Ein Brief von Wolfram Weimer aus einem Zwischenreich, in dem Kultur als Ordnungsprinzip gilt

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Briefe aus den Zwischenreichen

🌎 Ein Brief von Wolfram Weimer aus einem Zwischenreich, in dem Kultur als Ordnungsprinzip gilt

Diesen seltsamen Brief entdeckten wir in einem staubfreien Wandschrank des ehemaligen Zwischenarchivs für Geschmacksaufsicht. Ordentlich gefaltet, mit braunem Siegelwachs versehen und in einen Leinenumschlag mit der Aufschrift „Nur für kulturfähige Hände“ gelegt. Dem Schreiben beigelegt waren ein kleiner Messingstempel, ein Verzeichnis zulässiger Pathosgrade und ein Formular zur nachträglichen Korrektur missliebiger Ironie.

Absender ist, allem Anschein nach, Wolfram Weimer, derzeitiger Oberkurator des Zwischenreichs Ordonia, wo man Kunst noch mit geradem Rücken betrachtet und jedes Fördergesuch erst nach Prüfung auf Haltung, Satzbau und seelische Frisur durch den Ältestenrat der Maßvollen freigibt.


Boris Pistorius als Oberbefehlshaber der Zwischenreiche – in einem von Fackeln erleuchteten Steinflur, mit Stahlhelm, dunklem Mantel und leuchtendem Runenstab im Nebel der Zwischenreiche.

✉️ Der Brief

„Nicht alles, was sich ausdrücken möchte, hat bereits ein Recht auf öffentliche Ergriffenheit.
– Aus dem Buch: Lob der Form (erschienen bei Archiv & Anstand)

An die Redaktion des Fantasykosmos,

mit einer Mischung aus Sorge, Fassung und dem letzten Rest kultivierter Geduld verfolge ich von Ordonia aus die Zustände in euren phantastischen Provinzen. Was sich dort inzwischen unter dem Etikett von Freiheit, Vielfalt und Weltbau zusammendrängt, ist in Wahrheit oft nichts anderes als ein ästhetisch schlecht gelüfteter Geräteschuppen. Alles darf hinein. Nichts muss mehr Form haben. Und jeder hält bereits seine eigene Laune für eine Haltung.

Ich schreibe euch aus einem Zwischenreich, in dem Kultur nicht als überdrehte Dauerprovokation missverstanden wird, sondern als gepflegte Höhe. Bei uns gibt es selbstverständlich Drachen. Aber nicht jeder Drache erhält automatisch eine Trilogie, nur weil er traumatisiert in einen Nebelwald blickt und seine Schuppen als Metapher für irgendetwas verkaufen möchte. Bei uns müssen auch Monster zunächst beweisen, dass sie dem Gemeinwesen dienen.

Denn genau darin liegt der zivilisatorische Ernst der Kulturpolitik: im Sortieren. Im Gewichten. Im würdevollen Ausschließen des Beliebigen. Eine Gesellschaft, die verlernt, zwischen bedeutend und beliebig zu unterscheiden, endet früher oder später mit fünfzig Barden auf der Bühne, die alle „subversiv“ sein wollen, aber in Wahrheit nur schlecht intonierte Selbstbespiegelung betreiben.

Ich sage es offen: Nicht jede Buchhandlung ist ein Tempel. Nicht jede Bühne ein kulturelles Heiligtum. Nicht jedes Manuskript ein Schicksalsereignis. Es gibt Orte, die das Erhabene pflegen, und Orte, die bloß ihre eigene Gereiztheit kuratieren. Wer aus jeder Regalreihe gleich ein Widerstandsdenkmal machen will, verwechselt Literatur mit Gesinnungsinventar. Ein Preis des Reiches ist jedoch keine Trostplakette für lautstarke Selbstgewissheit, sondern ein Zeichen kultureller Reife.

Auch die Archivfrage ist bei uns längst entschieden. Man hortet nicht endlos Papier, nur weil bedruckte Materie einen nostalgischen Geruch verströmt. Archive sind keine Mausoleen für alles, was jemals zwischen zwei Deckel gepresst wurde. Das Gedächtnis einer Kulturnation besteht nicht im bloßen Stapeln, sondern im klugen Bewahren. Wer jedes Flugblatt, jede Schmähfibel und jede hektische Gegenwartsregung auf ewig in Stein und Magazin gießen will, leidet nicht an Bildungseifer, sondern an mangelnder Selektionsfähigkeit.

Und ja, auch unsere öffentlich alimentierten Herolde sind zur Ausgewogenheit verpflichtet. Ein Reichsfunk, der bei jedem zweiten Lautenspiel dieselbe weltanschauliche Melodie anstimmt, darf sich über Vertrauensverlust nicht wundern. Öffentlichkeit ist kein Erziehungsprogramm für geschlossene Milieus, sondern ein Raum, in dem das Land sich selbst wiedererkennen können muss, ohne vorher um ideologische Einlasskarten zu bitten.

Ihr habt euch leider an das Spektakel des Ungekämmten gewöhnt. Ihr verwechselt Lärm mit Leben, Kränkung mit Tiefe und Grenzüberschreitung mit Genie. Man hat euch eingeredet, jede Form sei schon Verdacht, jede Ordnung schon Drohung und jeder Maßstab bereits ein Anschlag auf die Freiheit. Welch bequemes Märchen für jene, die nie den geringsten Ehrgeiz hatten, etwas Schönes zu bauen.

In Ordonia wissen wir noch: Kultur ist kein matschiger Debattenmorast, sondern ein Bauwerk. Sie braucht Pfeiler, Türen, Schwellen und gelegentlich auch einen Hausmeister mit Schlüsselbund. Nicht um die Freiheit zu vernichten, sondern um sie vor der Verwahrlosung zu retten.

Ich empfehle euch daher ein einfaches Programm: weniger flatternde Empörung, weniger gefördertes Geraune, weniger heilige Unordnung. Mehr Form. Mehr Ernst. Mehr Schönheit. Und vor allem: mehr Bereitschaft, das Mittelmaß endlich wieder beim Namen zu nennen.

Mit verbindlicher Strenge
Wolfram Weimer
Oberkurator für Maß, Mitte und gepflegte Erhabenheit
Zwischenreich Ordonia

🪶 Kommentar der Redaktion:

Der Brief roch nach Bohnerwachs, Bibliotheksstille und einer sehr alten Definition von Anstand. Beigelegt waren ein Messinglineal, drei Formulare zur nachträglichen Korrektur ästhetischer Entgleisungen und ein Schlüssel, der vermutlich zu keiner Tür passt, aber sehr wichtig aussieht. Wir haben das Schreiben pflichtgemäß gelesen, korrekt gefaltet und anschließend im Schrank für kulturpolitische Sendungsaristokratie verwahrt. Seitdem klopft es von innen in regelmäßigen Abständen und verlangt, dass selbst der alte Kram im Schrank end dass Oberkommandierender Pistorius, nicht ruhen wird, bevor unsere fliegende Brigade dazu in der Lage ist, diese mechanischen Flatterviecher mit fortgeschrittener Anti-Drohnen-Magie aus allen Wolken fallen zu lassen. Wir erlauben uns, wegzutreten!

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