Green Lung – Necropolitan (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Green Lung – Necropolitan

🧿 Kurzfazit
Necropolitan ist das bisher direkteste Green-Lung-Album und zugleich eines ihrer geschlossensten Konzepte. Die Band verlegt ihren britischen Okkult-Horror mitten nach London und erzählt von Friedhöfen, Geisterhäusern, toten Bahnreisenden, magischen Radiosendern, vergänglicher Macht und Sexmagie. Musikalisch funktioniert das mit schweren Sabbath-Riffs, Hammond-Orgeln, melodischem Heavy Metal, Hard-Rock-Energie und genau der richtigen Portion Theater.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Wer Black Sabbath, Deep Purple, Ghost, Uncle Acid & The Deadbeats, Witchfinder General oder melodischeren NWOBHM mag, dürfte das hier mögen. Hinzu kommen die pastoralen und okkulten Eigenheiten, die Green Lung längst unverwechselbar machen. Fans von Folk Horror, Hammer-Filmen, viktorianischer Gruselkultur und britischer Okkultgeschichte bekommen beinahe genauso viel zu entdecken wie klassische Metal-Hörer.

🎼 Highlights
Dance To The Grave, Black Magick Radio, Necropolitan Line, Ozymandias, Alostrael (Be My Babalon)

⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wer Doom ausschließlich maximal langsam und niederschmetternd genießen kann, wird die rockige Beweglichkeit womöglich als zu leichtfüßig finden. Auch Green-Lung-Hörer, die vor allem die neblige Landschaftsromantik der frühen Platten lieben, bekommen diesmal deutlich mehr Asphalt, Gaslicht und Großstadtbetrieb.

Albumcover von Green Lung – Necropolitan: Detailreiche schwarzweiß-violette Illustration einer okkulten Londoner Totenstadt. Bäume, Grabsteine, Dämonen, Skelette und fantastische Kreaturen umgeben einen schwarzen tunnelartigen Eingang und ein riesiges Monstermaul. Im Rahmen stehen die Namen der sieben großen viktorianischen Londoner Friedhöfe.

🚇 Green Lung – Necropolitan: Endstation Hölle, Umstieg in London

London hat ein Problem mit seinen Toten. Sie liegen auf sieben großen viktorianischen Friedhöfen, fahren mit einer eigenen Bahnlinie aus Waterloo hinaus, spuken in Mayfair, senden offenbar auf Piratenfrequenzen und kennen sich zu allem Überfluss auch noch mit Aleister Crowley aus. Irgendwann musste also eine Band kommen und aus diesem Material eine Heavy-Metal-Platte bauen. Wer, wenn nicht Green Lung, könnte sich eines solchen Themas annehmen?

Auf den ersten drei Alben führte das Londoner Quintett tief hinein in britische Folklore, Hexenkulte, heidnische Landschaften und jene spezielle Form von Folk Horror, bei der man nach fünf Minuten automatisch vermutet, dass hinter dem nächsten Hügel entweder ein Steinkreis oder Christopher Lee wartet. Für Necropolitan verlässt die Band diese ländliche Welt und fährt zurück in ihre Heimatstadt. Dort stellt sie fest, dass London für okkulten Horror überhaupt keinen Wald braucht.

Die Stadt hat Friedhöfe. Geisterhäuser. Hinrichtungsplätze. Okkulte Zirkel. Eine reale Eisenbahn für Leichen. Und vermutlich irgendwo eine Kneipe, in der einem jemand erklären kann, wie man das alles historisch korrekt miteinander verbindet.

Das vierte Green-Lung-Album wird dadurch zum bislang urbansten Werk der Band. Gleichzeitig hat sich auch musikalisch etwas verändert. Die üppigen Schichten von This Heathen Land wurden zurückgenommen, große Teile der Platte entstanden live im Studio, und die Band wollte ihren tatsächlichen Bühnensound unmittelbarer einfangen. Das Ergebnis klingt kompakter, härter und an vielen Stellen erfreulich dreckig: Sabbath-Schwere, Deep-Purple-Orgeln, NWOBHM-Theatralik, Hard-Rock-Drive und große Refrains laufen diesmal durch Gaslicht, Grabsteinreihen und nächtliche U-Bahn-Schächte.

