REINGELESEN: Sarah J. Maas – A Court of Splintered Harmony: Viel Gefühl, wenig Beherrschung

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Das deutsche Buchcover von A Court of Splintered Harmony ist als Buchobjekt auf einer dunkelgrünen Fantasybühne mit goldenen Ornamenten, dekorativen Büchern und einer Krone inszeniert.

Der Farbschnitt ist makellos. Die Mitternachtsverkäufe haben bewiesen, dass ein gedruckter Roman im Jahr 2026 noch immer gesellschaftliche Erregungszustände auslösen kann, die man gewöhnlich eher von Papstwahlen oder der Rückkehr lange verschollener Popstars kennt.

So weit, so erfreulich. Nun liegt das Buch also geöffnet vor uns.

Und plötzlich stellt sich eine Frage, auf die weder Farbschnitt noch Sonderausgabe eine überzeugende Antwort liefern können: Wie gut ist das eigentlich geschrieben?

Mit A Court of Splintered Harmony eröffnet Sarah J. Maas den nächsten großen Handlungszyklus ihrer erfolgreichen Reihe Das Reich der sieben Höfe. Die alte Ordnung von Prythian gerät erneut ins Wanken, fremde Mächte formieren sich, gefährliche Bündnisse entstehen und innerhalb des Nachthofs ist die viel beschworene familiäre Eintracht ungefähr so belastbar wie ein Friedensvertrag zwischen zwei hungrigen Drachen.

Der Roman verfügt über beträchtliches erzählerisches Potenzial. Politische Interessen, uralte Bedrohungen, traumatische Erinnerungen, Loyalitätskonflikte und romantische Verwicklungen ergeben eine Mischung, mit der sich durchaus ein großes Fantasyepos komponieren ließe. Nur entsteht der Eindruck, dass Maas jedes Instrument möglichst laut spielen lassen möchte.

Und irgendwann ist selbst eine Sinfonie nur noch Lärm.

👑 Prythian und die diplomatische Kunst des beleidigten Hochadels

Die politischen Verwerfungen gehören zu den interessantesten Bestandteilen des Buches. Der Krieg gegen Hybern hat seine Spuren hinterlassen. Das Verhältnis der Höfe ist angespannt, auf dem Kontinent verschieben sich die Machtverhältnisse, und ausgerechnet jetzt werden neue Bündnisse notwendig. Mit Koschei steht außerdem eine Bedrohung im Hintergrund, deren mythologische Dimension weit über gewöhnliche höfische Intrigen hinausweist.

Das ist eine vielversprechende Konstellation. Maas führt uns unter anderem zu politischen Beratungen auf der kargen Insel Storr und in die winterlichen Machtbereiche von Vallahan. Dabei wird deutlich, wie wenig selbstverständlich die vermeintliche Führungsrolle des Nachthofs ist.

Warum sollten andere Reiche Rhysand und Feyre vertrauen? Was legitimiert den Besitz gefährlicher magischer Waffen? Wer entscheidet, welche Herrscher verantwortungsvoll handeln? Und nein, das sind hier keine nebensächlichen Fragen. Sie berühren vielmehr den Kern politischer Fantasy: Macht besitzt noch keine moralische Legitimation, nur weil ihre Träger zu den Hauptfiguren gehören.

Besonders reizvoll wäre eine Geschichte, die diesen Widerspruch konsequent untersucht. Und tatsächlich: Maas kommt ihm durchaus nahe. Leider stehen immer wieder persönliche Loyalitäten und verletzte Empfindlichkeiten im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Verhandlungen geraten zu Konfrontationen, Misstrauen wird zur Grundhaltung und die angeblich erfahrenen Machthaber präsentieren eine Konfliktkultur, die man selbst bei einer Eigentümerversammlung für verbesserungswürdig hielte.

Natürlich dürfen Herrscher Fehler begehen, was sie ja ohnehin permanent tun. Gerade ihre Irrtümer können eine Geschichte interessant machen.

