🔍 Suche im Fantasykosmos
Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.

Marilyn Manson – One Assassination Under God – Chapter 2
🧿 Kurzfazit
One Assassination Under God – Chapter 2 ist die dunklere und introspektivere Hälfte des Zweiteilers. Marilyn Manson und Tyler Bates verschieben das Gewicht vom unmittelbaren Angriff stärker in Richtung Gothic Rock, Industrial-Düsternis und melancholischer Selbstbetrachtung. Nicht jeder Song besitzt dieselbe Prägnanz, aber als zusammenhängendes Album entwickelt die Platte einen bemerkenswert starken Sog.
🎯 Für wen?
Vor allem für Fans, die Marilyn Manson besonders zwischen Holy Wood, Eat Me, Drink Me und The High End Of Low mögen. Dazu kommen Berührungspunkte mit dunklem The Cure, Nine Inch Nails und generell jener Gothic-Rock-Ästhetik, bei der Schönheit und Verfall selten weit auseinanderliegen.
🎧 Vergleichbar mit
Innerhalb der eigenen Diskografie führt der Weg vor allem zu Holy Wood, Eat Me, Drink Me und den stärkeren melancholischen Momenten von The High End Of Low. Die industrielle Basis erinnert an die langjährige Verbindung zu Nine Inch Nails, während gerade Unalive, None Of The Suns und Teile von Enantiomorph eine stärker gotische Dunkelheit entwickeln, die gelegentlich an The Cure denken lässt.
🎼 Highlights
Unalive, Lucifer’s Teardrop, Enantiomorph
⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wer ausschließlich den aggressiven Marilyn Manson sucht und neun Varianten von Front Toward Enemy erwartet, könnte mit den langsameren und deutlich gotischeren Passagen weniger anfangen. Chapter 2 arbeitet oft mit Atmosphäre und Nachwirkung statt mit dem unmittelbaren Schlag.
🪞 Marilyn Manson – One Assassination Under God – Chapter 2: Das Spiegelbild ist dunkler
Neun Songs waren offenbar nur die halbe Hinrichtung. Mit One Assassination Under God – Chapter 1 kehrte Marilyn Manson 2024 nach Jahren zurück, in denen über seine Person wesentlich häufiger gesprochen wurde als über seine Musik. Das Album war entsprechend aufgeladen: Wiederauftauchen, Selbstbehauptung, Krankheit, Feindbilder, Öffentlichkeit, Schuld, Opferrolle und Gegenangriff liefen darin ständig nebeneinander her.
Chapter 2 setzt diese Geschichte fort. Und zwar erstaunlicherweise nicht dadurch, dass einfach noch einmal alles lauter wird.
Wer nach Front Toward Enemy und Exit Wound eine neun Songs lange industrielle Kriegserklärung erwartet hat, bekommt etwas wesentlich Unbequemeres. Die zweite Hälfte dieses Projekts ist gotischer, melancholischer und stellenweise fast gespenstisch zurückgenommen. Industrial Rock bleibt ein wichtiges Fundament, doch darüber liegt viel dunkler Gothic Rock, beschädigte Eleganz und eine Stimmung, die stärker nach innen schaut als der Vorgänger.
Das ergibt Sinn. Denn irgendwann ist jede Rückkehr nun mal vollzogen. Danach bleibt nur die Frage, wer eigentlich zurückgekommen ist.
Und genau dort beginnt Chapter 2 interessant zu werden. Lasst uns den Rundgang durch die zweite Hälfte beginnen.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Industrial Rock, Gothic Rock, Alternative Metal, Dark Rock
Musikalische Einordnung: One Assassination Under God – Chapter 2 bewegt sich zwischen Industrial Rock, Gothic Rock, Alternative Metal und düsterem Alternative Rock. Interessanter als die einzelnen Zutaten ist dabei ihre Gewichtung.
Front Toward Enemy gehört zu den härtesten Songs und greift Mansons industrielle Angriffslust unmittelbar auf. Don’t Answer The Door und The Arsonist führen diese Seite weiter, während Unalive, None Of The Suns und besonders der Schlusspunkt Enantiomorph wesentlich stärker mit Gothic-Rock-Stimmungen arbeiten.
Damit steht das Album musikalisch teilweise weiter von Chapter 1 entfernt, als der identische Haupttitel erwarten lässt. Die Verbindung entsteht eher über Sprache, Produktion und Atmosphäre als über ein identisches Songrezept. Wo der Vorgänger häufig frontal auftrat, arbeitet Chapter 2 stärker mit Schatten, Leerräumen und langsamer aufgebauter Spannung.
