Der Halbling mit dem ganzen Mut

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🪶 Der Halbling mit dem ganzen Mut

In Bröckelbach war Vorsicht keine Eigenschaft.
Sie war ein Beruf.

Die Halblinge dort bauten ihre Häuser niedrig, ihre Zäune rund und ihre Treppen so flach, dass selbst ein müder Regenwurm nicht stolpern konnte. Vor jeder Haustür lag eine Matte mit der Aufschrift: Bitte langsam eintreten. Und auf dem Marktplatz stand ein Schild:

Rennen ist nur erlaubt, wenn etwas sehr Schlimmes hinter einem her ist.

Jaro Halbenhut fand dieses Schild albern.

Er war zehn Jahre alt, hatte braune Locken, viel zu neugierige Augen und eine Mutter, die jeden Morgen sagte: „Jaro, denk daran: Erst schauen, dann gehen.“

Sein Vater ergänzte meistens: „Und wenn du geschaut hast, schau lieber noch mal.“

Jaro schaute oft.
Aber manchmal, wenn keiner hinsah, ging er trotzdem einfach so.

Am Tag des Herbstmarkts war ganz Bröckelbach auf den Beinen. Es roch nach Honigkuchen, gebratenen Pilzen und heißem Apfelsaft. Zwischen den Ständen hingen bunte Wimpel. Kinder liefen mit Holzschwertern herum. Alte Tanten prüften Marmeladengläser, als könnten darin feindliche Armeen lauern.

Jaro stand am Kürbisstand seiner Eltern und langweilte sich.

„Der hier hat eine Delle“, sagte er und hob einen runden Kürbis hoch.

„Dann leg ihn zu den ehrlichen Kürbissen“, sagte sein Vater.

„Und was sind unehrliche Kürbisse?“

„Die so tun, als wären sie Melonen.“

Jaro seufzte.

Da hörte er über dem Markt ein Kreischen.

Nicht das Kreischen eines Kindes.
Nicht das Kreischen seiner Tante, wenn sie eine Wespe entdeckt hatte.
Etwas viel Größeres.

Ein Schatten glitt über die Wimpel.

Die Leute sahen hoch.

Ein junger Greif stürzte über den Marktplatz, kaum größer als ein Pony, mit goldbraunen Flügeln, Löwenpfoten und einem Schnabel, der viel zu stolz und zu scharf für sein Alter wirkte. Um seinen Hals hing eine silberne Kette, deren Ende hinter ihm herflatterte.

„Ein Greif!“, rief jemand.

„Ein sehr schlecht geplanter Greif!“, rief jemand anderes.

Der Greif krachte gegen den Glockenturm, schlug wild mit den Flügeln und blieb mit der Kette an einem eisernen Haken hängen. Die Glocke dröhnte einmal laut.

DONG.

Der ganze Markt erstarrte.

Der Greif hing zappelnd knapp unter dem Turmdach. Je mehr er sich wehrte, desto enger zog sich die Kette.

„Wir brauchen eine Leiter!“, rief der Bäcker.

„Zu kurz!“, rief die Schmiedin.

„Wir brauchen einen Plan!“, rief Jaros Vater.

Das sagten Halblinge immer, wenn sie eigentlich keine Ahnung hatten, was zu tun war.

Jaro sah zum Turm hinauf.

Oben, direkt neben dem Dach, gab es einen schmalen Spalt zwischen zwei alten Balken. Kein Erwachsener würde da durchpassen. Kein Hund. Und auch kein kräftiges Kind.

Aber Jaro vielleicht schon.

Sein Bauch wurde kalt.

Er hörte seine Mutter sagen: „Niemand klettert da hoch. Das ist viel zu gefährlich.“

Jaro nickte.

Dann ging er los.

Nicht schnell und auch nicht heldenhaft. Eher so, wie man geht, wenn jeder Schritt einen fragt: Bist du dir auch ganz sicher?

Die Turmtür war offen. Innen roch es nach Staub, Holz und alten Sonntagen. Die Treppe wand sich eng nach oben. Jaro hörte draußen die Stimmen, das Schlagen der Flügel, das Klirren der Kette.

Auf halber Höhe blieb er stehen.

Seine Knie fühlten sich an wie Pudding, dem viel zu warm geworden war.

„Ich habe Angst“, flüsterte er.

Das war peinlich.
Aber es war eben auch die Wahrheit.

Und weil es stimmte, fühlte er sich nicht kleiner.

Er kletterte weiter.

Oben war der Dachraum dunkel. Durch Ritzen fiel goldenes Sonnenlicht. Der Greif hing direkt vor dem Spalt, sein Auge groß und wild.

„Nicht picken“, sagte Jaro leise. „Ich bin auf deiner Seite.“

Der Greif fauchte.

„Meinst du damit vielleicht?“

Junge hält einen Messingschlüssel mit Sternsymbol vor einer großen Holztür am alten Uhrturm in einer nebligen Gasse.

Jaro schob sich durch den Balkenspalt. Holz kratzte an seinem Ärmel. Unter ihm lag der Marktplatz winzig und laut. Für einen Moment sah er seine Mutter unten stehen, die Hände vor dem Mund.

Jaro griff nach der Kette.

Der Greif schlug mit dem Flügel.

„Hör auf!“, rief Jaro. „Wenn du zappelst, geht’s nicht!“

Der Greif hielt nicht sofort still.

Natürlich nicht.
Greife sind sehr stolz und nur mittelgut im Zuhören.

Also tat Jaro etwas, das niemand in Bröckelbach empfohlen hätte.

Er legte eine Hand an den Hals des Greifs.

Ganz vorsichtig.

„Ich hab auch Angst“, sagte er. „Aber ich bleibe.“

Das wilde Auge des Greifs wurde ein wenig ruhiger.

Jaro zog an der Kette. Der Haken klemmte. Er zog stärker. Seine Finger brannten. Unten rief jemand etwas, aber der Wind nahm die Worte mit.

Dann rutschte die Kette frei.

Einen Atemzug lang passierte gar nichts.

Dann breitete der Greif die Flügel aus.

Jaro dachte: Jetzt falle ich.

Aber der Greif packte ihn sanft mit den Vorderpfoten am Jackenrücken, hob ab und glitt hinunter auf den Marktplatz, als wäre Jaro ein besonders seltsames Gepäckstück.

Als sie landeten, war es still.

Dann begann der ganze Markt zu jubeln.

Jaros Mutter rannte zu ihm und drückte ihn so fest, dass er kurz glaubte, nun doch noch zu sterben.

„Mach das nie wieder!“, sagte sie.

„Okay“, keuchte Jaro.

Sein Vater sah zum Greif, der sich würdevoll die Federn ordnete.

„Aber falls doch“, sagte er leise, „sag vorher Bescheid. Dann holen wir wenigstens ein Kissen.“

Jaro grinste.

Der Greif stupste ihn mit dem Schnabel an. Nicht hart. Eher dankbar. Dann sprang er in die Luft und flog davon, über die Wimpel, über den Glockenturm, über das Schild am Marktplatz.

Am nächsten Morgen hing dort ein neues Schild.

Rennen ist nur erlaubt, wenn etwas sehr Schlimmes hinter einem her ist.
Klettern ist erlaubt, wenn jemand Hilfe braucht.

Darunter hatte jemand kleiner geschrieben:

Mut ist Angst, die trotzdem losgeht.

Jaro las den Satz dreimal.

Dann schaute er nach links.
Dann nach rechts.
Dann ging er los.

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