The Everlasting holt den Hugo – Sinners, Murderbot und Clair Obscur räumen ebenfalls ab
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Eine Rakete reicht heute nicht
📰 Was ist los?
Die Hugo Awards 2026 sind in Anaheim vergeben worden. Alix E. Harrows The Everlasting gewinnt Best Novel, Amal El-Mohtars The River Has Roots Best Novella, A Wizard of Earthsea den Comic-Hugo und Old Man’s War Best Series. Bei Film, Serie und Games triumphieren Sinners, Murderbot: All Systems Red und Clair Obscur: Expedition 33.
🐛 Was denken wir?
Das ist eine der stärksten Sammelmeldungen des Jahres, weil die Hugos diesmal fast den gesamten Fantasykosmos auf einmal abdecken. Besonders schön ist, dass Literatur trotzdem klar im Zentrum bleibt: The Everlasting gewinnt gegen ein starkes Romankandidatenfeld, während Earthsea Jahrzehnte nach seiner Entstehung in neuer Form noch einmal eine Rakete mitnimmt.
📚 The Everlasting holt den Hugo – Sinners, Murderbot und Clair Obscur räumen ebenfalls ab
Während Deutschland noch schlief, wurden in Anaheim einige der wichtigsten Raketen der Phantastik verteilt. Die Hugo Awards 2026 sind vergeben und die Gewinnerliste reicht diesmal von einer zeitreisenden Ritterlegende über Ursula K. Le Guins Erdsee bis zu Vampirhorror, einem schlecht gelaunten Sicherheitsandroiden und einer Expedition gegen eine todbringende Malerin.

© Fantasykosmos / KI-Illustration / manuell nachgearbeitet
Den wichtigsten Literaturpreis des Abends holte Alix E. Harrow. Ihr Fantasyroman The Everlasting gewann den Hugo als Best Novel und setzte sich damit gegen ein bemerkenswert starkes Feld durch. Insgesamt beteiligten sich 2.492 Worldcon-Mitglieder an der finalen Abstimmung. Anders als bei vielen Literaturpreisen entscheidet bei den Hugos keine kleine Jury, sondern die stimmberechtigte Mitgliedschaft der jeweiligen World Science Fiction Convention.
⚔️ The Everlasting macht aus einer Heldenlegende eine Zeitschleife
Harrow erzählt in The Everlasting von Sir Una Everlasting, einer legendären Ritterin, deren Leben über Jahrhunderte zur nationalen Heldensage verklärt wurde. Viel später verfällt der gescheiterte Soldat und Historiker Owen Mallory ihrer Geschichte und wird schließlich selbst in die Vergangenheit geschickt.
Dort entdeckt er, dass Legenden erheblich sauberer aussehen als das Leben, aus dem sie entstanden sind. Una und Owen geraten in eine Zeitschleife, in der dieselbe Geschichte immer wieder erzählt werden muss und immer auf denselben Tod hinausläuft. Um Una ein anderes Ende zu ermöglichen, müssten sie nicht nur eine Heldensage umschreiben, sondern Geschichte selbst verändern. Der Verlag beschreibt den Roman entsprechend als Fantasygeschichte über Legendenbildung, Nationalmythen, Liebe und die Frage, wem eine historische Erzählung eigentlich gehört.
Der Sieg ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Konkurrenz ausgesprochen prominent war. Nominiert waren unter anderem Robert Jackson Bennetts A Drop of Corruption, Nnedi Okorafors Death of the Author, Adrian Tchaikovskys Shroud, Emily Teshs The Incandescent und Antonia Hodgsons The Raven Scholar. Harrow hat sich damit nicht gerade durch ein Übergangsjahr gemogelt.
🌿 Amal El-Mohtar gewinnt mit The River Has Roots
Auch bei der kürzeren Prosa geht einer der großen Preise klar in die Fantasy. Amal El-Mohtars The River Has Roots gewinnt Best Novella.
Die Geschichte führt nach Thistleford an den Rand von Faerie. Dort lebt die Familie Hawthorn und pflegt magische Weiden, die nach einem alten Pakt durch Gesang geehrt werden müssen. Im Zentrum stehen zwei Schwestern, deren Verbindung selbst durch Tod und die Grenze zur Feenwelt nicht einfach getrennt werden kann. El-Mohtar verbindet Märchen, Ballade, Familiengeschichte und Sprachmagie zu einem Stoff, bei dem selbst Grammatik buchstäblich magische Bedeutung bekommt.
