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John Carpenter – Cathedral
🧿 Kurzfazit
Cathedral ist ein starkes, eigenwilliges Instrumentalalbum zwischen Horror-Score, Synth-Dunkelheit und metallisch aufgerauter Spannung. John Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies bauen daraus kein klassisches Songalbum, sondern einen düsteren Film für geschlossene Augen. Nicht jede Passage hat als Einzelstück dieselbe Wucht, aber als Gesamtwerk entwickelt die Platte eine sehr eigene, sehr starke Sogwirkung.
🎯 Für wen?
Für Hörer von John Carpenters Lost Themes-Alben, für Freunde von Goblin, Tangerine Dream, Perturbator, Dance With The Dead und für alle, die zwischen Horrorfilm, Soundtrack, Synthwave und instrumentaler Schwermetall-Eleganz keine unüberwindbare Mauer ziehen.
🎧 Vergleichbar mit
Am nächsten liegt natürlich John Carpenter selbst: die Lost Themes-Reihe, die großen Scores zu Halloween, The Fog oder Prince Of Darkness, allerdings mit deutlich stärkerem Gitarrenanteil. Dazu kommen die unheilvolle Prog-Horror-Energie von Goblin, die kalte Flächenkunst von Tangerine Dream und in den härteren Momenten ein Hauch moderner Dark-Synth-/Metal-Kreuzungen wie Perturbator oder Dance With The Dead.
🎼 Highlights
Primeval, Elevator, Lord Of The Underground
⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wer ein vollwertiges Metalalbum mit Gesang, Refrains und klassischer Songdramaturgie erwartet, dürfte hier schnell feststellen, dass Carpenter immer noch eher Regisseur als Riffarbeiter ist. Und wer mit instrumentaler Filmmusik grundsätzlich wenig anfangen kann, wird an den Übergangs- und Stimmungsstücken eher vorbeihören als hineinfallen.
⛪ John Carpenter – Cathedral: Der beste neue Carpenter-Film hat keine Bilder
Mit 78 Jahren macht John Carpenter etwas, das irgendwie sehr nach Altersweisheit und gleichzeitig sehr nach Trotz aussieht: Er dreht den Film einfach gar nicht erst und liefert trotzdem den Soundtrack dazu.
Cathedral ist kein klassisches Soloalbum, kein gewöhnlicher Horror-Score und erst recht kein plumper Ausflug eines Altmeisters in „jetzt machen wir mal etwas mit Metal“. Das Projekt basiert auf einem Traum, den John Carpenter 2024 hatte: eine verlassene Kathedrale in Los Angeles, ein Mord, etwas Böses in den Katakomben, und darüber diese typische Carpenter-Frage, ob der Mensch in so einer Situation eigentlich noch etwas anderes kann, als entschlossen in die Verdammnis zu laufen. Aus diesem Traum wurden eine Graphic Novel und ein Album. Und das Entscheidende: Das hört man überwältigend gut.
Denn Cathedral klingt nicht wie eine lose Sammlung dunkler Instrumentalstücke. Es klingt wie ein Film ohne Leinwand. Wie eine Abfolge von Räumen, Bewegungen, Bedrohungen und kurzen Blicken in einen Abgrund, den Carpenter seit Jahrzehnten besser kennt als die meisten Regisseure, die halb so alt sind und dreimal so viele Streaming-Deals besitzen.
Die schöne Nachricht für alle, die bei dem Namen sofort an Synthesizer, Nebel und schwarzes Leder denken: Ja, das ist unverkennbar John Carpenter. Die noch schönere Nachricht: Das Album macht tatsächlich ernst mit dem „Heavy Metal“-Aspekt, über den Carpenter selbst gesprochen hat. Nicht im Sinne von Dauergeballer, aber doch so, dass Daniel Davies’ Gitarren hier wesentlich mehr sind als dekorativer Horrorputz.
Das Ergebnis ist ein Album, das seine eigene Geschichte erzählt, ohne je ein einziges Wort zu brauchen.
