Cannes wollte Herzog am Katzentisch – jetzt gräbt er sich zum Goldenen Löwen

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🦁 Cannes wollte Herzog am Katzentisch – jetzt gräbt er sich zum Goldenen Löwen

Cannes bot Werner Herzog einen Platz außerhalb des Wettbewerbs. Der lehnte natürlich ab. Nun tritt sein neues Zwillingsmärchen Bucking Fastard in Venedig um den Goldenen Löwen an, mit zwei Schwestern, einem Tunnel durchs Gebirge und der Suche nach einem Reich, in dem wahre Liebe möglich sein soll. Andere Regisseure bringen einen Film zum Festival. Herzog packt vorsichtshalber einen ganzen Mythos ein.

Werner Herzog ist 83 Jahre alt. In diesem Alter beginnen viele Menschen, größere Erdarbeiten kritisch zu betrachten. Herzog dreht einen Film über zwei Schwestern, die ein Gebirge durchgraben.

Das ist kein überraschender Betriebsunfall im Spätwerk. Es ist beinahe eine höfliche Fortsetzung seines bisherigen Schaffens. Wo andere Filmemacher einen inneren Konflikt mit einer Nahaufnahme andeuten, benötigt Herzog einen Berg, ein Schiff, einen Grizzly oder wenigstens eine Landschaft, die den Menschen mit jener vollkommenen Gleichgültigkeit betrachtet, die gewöhnlich großen Naturkatastrophen und deutschen Behörden vorbehalten bleibt.

Sein neuer Spielfilm Bucking Fastard läuft nun im Wettbewerb der 83. Filmfestspiele von Venedig. Kate und Rooney Mara spielen Jean und Joan Holbrooke, zwei Schwestern, die gemeinsam sprechen, denselben Mann lieben und dieselben Träume haben. Orlando Bloom und Domhnall Gleeson gehören ebenfalls zur Besetzung; der Film dauert 109 Minuten und konkurriert im September um den Goldenen Löwen.

Man darf fest davon ausgehen, dass innerhalb dieser 109 Minuten mehr Erdreich bewegt wird als in der gesamten Filmografie von Nora Ephron.

In einem prächtigen Museum vermessen und bewerten Prüfer Gemälde, eine antike Vase, ein Mammutskelett und einen Dinosaurier. Zwischen Besuchern stehen Goldwaagen, Münzen, Akten und ein großes Balkendiagramm; über dem Saal hängt ein Leuchter in Form eines Prozentzeichens.

Cannes öffnet die Seitentür

Eigentlich hätte Bucking Fastard bereits in Cannes erscheinen können. Laut Variety war der Film für die offizielle Auswahl vorgesehen, erhielt jedoch keinen Wettbewerbsplatz. Die Produktion lehnte daraufhin ab. Nun gewährt Venedig Herzog genau das, was Cannes offenbar nicht anbieten wollte: den Eintritt in die Arena.

Festivals besitzen für solche Vorgänge eine Sprache von großer diplomatischer Schönheit. Niemand wird abgewiesen. Es gibt Einladungen, Sektionen, Sondervorführungen, Galas und ehrenvolle Plätze außerhalb des Wettbewerbs. Der Künstler darf kommen, sein Werk präsentieren und dankbar lächeln. Nur beim Goldenen Löwen, der Goldenen Palme oder irgendeinem anderen zoologisch veredelten Prestigegegenstand soll er bitte aus angemessener Entfernung zuschauen.

Das ist der Katzentisch mit Fotografenwand. Herzog jedoch wollte offenbar an die große Tafel. In Venedig sitzt er nun zwischen Martin McDonagh, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong, Nanni Moretti und weiteren Kandidaten des Hauptwettbewerbs. Das Festival findet vom 2. bis 12. September statt; zwanzig Filme treten um den Goldenen Löwen an.

Ein anderer Regisseur hätte die Sache vielleicht mit seinem Agenten besprochen, Enttäuschung signalisiert und anschließend erklärt, allein die Einladung sei bereits eine Auszeichnung. Herzog zieht weiter zur nächsten Lagunenfestung. Dort lässt er zwei Frauen einen Berg aufbohren. Die Metapher hatte offensichtlich schon Drehschluss und wartete nur noch auf die Programmverkündung.

