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🛠️ Werkstatt der Wunder #2: Figuren, nicht Figurinen
Warum deine Protagonisten Ziele, Wunden und Widersprüche brauchen.
Viele Fantasy-Manuskripte haben beeindruckende Steckbriefe und trotzdem tote Figuren.
»Name: Arathorn Sturmkranz. Haarfarbe: schwarz. Augen: grau. Besonderheit: Narbe.«
Schön. Das ist eine gut beschriebene Actionfigur.
Leser bleiben aber nicht wegen Augenfarbe.
Sie bleiben, weil sie sehen wollen, wie jemand mit einem inneren Problem ringt, möglichst zusammen mit anderen, die eigene Pläne haben.
In dieser Folge geht es darum, aus Figurinen echte Figuren zu machen.

1. Ziel, Wunde, Lüge – die innere Achse
Drei Dinge tragen deine Hauptfigur besser als jeder 15-seitige Steckbrief:
- Ziel: Was will sie jetzt, möglichst konkret?
- Wunde: Was hat sie erlebt, das weh tut und ihr Verhalten färbt?
- Lüge: Welche falsche Überzeugung hat sie daraus abgeleitet?
Beispiel bekanntes Werk:
- Frodo will den Ring loswerden, nicht »Held sein«.
- Wunde: Er ist viel kleiner und schwächer als die Mächte, mit denen er es zu tun bekommt.
- Lüge: »Ich bin dieser Last nicht gewachsen, ich zerstöre alle um mich herum.«
Beispiel generisch:
- Eine junge Magierin will ihre Familie vor einer Inquisition schützen.
- Wunde: Sie hat als Kind erlebt, wie ein Verhör einen Freund gebrochen hat.
- Lüge: »Wenn ich auffalle, verliere ich alle, die mir wichtig sind.«
Ohne Wunde und Lüge wird dein Held zur Figur mit To-do-Liste.
Mit Wunde und Lüge wird jede Entscheidung gefährlich – und genau das liest man gern.
2. Widersprüche statt Eigenschaften
Schwache Figurenskizzen klingen so:
Mutig, loyal, ehrenhaft, humorvoll, manchmal stur.
Das ist ein LinkedIn-Profil, keine Figur.
Spannend wird es da, wo deine Figur sich selbst im Weg steht.
Baue Widerspruchspaare:
- mutig – aber konfliktscheu im Privaten
- brillant – aber unfähig, Fehler zuzugeben
- fürsorglich – aber kontrollierend
- streng gerecht – aber blind für eigene Vorteile
Beispiel generisch:
- Eine Ordensritterin ist gnadenlos pflichtbewusst – aber unfähig, »Nein« zu Befehlen zu sagen, die sie falsch findet.
- Ein Dieb ist charmant und solidarisch – aber sabotiert Beziehungen, sobald jemand ihm zu nahe kommt.
Faustregel:
Wenn du deine Figur problemlos als »stark, mutig, loyal« in eine Dating-App schreiben könntest, fehlt ihr der Riss, durch den das Licht fällt.
3. Beziehungen sind wichtiger als Backstory
Viele Fantasyfiguren haben fünf Seiten Backstory, aber kaum echte Dynamik mit anderen.
Merken kann man sich aber vor allem:
- Wer prallt auf wen?
- Wer bringt wen aus der Fassung?
- Wer drückt unbewusst auf wessen Wunde?
Denk in Beziehungsachsen, nicht in Einzel-Steckbriefen:
- Mentor ↔ Schülerin: Erfahrung vs. Hunger nach Veränderung
- Soldat ↔ Heilerin: Pflicht vs. Leben schützen
- Priester ↔ Ketzerin: Ordnung vs. Gewissen
Beziehungen erzeugen automatisch:
- Reibung im Dialog
- Konflikte, ohne jedes Mal ein neues Monster zu erfinden
- Spannung, weil Leser wissen: Wenn diese beiden im Raum sind, passiert etwas
Praxis-Tipp:
Wenn du eine Figur einführst, frag dich sofort:
Mit wem wird es bei ihr krachen und warum genau?
4. Antagonisten mit Agenda, nicht Pappschurken
Der »böse dunkle Herrscher«, der einfach böse ist, taugt als Meme, aber nicht als Gegenspieler.
