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Untote Ikonen im Kühlschrank: Wie die Volksbühne Berlin auf Brigitte Bardot wartet
Die Volksbühne Berlin wartet in „Warten auf Bardot“ nicht auf einen Star, sondern auf ein Gespenst. Meo Wulf macht daraus eine queere Totenmesse für die kaputte Popgeschichte.
An der Volksbühne wartet niemand einfach auf Brigitte Bardot. Man beschwört sie. Oder genauer: Man stellt ihre Abwesenheit unter Glas, legt sie auf Eis und macht daraus ein Bühnenritual, das zugleich Dragshow, Totentanz, Popseance und Witzmaschine sein will. „Warten auf Bardot“ ist deshalb weniger ein Stück über einen Star als ein Abend über die Frage, was von einer Ikone übrig bleibt, wenn Ruhm, Begehren, Reaktion und Lächerlichkeit längst zu einer einzigen, schwer zu trennenden Masse verschmolzen sind.
Das ist zunächst einmal ein famoser Gedanke. Denn Bardot ist ja keine Figur, die man neutral auf die Bühne schiebt wie irgendeine hübsch angestaubte Filmgröße. Sie gehört zu jenen Namen, die noch immer wie verfluchte Amulette in der Popgeschichte klirren. Zu viel Projektion, zu viel Körperpolitik, zu viel Mythos, zu viel politischer Ekel. Wer so eine Figur aufruft, hantiert nicht mit Nostalgie, sondern mit radioaktivem Altglanz.

Ein Orden ohne Heilslehre
Meo Wulf setzt genau dort an und errichtet auf der Bühne eine Welt, die wirkt, als habe ein schräger Kult aus dem Nachlass des Absurden Theaters, einer queeren Geisterbahn und einem halb verfallenen Kinderzimmer eine eigene Liturgie gebaut. Drei Gestalten kreisen umeinander wie Mitglieder eines Ordens, der seine Regelbücher verloren hat, aber die Zeremonien weiterhin mit großer Hingabe vollzieht. Da wird geredet, gekichert, geraunt, gezankt, behauptet. Nichts ruht, alles schwankt. Der Abend bewegt sich in jenem schiefen Reich, in dem Sinn nicht produziert, sondern umkreist wird wie ein Tier, das man lieber nicht direkt ansieht.
Gerade darin liegt die eigentliche Kraft dieses Abends. Die Volksbühne erscheint hier nicht als Haus des psychologischen Realismus, sondern als ein altes, schlecht beheiztes Zauberschloss der Gegenwartskultur. Überall klappern Zeichen. Überall lugen Bedeutungen hinter Vorhängen hervor, nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden. Man sitzt da und hat das Gefühl, einer Beschwörung beizuwohnen, die ihren eigenen Gegenstand nicht recht kontrollieren kann. Das ist reizvoll. Und es passt zu einem Theater, das immer dann am lebendigsten wirkt, wenn es nicht erklären, sondern heimsuchen will.
Bardot als verfluchte Reliquie
Der Titel ist dabei der eigentliche Pakt mit dem Publikum. Beckett spukt mit, natürlich. Wer auf Bardot wartet, wartet immer auch auf Godot, also auf das alte Theatergespenst der Leere, des Aufschubs, des Bedeutungslochs. Nur dass hier kein metaphysischer Niemand aussteht, sondern eine sehr konkrete, sehr aufgeladene Figur der Popmoderne. Bardot kommt nicht als Erlösung. Sie kommt als Problem.
Das macht den Abend interessant. Bardot ist hier keine Diva, keine charmante Filmruine, kein leicht ironischer Name aus der Mottenkiste des Kinos. Sie erscheint als vergiftete Reliquie, als Überbleibsel eines Begehrens, das nie nur unschuldig war und inzwischen vollends von den falschen politischen Geistern umlagert wird. Das Theater versucht diese Reliquie zu fassen, auszustellen, zu verlachen, zu entzaubern. Doch jede Berührung birgt die Gefahr, dass die alte Magie eben doch noch einmal anspringt.
Genau deshalb fühlt sich der Abend phasenweise an wie eine Expedition in ein Popgrab, das man besser versiegelt gelassen hätte. Nicht, weil man dort nichts finden würde. Sondern weil dort zu viel herumliegt: Fetisch, Schock, Pose, Erinnerung, Dummheit, Begehren, Hass. Meo Wulf weiß das. Der Abend lebt hörbar davon, diese Mischung nicht zu säubern, sondern auszuhalten. Das ist klug. Nur reicht Aushalten allein noch nicht immer für Erkenntnis.
