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Der Riese schläft im Nebel
📰 Was ist los?
Guillermo del Toro dreht mit The Buried Giant eine erwachsene Stop-Motion-Adaption von Kazuo Ishiguros Fantasyroman für Netflix.
🐛 Was denken wir?
Wenn del Toro postarthurische Nebel, verlorene Erinnerungen und Stop-Motion-Puppen in die Hand bekommt, ist das ungefähr so beruhigend wie ein Drache, der sagt, er wolle nur kurz über Brandschutz sprechen.
🐉 Guillermo del Toro macht The Buried Giant ausdrücklich nicht für Kinder
Guillermo del Toro kehrt zur Stop-Motion zurück — und wer nach Pinocchio nun auf den nächsten fein geschnitzten Märchenfilm für den sonntäglichen Familiennachmittag gehofft hatte, darf die Kekse wieder einpacken. Sein nächstes Projekt, die Netflix-Adaption von Kazuo Ishiguros Roman The Buried Giant, soll ein Film „für Erwachsene“ werden, ausdrücklich „ohne Zugeständnisse an ein Familienpublikum“. Das sagte del Toro bei einem Gespräch des British Film Institute in London, wo er gerade mit dem BFI Fellowship geehrt wurde.

Das klingt nicht nur nach einer programmatischen Ansage, sondern nach del Toro in Reinform. Nach Monstern, die nie bloß Monster sind. Nach Märchen, die ihre Zähne nicht beim Eintritt abgeben. Und nach einer Animationsform, die viel zu oft noch immer behandelt wird, als müsse irgendwo zwangsläufig ein frecher Sidekick aus Plüsch durchs Bild kugeln.
🗡️ Eine sehr del-Toro-kompatible Vorlage
Ishiguros Roman spielt in einem mythisch verfremdeten Britannien nach König Artus. Ein altes Ehepaar macht sich auf die Suche nach seinem Sohn, während ein geheimnisvoller Nebel das Land umhüllt und die Menschen ihrer Erinnerungen beraubt. Was zunächst wie eine leise Reiseerzählung beginnt, wird nach und nach zu einer Geschichte über Verdrängung, Schuld, Krieg und die Frage, ob Frieden manchmal nur deshalb möglich ist, weil niemand mehr genau weiß, was geschehen ist.
Das ist nahezu unverschämt passgenau für del Toro. Der Mann hat sein Kino immer dort gebaut, wo Märchen und Trauma ineinanderwachsen: Pans Labyrinth, The Devil’s Backbone, zuletzt Frankenstein. The Buried Giant bringt nun Ritter, Oger und Drachen mit — aber eben nicht als Abenteuerschmuck, sondern als halb vergessene Schatten einer Welt, die sich vor ihrer eigenen Vergangenheit drückt. Wenn del Toro sagt, der Film werde „faszinierend schwierig“, darf man das ruhig als Kompliment verstehen.
🪵 Warum gerade Stop-Motion?
Del Toro selbst nennt Stop-Motion eine der reinsten Formen des Kinos und hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, sie aus der kulturellen Kinderzimmer-Ecke zu holen. Nach seinem Oscar-prämierten Pinocchio arbeitet er erneut mit Netflix und ShadowMachine zusammen; das Projekt war bereits 2023 angekündigt worden und befindet sich inzwischen in Produktion. Dass es Jahre dauern dürfte, überrascht bei dieser Technik niemanden: Stop-Motion ist Kino im Schneckentempo, nur mit mehr Drahtskeletten und deutlich schönerem Ergebnis.
Gerade für The Buried Giant könnte das ideal sein. Ishiguros Welt lebt nicht von Tempo, sondern von tastender Bewegung, von Lücken, von Dingen, die nur halb erinnert werden. Stop-Motion kann etwas, das glatte Computergrafik oft verlernt hat: Material sichtbar machen. Stoff, Holz, Haut, Staub, Risse. Für eine Geschichte über Vergangenheit, die sich nicht ganz begraben lässt, ist das womöglich nicht bloß Stil, sondern die eigentliche Form.
🪓 Schlussurteil: Endlich wieder Fantasy, die nichts erklären will
The Buried Giant klingt nach einem jener seltenen Projekte, bei denen Stoff und Regisseur nicht nur zusammenpassen, sondern sich gegenseitig besser machen könnten. Ishiguros Roman ist leise, seltsam, erwachsen und nachwirkend; del Toro liebt genau solche Geschichten, solange irgendwo darin wenigstens ein Monster aufrichtig traurig sein darf.
Dass er die Adaption offen nicht für Familien weichzeichnen will, ist dabei die beste Nachricht an der ganzen Sache. Erwachsene Fantasy gibt es im Kino schließlich nicht deshalb zu selten, weil Drachen nur Kindern gehören. Sondern weil zu viele Filme glauben, sie müssten ihre Magie entschärfen, sobald sie ernst werden wollen. Del Toro hat diesen Unsinn nie geglaubt. Zum Glück.