Gerade diese Verschiebung macht die Platte interessant. Das Album erweitert den ersten Teil, statt ihn lediglich zu verdoppeln.
Klangbild: Die Produktion von Marilyn Manson und Tyler Bates ist dunkel, kompakt und ausgesprochen kontrolliert. Gitarren werden selten einfach als massive Wand eingesetzt. Häufiger bilden sie gemeinsam mit elektronischen Flächen, Bass und Effekten eine Art industrielles Grundgerüst, über dem Mansons Stimme erstaunlich viel Raum bekommt.
Dabei verändert sich sein Gesang ständig. Tiefer Bariton, halb gesprochenes Raunen, Flüstern und plötzlich aufbrechende Aggression liegen oft innerhalb desselben Songs nah beieinander. Gerade die ruhigeren Momente profitieren davon, weil Manson inzwischen wesentlich weniger darauf angewiesen wirkt, jede Zeile maximal auszuspucken.
Auch die Dynamik funktioniert besser, als die beiden Vorabsongs zunächst vermuten ließen. Wenn Front Toward Enemy tatsächlich explodiert, besitzt der Song Gewicht, weil die gesamte Platte eben nicht permanent auf diesem Pegel arbeitet. Einige Gesangseffekte sitzen auffällig weit vorne und können stellenweise etwas künstlich wirken. Insgesamt passt diese leicht unwirkliche Behandlung der Stimme aber erstaunlich gut zum Charakter des Albums.
Chapter 2 klingt weniger nach Fabrikhalle als nach einem verlassenen Gebäude, in dessen Keller noch Maschinen laufen.
🎬 Offizielles Video
Mit Exit Wound präsentierte Marilyn Manson einen der ersten Vorboten von One Assassination Under God – Chapter 2. Der Song bündelt Industrial Rock, dunkle Melodik und die zentrale Bildsprache des Albums zwischen Verletzung, Öffentlichkeit und Überleben.
🔥 Drei scharfe Schnitte durch den zweiten Akt
Unalive
Der erste Song besitzt eine Aufgabe, die größer ist als ein gewöhnlicher Albumopener. Chapter 1 endet mit Sacrifice Of The Masses. Unalive wirkt unmittelbar danach weniger wie ein Neustart als vielmehr nach Track zehn eines größeren Werkes. Genau darin liegt seine besondere Wirkung.
Musikalisch öffnet sich der Song stärker Richtung Gothic Rock, als man nach den Vorabstücken erwarten konnte. Die Atmosphäre ist dunkel und beinahe schwebend, während Manson zunächst wesentlich kontrollierter auftritt, als es ein klassischer Comeback-Opener vermutlich verlangt hätte.
Der Titel passt dazu hervorragend. Der Begriff „Unalive“ bezeichnet keinen klaren Zustand. Nicht tot, aber auch kaum einfach lebendig. Diese Zwischenlage zieht sich durch das gesamte Album. Unalive stellt deshalb keine neue Welt vor. Der Song öffnet die Hintertür derselben Welt und zeigt, wie sie aussieht, nachdem die Scheinwerfer ausgeschaltet wurden.
Lucifer’s Teardrop
Hier erreicht Chapter 2 seine vielleicht stärkste Verbindung aus Eingängigkeit und Dunkelheit. Lucifer’s Teardrop besitzt einen elektronischen Puls, eine starke melodische Führung und diese eigentümliche morbide Eleganz, die Manson immer dann besonders gut gelingt, wenn er weniger daran interessiert ist, schockierend zu wirken.
Die Hook setzt sich schnell fest, aber der Song fühlt sich trotzdem nicht wie eine kalkulierte Single an. Dafür bleibt zu viel Dunkelheit in den Zwischenräumen. Auch Mansons Stimme funktioniert hervorragend. Statt sich permanent gegen die Instrumentierung durchsetzen zu müssen, kann sie darin schwimmen, verschwinden und plötzlich wieder unangenehm nah auftauchen.
Ein Lied über eine Träne Luzifers hätte bei vielen Bands zuverlässig sämtliche Kitschwarnanlagen aktiviert. Hier darf der Teufel heulen. Und ja, das macht er doch erstaunlich stilvoll.