Und verdammt noch mal: Ja, das ist richtig geil geworden.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Dark Ambient, Horror Score, Synthwave, Progressive Metal, Heavy Metal, Instrumental Rock
Musikalische Einordnung: Cathedral bewegt sich in einem spannenden Zwischenraum. Das Album ist zu riffbetont, um bloß als Soundtrack-Nebel wegzuschweben, und zu stark in Bildern und Atmosphäre verankert, um einfach als normales Heavy-Metal-Album durchzugehen. Genau daraus bezieht es seinen Reiz.
Die Basis bleibt klar carpenteresk: dunkle Synth-Flächen, pulsierende Sequenzen, gezielt gesetzte Spannung, eine fast architektonische Form von Bedrohung. Darüber legt Daniel Davies Gitarren, die an mehreren Stellen deutlich ins Gewicht fallen und dem Material jene Schwere geben, die Carpenter selbst als „erste Heavy-Metal-Platte“ seines Kosmos umrissen hat.
Wichtig ist dabei: Diese Musik will kein Crossover-Statement abgeben. Sie versucht nicht krampfhaft, zwei Welten zu verheiraten, die sich eigentlich nicht mögen. Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies arbeiten vielmehr so, als sei es völlig selbstverständlich, dass eine finstere Kathedralen-Unterwelt sowohl analoge Synthesizer als auch schwere Gitarren braucht.
Und offen gesagt: Sie haben damit völlig recht.
Klangbild: Die Produktion von Cathedral ist dicht, aber nicht überfrachtet. Die Synthesizer bauen Räume und Schattenzonen. Die Gitarren setzen Schläge, Konturen und Unruhe hinein. Das Schlagwerk und die rhythmischen Impulse halten alles in Bewegung, ohne die Musik in puren Aktionismus zu kippen.
Besonders gut gefällt, dass die Platte nie steril wirkt. Viel moderner Dark-Synth-Horror klingt inzwischen so glattpoliert, dass man das Gefühl hat, der Dämon habe vorher noch die Studioakustik abgenickt. Cathedral hat dagegen Körper. Die Musik klingt dunkel, massiv und oft erstaunlich organisch.
Zugleich bleibt sie sehr filmisch. Viele Stücke entwickeln sich nicht in klassischer Songlogik, sondern wie Szenen: Aufbau, Bewegung, Erkenntnis, Flucht, neuer Tunnel, neues Unheil. Genau deshalb wirken manche Tracks weniger wie Singles und mehr wie Kapitel einer größeren Bewegung. Das ist Absicht. Und größtenteils geht die Rechnung auf.
🎬 Offizielles Video
Mit Lord Of The Underground zeigen John Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies besonders deutlich, wohin Cathedral zielt: düstere Synth-Architektur, schweres Gitarrengewicht und das Gefühl, dass der Fahrstuhl gerade nicht mehr ins Erdgeschoss fährt.
🔥 Drei Wege in den Untergrund
Primeval
Der Opener ist sofort einer der stärksten Tracks des Albums. Primeval verbindet alles, was Cathedral ausmacht: Druck, Atmosphäre, Tempo, Gitarrenbiss und diesen unverkennbaren Carpenter-Sog, bei dem man sich nie sicher ist, ob gerade wirklich etwas passiert oder ob die Musik nur sehr effektiv andeutet, dass gleich etwas Entsetzliches passiert. Genau das macht den Song so gut. Er ist groß genug, um das Album zu eröffnen, aber nicht so übergriffig, dass danach nur noch Abstieg droht. Primeval ist der perfekte erste Schritt in dieses Gemäuer.
Elevator
Wer einem Track namens Elevator in einem John-Carpenter-Projekt nicht sofort wohlige Unruhe entgegenbringt, hat entweder zu viele freundliche Aufzüge erlebt oder zu wenig Horrorfilme gesehen. Der Song nutzt die Idee hervorragend. Er besitzt Zug, Bewegungsgefühl und eine klar umrissene Spannung, die förmlich nach vertikaler Verdammnis klingt. Gerade hier zeigt sich, wie gut Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies mit Rhythmus als Erzählmittel arbeiten. Elevator ist kein Haudrauf-Track. Er ist ein Transportmittel ins Falsche.
