🔍 Suche im Fantasykosmos
Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.
🛠️ Werkstatt der Wunder #6: Spannung und Struktur
Wie du Leser durch ein Kapitel ziehst, ganz ohne blöde Cliffhanger-Inflation
Viele Fantasytexte haben alles: coole Ideen, solide Figuren, brauchbare Welt.
Und trotzdem liest man sie wie ein Protokoll: ordentlich, linear, vorhersehbar.
Spannung ist nicht nur »Action«.
Spannung ist das Gefühl: Ich will wissen, was als Nächstes passiert, und was es bedeutet.
Damit das funktioniert, braucht dein Text Struktur: Szenen, die etwas tun; Hooks, die ziehen; Wendepunkte, die wehtun.
In dieser Folge schauen wir uns an, wie du das bewusst baust, ohne ständig am Kapitelende jemanden von der Klippe zu schubsen.

1. Szene = kleine Story, nicht Zeitabschnitt
Eine Szene ist nicht »und dann waren sie im Gasthaus« oder »sie reisten drei Tage«.
Eine Szene ist eine kleine Geschichte mit Veränderung.
Sie braucht:
- Ausgangspunkt: Figur X will etwas, hat eine Erwartung.
- Konflikt / Reibung: Etwas oder jemand steht dem im Weg.
- Entscheidung / Wendung: Es passiert etwas, das die Lage verändert.
- Nachhall: Eine neue Frage, ein neues Problem oder eine veränderte Haltung.
Beispiel, generisch:
- Ausgangspunkt: Die Heldin will den Kapitän überreden, sie mitzunehmen.
- Konflikt: Er hat schlechte Erfahrungen mit Passagieren und traut ihr nicht.
- Wendung: Sie verrät ein Geheimnis, das ihm zwar hilft, aber sie erpressbar macht.
- Nachhall: Sie bekommt den Platz an Bord, aber jetzt weiß er etwas, das sie lieber verschwiegen hätte.
Test:
Wenn du eine Szene streichen kannst, ohne dass sich etwas am Status der Figuren ändert, war es wahrscheinlich nur Deko. In diesem Fall: Für immer weg damit.
2. Spannung = offene Fragen mit Einsatz
Spannung entsteht, wenn Leser:
- eine Frage haben
- der Einsatz klar ist
- und sie nicht sofort die Antwort kennen
Fragen ohne Einsatz langweilen:
»Wer hat den Kuchen geklaut?« – wenn es niemanden interessiert, ist es Kindergeburtstag, kein Plot.
Einsatzlosigkeit zeigt sich oft so:
- Figuren könnten scheitern, aber es hätte kaum Konsequenzen.
- Niederlagen werden sofort weggezaubert, weggeheilt, wegmoderiert.
Mach dir bewusst:
- Externe Spannung: Wer gewinnt, wer stirbt, wer kommt rechtzeitig an?
- Interne Spannung: Wie entscheidet sich die Figur, was verrät sie, was verschweigt sie?
Zu jedem größeren Abschnitt solltest du eine Leitfrage formulieren können:
- »Schafft es Figur X, Y zu verhindern?«
- »Wird Figur Z ihre Loyalität verkaufen?«
- »Was verbirgt sich wirklich hinter diesem Bündnis?«
Wenn du solche Fragen nicht formulieren kannst, ist das Kapitel wahrscheinlich ein langes »und dann und dann und dann«. Damit ist deine Story eigentlich schon längst tot.
3. Hooks ohne Holzhammer
Ein Hook ist das Detail, das dafür sorgt, dass man weiterliest.
Viele denken dabei ausschließlich an Cliffhanger à la »… und dann brach der Boden unter ihnen weg.«
Das funktioniert genau dreimal, dann ist es Comedy.
Hooks funktionieren auch subtiler:
- ein unerwarteter Satz im Dialog
- eine Andeutung, dass jemand lügt
- ein Versprechen: »Am Ende des Tages wird niemand von uns derselbe sein.«
Praktische Hook-Positionen:
- Szenenanfang: starte nicht mit Wetterbericht, sondern mit einer Mini-Irritation »Der dritte Tote diese Woche war der erste, der sich dafür entschuldigte.«
- Mitte: eine Wendung, die den Plan ändert
- Szenenende: eine neue Frage oder Konsequenz, nicht nur eine Explosion
Merke:
- Hook ≠ Schock.
Hook = interessante Unklarheit mit Bedeutung.
4. Wendepunkte, die wehtun
Wendepunkte sind die Momente, in denen sich die Richtung der Geschichte ändert.