Aber eine Geschichte wird nicht automatisch klug, nur weil ihre Figuren unklug handeln.

Hier liegt die eigentliche Schwierigkeit. Die politische Welt besitzt Gewicht, ihre Konflikte sind nachvollziehbar angelegt. Nur gelingt es der Erzählung nicht immer, daraus eine ebenso überzeugende politische Dramaturgie zu entwickeln. Die großen Fragen werden aufgeworfen. Ihre Behandlung verliert sich jedoch wiederholt in den persönlichen Beziehungen der Beteiligten. Und die beanspruchen in Prythian bekanntlich einen beträchtlichen Teil des verfügbaren Universums.

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🕯️ Wenn Schmerz zur literarischen Maßeinheit wird

Besonders aufschlussreich ist das Präludium. Ein geflügelter Junge wird tief unter der Burg seines Vaters gefangen gehalten. Seine Halbbrüder misshandeln ihn, die Mutter bleibt fern, und seine Erinnerungen sind von Gewalt und Erniedrigung geprägt. Der Schauplatz ist wirkungsvoll. Die Vorstellung eines Kindes, dessen Flügel Freiheit versprechen, während es in einer unterirdischen Kammer eingesperrt bleibt, besitzt bereits eine erschütternde Tragik.

Maas hätte hier eine ausgesprochen starke Szene gestalten können, indem sie ihrer Ausgangssituation vertraut. Stattdessen häuft sie das Leiden mit einer Beharrlichkeit, die beinahe buchhalterische Züge annimmt. Das erweist sich im weiteren Verlauf noch als zutiefst bedauerlich.

Gefangenschaft, Misshandlung, Verbrennungen, Narben, Erniedrigung, familiäre Grausamkeit. Kaum hat der Leser einen Schrecken begriffen, wird bereits der nächste nachgereicht. Dabei liegt das Problem nicht in der Härte des Erzählten. Literatur darf grausam sein. Sie darf verstören, verletzen und ihren Figuren Dinge zumuten, die man ihnen gern ersparen würde.

Nur ist die Menge dargestellten Leidens kein zuverlässiger Maßstab für literarische Intensität.

Gerade der Vergleich mit dem englischen Original zeigt, dass diese Tendenz nicht einfach auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen ist. Schon die Vorlage arbeitet mit starken emotionalen Verstärkern und vertrauten Formeln körperlicher Überwältigung.

Umso bemerkenswerter ist ein kurzer Augenblick gegen Ende des Präludiums. Dort erfahren wir in denkbar knapper Form, dass der Junge trotz seiner Flügel noch niemals geflogen ist. Plötzlich braucht es keine weitere Erklärung. Ein einziges Bild bündelt Gefangenschaft, Sehnsucht und die Grausamkeit der Situation.

Hier zeigt Maas, was sie könnte, wenn sie ihrer eigenen Erzählung häufiger zutrauen würde, ohne zusätzliche Verstärkung auszukommen.

Es geht überhaupt nicht darum, einer erfolgreichen Unterhaltungsautorin mangelnde sprachliche Komplexität vorzuwerfen. Auch einfache Prosa kann großartig sein. Es geht um Präzision. Und es geht auch um den gewaltigen Unterschied zwischen einer Empfindung, die der Leser selbst entwickelt, und einer Empfindung, die ihm der Text nachdrücklich vorschreibt. Und um die erstaunliche Angewohnheit, ausgerechnet besonders wirkungsvolle Bilder noch einmal erklären zu wollen.

🌑 Azriel und die unendliche Verwaltung der eigenen Dunkelheit

Azriel gehört zu jenen Figuren, deren größte Stärke lange darin bestand, nicht vollständig durchschaubar zu sein. Der verschlossene Schattenkrieger, gezeichnet von seiner Vergangenheit, von Schuld und Gewalt, besitzt zunächst die Aura eines Mannes, dessen Schweigen mehr erzählt als die Reden anderer. Nun erhält er reichlich Gelegenheit, dieses Schweigen zu beenden.