Necropolitan braucht deshalb keine erfundene Fantasywelt. London reicht in diesem Fall vollkommen.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Heavy Metal, Doom Metal, Occult Rock, Hard Rock, Stoner Rock,

Musikalische Einordnung: na klar, Green Lung bleiben tief in den Siebzigern verwurzelt, haben ihren Zugriff aber spürbar gestrafft. Scott Blacks Gitarren tragen weiterhin reichlich Tony Iommi im Stammbaum, John Wrights Hammond-Orgel darf Jon Lord regelmäßig aus dem Jenseits grüßen, und Tom Templar singt mit jener Mischung aus melodischem Heavy Metal und leicht beschwörerischer Dramatik, die inzwischen klar zur Bandidentität gehört.

Auf Necropolitan greifen diese Komponenten jedoch unmittelbarer ineinander. Das Album wurde bewusst auf einen schlankeren, live-näheren Sound ausgerichtet. Viele Arrangements tragen weniger dekorative Schichten, wodurch die Riffs stärker hervortreten und die Rhythmusgruppe mehr Bewegung erzeugt. Gerade Necropolitan Line profitiert enorm davon: Der Song besitzt beinahe Rock’n’Roll-artigen Zug und lässt Deep Purple mit einer Geisterbahn kollidieren. Dance To The Grave arbeitet dagegen mit massiven, schwingenden Riffs und einem Refrain, der sofort auf große Bühnen zielt.

Spannend bleibt, wie selbstverständlich die Band zwischen verschiedenen Jahrzehnten vermittelt. Hammond-Orgel, Doom-Riffs und 70er-Okkultrock stehen neben NWOBHM-Gesten, modernen Metal-Gitarren und großen Festivalrefrains. Das klingt nie nach Kostümveranstaltung. Green Lung kennen ihre historischen Zutaten sehr genau und behandeln sie wie lebendiges Material.

Klangbild: Produzent Tom Dalgety hat die Band im Januar 2026 in den legendären Rockfield Studios aufgenommen und dabei viel Wert auf unmittelbare Bandenergie gelegt. Tim Lewis übernahm das Engineering, Robin Schmidt das Mastering. Die Produktion lässt Gitarren, Bass, Schlagzeug und Orgel deutlich miteinander arbeiten, statt alles zu einer einzigen Wand zu verdichten.

Der wichtigste Gewinn liegt im Schlagzeug und in der Orgel. Matt Wiseman klingt körperlicher, John Wright kann gleichzeitig Kirchengeist, Hard-Rock-Motor und psychedelisches Störsignal spielen. Scott Blacks Gitarren bleiben schwer, besitzen aber genügend Luft für Leads und klassische Heavy-Metal-Harmonien. Tom Templar sitzt klar über dem Instrumentarium und trägt die Geschichten mit deutlich mehr erzählerischer Präsenz, als es bei reinem Doom häufig üblich ist.

So bekommt Necropolitan einen Sound, der groß wirkt und trotzdem nach fünf Musikern klingt, die gemeinsam in einem Raum stehen. Für ein Album über Londoner Geister ist hier wirklich erstaunlich viel Leben darin.

🎬 Offizielles Video

Offizielles Video zu Necropolitan Line – Green Lungs rasende Fahrt mit der historischen London Necropolis Railway, irgendwo zwischen Deep Purple, Heavy Metal und Zombie-Pendlerverkehr.

🕯️ Vier Nächte im okkulten London

Dance To The Grave

Nach dem kurzen Open The Hellmouth beginnt das eigentliche Album mit einem Song, der die zentrale Idee sofort auf den Tisch legt: Der Totentanz ist wieder da, diesmal trägt er moderne Schuhe.

Ausgangspunkt ist das mittelalterliche Motiv der Danse Macabre, bei der der Tod Menschen aller Stände zum letzten Tanz führt. Green Lung übertragen diese Idee auf eine Gegenwart, in der Menschen weiter Golf spielen, während hinter ihnen Waldbrände wüten, und in der technologische Macht, politischer Extremismus und Klimakrise in erstaunlicher Gleichzeitigkeit gedeihen. Der Song versteht Memento mori damit weniger als dekorative Totenschädelästhetik denn als Erinnerung daran, dass Status, Kapital und Macht irgendwann exakt denselben Ausgang nehmen.

Musikalisch passt das hervorragend. Das Riff schwingt schwer, besitzt aber genug Groove, damit der Tod tatsächlich tanzen kann. Eine große Chant-Passage lädt zur kollektiven Teilnahme ein, und plötzlich verwandelt sich gesellschaftlicher Untergang in einen Refrain, den vermutlich Tausende Festivalbesucher sehr gut gelaunt mitsingen werden. Das ist makaber. Also absolut perfekt passend.

