Criatura – In the Silence of the Dawn (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Criatura – In the Silence of the Dawn

🧿 Kurzfazit
Fantasy-Epos auf links gedreht: Criatura erzählen den Weg ihres Helden vom Triumph zurück zum Ursprung und werfen dafür symphonischen Black Metal, Power-Metal-Pathos und Operngesang in denselben Kessel. Manchmal quillt der Bombast über den Rand, meistens macht genau dieser Größenwahn aber erstaunlich viel Spaß.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Für Hörer, die Black Metal gern mit großer Kulisse bestellen. Emperor, Dimmu Borgir, Bal-Sagoth und die theatralischen Seiten von Carach Angren geben brauchbare Koordinaten; dazu kommen Power-Metal-Gesten und eine deutlich ausgeprägte Fantasy-Erzählhaltung. Wer Drachen, Königreiche und Operngesang nicht erst ironisch genehmigen lassen muss, sitzt hier ziemlich richtig.

🎼 Highlights
Victory, Rise of an Empire, The Queen of Kings, The Theatre of Midnight (Where Legends Are Born)

⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wer Black Metal am liebsten roh, klein und keyboardfrei hört, dürfte sich fühlen, als sei er versehentlich zur Krönungsfeier geladen worden. In the Silence of the Dawn liebt große Melodien, große Gesten und reichlich Ausstattung. Auch als lose Songkiste funktioniert das Album schlechter als am Stück, weil die rückwärts erzählte Heldensage einen guten Teil seines Reizes ausmacht.

Albumcover von Criatura – In the Silence of the Dawn: Ein Hofnarr sitzt nachts mit einer kleinen Harfe an einem Lagerfeuer im Wald, umgeben von beschriebenen Blättern. Im Hintergrund erhebt sich ein dunkles Schloss vor Bergen und glühendem Himmel, während ein Drache durch die Ferne fliegt.

🕯️ Criatura – In the Silence of the Dawn: Erst der König, dann das Kind

Normalerweise funktionieren Heldengeschichten ja ziemlich zuverlässig, weil es doch so schöne Standards gibt. Irgendwo wird ein Niemand geboren, erhält ein Schwert, verliert ein paar Freunde, gewinnt einen Krieg und sitzt irgendwann auf einem Thron, auf dem er vermutlich schon nach drei Wochen richtig fett Rückenschmerzen kriegt.

Dann kamen Criatura und dachten sich wohl: Drehen wir die Story doch einfach mal um. Und siehe da: In the Silence of the Dawn beginnt dort, wo die große Fantasyerzählung gewöhnlich endet. Sieg. Reich. Legende. Danach wickelt die indonesische Band das Leben ihres Helden rückwärts ab, Schicht um Schicht, bis hinter Krone, Schlachten und Mythos wieder der Mensch sichtbar wird, aus dem irgendwann all das entstehen sollte. Pest Productions beschreibt diese Konstruktion als rückwärts erzählte Lebensgeschichte eines Helden – eine Art Entstehungsmythos im Rückwärtsgang.

Das wäre bereits eine ziemlich schöne Idee für ein Konzeptalbum. Criatura setzen allerdings noch einen drauf und werfen dafür symphonischen Black Metal, Power-Metal-Gesten, harschen Gesang, Keyboards und Ruby mit ihrem opernhaften Gesang gemeinsam auf die Bühne. Das Ergebnis klingt in seiner Grundidee ungefähr so, als hätten ein finsterer Hofchronist, eine Opernsängerin und ein Black-Metal-Krieger beschlossen, denselben Fantasyroman gleichzeitig vorzulesen.

Erstaunlicherweise funktioniert das an vielen Stellen verdammt gut. Wir schauen uns darum mal genauer an, was die Indonesier uns hier auf den Plattenteller legen.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Symphonic Black Metal, Melodic Black Metal, Epic Black Metal, Power Metal, Fantasy Metal

Musikalische Einordnung: Criatura bauen ihre Musik auf einem klassischen Black-Metal-Gerüst auf, lassen dieses Gerüst aber kaum eine Minute allein im Raum stehen. Gitarren und harscher Gesang liefern die dunkle Grundlage, Keyboards verbreitern die Szenerie, und Rubys opernhafte Stimme zieht immer wieder eine völlig andere Farbe hinein. Genau dieser Kontrast gehört zu den auffälligsten Eigenschaften des Albums.