Das ist zunächst legitim. Eine Figur kann schließlich nicht über unzählige Bände hinweg allein dadurch interessant bleiben, dass sie finster in einer Ecke steht. Doch mit der zunehmenden Nähe zu seinem Innenleben offenbart sich leider auch ein Problem. Azriel betrachtet sich nämlich selbst immer wieder als beschädigt, verdorben oder grundsätzlich unwürdig. Seine Vergangenheit wird zur inneren Anklageschrift, seine Fähigkeiten erscheinen ihm als Zeichen einer Dunkelheit, die er nicht überwinden kann.

Dem gegenüber steht Elain. Sie verkörpert für ihn die Möglichkeit eines anderen Lebens, einer Reinheit und Wärme, die seinem eigenen Selbstbild widerspricht.

Die Symbolik ist derart deutlich, dass man gelegentlich fürchtet, die Autorin könnte vorsorglich noch Schilder mit den Aufschriften LICHT und FINSTERNIS aufstellen.

Trotzdem ist der Konflikt keineswegs substanzlos. Das Präludium macht nachvollziehbar, weshalb Azriel so schwer zu einem anderen Bild seiner selbst findet. Auch die späteren Ereignisse geben seiner Selbstverachtung eine konkrete psychologische Grundlage. Aber nachvollziehbare Ursachen sind nun einmal noch keine Garantie für eine interessante Entwicklung.

Wenn eine Figur über weite Strecken um dieselbe Überzeugung kreist, selbst ein Monster zu sein, droht ihr Innenleben statisch zu werden. Besonders deutlich zeigt sich das im Konflikt zwischen Azriel, Elain und Lucien. Die romantische Spannung führt nicht lediglich zu sehnsüchtigen Blicken. Sie mündet in eine konkrete Grenzüberschreitung, deren Entdeckung die Beziehungen innerhalb des Nachthofs erschüttert. Das ist dramaturgisch durchaus wirksam.

Lucien ist keine abstrakte Hindernisfigur, die man aus dem Weg räumen könnte, damit sich zwei Liebende endlich ihrer Bestimmung hingeben. Er besitzt eigene Hoffnungen, Verletzungen und Ansprüche auf einen respektvollen Umgang. Gerade deshalb ist die Situation interessant, da sie die Beteiligten zu Entscheidungen zwingt, bei denen romantische Leidenschaft und moralische Verantwortung nicht bequem zusammenfallen.

Leider macht eine schwierige Liebesentscheidung noch keinen tiefgründigen Charakter, wenn dieser seine eigene Tragik anschließend wieder und wieder betrachtet wie ein besonders kostbares Erbstück.

Azriel ist am stärksten, wenn seine Vergangenheit sein Verhalten erklärt. Er wird schwächer, wenn seine Vergangenheit zur nahezu vollständigen Definition seiner Persönlichkeit gerät.

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🔥 Elfenpornographie oder die Anatomie der großen Gefühle

Wer Sarah J. Maas den Vorwurf der Elfenpornographie macht, sollte zunächst eine Kleinigkeit bedenken: Explizite Erotik ist kein literarischer Qualitätsmangel. Auch fantastische Wesen dürfen miteinander schlafen, ohne vorher beim Feuilleton einen Antrag auf kulturelle Anerkennung einzureichen. Die Frage ist lediglich, ob dabei mehr entsteht als eine ausführliche Dokumentation körperlicher Funktionen.

In A Court of Splintered Harmony bekommt die Anatomie jedenfalls reichlich Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen. Kaum gerät eine Beziehung in Bewegung, melden sich entsprechende Körperteile mit einer Zuverlässigkeit zu Wort, von der die diplomatischen Institutionen Prythians nur träumen können.

