Werkstatt der Wunder #9: Überarbeiten wie ein Profi

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🛠️ Werkstatt der Wunder #9: Überarbeiten wie ein Profi

Vom Rohtext zur Fassung, die stehen bleibt, wenn du deine Lieblingsteile einmal richtig abklopfst.

Schreiben ist nett.
Überarbeiten ist der Moment, in dem aus nett etwas wird, das andere tatsächlich lesen wollen.

Die meisten Rohfassungen sind – ehrlich gesagt – eine Mischung aus:

  • genialen Momenten,
  • müden Stellen,
  • Wiederholungen,
  • und dem literarischen Äquivalent von Verpackungsmüll.

In dieser Folge geht es darum, wie du deinen Text systematisch durchgehst, statt ihn nur »noch mal zu lesen«. Ziel: eine Fassung, die hält, wenn du dagegen trittst, inklusive deiner Lieblingssätze.

Ein erschöpfter Fantasykrieger in Leder- und Plattenrüstung sitzt nachts an einem Holztisch, schreibt mit einer Feder auf Pergamentseiten, von denen einige mit rotem »Blut«-Fleck markiert sind, während neben einem Stapel Manuskriptseiten ein Schwert liegt und Mondlicht durch das Fenster fällt.
Überarbeiten wie ein Profi heißt: mit der Feder schreiben, mit dem Schwert streichen und notfalls die Lieblingsteile bluten lassen.

1. Ebenen des Edits: Nicht alles auf einmal

Das größte Problem beim Überarbeiten: Man versucht, alles gleichzeitig zu reparieren.

  • Plot
  • Figuren
  • Stil
  • Rechtschreibung
  • Weltenbau-Logik

Ergebnis: Gehirnbraten.

Denk in Ebenen und geh sie nacheinander an:

  1. Makro – Struktur & Plot
  2. Meso – Szenen & Spannungsbögen
  3. Mikro – Stil, Sprache, Rhythmus
  4. Politur – Tippfehler, Formate, Kleinkram

Du darfst beim Lesen natürlich alles bemerken, aber du fokussierst pro Durchgang nur eine Ebene.


2. Makro-Edit: Braucht die Geschichte einen anderen Körper?

Hier stellst du die brutalsten Fragen:

  • Funktioniert der Gesamtbogen?
  • Gibt es Längen, in denen sich alles wiederholt?
  • Fehlt zwischen zwei Höhepunkten ein wichtiger Zwischenschritt?

Tools:

  • Einfache Kapitelübersicht: Ein Satz pro Kapitel, was sich konkret ändert
  • Zeitleiste: Was passiert wann, wo sind Sprünge, Logiklöcher?
  • Figurentrack: Wie entwickelt sich Figur X von Anfang bis Ende?

Frage an jedes Kapitel:

»Wenn ich dieses Kapitel streiche, was bricht in meiner Story kaputt?«

Wenn die Antwort lautet »im Grunde nichts«, weißt du, was los ist.

Makro-Entscheidungen können hart sein (Kapitel verschieben, zusammenlegen, streichen), aber jeder Eingriff hier spart dir später Stunden Feinschliff an Stellen, die du am Ende eh wegwirfst.


3. Meso-Edit: Szenen, Beats und Übergänge

Jetzt zoomst du auf Szenenebene:

  • Hat jede Szene Ziel, Konflikt, Wendung, Nachhall?
  • Sind die Übergänge klar („drei Tage später“, Ortswechsel), oder wirken sie wie Teleportation?
  • Gibt es Szenen, die das Gleiche gleich nochmal machen?

Typische Baustellen:

  • zwei fast identische Streitgespräche
  • fünf Trainingsszenen, die alle dasselbe beweisen
  • Info-Szenen, in denen Figuren nur Zeug sagen, das du als Autor loswerden musst

Hier darfst du:

  • Szenen zusammenlegen (zwei laue Konflikte → ein guter)
  • Szenen verkürzen oder zusammenfassen
  • Szenen neu platzieren, damit der Spannungsbogen sauberer läuft

Frage:

»Welche drei Szenen meiner Geschichte tragen das meiste Gewicht und spiegeln die Kernkonflikte?«

Um die herum baust du die anderen. Nicht umgekehrt.


4. Mikro-Edit: Satz für Satz, ohne verliebt zu sein

Jetzt kommen die Waffen für den Feinschnitt:

  • Rotstift
  • Delete-Taste
  • ein kleines, böses Lächeln

Worauf du achtest:

a) Füllwörter und leere Formulierungen

»Irgendwie«, »plötzlich«, »einfach«, »gewissermaßen« – vieles davon kannst du wegschmeißen.