Black Magick Radio

Wenn Necropolitan einen Song besitzt, der die gesamte Green-Lung-Ästhetik in fünf Minuten destilliert, dann diesen. Black Magick Radio stellt sich einen okkulten Piratensender vor, aus dem Hexen Propaganda in die Nacht funken. Darunter liegen reale Verweise auf Londons Okkultgeschichte, unter anderem die Process Church Of The Final Judgement und Highgate Cemetery. Gleichzeitig schwingt hier bewusst jene herrlich übertriebene Seite des Okkultismus mit, bei der Roben, Rituale, dramatische Gesten und Kunst immer schon Teil des Zaubers waren.

Musikalisch könnte das Stück aus einer verlorenen Nacht zwischen 1969 und 1974 stammen. Hammond-Klänge wabern, der Rhythmus bekommt beinahe psychedelischen Swing, Stimmen im Hintergrund verstärken die kultische Atmosphäre, und trotzdem sitzt darunter ein moderner, kräftiger Metal-Sound. Green Lung beweisen hier etwas Wichtiges: Okkultismus darf geheimnisvoll sein und gleichzeitig einen gewissen Hang zum Theater besitzen. Wer bei schwarzer Magie keinen Spaß mehr versteht, hat möglicherweise das falsche Ritual gebucht.

Necropolitan Line

Dieser Song ist eigentlich unfair. Wie soll eine Band, die Londoner Okkult-Horror spielt, bitte an einer realen Bahnstrecke vorbeikommen, deren Aufgabe darin bestand, Leichen aus London zu einem gigantischen Friedhof zu transportieren? Die historische Necropolis Railway verkehrte zwischen Waterloo und Brookwood. Selbst die Särge wurden nach Klassen getrennt. Es gab eigene Fahrkarten, eigene Einrichtungen und ein Firmenlogo mit Totensymbolik. Für das Album wurde diese Geschichte weitergedreht: Die Toten benutzen ihre alte Bahn, um regelmäßig in die Stadt zurückzukehren.

Dazu komponiert Scott Black einen der beweglichsten Songs des Albums. Die Gitarren schieben, Wrights Orgel rast daneben her, und plötzlich klingt Green Lung eher nach einer besessenen Kombination aus Deep Purple und schnellem Heavy Rock als nach klassischem Doom. Das ist genau die richtige Entscheidung. Eine Geisterbahn sollte schließlich fahren.

Ozymandias

Hier wird Necropolitan literarisch besonders schön. Percy Bysshe Shelleys berühmtes Gedicht handelt von einem mächtigen Herrscher, dessen monumentale Selbstdarstellung irgendwann nur noch als zerbrochene Statue in einer leeren Landschaft existiert. Green Lung übertragen diesen Gedanken auf moderne Machtfantasien: Menschen bauen Imperien, erklären sich zu Gestaltern der Zukunft und behandeln Vergänglichkeit offenbar als organisatorisches Problem für andere.

Der Tod sieht das traditionell entspannter. Die viktorianischen Friedhöfe Londons liefern dafür die perfekte Kulisse. Viele wurden als monumentale Ruhestätten für Wohlhabende und Mächtige gebaut; kaum ein Jahrhundert später verfielen große Teile davon. Ozymandias wird dadurch zur Meditation über Macht, Ego und die zuverlässige Arbeitsweise der Zeit. Musikalisch schiebt sich sogar eine Spur Dio in den Heavy-Metal-Unterbau.

Ein Song über die Vergänglichkeit menschlicher Größe, gespielt von einer Band, deren Albumcover von einem riesigen Höllenmaul dominiert wird. Ja, ja … Subtilität sollte auch Grenzen kennen.

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🎨 Artwork

Das Cover von Necropolitan ist ein herrlich überladener Reiseführer durch das tote London. Richard Wells setzt das Artwork wie einen alten Holzschnitt oder eine okkulte Stadtkarte auf. Schwarz, Weiß und kräftiges Violett dominieren das Bild. Im Zentrum öffnet sich ein gewaltiger schwarzer Eingang, darüber sitzen groteske Wesen auf Mauerwerk und zwischen Bäumen. Unten reißt ein monströses Maul die Erde auf, aus dem sich Skelette, Kreaturen und verdrehte Körper drängen. Grabsteine, Vögel, Schlangen und verwachsene Baumstämme füllen beinahe jeden freien Zentimeter.

