Werkstatt der Wunder #7: Perspektive und Stil

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🛠️ Werkstatt der Wunder #7: Perspektive und Stil

Wie du entscheidest, aus wessen Augen wir schauen und warum deine Fantasy nicht wie eine Drachen-Bedienungsanleitung klingen sollte.

Plot, Figuren, Weltenbau, Magie – alles schön und gut.
Aber am Ende sitzt da immer noch jemand mit einem Buch in der Hand und hat genau eine Fragenkombination:

  • Wer erzählt mir das hier eigentlich?
  • Und warum klingt das so?

Perspektive ist die Brille, durch die wir deine Geschichte sehen.
Stil ist die Stimme, die uns alles ins Ohr flüstert.
Wenn die Brille beschlagen ist und die Stimme wie ein Handbuch klingt, kannst du noch so großartige Ideen haben – niemand bleibt lange.

In dieser Folge klären wir:

  • aus wessen Kopf erzählt wird,
  • wie nah wir den Figuren kommen,
  • und wie du eine Erzählstimme findest, die zu deiner Fantasy passt, statt zu einem sehr engagierten Steuerberater.
Eine Gruppe von fünf Abenteurern sitzt nachts um ein Lagerfeuer im Wald, im Vordergrund ein Mann mit Umhang und Schwert, der zur Seite blickt, hinter ihm die Gefährten im Schein der Flammen, darüber ein klarer Sternenhimmel mit hellem Vollmond.
Perspektive heißt: Wer sitzt uns am Feuer gegenüber, und wessen Blick führt uns durch diese überaus seltsame Nacht?

1. Person wählen: Ich, Er, Du – und wozu?

Die Frage »Ich oder Er?« ist weniger esoterisch, als mancher meinen mag.
Es geht darum, wie direkt wir an eine Figur gebunden sind.

Ich-Perspektive

„Ich zog den Bogen, bis der Schmerz in der Schulter mein Zittern überlagerte.“

Stärken:

  • Maximale Nähe, wir sitzen im Kopf der Figur.
  • Perfekt für innere Konflikte, Schuld, Obsession.
  • Stimme der Figur = Erzählstimme. Das kann enorm ziehen.

Risiken:

  • Du steckst in einem Kopf fest. Alles, was die Figur nicht sieht, gibt es nicht.
  • Wenn die Figur langweilig erzählt, ist das ganze Buch langweilig.
  • Welt und andere Figuren sind nur gefiltert durch diese Person wahrnehmbar.

Gut, wenn:

  • die Geschichte extrem figurengetrieben ist,
  • du eine markante, wiedererkennbare Stimme für deinen Erzähler hast.

Personale Er/Sie-Perspektive (nah)

„Er zog den Bogen, bis der Schmerz in der Schulter das Zittern überlagerte.“

Wir hängen an einer Figur, sind aber grammatikalisch außen.

Stärken:

  • Du hast die Nähe und kannst trotzdem leichter zwischen Figuren wechseln (mit Szenenwechsel).
  • Du kannst sprachlich etwas flexibler sein als in einer Ich-Stimme.
  • Standard in sehr vielen modernen Fantasy-Romanen.

Risiken:

  • Verlockend, heimlich in andere Köpfe zu springen (Head-Hopping).
  • Wenn alle Figuren gleich klingen, wirkt es schnell austauschbar.

Gut, wenn:

  • du mehrere zentrale Figuren hast,
  • aber trotzdem jeweils tief in einen Kopf eintauchen willst.

Auktoriale Perspektive (allwissend, kommentierend)

„Sie glaubte, der Schuss würde reichen. Sie irrte sich und das nicht zum letzten Mal.“

Stärken:

  • Du kannst Vorausdeutungen machen, kommentieren, Szenen überblicken.
  • Du kannst Ton und Ironie stärker steuern (siehe Pratchett, teilweise Tolkien).

Risiken:

  • Schnell klingt es nach Märchenonkel oder Geschichtslehrerin.
  • Nähe zu Figuren geht verloren, wenn der Erzähler dauernd dazwischenquatscht.
  • Viele unterschätzen, wie schwer echter auktorialer Stil ist.

Gut, wenn:

  • du eine starke Erzählerpersönlichkeit mit eigener Haltung etablieren willst,
  • du große Bögen und Zeitspannen erzählst.