Statt:

»Plötzlich hatte er irgendwie das Gefühl, dass vielleicht Gefahr drohte.«

»Das Gefühl von Gefahr kroch ihm den Rücken hinauf.«

b) Doppelungen

Wenn du dieselbe Info zwei-, dreimal gibst, such dir die beste Stelle aus und entferne den Rest.

c) Show vs. Tell

Tell ist nicht verboten, aber wenn ein Moment wichtig ist, zeig ihn.

Tell:

»Sie war wütend und enttäuscht.«

Show:

»Sie stellte den Becher so vorsichtig ab, dass das Bier keinen Tropfen verlor. Nur ihre Finger zitterten.«

d) Rhythmus

Lies laut (oder halblaut). Wo du stolperst, ist meist ein Problem:

  • zu lange Sätze, die alles tragen wollen
  • zehn kurze Stakkato-Sätze hintereinander → wirkt wie Maschinengewehr

Wechsel ist König.


5. Kill your Darlings – ohne Seelenverlust

»Kill your darlings« heißt nicht:
»Streiche alles, was dir gefällt.«

Es heißt:

»Wenn ein Lieblingsteil der Geschichte schadet, hat die Geschichte Vorrang.«

Strategie:

  1. Markiere Passagen, die du liebst (Metaphern, Mini-Szenen, Dialogbögen).
  2. Frag dich brutal:
    • Dient dieser Darling Plot, Figur oder Thema?
    • Oder ist er nur schön?
  3. Wenn er nur schön ist, aber nicht stört → abspecken, nicht töten.
  4. Wenn er die Spannung bremst oder Figuren verbiegt → raus damit.

Trostpflaster: Lege einen Darling-Friedhof an, ein Dokument, in das du gestrichene Lieblingsstellen kopierst.
Psychologisch hilfreich, und manchmal findest du dort Material für andere Texte.


6. Politur: Die unsichtbare Schicht

Ganz am Ende kommt das, was viele als »Überarbeiten« missverstehen:

  • Tippfehler
  • Zeichensetzung
  • Konsistenz bei Namen, Begriffen, Schreibweisen
  • Formatierung (Absätze, Kapitelbreaks, Dialogstriche etc.)

Wichtig:
Politur erst dann, wenn Struktur und Sprache stehen.
Alles andere ist wie gründlich Staub wischen in einem Haus, das du eh gleich abreißt.

Auf einem Holzschreibtisch liegen links eine beschriebene Karte und Kapitelkarten mit markierten Routen und Szenenfotos, in der Mitte ein mit roter Tinte stark überarbeitetes Pergament, rechts ein sauberer Stapel versiegelter Seiten, während eine Hand mit einer Feder den Text korrigiert.
Vom Weltentwurf über Szenen und Satzebene bis zur versiegelten Fassung: Überarbeiten funktioniert in Schichten, nicht im Vorbeiscrollen.

Mini Werkzeugkasten: Überarbeiten

A. Drei Durchgänge – Minimalplan

  1. Durchgang 1 – Story-Scan:
    • Kapitelübersicht anlegen
    • Längen, Löcher, Doppelungen markieren
  2. Durchgang 2 – Szenen & Konflikte:
    • pro Szene Ziel, Konflikt, Wendung, Nachhall checken
    • Szenen streichen/straffen, Übergänge glätten
  3. Durchgang 3 – Stil & Politur:
    • laut lesen, Rhythmus korrigieren
    • Füllwörter raus, Bilder schärfen
    • Tippfehler, Format, Namen durchgehen

B. Schnell-Check vor »Fertig«

  • Ich kann in einem Satz sagen, worum es in meiner Geschichte wirklich geht.
  • Jede Hauptfigur hat eine erkennbare Entwicklung.
  • In jedem Kapitel ändert sich etwas Relevantes.
  • Es gibt keine Stelle, an der Figuren nur herumstehen und Infos abladen.
  • Ich habe mindestens einen Darling gestrichen, der mir weh tat – zum Wohle der Geschichte.

C. Kleine Übung: Brutaler Zehn-Seiten-Edit

  1. Nimm zehn Seiten deines Manuskripts (keine Lieblingsstelle, irgendwas aus der Mitte).
  2. Ziel: 20 % Umfang kürzen, ohne Information zu verlieren.
  3. Streiche:
    • Wiederholungen
    • Füllwörter
    • Sätze, die nur sagen, was man sowieso versteht
  4. Lies die gekürzte Version.
    • Fühlt sie sich dichter, klarer, schneller an?
    • Falls nicht: Du hast an der falschen Stelle gesägt. Zurück auf Anfang, diesmal gezielter.

Damit ist das Messer geschärft.
Im Finale kümmern wir uns dann um die große Müllhalde der Fantasy:

Die zehn häufigsten Fantasy-Sünden
Infodumps, Pappschurken, Namensmüll, Kartenfetisch, Lore-Monster. Best of Worst mit Gegenmitteln, damit dein Text nicht in derselben Grube landet.

Wir lesen uns.


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