Der eigentliche Clou steckt im Rahmen. Dort stehen die Namen Nunhead, Kensal Green, Brompton, Tower Hamlets, West Norwood, Highgate und Abney Park – Londons berühmte Magnificent Seven, jene sieben großen Friedhöfe des viktorianischen Zeitalters, auf die sich das gesamte Albumkonzept bezieht. Unten erklärt das Bild sich selbst beinahe wie der Titel eines alten Gruselbuchs: eine geheime Geschichte dieser sieben Nekropolen.

Das Artwork ist deshalb viel mehr als hübscher Okkultkitsch. Es funktioniert wie eine Karte des Albums. Wer die Songs hört, kann von Friedhof zu Friedhof, von Bahnlinie zu Geisterhaus und von historischem London zu erfundener Hölle wandern. Passend dazu enthalten die Vinylversionen sogar eine Necropolitan Map. Der schwarze Mittelpunkt des Covers wirkt dabei wie ein Zugang zu einer zweiten Stadt unter der ersten. London oben. Necropolitan darunter. Und offenbar fährt die Bahn noch.

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🪦 Besondere Momente

🚇 Auch im Sarg bitte die richtige Wagenklasse beachten

Die London Necropolis Railway ist einer jener historischen Fälle, bei denen sich Metal-Autoren eigentlich nur noch bedanken müssen. Tote und Trauergäste wurden nach Brookwood gefahren, unterschiedliche Klassen galten selbst für die Beförderung der Verstorbenen, und es existierten entsprechende Sargtickets. Richard Wells greift diese Details sogar in der Gestaltung des Albums auf. Der Tod macht alle gleich. Die viktorianische Eisenbahnverwaltung sah das offenbar differenzierter.

📻 Hexenradio sendet auch nach Mitternacht

Black Magick Radio ist mehr als eine hübsche Songidee. Der Track zeigt, wie geschickt Green Lung reales okkultes London und bewusst übertriebene Magie miteinander verschränken. Highgate, historische Okkultbewegungen, Kunst, Ritual und Piratenradio werden Teil derselben Welt. Das funktioniert, weil diese Band verstanden hat, dass Okkultismus schon immer auch Inszenierung war. Ein Ritual ohne ein bisschen Bühne ist schließlich auch nur ein merkwürdiges Treffen bei schlechtem Licht.

🩸 Crowley hat genug Songs – jetzt ist Leah dran

Bei Alostrael (Be My Babalon) nimmt Green Lung einen besonders cleveren Umweg. Aleister Crowley gehört seit Jahrzehnten zum Standardinventar von Rock und Metal. Deshalb rückt hier Leah Hirsig ins Zentrum, Crowleys Scarlet Woman und eine Schlüsselfigur seiner sexualmagischen Praxis. Für die gesprochene Passage holt die Band Riley Pinkerton von Castle Rat hinzu. Das ist genau die Art Vertiefung, die Necropolitan auszeichnet: bekannte Okkultgeschichte, aber ein anderer Blickwinkel.

⚰️ Romantik endet bei Green Lung erst nach dem Tod

Together In Death bringt mitten im Album einen bemerkenswert morbiden Ruhepunkt. Inspiration liefern unter anderem die Vorstellung zweier Menschen, die gemeinsam sterben, die berühmten umschlungenen Körper von Pompeji und die todromantische Bildwelt von Nosferatu. Musikalisch darf dabei sogar etwas Type O Negative, Alice Cooper, Beatles-Farbe und Cembalo in den Green-Lung-Kosmos hinein. Natürlich braucht jedes gute Friedhofsalbum ein Liebeslied. Die Frage war nur, wie viele der Beteiligten dafür noch Puls benötigen.

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📜 Hintergrund: Vom Hexenwald in die letzte U-Bahn

Green Lung entstanden in London und veröffentlichten 2018 zunächst die EP Free The Witch. Es folgten Woodland Rites 2019, Black Harvest 2021 und der große Durchbruch This Heathen Land 2023. Über diese Veröffentlichungen entwickelte die Band ihre Mischung aus Doom, Heavy Rock, Psych, britischer Folklore und klassischer Heavy-Metal-Theatralik immer weiter. This Heathen Land erreichte sogar Platz eins der britischen Rock- und Metal-Albumcharts.

