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Rumen Radev und der Rosenöl-Altar des Kremls
🌎 Ein Brief aus Sofia-Nebelgrad, wo Pragmatismus immer wie Moskau riecht, Europa höflich mitbezahlt und nationale Wiedergeburt gern in falschen Weihrauch gehüllt wird.
Zuerst kam der Geruch.
Nicht Papier, nicht Siegelwachs, nicht der übliche muffige Hauch politischer Selbsterhöhung, sondern Rosenöl. Schwer, süß, beinahe liturgisch. Es kroch unter der Tür hindurch, legte sich über unsere Schreibtische und verwandelte selbst die Kaffeemaschine für einen kurzen Moment in ein diplomatisches Empfangskomitee. Kurz darauf lag auf dem Redaktionstisch eine schmale Militärmappe aus dunkelrotem Leder. Kein Bote hatte sie gebracht. Niemand hatte geklopft. Nur der Duft blieb im Raum stehen wie ein sehr höfliches Vorzeichen aus einer Richtung, aus der Höflichkeit selten ohne Hintergedanken kommt.
In der Mappe fanden sich ein Wahlzettel mit Flugrost an den Rändern, eine kleine Phiole bulgarischen Rosenöls, eine gefaltete Karte der Schwarzmeerregion und ein höflicher Vermerk, wonach man in Sofia-Nebelgrad die Dinge künftig wieder nüchtern, stabil und mit offenem Ohr für alte Freunde zu regeln gedenke.
Absender ist allem Anschein nach Rumen Radev, ehemaliger Himmelsgeneral, neuer Verwalter der bulgarischen Resthoffnung, Rosenöl-Pilot der nationalen Erlösung und designierter Hohepriester jenes Pragmatismus, bei dem Moskau nie ganz im Raum steht, aber immer schon den Stuhl eiskalt angewärmt hat.

✉️ Der Brief
„Man muss nicht nach Osten knien, um zu wissen, woher der Wind weht.“
– Aus dem Buch Rosenöl, Kerosin und Staatsraison (erschienen bei Altar & Flugbahn)
An die westlich parfümierte Chefredaktion des Fantasykosmos,
ich schreibe euch aus einem Land, das ihr gern versteht, solange es exakt das tut, was man in Brüssel für verständlich hält. Sobald es aber beginnt, seine eigene Müdigkeit, seine eigenen Rechnungen, seine eigenen Enttäuschungen und seine eigenen historischen Reflexe ernst zu nehmen, beginnt bei euch sofort dieses nervöse Flattern der großen europäischen Belehrungsmaschine.
Dann heißt es: Russlandnähe.
Dann heißt es: Gefahr.
Dann heißt es: Rückfall.
Wie bequem diese Worte doch sind. Man muss mit ihnen nichts mehr erklären. Man muss nur noch zeigen.
Ich habe eine Wahl gewonnen, weil ein erschöpftes Land nicht länger von denselben Parteien verwaltet werden wollte, die ihm seit Jahren Stabilität versprachen und vor allem weitere Wahlen lieferten. Acht Urnengänge in fünf Jahren sind keine Demokratiefeier. Sie sind ein Geräusch wie ein kaputter Motor. Irgendwann hört ein Volk auf, nach schönen Programmen zu fragen, und sucht jemanden, der zumindest so wirkt, als könne er noch landen, wenn ringsum die Instrumente flackern.
Ich bin Pilot. Ich erkenne Sturzflug, wenn ich mich darin befinde.
Ihr aber erkennt in jedem Kurswechsel sofort Verrat. Für euch ist europäische Treue offenbar nur dann glaubwürdig, wenn sie mit dem vollständigen Verzicht auf eigene Interessen einhergeht. Ein kleines Land hat dankbar zu sein, sauber zu stimmen, artig zu liefern, die geopolitischen Lektionen auswendig zu können und seine wirtschaftlichen Schmerzen in jener würdigen Stille zu tragen, die in Brüssel gern als Reife missverstanden wird.
Ich nenne das nicht Reife. Ich nenne das dekorative Erschöpfung.
Bulgarien hat lange genug den Vorraum gespielt. Vorraum der Union. Vorraum der Strategie. Vorraum fremder Pläne. Man klopft uns auf die Schulter, wenn wir nützlich sind, mahnt uns, wenn wir unruhig werden, und erinnert uns an Werte, sobald wir fragen, wer eigentlich die Rechnung bezahlt. Ein Land jedoch ist kein Fußnotenraum der Geschichte. Es hat Grenzen, Häfen, Energiebedarf, Landwirtschaft, Armut, Korruption, Erinnerung und Nachbarn. Es hat nicht den Luxus, in moralischer Reinluft zu schweben.
Darum spreche ich von Pragmatismus.
Ich weiß, dieses Wort macht euch misstrauisch. In euren Salons klingt Pragmatismus sofort wie Verrat mit Aktentasche. Aber was ist die Alternative? Eine Außenpolitik aus reiner Pose? Eine Wirtschaftspolitik aus Bußfertigkeit? Ein nationales Interesse, das nur dann anerkannt wird, wenn es vorher in mehrere europäische Arbeitsgruppen zerlegt wurde?
Nein.
