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🏛️ The Daily Meme #097 – Galerie der entgleisten Meisterwerke – Helms Klamm der tausend Bosheiten


Boneys Logbuch-Eintrag
Position: Galerie der entgleisten Meisterwerke, Saal „Belagerung, Bosch & betreutes Verderben“.
Wetter: Dicker Himmel, schwerer Rauch und jene braune Luft, in der selbst das Morgengebet schon nach Schlamm schmeckt.
Lagebericht:
Es gibt Schlachten, die man sich als Linie merkt.
Zwei Heere, ein Wall, ein Tor, viel Geschrei, danach ein paar Balladen.
Und dann gibt es Schlachten, die aussehen, als habe ein mittelalterlicher Albtraum plötzlich beschlossen, Buch über sich selbst zu führen.
Helms Klamm der tausend Bosheiten gehört mit voller Wucht in die zweite Kategorie.
Vor uns liegt nicht einfach nur eine Belagerung.
Vor uns liegt ein ganzes Verwaltungsgebiet des Grauens.
Leitern kippen, Trommeln dröhnen, Kreaturen stolpern durch Schlamm, an jeder Mauer nagen andere Katastrophen, und irgendwo am Bildrand erfüllt mit erschütternder Ernsthaftigkeit immer noch jemand eine Aufgabe, die völlig sinnlos wirkt und gerade deshalb vermutlich wichtig ist.
Die Festung selbst steht da wie eine steinerne Trotzreaktion auf die Erfindung des kollektiven Untergangs.
Türme, Tore, Zinnen, Mauerlinien, Feuerschein in Nischen, Menschen auf Leitern, Wesen unter Leitern, Wesen auf Wesen, und dazwischen überall dieses blechige Grundrauschen aus Sünde, Hektik und sehr schlechter Laune.
Nichts in diesem Werk ruht.
Alles kriecht, stürmt, fällt, hämmert, watet oder wartet auf seine persönliche Form der Demütigung.
Der Künstler: Hieronymus Blech
Über Hieronymus Blech ist ungefähr so viel gesichert bekannt wie über die genaue Zahl der Bosheiten, die er pro Quadratmeter Leinwand unterzubringen pflegte. Geboren wurde er der Überlieferung nach irgendwo zwischen Moderbrügge, Alt-Schlamm und einer Siedlung, die auf sehr schlechten Karten noch als „hier besser wenden“ auftaucht.
Früh fiel Blech durch die seltene Gabe auf, nicht einfach Szenen zu malen, sondern gleich ganze geistige Fehlgebiete. Wo andere Künstler einen Heiligen, einen Sünder oder einen Esel darstellten, setzte Blech lieber dreißig Sünder, fünf Esel, einen kochenden Kessel, zwei halbe Instrumente des Weltuntergangs und einen Mann mit fragwürdiger Aufgabe daneben. Seine Werke gelten bis heute als Höhepunkt der sogenannten Niederhölländischen Wimmelmoral, jener Kunstrichtung, in der jede Ecke des Bildes gleichzeitig Mahnung, Spott und blutiger Betriebsunfall ist.
Zeitgenossen bewunderten an ihm die Geduld, mit der er Hunderte winziger Figuren in feinsten Bosheiten arrangierte. Kritiker warfen ihm vor, seine Gemälde wirkten wie Predigten, denen jemand Schaufeln, Fischmasken und persönliche Rachegelüste beigemischt habe. Blech nahm das vermutlich als Kompliment.
Helms Klamm der tausend Bosheiten gilt heute als eines seiner späten Hauptwerke und als Paradebeispiel für seine Fähigkeit, ein weltbekanntes Schlachtmotiv in ein einziges, lärmendes Bußformular aus Schlamm, Sünde und bedenklichen Nebenhandlungen zu verwandeln.
Boneys Urteil
Helms Klamm der tausend Bosheiten ist kein Kriegsbild.
Es ist ein Wimmelbild des organisierten Elends.
Andere Maler zeigen das Heldentum.
Dieser hier zeigt lieber, wie viele Hände nötig sind, um eine Katastrophe ordentlich am Laufen zu halten.
Gerade das macht das Werk so groß.
Nicht die Pose.
Nicht der Pathos.
Nicht das Schwert im Gegenlicht.
Sondern der Umstand, dass zwischen Feuer, Mauern und Wassergraben selbst der Untergang noch nach Zuständigkeiten sortiert wirkt.
Man sieht hier keine klare Front.
Man sieht ein Gedränge aus Schuld, Eifer, Versehen und sinnlosem Tätigkeitsrausch.
Und im Zwischenreich ist genau das oft die ehrlichste Form der Geschichtsschreibung.
Abschließende Notiz an euch kunstgeschichtlich unbeleckte Strichmännchenzeichner
Wenn euch jemals jemand erklärt, eine Belagerung sei im Grunde eine übersichtliche Angelegenheit aus Angriff, Verteidigung und taktischem Geschick, dann zeigt dieser Person bitte dieses Bild.
Danach wird sie begreifen, dass Krieg in Wahrheit aus nassem Leder, schiefer Architektur, hysterischen Trommlern und einer erschütternden Menge kleiner Nebendesaster besteht.
Und wenn ihr irgendwo am Rand des Geschehens einen Mönch, einen Wolf, einen halben Ritter und ein Wesen mit Helm und schlechtem Charakter gleichzeitig seht, fragt bitte nicht mehr nach dem Hauptplot.
Der ist längst verloren gegangen.
Morgen wiederkommen.
Dann entgleist das vielleicht nächste Meisterwerk der Kunstgeschichte — ein weiteres ehrwürdiges Original wird mit erstaunlicher Sorgfalt in den Morast der Fantasy gedrückt.