Lord Of The Underground
Wenn man einen Song benennen müsste, an dem das „Metal“-Versprechen von Cathedral am direktesten hörbar wird, dann diesen. Lord Of The Underground ist schwerer, direkter und gitarrenbetonter als viele andere Stücke des Albums, ohne den Filmcharakter zu verlieren. Es ist nicht der Moment, in dem Carpenter plötzlich so tut, als habe er eine Doom-Band gegründet. Es ist der Moment, in dem die Unterwelt akustisch ihr Personal vorstellt. Das macht den Track nicht nur zum offensichtlichen Highlight, sondern auch zum besten Argument dafür, dass das Projekt seine stilistische Mischung tatsächlich tragen kann.
🎨 Artwork
Das Cover macht überhaupt keine Gefangenen. Eine riesige, düster aufragende Kathedrale in Schwarzweiß, gespiegelt, von Wolken und Finsternis umgeben, dazu das große, harte Logo. Das ist zugleich Gothic, Horror, Heavy Metal und urbanes Unheil. Es sieht nicht nach filigraner Symbolspielerei aus. Es sieht aus, als solle man dort auf keinen Fall hinein.
Genau dadurch funktioniert es so gut. Spannend ist vor allem die Spiegelung. Die Kathedrale verdoppelt sich nach unten, kippt in eine zweite Ebene und wirkt dadurch wie ein Bauwerk mit sichtbarer Oberfläche und verborgener Unterseite. Man muss dafür kein Deutungsweltmeister sein: Das Bild visualisiert im Grunde das, was die Musik anschließend tut. Oben ein sakraler Raum. Unten das, was darin verborgen liegt.
Oder einfacher gesagt: John Carpenter hat das Albumcover so gestaltet, als hätte er keine Lust, auch nur ansatzweise subtil zu sein. Eine sehr sympathische Entscheidung.
🪦 Besondere Momente
Eine Graphic Novel ohne Merchandise-Attitüde
Das ist wichtig. Cathedral wurde nicht einfach nachträglich mit einem Comic beklebt, um das Paket hübscher zu machen. Das ganze Projekt ist von Anfang an als Doppelwesen gedacht: Graphic Novel und Album gehören zusammen. Jedes Stück korrespondiert mit einem Teil der Geschichte. Das erklärt auch, warum manche Tracks eher Szenen, Brücken oder atmosphärische Wegmarken sind als „Songs“ im klassischen Sinn.
Die Gitarren sind hier keine Feigenblätter
Wenn John Carpenter von Heavy Metal spricht, könnte man bei einem Mann mit seiner Filmgeschichte zunächst vermuten, dass damit vor allem Attitüde gemeint ist. Tatsächlich bekommt Daniel Davies hier aber wirklich Raum. Primeval, Elevator und Lord Of The Underground zeigen ziemlich deutlich, dass die Platte ihre schwere Seite ernst meint.
Nicht jede Minute will für sich allein glänzen
Das ist zugleich Stärke und leichte Schwäche. Tracks wie Abandoned Cathedral, Desolation In The Underworld oder Death Of The Mapmaker fügen sich hervorragend in den Fluss ein, stehen aber als Einzelstücke weniger massiv da. Wer reine Songsammler-Logik anlegt, wird hier wahrscheinlich weniger glücklich. Wer Alben als Räume hört, deutlich mehr.
Carpenter macht genau das, was Hollywood ihm nicht mehr abverlangt
Es hat eine hübsche Ironie, dass John Carpenter inzwischen offenbar sein spätes Glück in der Musik gefunden hat. Cathedral klingt jedenfalls nicht wie Pflichtübung eines legendären Namens, sondern wie das Werk eines Mannes, der längst niemandem mehr etwas beweisen muss und deshalb sehr präzise das baut, worauf er Lust hat.
