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FDP-Chef in spe Wolfgang Kubicki: Das Mausoleum der marktkonformen Heimatscholle
🌎 Ein Brief aus der Aschengruft der Freien Demokratur, wo Freiheit neuerdings wieder nach Zigarrenrauch, Grenzgefühl und steuerlich begünstigter Selbsthärtung riechen soll.
Dieses Schreiben wurde uns nicht zugestellt, sondern gegen Mitternacht auf der Rückseite einer Hotelrechnung überreicht, zusammen mit einem halb geleerten Whiskeyglas, zwei kalten Salzmandeln und jener bleiernen Lobbyluft, in der politische Comebacks wie Möbelstücke aus dunklem Holz herumstehen. Der Nachtportier sagte, der Verfasser habe das Blatt mit jovialer Endgültigkeit signiert, den Stift zurück in die Brusttasche gesteckt und dann so gelächelt, wie nur Männer lächeln, die seit Jahrzehnten jede Niederlage für einen weiteren Beweis ihrer eigenen Unvermeidlichkeit halten.
Absender ist, allen Spuren nach, Wolfgang Kubicki, Schattenkönig des liberalen Nachbrands, Fürst der letzten Fernsehsessel und vorläufiger Regent eines Parteiaschehaufens, der sich noch einmal zu einem nationalen Lagerfeuer aufschwingen möchte.

✉️ Der Brief
„Wer nur in der Mitte stehen will, wird irgendwann nur noch im Weg stehen.“
– Aus dem Finanzbuch Asche, Markt und Heimatscholle (erschienen bei Rauch & Rendite)
An den freiheitlich völlig verwahrlosten, sogenannten Fantasykosmos,
es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie ihr Leute meines Schlages behandelt, sobald wir uns weigern, still und würdevoll im politischen Möbellager zu verstauben. Kaum erhebt sich ein älterer Herr aus dem Sessel und erklärt, dass eine Partei vielleicht nicht an Sauerstoffmangel, sondern an Feigheit leidet, schon raunt ihr etwas von Rechtsruck, Verrohung, Schattenkabinett und späten Rückfällen. Dabei ist die Sache doch eigentlich ganz einfach.
Eine erledigte Partei braucht keinen Frischekick. Sie braucht Überlebensinstinkt.
Und Überlebensinstinkt, meine Lieben, sieht von außen fast immer unanständig aus.
Ich weiß natürlich, was euch an meiner Person stört. Nicht das Alter. Das ist nur euer dekorativer Vorwand. Euch stört, dass ich noch da bin. Dass ich nach all den Jahren nicht einfach aus der Geschichte hinausgeglitten bin, um irgendeinem jüngeren Hoffnungsträger mit PowerPoint-Miene und weichgespültem Optimismus die Bühne zu überlassen. Ihr habt euch an das schöne deutsche Märchen gewöhnt, wonach politische Erschöpfung stets durch neue Gesichter kuriert werde. Als wäre Verfallsdynamik eine Frage der Hautspannung.
Nein. Eine Partei kommt nicht deshalb wieder zu sich, weil sie plötzlich jünger aussieht. Sie kommt wieder zu sich, wenn sie beschließt, endlich wieder nervig zu werden.
Und genau das ist mein Geschäftsmodell.
Ich trete nicht an, weil ich eine Zukunftsikone wäre. Ich trete an, weil in meiner Partei gerade eine seltene Mischung aus Schockstarre, Reststolz und Selbsttäuschung herrscht und irgendwer den Anstand besitzen muss, diesen Zustand nicht noch für Erneuerung zu verkaufen. Wer nach solchen Niederlagen zuerst von Feinjustierung redet, hat im Grunde schon kapituliert. Wer jetzt noch mit derselben Tonlage weiterflüstern will, in der man sich aus Parlamenten, Ländern und Köpfen verabschiedet hat, der möchte nicht zurückkehren. Der möchte stilvoll verschwinden.
Für stilvolles Verschwinden bin ich denkbar ungeeignet.
Da ich ein Freund der Übersicht bin, will ich euch die fünf Grundsätze meiner möglichen Regentschaft gleich ausdrücklich benennen, damit hinterher niemand behaupten kann, er habe die Schieflage nicht kommen sehen.
Erstens: Freiheit beginnt dort, wo der Staat aufhört, sich in das Leben leistungsfähiger Leute zu verlieben.
Mit anderen Worten: Weniger pädagogischer Staat, weniger fürsorglicher Dauereingriff, weniger sentimentale Umverteilungsfolklore. Ein Staat, der sich überall zuständig fühlt, endet meist dort, wo er eigentlich überflüssig wäre: bei denen, die ihn bezahlen.
Zweitens: Heimat ist kein Schimpfwort, sondern bloß ein Begriff, den man den falschen Leuten viel zu lange überlassen hat.
Wenn Rechte mit dem Wort hantieren, rufen alle sofort nach Räucherwerk und antifaschistischer Notbeleuchtung. Wenn Liberale es meiden, verlieren sie jeden Kontakt zu jenen, die nicht den ganzen Tag in europäisch temperierten Seminarstädten herumlaufen. Ich sehe nicht ein, warum das Gefühl, irgendwo herzukommen, nur noch denen mit den schlechtesten Absichten gehören soll.
Drittens: Die AfD wird nicht kleiner, wenn man so tut, als bestünde sie nur aus Dämonologie und seltsamer Völkerkunde.
Man muss sie politisch schlagen, nicht liturgisch bannen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man mit ihr kuschelt. Es heißt nur, dass man aufhören sollte, jede analytische Nüchternheit schon für Verrat zu halten. Wer Millionen Wähler bloß verachtet, beweist vor allem, dass er zu bequem geworden ist, um sie argumentativ zurückzuholen.
