Deutscher Buchpreis 2026: Der Drache bleibt draußen – außer er heißt Metapher

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Satirische Fantasy-Illustration einer deutschen Magierakademie: erschöpfte Schüler kämpfen mit einfachen Zaubern, während ein selbstzufriedener Bildungsrat zwischen Aktenbergen, Diagrammen und Verwaltungsritualen tagt.

Sechs Romane stehen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die Jury schwärmt von Sprachlust, ästhetischem Reichtum und unerwarteten Erzählweisen. Auffällig bleibt trotzdem eine alte deutsche Spezialität: Phantastik darf in die hohe Literatur – vorausgesetzt, sie zieht sich vorher etwas Seriöses an.

Es gibt in Deutschland keinen Türsteher vor der Literatur, der einen schwarzen Rollkragenpullover trägt und beim Anblick eines Drachen mit ruhiger Stimme sagt: »Tut mir leid. Heute geschlossene Gesellschaft.«

Das wäre dann zumindest ehrlich. Stattdessen funktioniert die Sache feiner. Der Drache darf selbstverständlich hinein. Er sollte nur möglichst nicht als Drache erscheinen. Ein wenig existenzielle Entfremdung hilft. Dazu historische Schuld, gesellschaftliche Tektonik oder ein ordentliches erkenntnistheoretisches Problem. Anschließend wird das Tier kurz hinter dem Vorhang umgezogen und kommt als „radikale Metapher für die Fragilität spätmoderner Identitätskonstruktionen“ wieder heraus.

Jetzt darf es gerne bleiben.

Willkommen beim Deutschen Buchpreis.

📚 Sechs Bücher, sehr viel Gegenwart – und kein Ork weit und breit

Die Shortlist 2026 umfasst Shida Bazyars Die Lücken, Franziska Gänslers Orca, Valeria Gordeevs Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, Elias Hirschls Schleifen, Peggy Mädlers Selbstregulierung des Herzens und Dana Vowinckels Anton und Alma. Die siebenköpfige Jury wählte sie aus 205 gesichteten Titeln aus; am 5. Oktober wird im Frankfurter Römer der Siegerroman gekürt.

Die Auswahl ist keineswegs langweilig. Wer sie pauschal als Sammlung grau melierter Befindlichkeitsromane abtun wollte, müsste schon ziemlich entschlossen an den Büchern vorbeischauen.

Bazyar gräbt sich auf höchst beachtliche Weise durch neunzig Jahre deutscher Geschichte und ein fiktives Dorf, Gordeev führt zwischen Berlin, Kyjiw und Moskau in Krieg, Autoritarismus und Größenwahn, Vowinckel verschränkt eine Liebesgeschichte mit Religion, Antisemitismus und den Folgen des 7. Oktober. Hirschls Schleifen wiederum treibt Sprachwissenschaft, Mathematik und Philosophie bis tief ins Absurde und lässt eine Frau an einer Krankheit leiden, bei der sie jedes Symptom entwickelt, von dem sie hört oder liest. Die Jury spricht bei Gordeev ausdrücklich von Groteske, Absurdem und Surrealem und bei Hirschl von einem Ritt, der immer weiter ins Absurde führt.

Es fehlt also keineswegs an Fantasie.

Es fehlt jedoch weitgehend an Fantasy.

Und dieser Unterschied ist in Deutschland ungefähr so bedeutend wie jener zwischen einem Nacktmull im Zoo und einem Nacktmull auf dem Küchentisch.

Das eine gilt als interessante Beobachtung.

Beim anderen werden Fragen gestellt.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🧙 Das erstaunliche Verwandlungsritual der Hochliteratur

Die Jury lobt an der Shortlist den „ästhetischen Reichtum“ und die „Sprachlust“. Sie hebt Vergangenheit, politische Verbrechen, individuelle Möglichkeiten, Wissenschaft, Kunst, Sehnsucht, Freundschaft, Liebe und Gewalt hervor. Das ist ein weiter Horizont.

Nur besitzt der deutschsprachige Literaturbetrieb seit langer Zeit einen eigentümlichen alchemistischen Apparat.

Wirft man einen Roman mit Elfen, fremden Welten und Magiesystem hinein, kommt unten häufig Genre heraus.