Faustregel:
Entscheide dich für einen Grundmodus (z. B. nahe personale Perspektive) und nutze andere Formen nur sehr bewusst und klar markiert.


2. Distanz: Wie tief sitzen wir im Kopf?

Perspektive ist nicht nur Grammatik, sondern in erster Linie Entfernung.

Schau dir diese Abstufungen an (gleiche Situation, andere Distanz):

  1. Weit weg (reportierend):
    „Die Bogenschützen nahmen Stellung auf der Mauer und eröffneten das Feuer.“
  2. Mittlere Distanz:
    „Die Bogenschützen an der Mauer spannten ihre Sehnen; der erste Pfeil verließ die Reihe wie ein gehorsamer Gedanke.“
  3. Ganz nah im Kopf:
    „Der Sehnenzug brannte in meinen Fingern. Wenn ich jetzt daneben schoss, starb jemand, den ich kannte.“

Je näher du gehst, desto mehr fühlbar wird:

  • Körper (Schmerz, Kälte, Atem)
  • Gedanken (Angst, Zweifel, Wut)
  • Wahrnehmung (Gerüche, Geräusche, Details)

Typischer Fehler:
Ein Roman behauptet, er sei „nah an der Figur“, aber 80 % der Sätze klingen wie Kamera-Ansagen.

Trick für mehr Nähe:

  • weniger »Er sah, dass …«, »Sie bemerkte, wie …«
  • mehr direkte Wahrnehmung: Statt: „Sie bemerkte, dass der Raum nach Rauch roch.“
    → „Der Rauch kratzte in ihrem Hals.“

3. Head-Hopping: Wenn die Kamera betrunken ist

Head-Hopping ist, wenn du mitten in einer Szene von einem Kopf in den nächsten hüpfst, ohne klaren Übergang.

„Er fragte sich, ob sie log.
Sie bemerkte seine Skepsis und dachte an das Messer in ihrem Stiefel.
Am anderen Ende des Tisches war Borin genervt von beiden.“

Leser merken: Moment, wer bin ich gerade?
Und sobald sie das fragen, sind sie nicht mehr in der Szene.

Simple Regel für die Werkstatt:

  • Pro Szene nur eine Fokusfigur.
  • Perspektivwechsel nur bei klaren Schnitten:
    • neuer Abschnitt
    • Kapitelwechsel
    • deutlicher Sprung (Ort/Zeit)

Wenn du unbedingt innerhalb einer Szene wechseln musst, markiere es:

  • ein Absatz mit deutlichem Break (*** oder ähnliches)
  • der erste Satz nach dem Wechsel macht klar, in wessen Kopf wir jetzt sind.

Je weniger du springst, desto leichter bleiben Leser im Flow.


4. Stil: Klang, Rhythmus und Bildersprache

Stil ist nicht »blumig vs. nüchtern«.
Stil ist die Summe aus:

  • Wortwahl
  • Satzrhythmus
  • Bildersprache
  • Haltung

Wortebene

Wie viel Alltagssprache, wie viel „epische“ Vokabeln?

„Die Soldaten sahen ziemlich fertig aus, als sie endlich ankamen.“
vs.
„Die Krieger schlepp­ten sich heran, als hätten sie ihren Schatten in den Schlachtenfeldern zurückgelassen.“

Beides kann funktionieren, aber bitte nicht im wilden Wechsel und ohne Konzept.

Satzrhythmus

Kurze Sätze → Tempo, Härte, Klarheit.
Längere Sätze → Nachhall, Reflexion, Atmosphäre.

Guter Fantasy-Stil kann beides:

  • Kampf, Flucht, Streit → eher kurz, kantig.
  • Legende, Mythos, innere Monologe → länger, geschwungener.

Bildsprache

Metaphern sollten zur Welt und zur Figur passen.

Ein Seemann vergleicht nicht alles mit Wäldern, ein Waldhüter nicht alles mit Schiffen.
Wenn deine Welt kaum Technik kennt, wirken „Motoren“ oder „Schaltkreise“ als Vergleich seltsam.