Dabei erfüllen einige der erotischen Szenen durchaus einen erzählerischen Zweck. Die Annäherung zwischen Azriel und Elain verschärft einen bereits bestehenden Konflikt, während die körperliche Versöhnung von Nesta und Cassian eine andere Form der Verständigung eröffnet. Das Problem liegt weniger im Ob als im Wie.

Maas greift auffallend häufig auf ein begrenztes Repertoire sexueller Signale zurück. Körper reagieren heftig, Verlangen wird ausführlich bestätigt, und die sprachlichen Bilder bewegen sich auf längst vertrauten Wegen. Erotische Spannung entsteht jedoch nicht zwangsläufig dadurch, dass ihre körperlichen Folgen möglichst vollständig beschrieben werden. Manchmal ist ein unausgesprochener Wunsch interessanter als seine anatomische Vollzugsmeldung.

Hier zeigt sich dieselbe Neigung zur Überdeutlichkeit, die auch andere Teile des Romans prägt. Gefühle müssen nicht nur vorhanden sein. Sie müssen sichtbar, spürbar und nach Möglichkeit mehrfach bestätigt werden. Das kann unterhaltsam sein. Literarisch überraschend ist es selten.

Der Vorwurf billiger Elfenpornographie greift deshalb zu kurz. Treffender wäre: Maas verwechselt erotische Intensität gelegentlich mit ihrer möglichst ausdrücklichen Protokollierung.

Immerhin besitzen diese Begegnungen einen unbestreitbaren Vorteil gegenüber den politischen Verhandlungen des Nachthofs: Die Beteiligten wissen meistens ziemlich genau, was sie wollen.

🔥 Nesta und die seltene Kunst, nicht sofort alles schlimmer zu machen

Ausgerechnet Nesta liefert einen wohltuenden Gegenentwurf. Sie ist unbequem, stolz, häufig verletzend und keineswegs frei von Selbsttäuschung. Aber ihre Konflikte sind nicht bloß Wiederholungen ihres bekannten Wesens.

In der Bibliothek wird sie mit Spannungen und persönlichen Vorwürfen konfrontiert. Eine Eskalation wäre durchaus naheliegend. Nesta besitzt die Macht, ihren Zorn auszuleben, und genügend Gründe, dies auch zu wollen. Doch zunehmend berücksichtigt sie, welche Folgen ein erneuter Gewaltausbruch für andere haben könnte.

Das ist Charakterentwicklung. Nicht, weil Nesta plötzlich freundlich geworden wäre, sondern weil sie Entscheidungen trifft, die ihrem früheren Verhalten widersprechen.

Hier gelingt Maas etwas, das im übrigen Roman nicht immer selbstverständlich ist: Sie zeigt innere Veränderung durch konkrete Handlungen. Auch Nestas Verhältnis zu den magischen Schwertern und den wachsenden Bedrohungen besitzt erzählerisches Gewicht. Die Szene, in der Ataraxia angesichts von Bryaxis eine entscheidende Rolle spielt, verleiht ihrer Verantwortung und ihrer Verbindung zu dieser Macht eine neue Dimension.

Nesta reagiert nicht ausschließlich auf die Wünsche anderer, sondern versucht, selbst zu handeln. Das macht sie interessant. Gerade ihre Konflikte mit Rhysand werfen außerdem die Frage auf, wie viel Unabhängigkeit innerhalb des Nachthofs tatsächlich erwünscht ist.

Man könnte es auch weniger höflich formulieren: Die viel beschworene Familie hält erstaunlich wenig davon, wenn eines ihrer Mitglieder selbstständig denkt.

Nesta profitiert davon. Ihre Widersprüche sind nicht bloß dekorativ, sondern können echte Entscheidungen hervorbringen. In einer Welt, in der beinahe jeder ständig von seinen Gefühlen überwältigt wird, ist die Fähigkeit, vor dem Handeln kurz nachzudenken, beinahe schon eine Art Superkraft.