Gibt man nun hingegen eine Erzählung über ein Dorf, das auf keiner Karte existiert, einem gigantischen Loch unter der Erde und gestörter Raum-Zeit-Wahrnehmung hinein, kann unten durchaus kafkaeske Super-Metapher herauskommen.

Oh nein, das ist keineswegs erfunden. Raphaela Edelbauers Das flüssige Land stand 2019 auf der Shortlist. Die offizielle Buchpreis-Jury nannte den Roman damals sogar ausdrücklich „fantastische Literatur“: ein nicht auffindbarer Ort, ein wachsender Abgrund, verrutschende Wirklichkeit.

Dietmar Daths Die Abschaffung der Arten schaffte es 2008 ebenfalls auf die Shortlist. In seinem Roman beherrschen Tiere eine posthumane Erde, Figuren verwandeln sich, Europa besteht aus drei gigantischen Städten. Die damalige Jury bezeichnete das Buch ausdrücklich als „großen spekulativen Roman“.

Der Drache kann also hinein.

Es gibt für ihn nur offenbar einen Dresscode.

🐲 Bitte lassen Sie das Schwert an der Garderobe

Stellen wir uns den deutschen Literaturbetrieb als sehr altes Schloss vor.

Im Festsaal wird gerade der große Romanpreis vergeben. An den Wänden hängen schwere Ölgemälde. Auf einem Podest diskutiert jemand über Erinnerungskultur. Ein Kellner reicht Riesling.

Plötzlich klopft es an die Pforte.

Vor dem Tor steht ein Fantasyroman.

»Name?«

»Die Chroniken von—«

»Danke, reicht.«

Tor zu.

Zehn Minuten später klopft es erneut.

Derselbe Roman steht draußen. Diesmal trägt er einen schwarzen Mantel.

»Name?«

»Eine polyphone Dekonstruktion vormoderner Herrschaftsmythen unter besonderer Berücksichtigung posthumaner Körperlichkeit.«

Kurze Pause.

»Suhrkamp?«

»Noch nicht.«

»Fast geschafft.«

Ja, ja, das ist natürlich boshaft.

Leider beschreibt die Karikatur einen echten kulturellen Reflex durchaus treffend.

Denn die entscheidende Frage lautet häufig gar nicht, ob ein Buch Unmögliches erzählt. Literatur hat das schließlich getan, lange bevor jemand Marketingabteilungen erfand. Die Frage lautet, welches Etikett wir auf dieses Unmögliche kleben.

Kafka darf einen Menschen in ein ungeheures Ungeziefer verwandeln.

Bei Borges können sich Bibliotheken ins Unendliche falten.

García Márquez schickt Tote, Wunder und jahrzehntelangen Regen durch einen Roman.

Der Kanon überlebt.

Taucht allerdings auf Seite 37 ein professionell ausgebildeter Nekromant mit eigenem Weltbuilding auf, hört man im deutschen Feuilleton bisweilen schon das dezente Klappern der Besteckschublade.

Genre.

Das Wort darf ausgesprochen werden wie eine Diagnose.

Banner für Fantasy Literatur. Zauberer verprügelt Ork mit Folianten.

🏰 Das Problem ist nicht der Drache. Es ist sein Personalausweis.

Natürlich wäre es Unsinn, daraus eine Verschwörung des Deutschen Buchpreises gegen Fantasy zu basteln. Die Regeln schließen sie ausdrücklich nicht aus. Es gab phantastische Shortlist-Titel. Und noch 2025 beschrieb die Buchpreis-Jury ihre Longlist selbst als Mischung aus historischen Panoramen, Dystopien und „fantastischen Geschichten“.

Genau das macht die Sache interessanter. Das Problem sitzt tiefer als in irgendeiner Juryentscheidung. Es sitzt in unserer Vorstellung davon, wann Phantastik literarisch ernst genommen werden darf.

Ein Roman kann höchst unwahrscheinlich, grotesk, surreal oder metaphysisch sein und problemlos als Hochliteratur gelten. Sobald er jedoch sichtbar auf die Erzähltraditionen der Fantasy verweist – Weltenbau, Mythologie, Magie, Quest, Monster, fantastische Gesellschaftsordnungen –, verändert sich häufig seine kulturelle Adresse.

