Trump beim 9/11-Gedenken: Wenn selbst tote Helden plötzlich Konkurrenz werden
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Eine Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September dürfte zu den wenigen Anlässen gehören, bei denen die Rollen eigentlich eindeutig verteilt sind. Man erinnert an die Opfer, ehrt die Ersthelfer und spricht über Menschen wie Welles Crowther, den 24-jährigen Finanzhändler und freiwilligen Feuerwehrmann, der im Südturm Verletzte zu einem noch passierbaren Treppenhaus führte, mehrfach zurückging und beim Einsturz starb. Donald Trump verlieh ihm am Dienstag posthum die Presidential Medal of Freedom.
Dann bemerkte der US-Präsident scherzhaft, der als „Man in the Red Bandana“ berühmt gewordene Crowther sei inzwischen sogar berühmter als er selbst. Das gefalle ihm nicht besonders. Anschließend erzählte Trump auch wieder von seiner eigenen Rolle nach den Anschlägen: Er habe Arbeiter zu den Aufräumarbeiten gebracht und sei bei One Liberty Plaza von zwei Feuerwehrleuten weggetragen worden, weil ein Einsturz befürchtet wurde. Für die behauptete große Hilfsaktion mit seinen Bauarbeitern gibt es laut PolitiFact weiterhin keine belastbaren Belege; ebenso fehlt bislang eine unabhängige Bestätigung für die Rettung durch die Feuerwehrmänner. Dokumentiert ist Trump am 13. September 2001 in der Nähe von Ground Zero.
Damit haben die Chronisten der Zwischenreiche endlich genügend Material, um eine seit Jahrhunderten bekannte Erscheinung wissenschaftlich zu bestätigen: Geschichte besitzt ein Gravitationsfeld. Und manche Egos sind offenbar massereich genug, um es nach eigenem Gutdünken zu verbiegen.

🕰️ Die seltene Kunst, nachträglich immer näher dabei gewesen zu sein
In den Zwischenreichen nennt man das Phänomen retroaktive Hauptfigurenbildung. Es befällt vor allem Herrscher, Feldherren, Großgrundbesitzer und Männer, die beim Klassentreffen nach 40 Jahren plötzlich erzählen, sie hätten damals beinahe bei Led Zeppelin angefangen.
Der Verlauf ist immer gleich. Zu Beginn befindet sich der Betroffene lediglich in derselben Stadt wie ein historisches Ereignis. Einige Jahre später war er in der Nähe. Danach hat er geholfen. Noch später hat er die Helfer organisiert. Irgendwann mussten die tatsächlichen Helfer ihre Arbeit kurz unterbrechen, um auch ihn persönlich zu retten.
Bei sehr schweren Verläufen beginnt die Vergangenheit schließlich, sämtliche anderen Beteiligten aus der Erzählung an den Rand zu drücken. Historiker erkennen diesen Zustand daran, dass Sätze häufiger mit „Ich“ beginnen als mit dem eigentlichen Ereignis.
Trump scheint inzwischen ein bemerkenswert fortgeschrittenes Stadium erreicht zu haben.
📈 Die fünf Stadien der rückwirkenden Heldwerdung
🏙️ Stadium 1: Man war damals natürlich da
Das Frühstadium ist harmlos. Ein Mensch befand sich zum betreffenden Zeitpunkt in derselben Großstadt, demselben Königreich oder zumindest auf demselben Kontinent. Jahrzehnte später reicht diese räumliche Nähe vollkommen aus, um beim Erzählen bereits leicht bedeutungsschwer aus dem Fenster zu sehen.
In den Zwischenreichen existiert der berühmte Fall eines Grafen, der während der Schlacht von Blutweide nachweislich 60 Kilometer entfernt beim Zahnarzt saß. Mit 83 Jahren erinnerte er sich daran, „die Kanonen noch heute zu riechen“. Der Zahnarzt arbeitete mit Nelkenöl. Das dürfte geholfen haben.
👷 Stadium 2: Die eigenen Leute waren selbstverständlich mittendrin
Jetzt wird es interessanter. Trump erzählte bereits 2001, mehr als 100 seiner Arbeiter seien bei den Arbeiten vor Ort gewesen; später sprach er wiederholt von Hunderten. Faktenprüfer konnten diese große organisierte Hilfsaktion bisher nicht verifizieren. Ein damaliger FDNY-Einsatzleiter erklärte, ein Einsatz einer solchen Größenordnung hätte unter der Aufsicht von Polizei, Feuerwehr und Einsatzleitung stattgefunden und Spuren in den Unterlagen hinterlassen.
In der retroaktiven Hauptfigurenbildung ist das kein Problem. Fehlende Belege gelten dort lediglich als Beweis dafür, wie selbstlos und diskret alles gewesen sein muss. Das ist ein sehr praktisches System. Je weniger jemand gefunden hat, desto heimlicher war offenbar die Heldentat.