Viertens: Liberalismus ohne Zumutung ist nichts weiter als Innenarchitektur.
Eine liberale Partei, die niemandem wehtut, keine Gewohnheit stört, keinen Staatsreflex kränkt und kein Milieu gegen sich aufbringt, ist keine liberale Partei mehr. Sie ist ein Flyer. Ich hingegen halte es für ein Gesundheitszeichen, wenn plötzlich wieder Leute über uns reden, die uns eigentlich lieber für erledigt gehalten hätten.
Fünftens: Talkshows sind keine Schande, sondern das letzte offene Gelände, auf dem Politik überhaupt noch gegenwärtig wird.
Ihr könnt gern über Medienpräsenz spotten. Ich tue es nicht. Eine Partei mit drei Prozent, die auch noch unsichtbar bleibt, kann sich gleich in eine Stiftung zur Erinnerung an frühere Freiheitsgefühle umwandeln. Sichtbarkeit ist kein Ersatz für Inhalt. Aber Unsichtbarkeit ist sehr oft der dazu passende Grabstein.
Ihr seht also: Das alles ist gar nicht so mystisch. Es ist bloß deutlich. Und Deutlichkeit wirkt in Deutschland bekanntlich immer schon halb rechts, sobald sie nicht vorher im Feuilleton weichgekocht wurde.
Dass manche Politologen nun kühl feststellen, ich könnte die FDP nach rechts öffnen, finde ich im Übrigen amüsant. Das klingt, als ließe sich ein Fensterflügel in einen Sturm hinein „öffnen“, ohne dass es im Raum zieht. Natürlich wird es ziehen. Natürlich werden alte Sicherheiten wackeln. Natürlich wird man uns vorwerfen, wir spielten mit Feuer. Meine Güte, wozu ist eine Partei denn sonst da, wenn nicht dazu, dort zu brennen, wo andere nur noch Raumtemperatur verwalten?
Die Wahrheit ist doch: Rechts der Union liegt derzeit politisches Brachland mit erstaunlich hoher Begehungsdichte. Da laufen Wähler herum, die sich von der AfD abgestoßen fühlen, aber von den etablierten Parteien ebenso gründlich verachtet. Wer diese Zone ignoriert, tut das gewiss nicht aus Gründen der Moral. Es ist in Wahrheit nichts weiter als intellektuelle Bequemlichkeit. Und Bequemlichkeit, meine Damen und Herren, hat noch nie eine liberale Partei gerettet.
Wenn ihr also von meinem Rechtskurs sprecht, sagt doch bitte der Fairness halber dazu, was ihr wirklich meint: dass ein Teil des Landes nicht mehr mit dem üblichen Gemisch aus Staatsvertrauen, Verfahrensfrömmigkeit und moralischer Dauererregung regiert werden will. Das ist gewiss ungemütlich für alle, die Politik als Betreuungsangebot verstehen. Aber für eine Partei, die überleben möchte, ist es zunächst einmal eine Marktlücke.
Ja, ich habe dieses Wort bewusst benutzt.
Denn wenn die FDP schon untergeht, dann doch bitte nicht in Würde, sondern im Versuch, noch einmal eine Schneise in diesen bleiernen Konsens zu schlagen, der alles liberale Denken erst entkernt und dann mit warmer Hand verabschiedet hat. Ich übernehme also keinen Leuchtturm. Ich übernehme eine Restglut. Und ich halte es für einen politischen Charaktertest, ob man darüber klagt, dass sie ziemlich winzig geworden ist, oder ob man endlich wieder versucht, damit etwas anzuzünden. Letztlich ist es doch in der heutigen Zeit egal, was da genau aufflammt. Hauptsache, es wird endlich wieder medienwirksam gezündelt.
Mit vergnügter Unbeirrbarkeit
Wolfgang Kubicki
Schattenkönig des liberalen Nachbrands
Regent der Aschengruft
und oberster Marktvogt der marktkonformen Heimatscholle
🪶 Kommentar der Redaktion:
Der Brief besaß jene abgeklärte Wirtshaus-Eleganz, die sich selbst für Lebensklugheit hält, sobald sie nur lang genug mit Zigarrenatem und Verfahrenszynismus durch den Raum getragen wird. Man merkte jeder Zeile an, dass hier keiner den Liberalismus retten will, um ihn zu verfeinern. Gerettet werden soll vor allem seine Verwertbarkeit im rechten Halbdunkel: etwas weniger Staat für Besitzende, etwas mehr Heimat für Verlorene, etwas weniger Berührungsangst gegenüber dem Publikum der AfD, solange man die Tischdecke sauber hält.
Das eigentlich Beunruhigende daran ist nicht die Lautstärke. Es ist die Vertrautheit des Sounds. Dieser Ton kennt seine Grenzüberschreitungen längst, aber er trägt sie mit der Behaglichkeit eines Mannes vor, der jede ideologische Verschiebung noch als bonmotfähige Menschenkenntnis verkaufen kann. Seitdem klingt hier selbst das Wort Freiheit leicht nach Rauchsalon, strukturgeschwächter Brandmauer und einem letzten Whisky auf der Heimatscholle.
Mehr Fantastisches für dich?
Mehr Fantastisches findest du garantiert in den Legenden von Serathis und darüber hinaus in unserem Bestiarium der Düsteren Kreaturen. Ziemlich cool: Auch bei Makronom hat man die großen Verdienste des ehemaligen Finanzministers entsprechend gewürdigt.