Sie funktionieren nur, wenn:
- etwas irreversibel passiert
- die Entscheidung teuer ist
- und sie aus Figur und Situation logisch folgen
Schwache Wendepunkte:
- Deus-ex-machina-Rettung (plötzlich auftauchender Drache, mysteriöser Fremder, Spezialzauber)
- Zufallslösungen (»Zum Glück hatte sie noch exakt dieses Artefakt in der Tasche«)
- reine Infodrops (»Im Archiv fand er ein Buch, das alles erklärte«)
Starke Wendepunkte:
- Figur wählt bewusst etwas, das sie später bereuen wird
- eine Lüge fliegt auf und zwingt alle, Position zu beziehen
- ein Sieg stellt sich als Pyrrhussieg heraus: Ziel erreicht, aber zu hohem Preis
Werkstatt-Regel:
Wenn eine Wendung deine Figuren nicht verändert, war es Dekoration, kein Wendepunkt.
5. Makrostruktur: Wellen statt Dauerfeuer
Dauer-Action ist genauso langweilig wie Dauer-Geplauder.
Spannung lebt von Wechsel:
- Eng – Weit
- Laut – Leise
- Gefahr – Verschnaufpause
Denk deine Kapitel in Wellen:
- Aufbau (Frage/Einsatz klarmachen)
- Steigerung (Komplikationen)
- Spitze (Entscheidung / Wendung)
- Konsequenz / kurzer Nachhall
- neuer Impuls fürs nächste Kapitel
Du musst dafür keine dreizehnstufigen Plotmodelle auswendig können.
Es reicht, wenn du bei jedem größeren Abschnitt fragst:
- »Was ist hier die Spitze?«
- »Was ändert sich dadurch für die nächsten Kapitel?«
Und ganz wichtig:
Nicht jedes Kapitel braucht den Weltuntergang.
Manchmal reicht es, wenn eine Figur eine Wahrheit nicht mehr verdrängen kann.
Das trägt oft sehr viel weiter als der fünfte Dämonenangriff.

Mini Werkzeugkasten: Spannung und Struktur
A. Fünf Fragen an jede Szene
- Was will die Hauptfigur in dieser Szene konkret?
- Was oder wer stellt sich dem in den Weg?
- Was ist der größtmögliche Schaden, wenn sie scheitert?
- Was ändert sich am Ende der Szene? (Beziehung, Wissen, Plan, Status)
- Welche neue Frage entsteht daraus für Leser?
Wenn du zu Frage 3 oder 4 keine klare Antwort hast, schwimmt die Szene. Nagel sie unbedingt fest.
B. Mini-Checkliste für dein Kapitel
- Der Einstieg wirft eine Frage oder Irritation auf, kein langer Lagebericht.
- Mindestens ein Plan scheitert oder muss angepasst werden.
- Es gibt eine Stelle, an der die Figur eine echte Wahl treffen muss.
- Am Ende des Kapitels ist der Status der Figur anders als am Anfang.
- Der letzte Absatz pflanzt ein Bild, eine Frage oder eine Drohung in den Kopf des Lesers.
C. Kleine Übung: Spannungs-OP an einem Kapitel
- Nimm ein bestehendes Kapitel deines Projekts.
- Schreibe auf einem Zettel:
- Kernfrage des Kapitels
- größter möglicher Verlust
- Wendepunkt
- Streiche im Text alles, was diese drei Dinge nicht vorbereitet, verschärft oder auslöst oder kürze es brutal.
- Füge an zwei Stellen je einen Satz ein, der eine weitere Ebene andeutet:
- jemand lügt
- jemand verschweigt etwas
- jemand bemerkt ein Detail, das erst später wichtig wird
Du wirst meist feststellen:
Das Kapitel wird kürzer, aber dichter, und plötzlich trägt die Struktur die Spannung, nicht die Lautstärke.
Und weil Struktur alleine noch nicht reicht, kümmern wir uns beim nächsten Mal um das, was alles färbt:
Perspektive und Stil – wie du entscheidest, aus wessen Augen wir schauen, wie nah wir an deinen Figuren sind und warum deine Fantasy nicht klingen sollte wie eine Bedienungsanleitung für einen Lenkdrachen.
Wir lesen uns.
⬅️Vorheriger Artikel: Werkstatt der Wunder #5: Magiesysteme, die nicht alles kaputt machen
➡️Nächster Artikel: Werkstatt der Wunder #7: Perspektive und Stil
Fantasy Grundlagen sind genau dein Ding? Dann folge unserer beliebten Kategorie Mythen & Magie. Hier haben wir immer Fantasy Basics für dich parat. Und unsere große Fantasy Historie solltest du auch nicht verpassen.