📜 Hintergrund
Cathedral erschien am 7. August 2026 über Sacred Bones Records. Das Album entstand gemeinsam mit Cody Carpenter und Daniel Davies, also jenem Trio, das bereits die Lost Themes-Arbeiten und mehrere spätere Carpenter-Scores geprägt hat.
Ausgangspunkt war ein Traum von John Carpenter, aus dem schließlich ein multimediales Projekt wurde: eine Graphic Novel und dieses Album als musikalisches Gegenstück. Die Stücke sind dabei bewusst auf die Geschichte bezogen und als Soundtrack zu einem Werk gedacht, das man lesen – oder eben auch nur hören – kann.
Genau hier liegt die redaktionell schönste Pointe: Während Hollywood seit Jahren damit beschäftigt ist, alte Ideen zu rebooten, baut John Carpenter sich seinen nächsten Horrorfilm einfach selbst. Nur ohne Dreharbeiten, ohne Produzentenpanik und vermutlich auch ohne irgendjemanden, der ihm erklärt, die Zielgruppe brauche mehr Sympathiefiguren.
Manchmal ist das Alter doch ein äußerst hilfreicher Ratgeber.
🎞️ Fazit: Der Film läuft längst im Kopf
Cathedral ist kein perfektes Album. Dafür denkt es zu sehr in Szenen, Übergängen und Spannungsarchitektur, um durchgehend die Wucht eines klassischen Songalbums zu besitzen. Einzelne kurze Tracks funktionieren vor allem im Zusammenhang. Und wer nur wegen des Metal-Versprechens kommt, könnte überrascht feststellen, dass John Carpenter immer noch deutlich stärker am Horrorkino interessiert ist als an bloßer Riffakrobatik.
Aber genau das macht die Platte letztlich stark, denn Cathedral versucht nicht, etwas zu sein, das es nicht ist. Es ist keine verkappte Bandplatte. Kein Pseudo-Soundtrack. Kein Altmeister-Gimmick. Es ist ein düsteres, sehr bewusst gebautes Instrumentalwerk, das seine Stärken aus Atmosphäre, Erzählfluss und präzise gesetzter Schwere zieht.
John Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies gelingt dabei etwas ziemlich Schönes: Sie schaffen Musik, die Bilder erzeugt, ohne von vorhandenen Bildern abhängig zu sein. Der Hörer muss nichts kennen. Kein Heft lesen. Kein Storyboard studieren. Es reicht, die Platte aufzulegen und den Fehler zu begehen, dieser Kathedrale zu folgen.
Am Ende bleibt also ein Album, das vielleicht nicht jeden einzelnen Stein seines Gemäuers gleich stark beleuchtet, als Bauwerk aber beeindruckt.
Der beste neue John-Carpenter-Film hat keine Bilder.
Und er braucht sie auch nicht.

| Künstler: | John Carpenter, Cody Carpenter und Daniel Davies |
| Albumtitel: | Cathedral |
| Erscheinungsdatum: | 7. August 2026 |
| Genre: | Dark Ambient, Horror Score, Synthwave, Progressive Metal, Heavy Metal, Instrumental Rock |
| Label: | Sacred Bones Records |
| Spielzeit: | ca. 45 Minuten |
🎼 Trackliste:
Primeval – 5:13
Identity – 3:33
Inside Out – 4:52
Abandoned Cathedral – 1:30
Elevator – 3:33
Elevator Two – 3:02
Desolation In The Underworld – 1:50
The Mapmaker – 2:06
The Ferryman – 3:26
Lord Of The Underground – 4:34
Death Of The Mapmaker – 1:16
Back To Ruins – 2:59
Revenge – 3:27
Resolution – 3:49
🎛️ Produktion:
John Carpenter – Komposition, Synthesizer
Cody Carpenter – Komposition, Synthesizer
Daniel Davies – Komposition, Gitarre
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