Zwei Schwestern gegen jegliche geologische Vernunft

Die Geschichte von Bucking Fastard begann mit den realen englischen Zwillingen Freda und Greta Chaplin, die durch ihre extreme Verbundenheit und einen Rechtsstreit bekannt wurden. Im fertigen Film heißen die Schwestern Jean und Joan Holbrooke. Die ursprüngliche biografische Grundlage ist inzwischen in ein Herzog-Reich aus Obsession, Traum und physischer Unmöglichkeit weitergezogen.

Jean und Joan sprechen im Gleichklang. Sie lieben denselben Mann, teilen ihre Träume und suchen die imaginären Orkneys, ein Land, in dem wahre Liebe möglich sein soll. Um dorthin zu gelangen, graben sie einen Tunnel durch ein ganzes Gebirge. Die offizielle Beschreibung des Festivals erzählt außerdem von Gerichten, Presse, Helfern, Ausbeutern, wilden Tieren und Echos aus dem Inneren der Erde.

Das klingt weniger nach einem herkömmlichen Liebesdrama als nach einem verschollenen Volksmärchen, das während eines Fieberanfalls von einem Bergbauingenieur aufgezeichnet wurde. Andere Menschen fahren auf der Suche nach Liebe in eine Bar, laden eine App herunter oder besuchen einen Töpferkurs. Herzogs Schwestern greifen zur Spitzhacke und erklären der Tektonik, dass sie sehr ungünstig im Weg liegt.

Man muss diese Konsequenz bewundern. Ein imaginäres Land lässt sich schließlich schwer über eine ausgeschilderte Bundesstraße erreichen. Wer wahre Liebe sucht, muss mit Umleitungen rechnen. In Herzogs Universum fallen sie gelegentlich mehrere Kilometer tief aus und benötigen Sprengstoff.

Die Fantasy liegt dabei weniger in einem fernen Zauberreich. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem zwei Menschen ihre Sehnsucht für wirklicher halten als den Berg. Stein ist vorhanden, messbar und schwer. Das ersehnte Land existiert womöglich allein in ihren Köpfen. Trotzdem behandelt der Film den Traum als das stärkere Material. Und genau dort beginnt Werner Herzog.

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Der Schutzheilige des aussichtslosen Vorhabens

Herzog hat Bucking Fastard als Abschluss eines gedanklichen Dreiergespanns mit Fitzcarraldo und Grizzly Man bezeichnet. Die Verbindung liegt auf der Hand, sobald man aufhört, nach einer gewöhnlichen Trilogie mit fortlaufender Handlung zu suchen. In allen drei Werken begegnen wir Menschen, deren Vision den Kontakt zur vereinbarten Wirklichkeit weitgehend eingestellt hat.

Fitzcarraldo will mitten im peruanischen Urwald ein Opernhaus errichten und lässt dafür ein Dampfschiff über einen Berg ziehen. Timothy Treadwell sucht in Grizzly Man eine seelische Gemeinschaft mit wilden Bären, deren Verständnis von Nähe am Ende deutlich fleischlicher ausfällt. Jean und Joan graben nun in Richtung eines Liebesreichs, das auf keiner Karte verzeichnet ist.

Herzogs Figuren wollen selten etwas Vernünftiges. Vernunft wäre als Filmstoff auch jämmerlich ineffizient. Sie prüft die Finanzierung, lässt ein geologisches Gutachten erstellen und sagt das Projekt spätestens nach dem dritten Gespräch mit der Versicherung ab.

Die Obsession marschiert einfach los. Und gerade das macht diese Menschen tragisch, lächerlich, groß und gefährlich. Ihre Träume heben sie über den Alltag hinaus, während dieselben Träume den sicheren Untergang bereits im Gepäck tragen. Herzog betrachtet solche Figuren mit einer eigentümlichen Mischung aus Bewunderung und kosmischer Ernüchterung. Er liebt den Blick in die Ferne und weiß zugleich, dass die Ferne uns keinerlei Gegenliebe schuldet.

Die Natur applaudiert nicht. Der Berg rührt sich kaum. Der Grizzly hat ganz andere Interessen. Nur der Mensch besteht darauf, sein Begehren für einen Vertrag mit dem Universum zu halten.