Necropolitan schließt nun gewissermaßen einen Kreis. Tom Templar betrachtet die vier Alben als unterschiedliche Jahreszeiten: Woodland Rites trägt den Frühling, Black Harvest den Herbst, This Heathen Land den ausgelassenen Sommer – Necropolitan gehört dem Winter, den langen Nächten, dem Feuerlicht und den Schatten. Gleichzeitig wandert die Band von den ländlichen Mythen Großbritanniens zurück in die Hauptstadt und findet dort ihre bislang dichteste Sammlung urbaner Geistergeschichten.

Die aktuelle Besetzung besteht aus Tom Templar am Gesang, Scott Black an der Gitarre, Joseph Ghast am Bass, John Wright an Orgel und Keyboards sowie Matt Wiseman am Schlagzeug.

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🎭 Jetzt, wo London die Totenruhe abgeschafft hat

Necropolitan funktioniert deshalb so gut, weil Green Lung ihr eigenes Konzept ernst nehmen, ohne darin gefangen zu sein. Diese Platte könnte leicht zur Sammlung hübscher Londoner Gruselanekdoten werden. Ein Geisterhaus hier, ein Friedhof dort, Crowley irgendwo hinten rechts, fertig wäre der touristische Occult-Metal-Stadtführer.

Green Lung gehen tiefer. Die Themen greifen ineinander. Friedhöfe erzählen von Macht und Vergänglichkeit. Eine historische Leichenbahn wird zum Rock’n’Roll-Geisterzug. Shelley führt zu modernen Größenfantasien. Die Danse Macabre landet mitten in Klimakrise und technologischem Machtstreben. Ein Spukhaus liefert klassischen Horror, während To The Gallows Born die frühere Hinrichtungsstätte Tyburn mit dem Gefühl verbindet, als Band vor Tausenden Menschen auf eine riesige Bühne zu gehen. Selbst der Galgen bekommt am Ende noch Showbusiness.

Musikalisch passt die Straffung hervorragend dazu. This Heathen Land war weitläufiger, detailreicher und stärker von Landschaft geprägt. Necropolitan klingt dichter, direkter und städtischer. Die Songs besitzen mehr Bewegung, die Hammond-Orgel ist stellenweise nahezu unverschämt präsent, und Scott Black liefert genug schwere Riffs, damit niemand die Doom-Wurzeln vergisst.

Ganz makellos ist die Platte allerdings trotzdem nicht. Green Lung beherrschen ihren großen Refrain inzwischen so sicher, dass einzelne Momente beinahe so bequem funktionieren, dass sie ein wenig wohlfeil wirken mögen. Manchmal ahnt man schon vor dem nächsten Takt, wann sich der Song für die große Bühne öffnet. Doch das ist ein relativ kleines Problem bei einem Album, das über 40 Minuten erstaunlich konsequent eine eigene Welt aufbaut. Und ja, diese Welt ist wirklich großartig.

Necropolitan macht aus London keine Kulisse. Die Stadt wird selbst zum Monster: voller Tunnel, Totenhäuser, Friedhöfe, alter Rituale, verdrängter Geschichte und Menschen, die weiterhin über den Gräbern ihre Imperien errichten.

Green Lung haben endgültig den Wald verlassen und entdeckt, dass die Geister längst in der Stadt leben.

Albumcover von Green Lung – Necropolitan: Detailreiche schwarzweiß-violette Illustration einer okkulten Londoner Totenstadt. Bäume, Grabsteine, Dämonen, Skelette und fantastische Kreaturen umgeben einen schwarzen tunnelartigen Eingang und ein riesiges Monstermaul. Im Rahmen stehen die Namen der sieben großen viktorianischen Londoner Friedhöfe.

Künstler:

Green Lung

Albumtitel:

Necropolitan

Erscheinungsdatum:

11. September 2026

Genre:

Heavy Metal / Doom Metal / Occult Rock / Hard Rock

Label:

Nuclear Blast Records

Spielzeit:

ca. 41 Minuten

🎼 Trackliste:

Open The Hellmouth – 1:49
Dance To The Grave – 5:17
Black Magick Radio – 5:01
Necropolitan Line – 3:54
Evil In This House – 4:21
Together In Death – 4:31
Ozymandias – 5:35
Alostrael (Be My Babalon) – 4:28
To The Gallows Born – 5:58

👥 Besetzung:

Tom Templar – Gesang
Scott Black – Gitarre
Joseph Ghast – Bass
John Wright – Orgel / Keyboards
Matt Wiseman – Schlagzeug

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