

Vielleicht besteht die endgültige Einheit ohnehin nicht darin, dass Rostock, Duisburg und Dresden irgendwann dieselben Parteien wählen, dieselben Gehälter beziehen und identische Geschichten über 1990 erzählen.

Vielleicht beginnt sie an einem härteren Punkt. Nämlich dort, wo niemand mehr Sondergenehmigungen für seine Gegenwart bekommt.

Wenn westdeutsche Arroganz als westdeutsche Arroganz benannt wird und ostdeutsche Radikalisierung als ostdeutsche Radikalisierung.

Wenn historische Ursachen ernst genommen werden, ohne aus ihnen einen Schutzzauber gegen Verantwortung zu bauen.

Und wenn Deutschland endlich akzeptiert, dass ein gemeinsames Land auch gemeinsame Zumutungen bedeutet.

Die Mauer ist seit 37 Jahren weg.

Irgendwann darf der Prolog wirklich enden. Das funktioniert ganz gewiss auch ohne zweite Wende – mit einer Mischung aus gutem Willen und gesundem Menschenverstand.

Schwarzweiße Luxus-Werbeparodie im Stil einer edlen Uhrenkampagne: Ein ernst blickender Ork mit markanten Stoßzähnen und elegantem schwarzen Sakko sitzt in halb seitlicher Pose vor dunklem Hintergrund. Auf seinem Handgelenk trägt er eine metallische Luxus-Uhr. Über dem Bild stehen groß der Markenname „VORGHAN VULTOR“ und darunter „MIMIKRON“. Rechts unten ist die Uhr noch einmal als Produktabbildung zu sehen: ein silbernes Modell mit dunklem Zifferblatt, zahnartigen Stundenmarkierungen und einem unheimlichen Auge im unteren Bereich. Die Szene wirkt auf den ersten Blick hochwertig und seriös, entfaltet aber auf den zweiten Blick ihren absurden Fantasy-Humor.