Die Mara-Schwestern spielen einen Menschen zu zweit

Kate und Rooney Mara stehen für Bucking Fastard erstmals gemeinsam vor der Kamera. Kate Mara beschrieb die Figuren als beinahe eine einzige Person: Die Schwestern sprechen im Gleichklang, handeln gemeinsam und erleben dieselben Träume. Das Drehbuch sei anders als alles gewesen, was sie zuvor gelesen hätten.

Schon diese Besetzung besitzt einen feinen Herzog-Witz. Zwei reale Schwestern spielen zwei fiktive Schwestern, die sich so vollständig ineinander spiegeln, dass die Außenwelt sie kaum noch getrennt wahrnehmen kann. Das Kino verdoppelt die Wirklichkeit und behauptet anschließend, die Kopie sei womöglich das Original.

Jean und Joan erscheinen wie ein Wesen mit zwei Körpern. Damit betreten sie jene märchenhafte Zone, in der Zwillinge seit Jahrhunderten als Omen, Spiegelbild oder beschädigte Einheit auftauchen. Sie teilen eine Stimme und einen Traum. Der Rest der Gesellschaft reagiert mit jenem vertrauten Gemisch aus Neugier, Hilfsbereitschaft und wirtschaftlichem Interesse, das außergewöhnliche Menschen zuverlässig in Fälle, Schlagzeilen und verwertbare Geschichten verwandelt.

Das imaginäre Liebesland wird dadurch mehr als ein skurriles Reiseziel. Es ist ihr Gegenentwurf zu einer Welt, die sie ständig erklären, trennen, behandeln oder benutzen möchte. Hinter dem Gebirge erhoffen sie sich einen Ort ohne Diagnose und Aktenzeichen.

Falls er nicht existiert, muss man ihn eben freilegen.

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Venedig braucht seinen Löwen

Filmfestivals lieben solche Stoffe. Sie versprechen Kunst, Exzentrik und schöne Sätze über die Grenzen der menschlichen Erfahrung. Vor allem liefern sie Bilder, auf denen Rooney Mara in Abendrobe aus einem Boot steigt, während irgendwo im Hintergrund ein Kritiker bereits die Wörter „radikal“, „hypnotisch“ und „spätwerkhaft“ in eine Datei tippt.

Venedig ist das älteste Filmfestival der Welt und pflegt zugleich den Glanz einer höfischen Großveranstaltung. Auf dem Lido treffen Autorenkino, Abendkleider, Preise, Händeschütteln und die diskrete Hoffnung auf eine spätere Oscar-Kampagne zusammen. 2026 treten die großen US-Studios zurückhaltender auf; die Festivalleitung betont dafür das internationale Autorenkino. Rund 4.500 Filme wurden eingereicht, so viele wie nie zuvor.

Der Rückzug Hollywoods klingt zunächst nach einer Befreiung der Kunst aus den Klauen der Konzerne. Wahrscheinlich bedeutet er auch, dass einige Studios gerade weniger Geld ausgeben möchten und schlechte Kritiken inzwischen als vermeidbare Betriebsschäden betrachten. Venedig füllt die Lücke mit großen Regisseurnamen, unabhängigen Produktionen und genügend Prominenz, damit die Fotografen ihre Anreise weiterhin steuerlich rechtfertigen können.

Herzog passt hervorragend in dieses Zwischenreich. Er ist Autorenfilmer, Kultfigur und längst selbst eine wandelnde Kunstgattung. Er kann einen Supermarktparkplatz beschreiben und dabei den Eindruck erwecken, die Zivilisation habe dort gerade ihre letzte moralische Niederlage erlitten. Jetzt kehrt er nach Venedig zurück, wo er 2025 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt. Damals erklärte er, er sei noch lange nicht fertig. Ein Jahr später steht sein neuer Film im Wettbewerb. Das Wort Konsequenz wurde exakt dafür geschaffen.

Herzog sammelte also zunächst den Löwen für die Vergangenheit ein und kommt nun zurück, um einen weiteren für die Gegenwart abzuholen. Bescheidenheit ist eine schöne Eigenschaft, hat aber noch nie ein Dampfschiff über einen Berg bewegt.

Das Festival als Märchenkönigreich

Man kann die europäischen Filmfestivals als höfische Reiche verstehen. Berlin besitzt den Ruf der politisch wachen Republik, in der jede Premierenfeier vorsorglich ein Podiumsgespräch mitführt. Cannes ist der Sonnenhof: prächtig, eitel, unerbittlich in seiner Rangordnung. Venedig gleicht dem alten Inselkönigreich, das seine Macht mit Palästen, Wasserwegen und einem goldenen Raubtier behauptet.

