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🏛️ Der Orden der Ewigen Ringe

Es gibt Institutionen, die so sehr an sich glauben, dass sie die Schwerkraft für ein Missverständnis halten. Das Internationale Olympische Komitee gehört ganz gewiss dazu. Man könnte es sich, in einer Fantasywelt, als jenen uralten Orden denken, der einst gegründet wurde, um Völker zu versöhnen und der dann entdeckte, dass sich mit Versöhnung erstaunlich gut Geschäfte machen lassen.
Milano–Cortina ist in dieser Logik nicht einfach ein Sportereignis. Es ist ein Ritual. Ein Hochamt der globalen Oberschicht, zelebriert auf Schnee, der sich bereits im Auflösungsprozess befindet. „Nachhaltig“ sollen diese Winterspiele sein, flüstern die Broschüren, während in den Dolomiten Bagger an Hängen kratzen, die man uns eben noch als besonders schützenswerte Weltkulisse verkauft hat. Man fühlt sich ein wenig wie in einem Tempel, in dem der Hohepriester feierlich den Altar poliert, während im Hintergrund die Mauern bröckeln.
Der Orden der Ewigen Ringe – nennen wir das IOC einmal so, der Folklore halber – beherrscht eine Kunst, die in der Fantasy normalerweise Dämonen vorbehalten ist: die beschwörende Umwidmung von Begriffen. „Nachhaltigkeit“ bedeutet dann nicht etwa, dass man etwas sein lässt, weil es Unsinn ist. Es bedeutet, dass man denselben Unsinn mit einem PDF begleitet, in dem „Impact“ und „Legacy“ stehen, möglichst in einer Serife, die an OECD-Berichte erinnert.
So kommt es, dass man in einem UNESCO-Gebirge eine neue Eisschneise für Vierebob und Skeleton zieht, obwohl es bereits ausreichend Bahnen in Reichweite gäbe. Das Argument lautet, grob übersetzt: „Wir können doch nicht zugeben, dass andere Burgen bessere Keller haben.“ Also investiert man dreistellige Millionenbeträge in eine Anlage, die in wenigen Wettkampftagen mehr Energie verschlingt als ein mittelgroßes Zwergenkönigreich im Jahreslauf und nennt das dann: „moderne Infrastruktur für kommende Generationen“. In Fantasyprosa hieße das: ein Blutaltar für den Gott der Geschwindigkeit, den man nie zwingend gebraucht hätte, der aber nun einmal durch seinen Glanz betört.
Die Bilanz der Spiele liest sich derweil wie die Haushaltsrolle eines mittelmäßig gewissenhaften Nekromanten-Königs: Rund eine Million Tonnen CO₂, großzügig verteilt auf Planung, Bau und Anreise. Dazu Sponsoren, deren Geschäftsmodell in etwa so viel mit Klimaschutz zu tun hat wie ein Drache mit Brandschutzbedenken – und die noch einmal über eine Million Tonnen extra auf den atmosphärischen Scheiterhaufen legen. Man ist versucht zu fragen, ob es nicht effizienter wäre, gleich ein paar Gletscher abzuschmelzen, sie in Flaschen zu füllen und als „Olympic Melt – Limited Legacy Edition“ zu verkaufen.
Vor diesem Hintergrund wirken die Proteste, die in Mailand auf die Straße gehen, fast schon altmodisch: Menschen mit Bannern, die „ökologisch und wirtschaftlich untragbar“ rufen, während sie von einer Regierungschefin zu „Feinden Italiens“ erklärt werden. Man kennt das Motiv aus jeder anständigen Fantasy-Saga: Wer am Hof darauf hinweist, dass der König nackt ist, bekommt zuerst eine Ehrenbezeichnung („Unruhestifter“, „Feind des Reiches“) und später, mit etwas Pech, einen ziemlich zugigen Kerker. In der Gegenwart heißt der Kerker Polizeikessel und kommt mit Social-Media-Begleitprogramm.
Das eigentlich Faszinierende aber ist, wie gut dieses ganze Spektakel zu unserer kulturellen Gegenwart passt. Wir leben in einer Epoche, in der alles gleichzeitig knapp und überreich scheint: Wasser, Ruhe, Aufmerksamkeit – alles rar. Bilder, Events, Claims – alles im Überfluss. Die Winterspiele sind die destillierte Form dieser Schizophrenie: ein Event, das sichtbar macht, was man eigentlich nicht mehr sehen möchte. Man baut Schneestadien auf einem Planeten, dem der Schnee davonläuft, und erklärt das zur „Feier der menschlichen Widerstandskraft“.
In einer gut erzählten Fantasygeschichte würde jetzt irgendein halb verlotterter Held auftreten, eine Försterin mit Hang zur Magie, ein verbotener Gelehrter, ein Kind, das zufällig den Vertrag im Original liest, und feststellen, dass die Prophezeiung falsch verstanden wurde. Dass es nicht darum ging, immer neue Arenen in die Berge zu fräsen, sondern darum, die Berge stehen zu lassen. In der Realität bekommen wir stattdessen Athleten, die höflich und durchaus mutig darauf hinweisen, dass diese Spiele in ihrer jetzigen Form nicht nur sie, sondern auch ihre Sportart thermisch abschaffen werden. Man hört ihnen zu, nickt und nimmt anschließend das nächste Sponsoring eines Öl- oder Gaskonzerns entgegen.
Der Orden der Ewigen Ringe ist darin konsequent: Er verteidigt den Mythos, dass dieses Ritual unantastbar sei. Dass es – allen Reformpapieren, Debattensalven und Klimagutachten zum Trotz – weitergehen müsse, weil es „die Menschen verbindet“. Das tut es auch. Es verbindet sie in einer sehr konkreten Erfahrung: der, einem System zuzusehen, das sich auf offener Bühne selbst dementiert, ohne einzubrechen. Insofern haben die Winterspiele tatsächlich etwas Sakrales: Sie zeigen, wie belastbar unsere Fähigkeit zur kognitiven Dissonanz geworden ist.
Was bleibt dem Feuilleton, das nicht nur beschreiben, sondern gelegentlich sogar denken möchte? Vielleicht dies: den Blick minimal verschieben. Die Kameras zeigen Athletinnen und Athleten, die um Hundertstel kämpfen. Wir dürfen uns erlauben, gleichzeitig die Berge zu sehen, die im Hintergrund leise verschwinden. Die jubelnden Massen in den Tälern und die leergeräumten Täler, sobald der Tross weitergezogen ist.
In einer Fantasywelt würde man irgendwann den Mut fassen, diesen ganzen grausamen Popanz vom ehernen Sockel zu heben und durch etwas anderes zu ersetzen: vielleicht eine einfache Tafel mit der Aufschrift „Hier standen wir einmal kurz davor, vernünftig zu sein“. In unserer Welt begnügen wir uns vorerst damit, sie zu betrachten, zu deuten, zu kritisieren. In der stillen Hoffnung, dass Worte irgendwann doch noch Gewicht bekommen.
Bis dahin gilt: Die Spiele mögen in Italien stattfinden. Aber der eigentliche Austragungsort ist das Verhältnis der Menschheit zu ihrem eigenen Spiegelbild. Und der Schnee, auf dem wir das alles austragen, ist – wie jede gute Metapher – bereits im Schmelzen begriffen.