Enantiomorph
Sechs Minuten und zwölf Sekunden stehen am Ende des zweiten Kapitels. Und ein Wort, das möglicherweise den ganzen Zweiteiler erklärt. Ein Enantiomorph ist ein spiegelbildliches Gegenstück, das seinem Original entspricht und trotzdem nicht deckungsgleich daraufgelegt werden kann. Linke und rechte Hand sind das klassische Beispiel.
Dass ausgerechnet Enantiomorph Chapter 2 beendet, wirkt kaum zufällig. Denn genauso lassen sich die beiden Kapitel lesen. Chapter 1 und Chapter 2 gehören zusammen. Themen, Klangsprache und Produktion spiegeln einander. Trotzdem besitzen beide Platten eine andere emotionale Ausrichtung. Der erste Teil richtet den Blick häufiger nach außen. Der zweite zieht ihn nach innen.
Noch interessanter wird die Idee, wenn man sie auf Manson selbst bezieht. Marilyn Manson und Brian Warner. Kunstfigur und Mensch. Öffentliche Erzählung und private Identität. Zwei Gestalten, die voneinander kaum zu trennen sind und trotzdem niemals vollständig dieselbe Person sein können.
Na ja, klar, das ist unsere Interpretation, keine bestätigte Erklärung des Songs. Aber kaum ein anderes Bild passt für uns besser zu einem Künstler, der seit Jahrzehnten davon lebt, dass niemand genau weiß, wo die Figur endet und der Mensch beginnt. Enantiomorph liefert dazu keinen einfachen Schlüssel. Es lässt den Spiegel stehen.
🎨 Artwork
Das Cover führt die Ästhetik von Chapter 1 konsequent weiter, verändert sie aber entscheidend. Wieder sehen wir ein gemaltes Manson-Porträt. Wieder wirkt das Gesicht weniger wie eine realistische Darstellung als wie eine Erinnerung daran. Konturen zerfließen, Farben wirken krank, Augenhöhlen werden zu schwarzen Vertiefungen und die gesamte Figur scheint gleichzeitig vorhanden und im Begriff zu verschwinden.
Das Gesicht besitzt etwas Maskenhaftes. Oder vielleicht ist genau das Gegenteil der Fall: Vielleicht wurde die Maske bereits teilweise abgewaschen. Grünliche und gelbliche Farbfelder treffen auf das schwarze Haar und die dunklen Augen. Die Haut wirkt fast durchsichtig. Der Blick besitzt weder klassische Angriffslust noch die sorgfältig inszenierte Überlegenheit vieler früherer Manson-Fotografien.
Er wirkt leerer. Gewiss auch müder. Vielleicht macht es gerade das auch menschlicher?
Nach unserer Meinung passt das Bild ziemlich ausgezeichnet zur Platte. Chapter 2 stellt weniger die Kunstfigur auf ein Podest, als dass es sie langsam auseinanderzieht.
Und irgendwo darunter wartet vermutlich noch ein anderes Gesicht.
🪦 Besondere Momente
Front Toward Enemy ist möglicherweise die perfekte falsche Fährte
Als einer der härtesten Songs des Albums legte das Stück zunächst nahe, Chapter 2 würde den Aggressionsgrad des Vorgängers deutlich erhöhen. Im Albumkontext passiert beinahe das Gegenteil. Gerade weil die restliche Platte wesentlich vielfältiger arbeitet, wirkt Front Toward Enemy wie ein kontrollierter Gewaltausbruch innerhalb eines dunkleren Gesamtbildes. Das macht den Song besser. Und seine Funktion interessanter.
None Of The Suns lässt das Licht bewusst draußen
Hier tritt die Gothic-Rock-Seite des Albums besonders deutlich hervor. Statt Industrial-Riffs frontal aufzubauen, arbeitet der Song stärker mit Stimmung, Melodik und einer beinahe schwebenden Dunkelheit. Gerade solche Stücke verhindern, dass Chapter 2 zum simplen Nachschlag wird.
All The Vilest Things verschiebt die Rachefantasie
Thematisch gehört der Song zu den interessantesten Momenten, weil die erwartbare Vergeltungslogik nicht einfach triumphierend ausgespielt wird. Der Gedanke, dass Angriffe jemanden verändern oder härten können, passt wesentlich besser zur Gesamtidee dieses Albums als eine simple Abrechnung.
42:58 Minuten sind genau richtig
Neun Songs, knapp 43 Minuten. Das gibt mehreren Stücken genug Raum für Atmosphäre, verhindert aber, dass Chapter 2 in seiner eigenen Dunkelheit versinkt. Gerade Enantiomorph darf sich am Ende sechs Minuten nehmen, ohne dass vorher bereits sämtliche Kerzen heruntergebrannt sind.