Das Ganze trägt allerdings häufig auch mehr Pelzmantel als Lederjacke. Power Metal steckt in den heroischen Bewegungen, symphonischer Metal im Hang zur großen Kulisse, während der melodische Black Metal dafür sorgt, dass die Songs nicht vollständig in Burgmauern und wehenden Bannern verschwinden.

Spannend ist vor allem, wie gut die Musik zur Erzählidee passt. Vorne stehen Sieg und Reich, dahinter beginnt allmählich die Demontage der Legende. Die Trackfolge führt vom vollendeten Mythos zurück in die Zeit, aus der er erst entstehen musste. Dadurch bekommt das Album eine dramaturgische Bewegung, die über die einzelnen Songs hinausgeht.

Klangbild: In the Silence of the Dawn sucht hörbar die große Bühne. Die Gitarren bilden das metallische Fundament, die Keyboards öffnen Räume dahinter, und der Wechsel zwischen Helmys rauem Gesang und Rubys Opernstimme gibt dem Material eine fast theatralische Rollenverteilung. Die Arrangements sind stark auf Atmosphäre, Kontrast und epische Wirkung ausgerichtet.

Das kann mächtig wirken. Es kann gelegentlich auch ziemlich voll werden. Gerade bei dieser Mischung entscheidet der persönliche Geschmack, ob die zusätzliche Schicht noch einen Turm auf die Burg setzt oder dich dazu zwingt, im Burghof zu parken. Für dieses Album spricht, dass der Bombast eine Funktion besitzt. Er gehört zur Welt, zur Geschichte und zu diesem bewusst überhöhten Lebenslauf eines Helden.

🎬 Criatura – das komplette Album hören

Das vollständige Album von Criatura im offiziellen Stream.

📖 Vier Kapitel, die rückwärts besser funktionieren

Victory

Schon der Titel macht den erzählerischen Trick deutlich. Andere Alben arbeiten fünfzig Minuten auf diesen Moment hin. Criatura stellen ihn beinahe an den Anfang. Dadurch erhält Victory einen seltsamen Effekt. Der Sieg fühlt sich weniger wie Ziel als wie Ausgangspunkt einer Untersuchung an. Wir wissen bereits, was aus diesem Menschen geworden ist. Nun wird interessant, welchen Preis dieser Mythos gekostet hat und wo seine ersten Risse entstanden.

Das ist konzeptionell clever, weil das gesamte Album danach unter einer anderen Frage steht: Wie entsteht jemand, an dessen Ende bereits eine Legende wartet?

Rise of an Empire

Direkt danach steht ein ganzes Reich auf. Auch das läuft normalerweise andersherum. Rise of an Empire gehört schon deshalb zu den Schlüsselmomenten des Albums, weil hier die große Fantasygeste besonders gut mit dem Konzept zusammenspielt. Reichsgründung, Macht und Größe erscheinen früh – und werden anschließend Stück für Stück ihrer Vorgeschichte ausgesetzt.

Man sieht förmlich den Barden am Lagerfeuer sitzen und hört sie sagen: „Sehr schön. Ihr kennt jetzt die Statue. Wollen wir mal sehen, wer darunter steckt?“

The Queen of Kings

The Queen of Kings verstärkt die märchenhafte Seite des Albums. Schon der Titel klingt wie etwas, das auf einer vergilbten Landkarte am Rand eines verbotenen Königreichs stehen könnte. Hier zeigt sich außerdem sehr schön, weshalb der opernhafte Gesang für Criatura mehr ist als ein dekoratives Extra. Diese Stimme bringt eine zweite Erzählebene hinein. Die Fantasywelt bekommt dadurch Figuren, Rollen und ein stärkeres dramatisches Gefühl. Genau solche Momente unterscheiden das Album von einem bloßen symphonischen Black-Metal-Werk mit Fantasytiteln.

The Theatre of Midnight (Where Legends Are Born)

Und ganz hinten wartet plötzlich die Geburt der Legende. Allein deshalb ist dieser Abschluss hervorragend gewählt. Nach Sieg, Reich, Leere, Schatten, Königinnen, Gefallenen und Feuer gelangen wir an jenen symbolischen Ort, an dem die Geschichte erst entstehen wird.