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👁️ Bryaxis und der Moment, in dem das Buch seine Zähne zeigt

Bei aller Kritik wäre es falsch, den Roman auf romantische Konflikte zu reduzieren. Die Rückkehr von Bryaxis gehört zu den dramatisch wirksameren Entwicklungen des Buches. Die Kreatur konfrontiert ihre Opfer mit tief verwurzelten Ängsten. Ihre Bedrohung reicht dadurch über gewöhnliche körperliche Gewalt hinaus.

Besonders die Gefahr für Nyx verleiht dem Geschehen eine Unmittelbarkeit, die manche politischen Beratungen und romantischen Auseinandersetzungen vermissen lassen. Hier werden seelische Verletzungen nicht bloß besprochen. Sie erhalten eine bedrohliche äußere Gestalt. Und ja, das ist ein reizvoller erzählerischer Einfall.

Denn die Angst der Figuren wird plötzlich zum Bestandteil der Handlung selbst. Was zuvor in inneren Monologen kreiste, gewinnt konkrete Konsequenzen. Auch Feyres Perspektive bekommt dadurch ein anderes Gewicht. Die Bedrohung ihres Kindes berührt einen Bereich, in dem persönliche Empfindung und tatsächliche Gefahr unmittelbar zusammenfallen.

Maas kann solche Situationen inszenieren. Daran besteht kaum ein Zweifel.

Das macht die Schwächen des übrigen Romans allerdings nicht kleiner, sondern gelegentlich sogar ärgerlicher. Wenn die Autorin ihre Konflikte in konkrete Handlungen übersetzt, entsteht Spannung. Wenn sie ihre Figuren dagegen lange über ihre Konflikte nachdenken lässt, verliert das Geschehen an Bewegung. Vielleicht wäre das überhaupt die wichtigste Erkenntnis dieser Lektüre:

Maas ist häufig eine bessere Erzählerin, sobald ihre Figuren etwas tun müssen, statt nur intensiv etwas zu empfinden.

🎼 Vier Sätze, ein gewaltiges Versprechen

Das vielleicht aufschlussreichste Dokument des gesamten Buches steht noch vor dem eigentlichen Roman. In ihrem Vorwort erklärt Sarah J. Maas, dass sich die neue Geschichte nicht innerhalb eines einzelnen Bandes erzählen ließ. Sie entwirft deshalb eine vierteilige Komposition, deren Sätze zusammen ein größeres Ganzes bilden sollen.

Bemerkenswert ist ihre ausdrückliche Feststellung, der vorliegende erste Satz sei weder ein eigenständiger Roman noch ein klassischer erster Band. Man muss diese Offenheit wohl tatsächlich anerkennen.

Die Autorin verschweigt ihre Absichten nicht. Sie möchte eine umfangreiche Erzählung schaffen, deren Bestandteile sich erst im Zusammenhang vollständig erschließen. Allerdings führt uns das unmittelbar zu einer Frage, die sich auch durch das Vorwort nicht erledigt.

Was schuldet ein Buch seinem Leser, wenn es ausdrücklich nur ein Teil eines größeren Buches sein möchte?

Natürlich darf eine Geschichte offen enden. Sie darf Fragen zurücklassen, Figuren in Schwierigkeiten bringen und Erwartungen auf spätere Entwicklungen erzeugen. Doch auch eine bewusst unvollständige Komposition benötigt eine erkennbare eigene Bewegung.

Ein musikalischer Satz besteht schließlich nicht ausschließlich daraus, Motive vorzustellen und anschließend auf das nächste Konzert zu verweisen. Er entwickelt Spannungen, verändert Themen und gewinnt eine eigene Gestalt.

A Court of Splintered Harmony besitzt durchaus solche Bewegungen. Die Beziehungen zwischen Azriel, Elain und Lucien verändern sich tiefgreifend. Nesta trifft Entscheidungen mit Konsequenzen, und die Bedrohung durch Bryaxis verschiebt die Ausgangslage erheblich.