Pragmatismus bedeutet nicht, sich zu verkaufen. Pragmatismus bedeutet, nicht jedes Gespräch für eine Kapitulation zu halten. Man kann Mitglied der Europäischen Union sein und trotzdem wissen, dass Geografie keine Broschüre ist. Man kann im Westen stehen und dennoch begreifen, dass der Osten nicht verschwindet, nur weil ein paar sehr gut bezahlte Männer in Konferenzräumen das gern so hätten. Man kann Freiheit versprechen und trotzdem wissen, dass Freiheit ohne Brot, Wärme und funktionierende Verwaltung sehr schnell nach Wahlplakat riecht.
Ihr nennt mich moskaufreundlich, als sei damit bereits alles gesagt.
Ich sage euch: Ein Mann, der fliegen gelernt hat, weiß, dass man Gegenwind nicht durch Empörung abschafft. Man liest ihn, nutzt ihn, begrenzt ihn, rechnet mit ihm. Nur ein törichter Pilot verwechselt Haltung mit dem Wunsch, dass die Luft gehorcht.
Natürlich freut sich Moskau über meinen Sieg. Warum sollte es das nicht? Moskau freut sich über jede Ritze in der westlichen Selbstgewissheit. Aber wer daraus schließt, ich sei bloß eine fremde Handpuppe, denkt in der armseligen Mechanik der großen Reiche. Kleine Länder überleben nicht, indem sie immer nur eine Richtung anbeten. Sie überleben, indem sie sich von mehreren Seiten anschauen lassen und dabei nicht sofort das eigene Rückgrat verlieren.
Ich werde nicht so tun, als sei Russland ein geographisches Versehen. Es ist da. Es bleibt da. Es hat Interessen. Es macht Druck. Es macht Angebote. Es macht Fehler, Gewalt, Drohungen und Geschichte. Nur Kinder glauben, Politik bestehe darin, unangenehme Mächte aus dem Bild zu schneiden und dann stolz auf den weißen Fleck zu zeigen.
Aber ebenso wenig werde ich zulassen, dass Brüssel Bulgarien nur noch als geopolitisches Mahnplakat benutzt. Wir sind nicht euer Grenzornament. Wir sind nicht euer ärmerer Beweis dafür, dass die Union schon irgendwie funktioniert, solange genug Geld fließt und genug Geduld auswandert. Wir sind ein Land mit einer müden Bevölkerung, mit einer verwundeten Verwaltung und mit einer Korruption, die sich unter vielen Fahnen sehr wohl gefühlt hat.
Ja, Korruption. Ihr dürft das Wort ruhig aussprechen. Bei uns hat es nie gefehlt. Nur wurde es zu oft von jenen entdeckt, die gerade nicht am Tisch saßen. Ich habe meinen Sieg auch bekommen, weil viele Bulgaren den alten Apparaten nicht mehr glauben. Ob ich besser bin, wird sich zeigen. Aber wenigstens habe ich den Vorteil, dass die alte Ordnung mich nicht mehr vollständig als ihre harmlose Fortsetzung ausgeben kann.
Das ist mein Angebot: Ordnung ohne die alte Maske. Souveränität ohne pausenloses Zittern vor jedem westlichen Stirnrunzeln. Gespräche nach Osten, ohne den Westen demonstrativ zu verbrennen. Europa, aber ohne Kniegang. Stabilität, aber nicht als Schlafmittel. Hoffnung, aber nicht als Werbespruch der nächsten Übergangsregierung.
Wenn euch das beunruhigt, verstehe ich das. Ihr habt euch an Länder gewöhnt, die ihre eigene Angst vor euch für europäische Reife halten. Bulgarien aber hat zu lange gewartet, zu oft gewählt, zu oft gezahlt und zu oft zugesehen, wie seine Zukunft in Gutachten verschwand. Jetzt ist eine andere Stimme aufgestanden. Sie riecht nach Rosenöl, Kerosin und kaltem Stein. Das ist vielleicht nicht euer Lieblingsduft.
Aber es ist ein Duft, den man nicht mehr so leicht aus dem Raum bekommt.
Aus derzeit mittlerer Flughöhe
Rumen Radev
Himmelsgeneral von Sofia-Nebelgrad
Verwalter der bulgarischen Resthoffnung
und Hohepriester des pragmatisch parfümierten Ostwinds
🪶 Kommentar der Redaktion:
Radevs Brief las sich nicht wie das Donnern eines Autokraten und auch nicht wie das Kreischen eines Wahlkampfmarktschreiers. Er klang gefährlicher: ruhig, gekränkt, staatsmännisch gedämpft und voll jener sanften Ostwindlogik, die jede Schieflage zuerst „Pragmatismus“ nennt, bevor sie jemand anders bezahlen darf. Gerade darin lag der Reiz dieses Textes. Er schrie nicht nach Moskau. Er öffnete nur das Fenster, stellte Rosenöl auf den Tisch und erklärte den Luftzug zur Maßnahme der Vernunft.
Seit der Lektüre haftet dem Raum eine eigentümliche Süße an. Nicht angenehm, eher hartnäckig. Als habe jemand Zukunft versprochen, dabei aber heimlich eine alte Landkarte unter die Tischdecke geschoben.
Mehr Fantastisches für dich?
Mehr Fantastisches findest du garantiert in den Legenden von Serathis und darüber hinaus in unserem Bestiarium der Düsteren Kreaturen. Ziemlich cool: Auch bei Makronom hat man die großen Verdienste des ehemaligen Finanzministers entsprechend gewürdigt.