Der Albumtitel beschreibt den stillen Übergang zum Morgen, der letzte Song führt uns in ein Theater der Mitternacht. Zwischen beiden Polen liegt das komplette Leben eines Helden, nur eben falsch herum. Oder richtig herum, je nachdem eben, welchen Barden man fragt.

Der Banner für das Fantasykosmos Feuilleton mit lesendem Drachen hinter Zeitung.

🎨 Artwork

Jawoll ja! Dieses Cover verkauft seine Platte innerhalb von 21, 22, 23. Ein dunkler Wald. In der Ferne ein gewaltiges Schloss. Über den Bergen hängt der Rest eines glühenden Abendhimmels, während ein Drache durch die Ferne zieht. Im Vordergrund sitzt ein Hofnarr an einem Feuer und spielt auf einer kleinen Harfe. Um ihn herum liegen beschriebene Blätter. Das ist fantastische Bildsprache mit der Subtilität eines einstürzenden Burgtores. Und das ist hier auch vollkommen richtig.

Der Narr wirkt wie Erzähler, Chronist und vielleicht sogar unzuverlässiger Zeuge dieser Geschichte. Er sitzt außerhalb der Macht, weit entfernt vom Schloss, und hält ihre Legende trotzdem in den Händen. Genau dadurch passt das Motiv hervorragend zum rückwärts erzählten Album: Wir sehen möglicherweise jemanden, der die fertige Geschichte bereits kennt und sie nun Blatt für Blatt zurücknimmt.

Düsterer Fantasy-Werbebanner für den fiktiven Energydrink „BLACK RUNE“. Rechts sitzt ein muskulöser Orkkrieger in abgenutzter Leder- und Metallrüstung in einem rauchigen Kriegslager, hält eine schwarze Getränkedose mit Runenzeichen und stützt sich neben einer großen Streitaxt ab. Links steht in großer schwarzer und roter Serifenschrift der Slogan: „BLACK RUNE verleiht Schädel.“

✨ Besondere Momente

🔄 Eine Heldensage mit eingelegtem Rückwärtsgang

Der stärkste Einfall der Platte liegt im Konzept selbst. Fantasyalben erzählen gern von Aufstieg, Krieg und Triumph. Criatura starten beim fertigen Mythos und suchen danach den Menschen dahinter. Dadurch verändern selbst klassische Titel wie Victory oder Rise of an Empire ihre Funktion. Wir feiern hier keinen Aufstieg. Wir sezieren ihn.

🎭 Oper trifft Kriegsbemalung

Rubys Stimme ist der Joker des Albums. Operngesang in symphonischem Metal ist selbstverständlich keine Erfindung von Criatura, doch innerhalb dieser Musik funktioniert er als erzählerisches Mittel besonders gut. Helmys harsche Vocals können Konflikt und Dunkelheit tragen, während die Opernstimme das Material beinahe in Richtung Bühnendrama zieht. Der Held bekommt dadurch seinen Chor gleich mitgeliefert. Sehr praktisch. Spart ordentlich Personal bei der Krönung.

🌏 Bogor statt Bergen

Auch die Herkunft macht das Album interessant. Indonesischer Black Metal wird international noch immer viel zu häufig auf einige wenige bekannte Namen reduziert. Criatura kommen aus Bogor in Westjava und bewegen sich seit 2008 in dieser Szene. Dadurch steht In the Silence of the Dawn gleichzeitig in einer lokalen melodischen Black-Metal-Tradition und greift weit in europäisch geprägte Symphonic- und Power-Metal-Sprache hinein.

⏳ Achtzehn Jahre bis zum ersten Langeisen

Der vielleicht absurdeste Punkt steht außerhalb der Musik. Criatura wurden am 3. September 2008 gegründet. Schon Ende 2009 entstand mit Hypochondria eine frühe Aufnahme, später folgten Demo- und Splitmaterial. Das erste vollständige Album erscheint nun ausgerechnet zum 18-jährigen Bestehen der Band. Andere Bands schaffen in achtzehn Jahren sechs Alben, drei Abschiedstourneen und zwei Reunionen. Criatura haben erstmal das Debüt fertiggemacht. Kann man wohl so machen.