Dennoch bleiben zahlreiche Konflikte in einem Zustand, der stärker nach Vorbereitung als nach vorläufiger Erfüllung aussieht. Der Schluss öffnet weitere Wege, statt die vorhandenen wirklich abzuschließen. Elains Aufbruch nach Vallahan kündigt die nächste Entwicklung an, während die größeren politischen und magischen Konflikte weiterbestehen.

Das ist möglicherweise ganz im Sinne der Autorin.

Wir meinen jedoch, dass jemand, der seine Bücher nach musikalischen Sätzen benennt, sich auch an den Formalien musikalischer Dramaturgie messen lassen muss.

Und die besteht hier in erster Linie aus mehr als der Versicherung, die schönsten Melodien kämen später.

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📖 Warum Millionen Leser trotzdem nach Prythian zurückkehren

An dieser Stelle wäre es verführerisch, den Erfolg von Sarah J. Maas ausschließlich mit Marketing, Farbschnitten und einer bemerkenswert leidenschaftlichen Fangemeinde zu erklären.

Das wäre bequem. Und natürlich komplett falsch. Denn die Autorin besitzt eine Fähigkeit, die man nicht unterschätzen sollte: Sie erschafft langfristige emotionale Bindungen.

Ihre Leser verfolgen die Figuren über zahlreiche Bücher hinweg. Sie kennen ihre Verletzungen, hoffen auf Beziehungen, erwarten Entscheidungen und möchten wissen, wie sich die vertraute Welt weiterentwickelt. Für viele ist Prythian längst kein beliebiger Schauplatz mehr. Es ist ein Ort literarischer Vertrautheit.

Darin liegt eine echte erzählerische Leistung.

Auch die wechselnden Perspektiven dieses Bandes dienen nicht lediglich dazu, möglichst viele bekannte Figuren auftreten zu lassen. Sie ermöglichen unterschiedliche Wahrnehmungen derselben politischen und persönlichen Konflikte.

Das kann produktiv sein. Nur besitzt eine solche Technik ein Risiko.

Wenn alle Figuren ihre Gefühle mit vergleichbarer Intensität vortragen, droht aus Perspektivenvielfalt eine Art emotionaler Gleichklang zu werden.

Dann wechseln die Namen über den Kapiteln, während die innere Mechanik erstaunlich vertraut bleibt. Schuld, Verlangen, Angst, Wut, Selbstzweifel, Sehnsucht. Die Gefühle sind nachvollziehbar, ihre fortgesetzte Inszenierung ermüdet jedoch irgendwann.

Vielleicht erklärt gerade dieser Widerspruch einen Teil des Erfolgs.

Maas schreibt Bücher, in denen sich die Leser emotional zu Hause fühlen können, selbst wenn ihre Figuren dort unablässig in Trümmern stehen.

Das ist eine bemerkenswerte Kunst, nur sollte sie nicht mit literarischer Vollkommenheit verwechselt werden.


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⭐ Fazit: Eine große Sinfonie, die ihre Instrumente nicht immer beherrscht

A Court of Splintered Harmony ist kein leerer Roman, dessen Erfolg sich allein aus dekorierten Buchkanten und geschickter Vermarktung erklären ließe, denn dafür besitzt Sarah J. Maas zu viel erzählerisches Gespür.

Ihre Welt hat Geschichte, die Figuren tragen nachvollziehbare Verletzungen mit sich, und besonders Nesta zeigt, dass aus inneren Konflikten durchaus glaubwürdige Entwicklung entstehen kann. Auch die politische Ausgangslage bietet interessante Fragen nach Macht, Verantwortung und Loyalität. Die Rückkehr von Bryaxis beweist zudem, dass die Autorin eindringliche fantastische Bedrohungen inszenieren kann, wenn sie ihre Figuren tatsächlich handeln lässt.