Die weiteren großen Prosapreise gingen an H.H. Pak für die Novelette Never Eaten Vegetables und Thomas Ha für die Kurzgeschichte In My Country. Den neueren Hugo für Best Poem gewann Elis Montgomery mit Hex Supply Customer Support Log.
🌊 Earthsea gewinnt Jahrzehnte später noch einmal einen Hugo
Eine besonders schöne Rakete landet bei einem Werk, dessen Wurzeln viel weiter zurückreichen. A Wizard of Earthsea: A Graphic Novel gewinnt Best Graphic Story or Comic.
Fred Fordham hat Ursula K. Le Guins klassischen ersten Erdsee-Roman als Graphic Novel adaptiert. Damit gewinnt eine neue Umsetzung einer der prägendsten Fantasygeschichten des 20. Jahrhunderts gegen Konkurrenz wie Absolute Wonder Woman, Leigh Bardugos The Invisible Parade und The Power Fantasy.
Das ist fast schon eine kleine Generationenbrücke innerhalb derselben Preisverleihung. Einerseits gewinnt mit The Everlasting ein neuer Roman über die Mechanik von Legenden. Andererseits bekommt mit Earthsea eine der Geschichten eine Rakete, die selbst seit Jahrzehnten daran beteiligt ist, wie moderne Fantasy über Magie, Macht und Verantwortung erzählt.
🚀 John Scalzi gewinnt mit Old Man’s War die Serienkategorie
Bei Best Series setzte sich John Scalzis Old Man’s War durch. Die Reihe ließ unter anderem Heather Fawcetts Emily Wilde, Seanan McGuires langjährige October Daye-Serie, Katherine Addisons Chronicles of Osreth und Max Gladstones The Craft Wars hinter sich.
Das ist zugleich ein interessanter Sieg für eine Science-Fiction-Reihe, deren Ursprung inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt. Old Man’s War begann mit der Idee, dass Menschen im hohen Alter für eine interstellare Armee rekrutiert und mit neuen Körpern ausgestattet werden. Aus diesem Konzept entstand eine viel größere Geschichte über Krieg, Kolonialismus, Menschlichkeit und die politischen Strukturen einer expandierenden Zivilisation.
Bei den Hugos muss eine Serienauszeichnung allerdings nicht bedeuten, dass jedes einzelne Werk gerade neu erschienen ist. Entscheidend ist die Gesamtleistung einer fortlaufenden Reihe innerhalb der jeweiligen Qualifikationsregeln. Dass Scalzis bekanntester Kosmos jetzt genau diesen Preis holt, dürfte für langjährige Leser entsprechend Gewicht haben.
🩸 Sinners schlägt Frankenstein, Superman und Andor
Auch der große Medienpreis fällt ausgesprochen interessant aus. Ryan Cooglers Sinners gewinnt Best Dramatic Presentation, Long Form.
Das Feld war bemerkenswert: Andor – Season 2, Guillermo del Toros Frankenstein, KPop Demon Hunters, Bong Joon Hos Mickey 17 und James Gunns Superman standen ebenfalls zur Wahl. Dass sich ausgerechnet Cooglers Mischung aus Vampirhorror, Musik, Geschichte und Southern Gothic durchsetzt, gibt der diesjährigen Preisvergabe noch einmal einen kräftigen Horrorakzent.
Gerade diese Kategorie zeigt schön, wie breit die Hugos ihre Phantastik inzwischen verstehen. Da steht eine Star-Wars-Serie neben Frankenstein, Superman, Vampiren, animierten Dämonenjägern und Science-Fiction von Bong Joon Ho – und am Ende entscheidet die Worldcon-Mitgliedschaft, was davon die stärkste dramatische Langform war. Diesmal wollte sie Blut.
🤖 Murderbot gewinnt ausgerechnet mit All Systems Red
Bei Best Dramatic Presentation, Short Form triumphiert Murderbot mit der Episode All Systems Red. Das ist die neunte Folge der ersten Apple-TV-Staffel und trägt denselben Titel wie Martha Wells’ Novelle, mit der die ganze Murderbot-Geschichte ihren Anfang nahm.