Killerargument gegen den Drachen-Bedienungsanleitungs-Stil:

„Er aktivierte die magische Struktur und löste eine Energieentladung aus, die den Gegner effektiv neutralisierte.“

Das ist nicht Fantasy, das ist Support-Ticket.
Mach draus:

„Er riss das Siegel auf. Die Luft kippte, und der Gegner brach zusammen, als hätte jemand die Fäden aus seinem Körper gezogen.“


5. Erzählstimme: Wer spricht hier – du oder der Text?

Die Erzählstimme ist die Kombination aus:

  • gewählter Person (Ich/Er)
  • Distanz (nah/fern)
  • Stil (Wortwahl, Rhythmus, Haltung)

Stell dir vor, dein Erzähler wäre eine eigene Person, die eine Geschichte am Feuer erzählt.
Wie ist der drauf?

  • trocken-sarkastisch?
  • poetisch-melancholisch?
  • sachlich, fast dokumentarisch?

Du musst keine Comedy-Nummer machen, aber eine erkennbare Haltung hilft enorm.

Beispiele (stark vereinfacht):

  • Tolkien: würdig, altmodisch, von oben auf die Geschehnisse blickend.
  • Abercrombie: zynisch, körperlich, sehr nah an der Dreckigkeit der Figuren.
  • Le Guin: ruhig, präzise, philosophisch.

Dein Ziel ist nicht, sie zu kopieren, sondern zu wissen:

„So redet mein Erzähler. Das darf er, das nicht.“

Wenn du zwischendurch plötzlich in Marketingprosa oder Forensprache rutschst, merkst du: Stilbruch.

Drei reich verzierte Masken mit Auge-, Feder- und Kronensymbol liegen auf einem hölzernen Schreibtisch in einer Fantasy-Studierstube, dahinter ein aufgeschlagenes Buch mit verschiedenfarbigen Handschriften, im Fenster steht der Vollmond am Himmel.
Erzählperspektive ist eine Maske: Auge, Feder oder Krone. Du musst entscheiden, welche dieser Stimmen deine Geschichte am besten trägt.

Mini Werkzeugkasten: Perspektive & Stil

A. Sechs Fragen an deine Erzählweise

  1. Aus wessen Sicht erzählen die meisten Szenen?
  2. Wie nah bist du in der Regel an dieser Figur, von außen beobachtend oder im Kopf?
  3. Weiß dein Erzähler mehr als die Figur selbst? Und wenn ja: Nutzt du das bewusst?
  4. Wie würde jemand deine Sprache in drei Worten beschreiben? (z. B. „klar, trocken, bissig“)
  5. Welche Vergleiche und Bilder würdest du in dieser Welt nie benutzen?
  6. Gibt es Stellen, an denen du Perspektive oder Tonfall unabsichtlich wechselst?

B. Mini-Checkliste für dein Manuskript

  • Pro Szene ist klar, durch wessen Augen wir schauen.
  • Es gibt keine unmarkierten Perspektivsprünge (Head-Hopping).
  • Die Distanz zur Figur ist konsistent; du springst nicht alle zwei Sätze von außen nach Innen und zurück.
  • Die Wortwahl passt zur Welt (kein Support-Deutsch in der Thronhalle).
  • Deine Sätze haben Rhythmus: mal kurz, mal lang, den Inhalt unterstützend.
  • Wenn man eine Seite zufällig aufschlägt, klingt sie nach deinem Text, nicht nach generischem 08/15-Fantasy.

C. Kleine Übung: Szene in vier Varianten

Nimm eine kurze Szene – z. B. eine Figur, die nachts heimlich ein Verbot bricht – und schreibe sie in vier Durchläufen:

  1. Ich-Perspektive, sehr nah, poetisch.
  2. Ich-Perspektive, sehr nah, lakonisch/sarkastisch.
  3. Personale Er/Sie-Perspektive, nah, aber nüchterner Stil.
  4. Auktorial, mit leicht kommentierender Stimme.

Frag dich danach:

  • Welche Version fühlt sich am lebendigsten an?
  • Welche trägt die Atmosphäre deiner Welt am besten?
  • Welche würdest du als Leserin freiwillig weiterlesen?

Diese Kombination ist dein Kandidat für die Erzählweise deines Projekts.


Beim nächsten Mal gehen wir von der Stimme zurück zur Bühne und schauen uns die kleinste Baueinheit genauer an:

Szenen bauen statt nur erzählen
Einstieg, Konflikt, Wendung, Nachhall. Wie aus Ideen konkrete, tragfähige Szenen werden, die deinen Roman nicht nur füllen, sondern tragen.

Wir lesen uns.


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