Der Witz als schwarzes Ritual
Denn „Warten auf Bardot“ baut viel auf Kalauer, Übertreibung, campige Schieflage, auf jene heitere Form des Kontrollverlusts, die im besten Fall wie eine Befreiung wirkt und im schlechteren wie ein Abend, der sich an seiner eigenen Schrillheit berauscht. Hier liegt das Risiko. Die Volksbühne kennt diese Tonlage seit jeher: Nonsens als Waffe, Trash als Form von Wahrheit, Blödelei als geheimer Pfad in tiefere Kammern. Das kann großartig sein. Es kann aber auch dazu führen, dass man plötzlich vor einem Haufen sehr einfallsreicher Einzelideen sitzt und sich fragt, welches Gespenst hier eigentlich ausgetrieben werden soll.
Der Abend hat Bilder, die bleiben. Der Sarg, der vielleicht keiner ist. Die Todesbotin Bonnehilder, die wirkt, als sei sie aus einem Märchenbuch gefallen, das zu lange im Regen lag. Die Kostüme, die nicht Figuren einkleiden, sondern Wesen hervorbringen, halb Karikatur, halb Chimäre, halb Modeorakel aus einer Zukunft mit kaputtem Spiegel. All das besitzt Bildwitz und Bühnenwucht. Es erzeugt jene rare Form von Theaterlust, bei der man spürt: Hier will jemand nicht nur etwas sagen, sondern eine eigene Welt ausstellen.
Nur hat diese Welt ein Problem: Sie ist stärker als ihr Befund. Die Seance zieht. Der Exorzismus bleibt unklar.
Wenn der Gedanke nicht mit dem Bild Schritt hält
Das ist der Punkt, an dem „Warten auf Bardot“ wirklich interessant wird. Nicht als Frage, ob das nun lustig, mutig oder zu lang ist. Sondern als Frage, ob Gegenwartstheater mit seinen alten Ikonen noch mehr anfangen kann als sie in den Raum zu stellen, mit Glitter zu bestäuben und um sie herum Bedeutungstheater zu treiben.
Der Abend weiß sehr genau, dass Bardot politisch verbrannt ist. Er weiß auch, dass Weiblichkeit, Blickregime und Ausschlussverhältnisse hier mitverhandelt werden sollen. Nur verbindet sich dieses Wissen nicht immer mit der szenischen Lust zu einer Form, die über den Reiz des Aufrufs hinausgeht. Man spürt die Absicht. Man spürt die Bilder. Man spürt auch den Hang zum Klamauk als Schutzzauber. Was man nicht immer spürt, ist ein inneres Zentrum, das stark genug wäre, das Ganze zusammenzuhalten.
Vielleicht liegt gerade darin aber eine ungewollte Wahrheit dieses Abends. Denn was wäre angemessener für unsere Kultur als ein Stück, das eine Ikone der alten Popordnung beschwört und daran zeigt, wie wenig souverän wir noch mit solchen Figuren umgehen? Wir wollen sie nicht ehren. Wir wollen sie nicht rehabilitieren. Wir wollen sie auch nicht einfach verbieten und still in den Archivkeller schieben. Also stellen wir sie auf die Bühne, treiben Schabernack mit ihrem Nachleben und hoffen, dass aus dem Durcheinander irgendeine Form von Einsicht steigt.
Die Volksbühne als Totenreich der Popmoderne
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Leistung des Abends: Er macht aus der Volksbühne für knapp zwei Stunden ein Totenreich der Popmoderne. Kein edles Mausoleum, sondern ein lärmendes Zwischenreich, in dem die Gespenster der Kultur nicht ehrfürchtig bestaunt, sondern angestoßen, verspottet und noch einmal in Bewegung versetzt werden. Das passt zu diesem Haus. Die Volksbühne war immer dann am besten, wenn sie wirkte, als hätten Kabarett, Endzeit, Operette, Theorie und Jahrmarkt gemeinsam in einer Gruft übernachtet und am Morgen beschlossen, daraus Kunst zu machen.
Meo Wulf trifft diesen Ton. Vielleicht nicht immer mit der Präzision, die das Material verdient hätte. Aber mit einer Lust an Formverformung, die man nicht kleinreden sollte. Der Abend glaubt an die Bühne als Ort, an dem Hässlichkeit, Komik, Begehren und Todesnähe gleichzeitig auftreten dürfen. Das ist mehr, als viele wohltemperierte Gegenwartsarbeiten noch wagen.
Die alte Magie pocht weiter
Am Ende bleibt von „Warten auf Bardot“ weniger eine klare Aussage als ein Nachbild. Etwas pocht noch im Sarg, und sei es nur die störrische Erkenntnis, dass die Kultur ihre alten Popleichen nicht loswird. Bardot kehrt nicht wirklich zurück. Aber sie verschwindet eben auch nicht. Sie bleibt als Fluchrest, als Bildgift, als Name mit Frostschicht.
Meo Wulf macht daraus einen Abend, der lieber taumelt als doziert. Das ist nicht jederzeit zwingend. Doch es ist immerhin ein Theater, das noch weiß, dass manche Figuren nicht analysiert, sondern nur unter Risiko aufgerufen werden können. Und vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser seltsamen, funkelnden Totenmesse: Die Gegenwart hat ihre Ikonen nicht überwunden. Sie lagert sie bloß kühler.