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📜 Hintergrund: Achtzehn Jahre Anlauf für einen rückwärts laufenden Helden

Criatura wurden 2008 in Bogor gegründet. Die Frühphase war von mehreren Besetzungswechseln geprägt; 2009 erschien mit Hypochondria einer der ersten aufgenommenen Songs, später folgte das Promo-Material Black Symphony und 2012 ein Split. Schon damals beschrieb die Band ihren Stil als Mischung aus symphonischem Black Metal, Gothic, Klassik, Folk und theatralischen Elementen. Dann wurde es lange still.

Mit In the Silence of the Dawn erscheint nun am 26. September 2026 das erste reguläre Album. Pest Productions veröffentlicht eine CD-Ausgabe mit zwölfseitigem Booklet, zusätzlich erscheint das Album digital; eine Kassettenversion wird über Fiadh Productions vertrieben. Die zehn Stücke kommen gemeinsam auf 42:05 Minuten.

Das aktuelle Album-Line-up unterscheidet sich deutlich von der Frühphase der Band. Helmy übernimmt den harschen Gesang, Ruby den opernhaften Part, Yudi spielt Gitarre, Ikhsan Gitarre und Bass, Nos die Keyboards und Rangga das Schlagzeug.

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🌅 Fazit: Am Ende erwartet und der Anfang

In the Silence of the Dawn ist genau die Sorte Veröffentlichung, wegen der es Spaß macht, auch weit unterhalb der üblichen großen Namen zu graben. Criatura haben achtzehn Jahre gebraucht, um ihr Debüt fertigzustellen, und kommen dann mit einer Fantasygeschichte um die Ecke, die das gesamte klassische Heldenmodell rückwärts durchläuft. Dazu gibt es Symphonic Black Metal, Power-Metal-Größe, Operngesang, Keyboards und ausreichend Pathos, um damit mehrere durchschnittliche Königreiche zu beheizen.

Manchmal ist das fast zu viel. Einige Arrangements tragen derart viel Zierrat, dass die eigentlichen Black-Metal-Kanten etwas tiefer im Thronsaal verschwinden. Auch die Kombination aus Oper, Symphonik und epischem Gestus wird Hörer spalten. Wer diese Zutaten nicht mag, wird hier keineswegs plötzlich bekehrt. Doch gerade die Konsequenz macht das Album defintiv sympathisch.

Criatura glauben an diese Welt. Sie glauben an ihren Barden, ihren König, ihre Schlachten und an die Idee, dass eine Legende interessanter wird, wenn man sie rückwärts zerlegt. Diese Ernsthaftigkeit verhindert, dass das Ganze zum Fantasykitsch mit Blastbeats wird. Nein, am Schluss bleibt kein großer Triumph. Da steht nur noch der Punkt, an dem alles beginnen kann. Für eine Heldengeschichte ist das ein ziemlich schöner Ort, um aufzuhören.

Albumcover von Criatura – In the Silence of the Dawn: Ein Hofnarr sitzt nachts mit einer kleinen Harfe an einem Lagerfeuer im Wald, umgeben von beschriebenen Blättern. Im Hintergrund erhebt sich ein dunkles Schloss vor Bergen und glühendem Himmel, während ein Drache durch die Ferne fliegt.

Künstler:

Criatura

Albumtitel:

In the Silence of the Dawn

Erscheinungsdatum:

26. September 2026

Genre:

Symphonic Black Metal / Melodic Black Metal / Epic Fantasy Metal / Power Metal

Label:

Pest Productions

Spielzeit:

ca. 42 Minuten

🎼 Trackliste:

In the Silence of the Dawn – 2:10
Victory – 5:15
Rise of An Empire – 4:44
Empty – 5:02
Shadow Before The Light – 4:19
The Queen of Kings – 4:34
Pendosa Yang Mulia – 4:46
Aurora of The Fallen – 3:10
Fury And Fire – 3:27
The Theatre of Midnight (Where Legends Are Born) – 4:38

👥 Besetzung:

Helmy – Gesang
Ruby – Operngesang
Yudi – Gitarre
Ikhsan – Gitarre, Bass
Nos – Keyboards
Rangga – Schlagzeug

🎨 Artwork:

Aghy R. Purakusuma – Cover-Artwork

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