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Die alte Sonne scheint wieder
📰 Was ist los?
Carcosa veröffentlicht heute Gene Wolfes Das Buch der neuen Sonne vollständig in zwei überarbeiteten deutschen Doppelbänden. Die ersten beiden Romane umfassen 696 Seiten, die abschließenden beiden 684 Seiten; Grundlage ist die sorgfältig überarbeitete Übersetzung von Reinhard Heinz.
🐛 Was denken wir?
Das ist kein beliebiger Klassiker, der für ein hübscheres Cover noch einmal durchs Lager gefahren wird. Wolfes sterbende Urth gehört zu den großen Grenzgebieten zwischen Fantasy und Science Fiction – und dass alle vier Romane am selben Tag in überarbeiteter deutscher Fassung zurückkehren, ist für den Phantastikmarkt eine echte Veröffentlichung. Wer nur Schwerter sieht, sollte sich bei Wolfe ohnehin nie zu sicher fühlen.
🌒 Unter einer sterbenden Sonne: Gene Wolfes Science-Fantasy-Meisterwerk ist wieder komplett erhältlich
Manche Fantasywelten stehen kurz vor dem Untergang. Bei Gene Wolfe hat die Sonne dafür bereits selbst die Kündigung eingereicht. Carcosa veröffentlicht heute die grundlegend überarbeitete deutsche Neuausgabe von Das Buch der neuen Sonne – und zwar gleich vollständig. Zwei umfangreiche Doppelbände vereinen alle vier Romane des ursprünglichen Zyklus, mit denen Wolfe zwischen 1980 und 1983 eines der ungewöhnlichsten Werke zwischen Science Fiction und Fantasy geschaffen hat. Das Buch der neuen Sonne I umfasst Der Schatten des Folterers und Die Klaue des Schlichters, der parallel erscheinende zweite Band schließt mit Das Schwert des Liktors und Die Zitadelle des Autarchen unmittelbar an.

Damit ist der heutige Erscheinungstag wesentlich größer als eine gewöhnliche Neuauflage eines einzelnen Backlist-Titels. 1380 Seiten bringen Wolfes kompletten ursprünglichen Zyklus auf einen Schlag zurück in den deutschen Buchhandel – in einer überarbeiteten Fassung jener Übersetzung, mit der Reinhard Heinz das Werk bereits früher ins Deutsche gebracht hatte.
🗡️ Ein Folterer zeigt Barmherzigkeit – und verliert alles
Im Zentrum steht Severian, ein junger Lehrling der Gilde der Folterer in der gewaltigen Stadt Nessus. Er besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sein Gedächtnis vergisst nichts. Ausgerechnet ein Mensch, der sich an jedes Detail erinnert, erzählt uns also seine eigene Geschichte.
Severians Problem beginnt mit einer Tat, die in nahezu jeder anderen Umgebung als menschlich gelten würde. Er zeigt einer Gefangenen gegenüber Barmherzigkeit. Für seine Gilde ist das ein unverzeihlicher Bruch ihres Selbstverständnisses, weshalb Severian Nessus verlassen muss. Mit dem gewaltigen Schwert Terminus Est zieht er durch eine Welt, über der eine alternde rote Sonne immer schwächer scheint. Später gelangt auch die geheimnisvolle Klaue des Schlichters in seinen Besitz – ein Gegenstand, dessen Bedeutung sich erheblich weniger eindeutig verhält, als es zunächst den Anschein hat.
Schon diese Ausgangslage klingt nach Dark Fantasy: Folterergilde, riesiges Schwert, verfallene Reiche und eine sterbende Sonne. Wolfe macht daraus allerdings etwas wesentlich Fremdartigeres.
🌒 Fantasy auf den Ruinen einer unvorstellbar fernen Zukunft
Das Buch der neuen Sonne gehört zur großen Dying-Earth-Tradition der Science Fiction. Die Welt erscheint ihren Bewohnern archaisch, religiös und von Dingen erfüllt, die wie Magie wirken. Gleichzeitig liegt sie derart weit in unserer Zukunft, dass Relikte hochentwickelter Zivilisationen längst zu Bestandteilen von Mythologie und Alltag geworden sind. Die Grenze zwischen Fantasy und Science Fiction wird dadurch nicht einfach verwischt – Wolfe lässt seine Figuren häufig gar nicht erkennen, dass es diese Grenze für Leser überhaupt gibt.
Genau darin steckt ein großer Teil des Reizes. Wolfe erklärt seine Welt selten mit einem freundlichen Glossar am Straßenrand. Severian beschreibt, was für ihn normal ist, und überlässt es den Lesern, aus Begriffen, Beobachtungen und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten herauszufinden, was sie eigentlich vor sich haben.