📜 Hintergrund
One Assassination Under God – Chapter 2 erscheint am 14. August 2026 über Nuclear Blast und setzt das 2024 veröffentlichte One Assassination Under God – Chapter 1 fort.
Erneut entstand das Album maßgeblich in Zusammenarbeit mit Tyler Bates, der gemeinsam mit Manson an Songwriting und Produktion beteiligt war. Bates hatte bereits The Pale Emperor und Heaven Upside Down entscheidend mitgeprägt und gehörte auch zum kreativen Kern von Chapter 1.
Obwohl Bates inzwischen nicht mehr Teil der aktuellen Liveformation ist, blieb er an Chapter 2 beteiligt und bezeichnete die erneute Zusammenarbeit mit Manson als ihre bislang stärkste gemeinsame Arbeit. Manson selbst beschreibt das zweite Kapitel ausdrücklich als Abschluss dieser Geschichte.
Das sollte man nicht automatisch als Abschied von seiner gesamten Karriere missverstehen. Viel näher liegt die Lesart, dass hier das mit Chapter 1 begonnene Werk abgeschlossen wird. Mit neun weiteren Songs entsteht damit ein Zweiteiler von insgesamt achtzehn Stücken.
🪞 Fazit: Was bleibt nach der Hinrichtung?
One Assassination Under God – Chapter 2 hätte sehr leicht das berechenbare Album werden können.
Mehr Industrial. Mehr Aggression. Mehr Abrechnung. Mehr Manson über Manson.
Stattdessen ist es ausgerechnet die leisere Verschiebung, die diese zweite Hälfte interessant macht.
Marilyn Manson klingt hier weniger daran interessiert, seine Rückkehr zu beweisen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Chapter 1 musste zwangsläufig unter dem Gewicht seines Comebacks existieren. Jede Zeile wurde als Erklärung gelesen, jede aggressive Geste als Antwort, jedes Bild als Statement.
Chapter 2 kann etwas anderes tun. Es kann einfach ein Album sein. Und wunderbarerweise taucht wieder jener Manson auf, der musikalisch immer dann besonders interessant war, wenn Schönheit und Hässlichkeit kaum voneinander zu trennen waren.
Unalive öffnet diese Tür hervorragend. None Of The Suns zieht Gothic-Rock-Schatten hinein. Lucifer’s Teardrop beweist, dass morbide Eingängigkeit noch immer eine seiner stärksten Waffen ist. Und Enantiomorph gibt dem gesamten Zweiteiler rückwirkend eine konzeptionelle Tiefe, die man nach den ersten Singles kaum erwarten durfte.
Und nein, nicht alles erreicht dieses Niveau. Don’t Answer The Door oder The Arsonist funktionieren gut innerhalb des Albums, besitzen aber weniger Eigengewicht. Auch Exit Wound wirkt im Gesamtzusammenhang stärker als verbindendes Element denn als überragender Einzeltrack.
Das fällt allerdings erstaunlich wenig ins Gewicht, denn Chapter 2 funktioniert am besten als zusammenhängender Raum. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses Projekts. Eine Hinrichtung unter Gott sollte eigentlich mit einem Toten enden.
Stattdessen stehen am Schluss zwei Spiegelbilder nebeneinander.
Und keines davon verschwindet.

| Künstler: | Marilyn Manson |
| Albumtitel: | One Assassination Under God – Chapter 2 |
| Erscheinungsdatum: | 14. August 2026 |
| Genre: | Industrial Rock / Gothic Rock / Alternative Metal / Dark Rock |
| Label: | Nuclear Blast |
| Spielzeit: | ca. 43 Minuten |
🎼 Trackliste:
Unalive – 4:56
Don’t Answer The Door – 4:26
Front Toward Enemy – 4:23
All The Vilest Things – 4:33
None Of The Suns – 5:12
Lucifer’s Teardrop – 4:35
The Arsonist – 4:03
Exit Wound – 4:38
Enantiomorph – 6:12
🎛️ Produktion:
Marilyn Manson – Songwriting, Produktion, Gesang
Tyler Bates – Songwriting, Produktion, Instrumentierung
Mehr Album-Reviews für dich?
Dieses Review war für dich cool und du würdest gerne mehr lesen? Reviews aus sämtlichen Spielarten der Fantasy Musik findest du auf unserer Fantasy Alben Seite.