In diesem Jahr öffnet es Herzog das Haupttor. Cannes hatte ihm einen Platz im Schloss angeboten, allerdings fern vom Turnierplatz. Venedig reicht ihm die Rüstung. Nun muss Bucking Fastard gegen neunzehn andere Filme bestehen, und die Jury unter Maggie Gyllenhaal entscheidet, wer den Löwen erhält.

Die Ironie ist beinahe zu ordentlich: Ein Film über zwei Frauen, die sich den Zugang zu einem ersehnten Reich mit eigener Muskelkraft schaffen, musste selbst einen Festivalberg überwinden. Der Weg führte von einer abgelehnten Nebenposition in Cannes direkt in den Wettbewerb von Venedig.

Vielleicht ist das bloß Branchenpolitik. Vielleicht fand Venedig den Film stärker. Vielleicht wollte Cannes andere Akzente setzen. Festivals entscheiden nach Geschmack, Strategie, Verfügbarkeit und tausend unsichtbaren Erwägungen, die später in Pressemitteilungen als kuratorische Vision erscheinen. Für das Feuilleton bleibt die schönere Wahrheit: Werner Herzog hat die Seitentür gesehen und den Tunnel gewählt.

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Einer Frau gehört der einzige Platz unter zwanzig

Ein kleiner Riss zieht sich allerdings durch den prachtvollen venezianischen Palast. Unter den zwanzig Wettbewerbsfilmen stammt 2026 nur einer von einer Regisseurin: Woman Unknown von May El-Toukhy. Im Vorjahr waren sechs Regisseurinnen vertreten.

Das Festival setzt also auf internationales Autorenkino, öffnet seine Hallen für große Visionen und stellt gleichzeitig fest, dass der Weg in den Hauptwettbewerb für Frauen offenbar durch ein besonders widerspenstiges Gebirge führt. Vielleicht sollten Jean und Joan nach ihrem Liebesreich noch einen zweiten Tunnel graben. Venedig könnte den gut brauchen.

Der Berg gewinnt immer – bis jemand einen Film daraus macht

Ob Bucking Fastard großartig wird, weiß bislang nur der kleine Kreis derjenigen, die ihn gesehen haben. Ein wunderbarer Stoff garantiert kein wunderbares Werk. Auch ein echter Herzog kann sich in den eigenen Visionen verlaufen; große Namen tragen keinen eingebauten Qualitätsnachweis.

Doch schon die Ausgangslage besitzt etwas herrlich Unzeitgemäßes. Zwei Schwestern folgen einem gemeinsamen Traum durch massiven Stein. Der Film vertraut auf Obsession, Rätsel und ein imaginäres Reich. Er verlangt offenbar kein Franchise, kein erweitertes Universum und keine Szene nach dem Abspann, in der der nächste Berg drohend zu zittern beginnt.

Er verlangt ein Publikum. Herzog sagte im März, der Film sei fertig und brauche nun Zuschauer. Damals wusste er noch nicht, auf welchem großen Festival er landen würde. Venedig hat ihm inzwischen die nötige Bühne gegeben. Und dort wird sich auch zeigen, ob der Tunnel trägt. Vielleicht endet er im ersehnten Land. Eventuell führt er ja auch in einen Abgrund. Und möglicherweise stehen am anderen Ende Kritiker, die fünf Sterne verteilen und eine Woche später behaupten, sie hätten den Film stets als Meditation über die ontologische Beschaffenheit geteilter Sehnsucht verstanden.

Werner Herzog dürfte das wenig kümmern. Andere Regisseure reichen Filme ein. Herzog legt eine Vision vor, stellt den Berg daneben und wartet, wer zuerst nachgibt. Cannes ließ ihn außerhalb des Wettbewerbs stehen. Venedig gibt ihm nun einen Platz in der Arena.

Vielleicht finden Jean und Joan hinter dem Gebirge tatsächlich jenes Land, in dem wahre Liebe möglich ist. Herzog hat vorläufig etwas ähnlich Seltenes erreicht:

Das Festival hat seinen Tunnel plötzlich ziemlich ernst genommen.

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