🧯 Stadium 3: Irgendwann musste man selbst gerettet werden
Bei der Veranstaltung schilderte Trump nun, wie zwei kräftige Feuerwehrmänner ihn wegen der befürchteten Einsturzgefahr bei One Liberty Plaza gepackt und weggetragen hätten. Dass damals tatsächlich Sorgen bestanden, das beschädigte Gebäude könne einstürzen, ist dokumentiert. Ein unabhängiger Nachweis dafür, dass Trump bei dieser Evakuierung anwesend war und auf die geschilderte Weise gerettet wurde, liegt bislang nicht vor.
Für Historiker der Zwischenreiche ist genau dieser Moment entscheidend. Hier überschreitet die Erinnerung die sogenannte Heldenkontaktgrenze. Man hat jetzt nicht mehr bloß mitgemacht. Die bereits ausgelasteten Helden des eigentlichen Ereignisses entwickeln plötzlich eine Nebenaufgabe. Sie retten einen ebenfalls. In schweren Fällen tragen sie einen dabei natürlich weg.
🎖️ Stadium 4: Die echten Helden werden langsam Konkurrenz
Dann kommt Welles Crowther. Der Mann arbeitete im 104. Stock des Südturms. Nach dem Einschlag von Flug 175 half er Überlebenden, das noch benutzbare Treppenhaus zu finden, trug eine schwer verletzte Frau und ging wieder nach oben, um weitere Menschen zu holen. Überlebende identifizierten ihn später anhand seines roten Bandanas; seine Geschichte wurde zu einem der bekanntesten Beispiele für persönlichen Mut am 11. September.
Und an dieser Stelle meldete sich bei der Gedenkveranstaltung kurz die denkbar seltsamste Kennzahl für Heldentum: Bekanntheitsgrad im Vergleich zu Donald Trump. Crowther habe ihn bei der Berühmtheit offenbar überholt. Das gefalle ihm nicht.
Man muss diese Pointe erst einmal schaffen. Ein 24-Jähriger läuft immer wieder in einen brennenden Wolkenkratzer, rettet Menschen, stirbt dabei und bekommt 25 Jahre später eine der höchsten zivilen Auszeichnungen seines Landes. Und irgendwo in dieser Geschichte blinkt plötzlich eine kleine Kontrollleuchte: Achtung. Reichweitenkonkurrenz.
🌎 Stadium 5: Irgendwann hat man das Ereignis wahrscheinlich selbst erfunden
Über das Endstadium wissen die Chronisten wenig, weil Betroffene spätestens hier sämtliche Quellen selbst verfasst haben. Die Prognose lässt sich allerdings berechnen. Wenn Trumps historische Beteiligung weiterhin in vergleichbarer Geschwindigkeit wächst, dürfte er 2031 persönlich die ersten Löschzüge nach Manhattan dirigiert haben. Um 2036 wird er vermutlich den Feuerwehrleuten erklärt haben, wo sich das Treppenhaus befindet.
Für 2041 erwarten Fachleute die Aussage, er habe das World Trade Center zwar leider nicht retten können, New York danach aber im Wesentlichen neu gegründet. Die Stadt wird gebeten, entsprechende Grundbuchunterlagen vorsorglich zu sichern.
🧲 Vergangenheit ist offenbar formbarer als gedacht
Trump bestreitet, seine Rolle bei 9/11 übertrieben darzustellen, und erklärte nach der Veranstaltung, seine Aussagen seien korrekt. Es gibt außerdem Belege dafür, dass er am 13. September 2001 nahe Ground Zero war und dort Interviews gab. Was bislang fehlt, sind unabhängige Belege für mehrere der deutlich größeren Geschichten, die sich im Laufe der Jahre um seine persönliche Beteiligung gelegt haben.
Genau deshalb ist diese Entwicklung so faszinierend. Erinnerung funktioniert bei den meisten Menschen wie ein altes Foto: Sie verblasst. Bei manchen offenbar wie ein Immobilienprojekt.
Jedes Jahr kommt noch ein Stockwerk drauf.
🎗️ Einer brauchte keine nachträgliche Hauptrolle
Welles Crowther hatte dieses Problem nie. Seine Geschichte wurde erst nach seinem Tod zusammengesetzt, weil Überlebende unabhängig voneinander von einem jungen Mann mit rotem Bandana berichteten, der ihnen den Weg zeigte und anschließend wieder nach oben ging. Sein rotes Bandana liegt heute im National September 11 Memorial & Museum.
Er musste seine Rolle nicht vergrößern. Er war erst 24 Jahre alt. Er war tatsächlich dort.
Und als andere nach unten liefen, ging er wieder hoch. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb er 25 Jahre später so berühmt ist. Seltsamerweise funktioniert wahrhaftiges Heldentum ohne eigene Presseabteilung.