Ein starker Antagonist hat:
- ein Ziel, das aus seiner Sicht Sinn ergibt
- eine Haltung, die mit der des Helden kollidiert
- genug Kompetenz, um gefährlich zu sein
Beispiel bekanntes Werk:
- In vielen guten Grimdark-Romanen wollen die Gegenspieler nicht »die Welt verbrennen«, sondern Stabilität, Macht oder Kontrolle, nur auf eine Art, die alle anderen zerstört.
Gute Antagonisten sind:
- die logische Konsequenz der Welt (Militärführer, Großkauffrau, Hohepriester, nicht nur »Random-Dämon«)
- oft eine verzerrte Antwort auf die gleiche Frage wie der Held
(Wenn dein Thema Verantwortung ist, ist der Antagonist jemand, der sie für sich beansprucht und allen anderen abspricht.)
Der spannendste Moment ist oft der, in dem Leser kurz denken:
»Verdammt, ein bisschen Recht hat er/sie schon.«
5. Nebenfiguren mit Funktion statt Statisten-Sammlung
Nebenfiguren sind keine Deko im Weltenbau.
Jede wichtige Figur braucht eine klare Funktion:
- Spiegel: zeigt dem Protagonisten, wie er sein könnte
- Störung: bringt ihn aus der Komfortzone
- Gegenpol: verkörpert eine andere Antwort auf das Thema
- Katalysator: trifft eine Entscheidung, die alles ins Rollen bringt
Beispiele generisch:
- Der beste Freund, der immer die einfache Lösung wählt – Spiegel und Warnung zugleich.
- Die skeptische Archivarin, die alles in Frage stellt – Gegenpol zu einem naiven Helden.
- Der tollpatschige Bote, der aus Angst eine Nachricht nicht zustellt – Katalysator für eine Katastrophe.
Stell dir bei jeder Nebenfigur die Frage:
Wenn ich sie streiche, fehlt dann etwas Konkretes in Thema, Plot oder Emotion?
Wenn die Antwort »Nein« ist, hat sie noch keine wirkliche Aufgabe.

Mini Werkzeugkasten: Figuren, nicht Figurinen
A. Kurzdiagnose für deine Hauptfigur
Beantworte für deinen Protagonisten in jeweils einem Satz:
- Ziel: Was will diese Figur aktuell am dringendsten – konkret, nicht abstrakt?
- Wunde: Welches Ereignis oder Muster hat sie am stärksten geprägt?
- Lüge: Welche falsche Überzeugung bestimmt ihr Verhalten?
- Preis: Was darf auf keinen Fall passieren – was wäre der persönliche Super-GAU?
- Riss: Wo steht sie sich selbst am meisten im Weg?
Da, wo du stockst, sitzt deine Baustelle.
B. Mini-Checkliste
- Deine Hauptfigur hat ein klares Anfangsziel, das sich benennen lässt.
- Es gibt mindestens eine Szene, in der ihre Wunde sichtbar wird (ohne Infodump).
- Du kannst ihre Lüge in einem einfachen Satz formulieren.
- Mindestens zwei Beziehungen erzeugen regelmäßig Reibung.
- Dein Antagonist könnte seine Sicht in einem ruhigen Gespräch verteidigen, ohne lächerlich zu wirken.
- Jede zentrale Nebenfigur hat eine Funktion: Spiegel, Störung, Gegenpol oder Katalysator.
C. Kleine Übung: Drei Sätze + ein Geheimnis
Nimm eine Figur aus deinem aktuellen Projekt und schreib:
- Selbstbild:
»Ich bin …« – so, wie die Figur sich selbst sieht. - Fehlannahme:
»Die Welt ist …« – eine falsche Grundannahme, die ihr Handeln steuert. - Lernziel:
»Am Ende dieser Geschichte soll sie verstanden haben, dass …« - Geheimnis:
Eine Sache, die sie niemandem erzählen würde – und die du als Autor genau kennst.
Damit hast du genug Stoff, um Dialoge, Konflikte und Szenen zu füttern – ohne auch nur einmal Plot oder Worldbuilding zu spoilern.
Beim nächsten Mal lassen wir deine Figuren reden – und zwar so, dass nichts tot auf der Seite liegt.
Wir zerlegen Dialog, Subtext und Rhythmus, damit deine Helden nicht klingen wie Romanheft-Ansager auf Beruhigungsmitteln.
Wir lesen uns.
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