Das macht die Bücher bis heute berüchtigt und beliebt zugleich. Man kann Severians Reise als großes phantastisches Abenteuer lesen – oder anfangen, jedem Nebensatz zu misstrauen und sich irgendwann zu fragen, ob die scheinbar mittelalterliche Umgebung möglicherweise ganz andere Dinge verbirgt. Bei Wolfe ist beides eine vernünftige Reaktion.
📚 Vier Romane, zwei neue deutsche Doppelbände
Carcosa bündelt den ursprünglichen Zyklus in zwei umfangreichen Ausgaben. Das Buch der neuen Sonne I bringt es auf 696 Seiten und enthält die beiden 1980 beziehungsweise 1981 erschienenen Romane The Shadow of the Torturer und The Claw of the Conciliator. Die Übersetzung von Reinhard Heinz wurde für diese Ausgabe laut Verlag grundlegend überarbeitet und ergänzt.
Das Buch der neuen Sonne II erscheint am selben Tag und umfasst auf 684 Seiten The Sword of the Lictor von 1982 und The Citadel of the Autarch von 1983. Auch hier verwendet Carcosa eine grundlegend überarbeitete Fassung der Übersetzung von Reinhard Heinz. Beide gedruckten Bände kosten jeweils 28 Euro; zusätzlich gibt es jeweils eine E-Book-Ausgabe.
Gerade die gleichzeitige Veröffentlichung ist eine ziemlich gute Entscheidung. Niemand muss nach Band I erst Monate darauf warten, ob ein Verlag tatsächlich bis zum Ende durchhält. Wer heute anfängt, kann Severians ursprüngliche Geschichte komplett lesen. Ob das bedeutet, dass man sie danach auch komplett verstanden hat, steht auf einem anderen Blatt.
🏆 Ein Klassiker, der seine Preise wirklich eingesammelt hat
Wolfes Ruf hängt nicht bloß an jahrzehntelanger Verehrung durch andere Autoren. Bereits die einzelnen Romane wurden bei ihrer Erstveröffentlichung umfangreich ausgezeichnet. The Shadow of the Torturer gewann den World Fantasy Award, The Claw of the Conciliator erhielt den Nebula Award und außerdem einen Locus Award. Auch die beiden späteren Bände des Zyklus sammelten bedeutende Genrepreise.
Wolfes Gesamtwerk brachte ihm später den World Fantasy Award für sein Lebenswerk, die Aufnahme in die Science Fiction Hall of Fame und den Titel SFWA Grand Master ein. Die SFWA bezeichnet The Book of the New Sun als sein bekanntestes Werk; noch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen gilt es als eine der zentralen literarischen Leistungen der modernen Science Fiction und Fantasy.
Dass Carcosa ausgerechnet dieses Werk nun wieder vollständig und in einer überarbeiteten deutschen Fassung verfügbar macht, ist deshalb weit mehr als eine gewöhnliche Neuauflage aus dem Archiv. Für Leser, die Science Fantasy normalerweise nur als moderne Mischung aus Raumschiffen und Schwertern kennen, ist hier einer der großen Texte zu finden, die gezeigt haben, wie viel seltsamer diese Verbindung werden kann.
Das Buch der neuen Sonne ist ab heute wieder komplett auf Deutsch erhältlich.
Und wer nach 1380 Seiten überzeugt ist, Severian vollständig verstanden zu haben, darf vermutlich direkt wieder auf Seite eins anfangen.
🏛️ Beim Fantasykosmos natürlich längst ein Meilenstein
Für den Fantasykosmos kommt diese Rückkehr nicht aus dem Nichts. Bereits im Januar 2026 haben wir Das Buch der neuen Sonne ausführlich in unserer Reihe über die Meilensteine der Fantasy besprochen. Dort ging es gerade darum, weshalb Wolfes Zyklus weit über seinen Ruf als schwieriger Science-Fantasy-Klassiker hinausreicht: um Severian als unzuverlässigen Erzähler, die Dying-Earth-Welt Urth, das ständige Ineinandergreifen von vermeintlicher Magie und vergessener Technologie und den enormen Einfluss des Werks auf spätere literarische Fantasy.
Schon damals war die angekündigte Carcosa-Ausgabe ein wichtiger Teil der Geschichte. Nach Jahrzehnten, in denen die deutschen Ausgaben nur noch schwer oder gebraucht zu bekommen waren, sollte der komplette Zyklus 2026 wieder sichtbar in den Buchhandel zurückkehren, mit den grundlegend überarbeiteten Fassungen von Reinhard Heinz’ Übersetzung. Heute ist genau dieser Punkt erreicht.
Unsere ausführliche Meilenstein-Rezension: Gene Wolfe – Das Buch der neuen Sonne