Plötzlich befindet man sich in einem anderen Regal.

Dort gibt es prächtige Cover.

Und es gibt viele Reihen.

Dort kaufen Menschen Bücher freiwillig, ohne dass vorher ein Literaturkritiker erklären musste, weshalb deren Lektüre der Demokratie dient.

Das macht sie verdächtig.

Vielleicht liegt darin eines der ältesten Missverständnisse des deutschen Literaturbetriebs: Unterhaltung gilt schnell als ästhetisches Alibi gegen Bedeutung. Als könnte ein Buch entweder Spaß machen oder etwas zu sagen haben. Als hätte Tolkien nach Mordor aufbrechen müssen, weil ihm für einen ordentlichen Gesellschaftsroman leider kein britisches Pendant zu einem brandenburgischen Dorf eingefallen war.

⚔️ Der Realismus besitzt erstaunliche Privilegien

Dabei ist gerade der sogenannte realistische Roman keineswegs von Natur aus wahrhaftiger. Ein Autor erfindet eine Familie, deren Konflikte exakt sämtliche gesellschaftlichen Bruchlinien der Gegenwart spiegeln. Der Vater steht für die Vergangenheit, die Tochter für den gesellschaftlichen Aufbruch, der Sohn für das prekäre Morgen, und selbstverständlich lebt irgendwo eine demente Großmutter, damit auch Erinnerung noch physisch durchs Wohnzimmer schlurfen kann.

Das gilt als realistisch. Ein anderer Autor erfindet ein zerfallendes Königreich, in dem eine magische Elite ihre Macht durch die Kontrolle von Erinnerungen erhält. Das gilt als Fantasy.

Nun darf geraten werden, welches Modell gesellschaftliche Machtstrukturen zwingender darstellen kann.

Beide. Natürlich beide.

Literatur ist schließlich kein amtliches Vermessungssystem der Wirklichkeit. Sie ist eine Maschine, mit der Wirklichkeit verändert, komprimiert, verzerrt und dadurch gelegentlich erst sichtbar gemacht werden kann.

Ein Drache kann politische Macht verkörpern. Ein Geist kann historische Schuld zurückbringen. Ein Fluch kann generationenübergreifendes Trauma mitunter präziser darstellen als sechs Seiten Innenmonolog in einer Altbauküche.

Und eine erfundene Welt kann unsere eigene Gesellschaft so scharf spiegeln, dass der Umweg über das Unwirkliche näher an die Wahrheit führt als jeder mühsam rekonstruierte Prenzlauer-Berg-Frühstückstisch.

Der Banner zum Schicksals-Wahl-O-Maten. Die Fantasy Wahl in den Zwischenreichen.

🐉 Wenn Fantasy gut wird, heißt sie plötzlich anders

Hier liegt vielleicht die eleganteste Pointe des ganzen Problems. Je literarisch ambitionierter Phantastik wird, desto größer scheint im deutschen Kulturbetrieb manchmal der Wunsch, ihr einen neuen Namen zu geben.

Dann ist es plötzlich das Surreale.

Das Spekulative.

Das Magisch-Realistische.

Das Allegorische.

Das Dystopische.

Das Kafkaeske.

Alles akzeptable Mitglieder der Gesellschaft. Nur Fantasy wartet draußen mit dem Pferd.

Das bedeutet keineswegs, dass diese Begriffe bedeutungslos wären. Natürlich gibt es ästhetische, historische und poetologische Unterschiede. Eine Dystopie ist keine High Fantasy, magischer Realismus keine Sword & Sorcery und Kafka wäre wahrscheinlich ziemlich überrascht gewesen, würde man ihm nachträglich einen Charakterbogen für Gregor Samsa aushändigen.

Doch kulturell entsteht bisweilen ein ausgesprochen komischer Effekt:

Sobald Phantastik die richtigen Schuhe trägt, erklären wir, sie sei eigentlich gar keine Phantastik mehr.

Ein Drache mit Schatz und Schwert ist Fantasy. Ein Drache, der das verdrängte Gedächtnis Europas verkörpert und ausschließlich in ungeraden Kapiteln auftaucht, bekommt eine Einladung zur Podiumsdiskussion.