Auch hier war die Konkurrenz erheblich. Nominiert waren eine zweite Murderbot-Episode, Doctor Who: The Story & the Engine, Pluribus: We Is Us, Severance: Cold Harbor und The Wheel of Time: The Road to the Spear.
Martha Wells’ sozial überfordertes Security-Konstrukt besitzt damit jetzt auch in seiner Fernsehform eine Hugo-Rakete. Für eine Reihe, die ihre Karriere selbst bereits mit zahlreichen großen Literaturpreisen begonnen hat, ist das beinahe eine konsequente Fortsetzung.
🎨 Clair Obscur setzt seinen Siegeszug auch bei den Hugos fort
Und dann wäre da noch Clair Obscur: Expedition 33. Das Rollenspiel von Sandfall Interactive gewinnt Best Game or Interactive Work und setzt sich gegen Blue Prince, Citizen Sleeper 2: Starward Vector, Dispatch, Hades II und Hollow Knight: Silksong durch.
Für Fantasykosmos ist das natürlich besonders schön. Clair Obscur baut seine Welt aus Belle-Époque-Ästhetik, surrealer Fantasy und einem grausamen Ritual: Die Paintress malt jedes Jahr eine niedrigere Zahl auf einen Monolithen, worauf alle Menschen dieses Alters verschwinden. Expedition 33 zieht los, um sie zu vernichten und diesen Kreislauf zu beenden.
Dass ein solches Spiel mittlerweile gleichberechtigt neben Romanen, Filmen und Fernsehserien bei den Hugos steht, zeigt auch, wie weit sich der Preis von seiner ursprünglichen literarischen Kernzone geöffnet hat. Die Game-Kategorie existiert inzwischen nicht mehr bloß als freundlicher Seitenblick auf ein anderes Medium. Bei einem Kandidatenfeld wie diesem ist die Rakete ein ernstzunehmender Genrepreis geworden.
☕ Auch der Nachwuchs bleibt phantastisch
Außerhalb der eigentlichen Hugo-Kategorien wurden während derselben Zeremonie auch der Lodestar Award und der Astounding Award vergeben. Den Lodestar für das beste Jugendbuch gewann C.B. Lees Coffeeshop in an Alternate Universe. Beim Astounding Award für neue Schriftsteller setzte sich Antonia Hodgson durch.
Der Hugo für Best Related Work ging an Ada Palmers Inventing the Renaissance. In den redaktionellen Kategorien gewannen Neil Clarke und Diana M. Pho, während John Picacio als Best Professional Artist ausgezeichnet wurde. Uncanny Magazine holte erneut den Semiprozine-Preis.
Damit liefern die Hugos 2026 erneut nicht einfach eine Handvoll prominenter Titel, sondern eine ziemlich breite Momentaufnahme dessen, was die besonders engagierte Science-Fiction- und Fantasy-Leserschaft derzeit beschäftigt.
🚀 2.492 Stimmen und eine ziemlich breite Vorstellung von Phantastik
Die Hugos sind keine Juryentscheidung. Mitglieder der World Science Fiction Convention nominieren und stimmen über die Finalisten ab. Für 2026 wurden zunächst 1.488 gültige Nominierungsstimmzettel abgegeben; daraus entstanden 23.543 einzelne Nennungen für 4.299 Werke und Personen in 21 Kategorien. Auf dem finalen Stimmzettel wurden schließlich 2.492 Stimmen gezählt.
Das macht die Gewinner nicht automatisch zu objektiv „den besten“ Werken eines Jahres. Preise funktionieren nie so simpel. Aber die Hugos zeigen ziemlich gut, welche Werke innerhalb einer international organisierten und ausgesprochen genreaffinen Community genügend Begeisterung erzeugen, um sich durch mehrere Abstimmungsstufen zu arbeiten.
Und 2026 ergibt sich daraus ein erfreulich vielfältiges Bild: Ritterinnen und Zeitreisen, Faerie und Erdsee, Vampirblues und Sicherheitsandroiden, interstellare Soldaten und französisch inspirierte Fantasywelten.
Die große Rakete des Abends geht allerdings an Alix E. Harrow.
Vielleicht passt das sogar besonders gut: The Everlasting erzählt davon, wie Geschichten zu Legenden werden.
Seit heute gehört eine Hugo-Rakete offiziell zu dieser Legende dazu.







