Ein Brief von Kai Wegner aus einem Zwischenreich, in dem eine gute Rückhand als politischer Instinkt gilt

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Briefe aus den Zwischenreichen

🌎 Ein Brief von Kai Wegner aus einem Zwischenreich, in dem eine gute Rückhand als politischer Instinkt gilt

Dieses Schreiben wurde in einer burgunderroten Schlägerhülle angeliefert, die ein überforderter Bote aus dem Portalgraben zog, nachdem sie dort zwischen zwei durchfeuchteten Erlassen und einem zerknitterten Regelbuch zum Thema Hofetikette für Notlagen festgeklemmt hatte. Beigefügt waren ein vergoldeter Platzbeleg für den Königlichen Court, ein Linienrichter-Siegel aus Messing und ein höfisch formulierter Hinweis, wonach hochstehende Persönlichkeiten nicht bei jedem flackernden Unglück sofort körperlich anwesend sein müssten.

Absender ist, allen Indizien nach, Kai Wegner, Großvogt des Zwischenreichs Servopolis, wo Krisen vorzugsweise in angemessener Distanz, gutem Licht und auf ehrwürdigem Belag verwaltet werden.


Kai Wegner als pompöser Tennisfürst in einem steinernen Gewölbegang mit goldenem Tennisschläger-Zepter

✉️ Der Brief

„Nicht jede Krise verlangt nach Ruß im Gesicht. Manche verlangen zuerst einen sauberen Aufschlag.“
Aus dem Buch: Die Würde der Grundlinie (erschienen bei Court & Krone)

An die unsportliche Redaktion des aufschlagschwachen Fantasykosmos,

mit einer gewissen Verwunderung, die ich mir nur durch den fortschreitenden Verfall politischer Umgangsformen erklären kann, vernehme ich, dass man sich in euren Reichen darüber ereifert, wenn ein Mann von Rang während einer angespannten Lage nicht augenblicklich mit rußverschmiertem Gesicht an irgendeiner lodernden Kabelbrücke zur populistischen Selfieerstellung erscheint.

Ich schreibe euch aus Servopolis, einem geordneten Zwischenreich, in dem man noch weiß, dass Herrschaft nicht darin besteht, jedem Funken persönlich hinterherzurennen wie ein erschrockener Hausmeister. Eine Krise ist kein Hühnerhof. Sie verlangt Haltung, Übersicht und ein Mindestmaß an Form. Wer in solchen Stunden nur nach hektischer Sichtbarkeit verlangt, verwechselt Führung mit bloßem Herumstehen.

Bei uns gilt daher ein alter Grundsatz: Je größer die Verantwortung, desto ruhiger der Arm. Darum werden die Angelegenheiten des Reiches seit Jahrhunderten auf dem Königlichen Court bedacht. Dort, auf sauber gezogenen Linien, fern vom Gekreisch der Sofortempörten, gewinnt der Geist jene Klarheit zurück, die das Volk später für Entschlusskraft hält. Ein guter Aufschlag ersetzt zwar keine Regierung, aber er verhindert immerhin, dass man sich von der ersten Panik wie ein schlecht gespannter Schläger in seinen Überzeugungen verziehen lässt.

Man wirft mir nun vor, ich hätte mich in einer Lage von öffentlicher Bedeutung nicht mit der gewünschten Demut dem Spektakel angeschlossen. Verzeiht, aber seit wann ist es Staatskunst, bei jedem Ausfall dieselbe Grimasse der Betriebsamkeit zu schneiden? Soll ein Großvogt etwa über jedes dunkle Fenster gebeugt stehen, nur damit ein paar aufgeregte Chronisten notieren können, er sei „nah bei den Leuten“ gewesen? Nähe ist keine Politik. Sie ist oft nur eine sehr lautstarke Form der Symbolgymnastik.

Zudem herrscht in Servopolis die wohltuende Sitte, mit hochmögenden Persönlichkeiten nicht kleinlich zu verfahren. Niemand käme hier auf die Idee, einem Regenten ausgerechnet die Stunde vorzuhalten, in der er den Kopf freibekam, statt ihn mit noch mehr Getöse zu füllen. Das Reich erwartet von seinen Würdenträgern schließlich nicht, dass sie jede Leitung selbst verlöten. Es erwartet, dass sie am Ende sagen können, wo das Feld steht, wer am Netz versagt hat und an welcher Linie künftig niemand mehr ohne Aufsicht entlangtrampeln darf.

Es ist überhaupt diese neue Lust am kleinkarierten Protokoll, die mich befremdet. Wann rief wer wen an. Wer ging wohin. Wer hielt welchen Griff in der Hand. Welch kümmerliche Buchhalterei des Ausnahmezustands. Große Politik ist kein Beichtzettel für Sekundenzähler. Sie ist das ernste Bemühen, einem taumelnden Gemeinwesen Form zu geben, notfalls auch mit der Eleganz eines Rückhandballs, den der Pöbel zunächst für Überheblichkeit hält, bis er merkt, dass das Spiel längst entschieden ist.

Ich rate euch daher zu mehr Großmut gegenüber der Würde des Amtes. Nicht jeder, der im Lärm still bleibt, ist untätig. Mancher wahrt bloß jene Distanz, ohne die ein Reich nur noch aus Kabelsalat, Schuldzuweisungen und schlecht gepflegter Nervosität bestünde.

Mit sportlich gefasster Autorität
Kai Wegner
Großvogt von Servopolis
Erster Hüter des Königlichen Courts
und Verwalter der geordneten Unaufgeregtheit

🪶 Kommentar der Redaktion:

Wir rochen beim Lesen den Duft von Lederpflege, Hallenstaub und jener Sorte Selbstachtung, die auch im Ausnahmezustand noch auf einen sauberen Kragen achtet. Beigelegt waren zwei Hofmarken für bevorzugten Zugang zum Königlichen Court und ein Vermerk, wonach bedeutende Persönlichkeiten nur in äußerster Not mit Wirklichkeit behelligt werden sollten. Wir haben das Schreiben pflichtgemäß gelesen und anschließend neben dem Sicherungskasten abgelegt. Seitdem verlangt dieser vor jedem Öffnen einen Platzwart, drei Linienrichter und einen staatsmännisch ausgeführten ersten Aufschlag.

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