📖 Und die Shortlist 2026?

Deren Qualität entscheidet sich selbstverständlich an den sechs Büchern selbst. Dass dort kein klassischer Fantasyroman steht, macht die Auswahl weder schlechter noch verdächtiger. Eine Jury muss sechs Romane aus 205 Titeln auswählen; sie schuldet keinem Genre einen reservierten Sitz.

Gerade Schleifen und Gordeevs Zikade zeigen außerdem, dass formale Verrücktheit, Surrealität und erfundene Grenzüberschreitungen keineswegs vor der Tür bleiben müssen. Die Vorstellung eines humorlosen Preisbetriebs, der ausschließlich realistische Familiengeschichten über komplizierte Väter prämiert, wäre selbst eine schlechte Fantasy.

Und trotzdem lohnt die größere Frage: Warum nur erleben wir in Deutschland weiterhin so selten, dass ein Roman offen als Fantasy auftritt, alle Werkzeuge des Genres sichtbar trägt und zugleich selbstverständlich im Zentrum der großen allgemeinen Literaturdebatte landet?

Warum muss der Drache erst beweisen, dass er eigentlich eine Metapher ist?

Und warum darf ein literarischer Roman selbstverständlich unterhalten, während ein unterhaltender Roman seine literarische Würde oft erst nachweisen soll?

Vielleicht ist die Trennung inzwischen längst morscher als die Institutionen, die sie pflegen.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

🧙 Der Drache möchte nur zum Abendessen

Man könnte den Deutschen Buchpreis deshalb sogar verteidigen. Er hat Dath hineingelassen. Er hat Edelbauer nicht vor den Toren stehen lassen. Seine Jury sprach 2025 ausdrücklich von fantastischen Geschichten.

Es existiert kein Genreverbot, keine Anti-Ork-Klausel und unseres Wissens nach auch kein Formular, auf dem Verlage versichern müssen, dass ihr eingereichter Roman weniger als drei Zauberer enthält.

Das eigentliche Problem ist subtiler.

Wir haben uns kulturell angewöhnt, Phantastik sehr genau danach zu sortieren, wer sie geschrieben hat, wo sie erscheint und unter welchem Etikett wir sie besprechen dürfen.

Vielleicht müsste sich daran etwas ändern. Denn die Welt, in der wir leben, ist inzwischen absurd genug. Sie produziert künstliche Intelligenzen, politische Parallelwirklichkeiten, Milliardäre mit Weltraumplänen, digitale Identitäten und Gesellschaften, die sich gleichzeitig vor dem Untergang und vor einer falschen Getränkedeckelbefestigung fürchten.

Ausgerechnet jetzt darauf zu bestehen, große Literatur müsse bevorzugt so tun, als sei Wirklichkeit eine stabile Angelegenheit, wäre selbst ziemlich fantastische Weltflucht.

Am 5. Oktober wird einer der sechs nominierten Romane zum Deutschen Buchpreis 2026 gekürt.

Der Drache wird vermutlich nicht gewinnen.

Er steht dieses Jahr schließlich gar nicht auf der Liste.

Aber vielleicht sollte man ihm endlich einen festen Platz im Saal anbieten.

Und zwar ohne ihn vorher zur Metapher umzuschulen.

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Schwarzweiße Luxus-Werbeparodie im Stil einer edlen Uhrenkampagne: Ein ernst blickender Ork mit markanten Stoßzähnen und elegantem schwarzen Sakko sitzt in halb seitlicher Pose vor dunklem Hintergrund. Auf seinem Handgelenk trägt er eine metallische Luxus-Uhr. Über dem Bild stehen groß der Markenname „VORGHAN VULTOR“ und darunter „MIMIKRON“. Rechts unten ist die Uhr noch einmal als Produktabbildung zu sehen: ein silbernes Modell mit dunklem Zifferblatt, zahnartigen Stundenmarkierungen und einem unheimlichen Auge im unteren Bereich. Die Szene wirkt auf den ersten Blick hochwertig und seriös, entfaltet aber auf den zweiten Blick ihren absurden Fantasy-Humor.