Doch diese Stärken stehen erheblichen Schwächen gegenüber. Die Sprache neigt zur emotionalen Überdeutlichkeit. Manche Konflikte werden so häufig erklärt und neu betrachtet, dass sie an Wirkung verlieren. Besonders Azriels Innenleben kreist hartnäckig um Motive, die anfangs tragisch erscheinen, durch ihre Wiederholung aber zunehmend vorhersehbar werden.

Auch die erotischen Szenen zeigen diesen Widerspruch. Sie besitzen teilweise eine erkennbare dramaturgische Funktion, greifen sprachlich aber häufig auf wenig überraschende Bilder und körperliche Reaktionsmuster zurück. Die politische Handlung wiederum besitzt mehr Potenzial, als ihre häufig von persönlichen Befindlichkeiten überlagerten Auseinandersetzungen ausschöpfen.

Und schließlich bleibt die bewusste Entscheidung für eine vierteilige Gesamtkomposition ein zweischneidiges Versprechen. Der erste Satz entwickelt Ereignisse und Figuren, verlangt aber zugleich beträchtliches Vertrauen in die noch ausstehenden Teile.

Das Buch will gleichzeitig großes Fantasyepos, psychologische Traumageschichte, politische Intrige und leidenschaftliches Beziehungsdrama sein. Nicht immer finden diese Bestandteile zu einer überzeugenden gemeinsamen Form.

Was bleibt, ist eine durchaus unterhaltsame, stellenweise intensive Fortsetzung, deren erzählerische Fähigkeiten immer wieder von ihrem eigenen Drang zur maximalen Bedeutung überlagert werden.

Drei von fünf Sternen.

Keine zwei, denn Nestas Entwicklung, die politisch interessante Ausgangslage und einige wirksame dramatische Szenen verdienen definitiv Anerkennung. Aber auch keine vier. Dafür fehlt es der Sprache zu häufig an Präzision, der Konfliktgestaltung an Zurückhaltung und diesem ersten Satz an eigenständiger dramaturgischer Geschlossenheit.

Vielleicht wird die fertige Komposition eines Tages tatsächlich eine große Sinfonie ergeben. Unmöglich ist das nicht. Im Augenblick hören wir einen durchaus begabten Klangkörper, dessen Musiker gelegentlich vergessen, dass man nicht jedes Gefühl im Fortissimo vortragen muss.

Und dass Literatur manchmal gerade dann am lautesten spricht, wenn sie endlich den Mund hält.

Fantasykosmos · Wertung

3 von 5 Sternen

Ein emotional aufgeladenes Wiedersehen mit bekannten Figuren, das zwischen interessanter politischer Fantasy, glaubwürdigen Entwicklungsmomenten und überinszeniertem Beziehungsdrama schwankt. Erzählerisch wirksam, sprachlich häufig konventionell und als erster Satz einer großen Komposition noch nicht überzeugend genug.

Viel Gefühl. Weniger Beherrschung.

📚 Bibliografische Angaben

Buchcover von Sarah J. Maas: A Court of Splintered Harmony, inszeniert auf einer dunkelgrünen Fantasykosmos-Coverbühne mit goldenen Ornamenten.
Cover © dtv · Bildgestaltung Fantasykosmos
Autorin Sarah J. Maas
Titel A Court of Splintered Harmony
Reihe Das Reich der sieben Höfe, Band 6
Untertitel Der Walküren-Zyklus: I. Satz
Verlag dtv
Erscheinungsdatum 27. Oktober 2026
Umfang 480 Seiten
Genre Romantasy / High Fantasy
Übersetzung Franca Fritz und Heinrich Koop
Hardcover 26,00 €
ISBN: 978-3-423-28593-3
Deluxe-Ausgabe mit Farbschnitt 30,00 €
ISBN: 978-3-423-28585-8
E-Book (EPUB) 19,99 €
ISBN: 978-3-423-45102-4
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