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🧝♂️ Fantasy für Fortgeschrittene: Warum rechte Populisten Tolkien lieben – und was das über sie verrät
🏛️ Wenn Populisten vom Auenland träumen
Was haben Giorgia Meloni, J.D. Vance und Peter Thiel gemeinsam – außer ihrer politischen Ausrichtung? Alle drei berufen sich öffentlich auf Fantasy-Werke wie Der Herr der Ringe oder Die Chroniken von Narnia als prägende Lektüren. In einem bemerkenswerten Essay fragt FT-Autor Martin Sandbu: Warum ist ausgerechnet die politische Rechte so fasziniert von dieser Literatur?
Dabei geht es nicht nur um Nostalgie oder Eskapismus, sondern um ein ideologisches Bedürfnis nach klaren Ordnungen, heroischen Einzelfiguren und einer Welt, in der Gut und Böse eindeutig verteilt sind. Sandbu nennt das treffend: „die triumphale Willenskraft als politisches Narrativ.“
⚔️ Die Heldenreise als Wahlprogramm?
Giorgia Meloni benannte eine politische Konferenz nach einem Fantasy-Helden. Peter Thiels Unternehmen heißen Palantir oder Anduril – alles Anspielungen auf Tolkiens Werk. US-Vizepräsident J.D. Vance erklärte offen, dass sein konservatives Weltbild durch Tolkien und Lewis geprägt sei.
Fantasy wird hier nicht als Spiel oder Mythos verstanden, sondern als moralischer Kompass: Das Individuum besiegt das „System“, Tugend triumphiert über Zweifel, die Welt lässt sich in Licht und Schatten aufteilen – das perfekte Narrativ für Populisten.
🧠 Gesellschaftsstruktur? Lieber ein Zauberschwert.
Sandbu analysiert, dass diese rechte Fantasy-Faszination nicht unbedingt politisch begann, sondern psychologisch motiviert war – ein Rückzugsraum für junge Konservative, die sich in der modernen Welt als kulturell ausgegrenzt empfanden. Tolkien wurde zum stillen Leitstern.
Die Attraktivität liegt laut Sandbu vor allem in drei Aspekten:
- Hierarchie & Ordnung: Fantasy-Welten folgen oft feudalen Strukturen – Königreiche, Blutlinien, Kriegerkasten.
- Klarer Moralkodex: Das Böse ist greifbar, benennbar, besiegbar.
- Heldenhafte Autonomie: Einzelne Figuren verändern den Lauf der Welt – ohne Komitee, Bürokratie oder Systemdebatte.
🪄 Fantasy als Rebellion gegen die Moderne?
Laut Sandbu liegt der tiefere Reiz der Fantasy für konservative Bewegungen in der Unzufriedenheit mit der Gegenwart: Die moderne Welt ist komplex, ambivalent, strukturell bedingt – Fantasy dagegen ist episch, unmittelbar, magisch wirksam.
Populismus verspricht die Rückkehr zur Übersichtlichkeit. Fantasy liefert dazu die Dramaturgie: Das System ist korrupt – nur ein Auserwählter kann es stürzen. Der Wille ist alles.
Das klingt verdächtig nach einem Tweet von Donald Trump: „I am your retribution.“
🧙 Der Fantasykosmos-Kommentar: Wer wirklich liest, liest anders
Wir finden: Wer Fantasy auf autoritäre Heldenverehrung und feudale Ordnungssehnsucht reduziert, hat sie nie wirklich verstanden. Ja, es gibt Schwert und Ehre – aber auch Zweifel, Opfer, Ambiguität.
🔹 In Le Guins Erdsee geht es nicht um Sieg, sondern um Gleichgewicht.
🔹 Bei Rothfuss wird Macht zur Bürde, nicht zur Belohnung.
🔹 In „Der Dunkle Turm“ endet die Suche nach Erlösung in ewiger Wiederholung.
Gute Fantasy bringt keine einfachen Antworten – sie wirft die richtigen Fragen auf. Und sie stellt Machtverhältnisse nicht romantisch dar, sondern seziert sie. Meloni & Co. lesen selektiv. Ihre politische Fantasy ist ein Rollenspiel mit Scheuklappen.
📜 Unser Schlusswort:
Wer Fantasy nur zur Legitimation eines konservativen Weltbilds nutzt, verwechselt Tolkien mit einem Parteiprogramm. Und übersieht dabei, dass Frodo am Ende keine Macht wollte – sondern einfach nur heim.

