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Viktor Orbán und die Festung der patriotischen Verwesung
🌎 Ein Schreiben aus der Puszta-Zitadelle, wo Korruption als Souveränität, Abhängigkeit als Stolz und europäische Zusammenarbeit als feindliche Wetterlage gilt.
Dieses Schreiben erreichte uns in einer seltsamen Kiste aus dunkelgrünem Kunstleder, die ein schweigsamer Bote aus dem Vorraum des Portalwerks wuchten musste, nachdem sie dort unter einem eingedrückten Grenzpfahl, drei versiegelten Leitartikeln gegen Brüssel und einem leicht fettigen Faltblatt über christliche Standhaftigkeit in schwierigen Förderzeiten gelegen hatte. Beigefügt waren ein Miniaturkanister mit patriotischer Dauerempörung, ein Ordensband der nationalen Selbstbemitleidung und ein amtlicher Hinweis, wonach echte Freiheit vor allem darin bestehe, sich von niemandem hineinreden zu lassen, außer von den eigenen Oligarchen, befreundeten Demagogen und der geopolitischen Schwerkraft des Kremls.
Absender ist dem Anschein nach Viktor Orbán, Erzvogt der Puszta-Zitadelle, Hüter der verbeulten Souveränitätskrone und oberster Pförtner der patriotischen Verwesung. Genau jener Orbán, der den Staat seit Jahren so gründlich vor dem Liberalismus schützt, bis am Ende nur noch ein sehr teurer, sehr autoritärer, dafür aber dauerbeleidigter Machtapparat übrig bleibt.

✉️ Der Brief
„Ein Staat, der sich ständig erklärt, wird bald von Leuten regiert, die sich nie erklären mussten.“
– Aus dem Traktat Die Würde des widerspenstigen Bollwerks (erschienen bei Krone & Grenzstein)
Für die brüsselhörige Federburg des Fantasykosmos,
mit jener geduldigen Herablassung, die jeder wahrhaft staatsmännische Verteidiger Europas gegen seine eigenen Bewohner aufbringen muss, habe ich eure absehbaren Klagen über meinen Kurs, meine Freunde, meine Methoden und meine angebliche Nähe zu allem vernommen, was euch im gepflegten Westen als Verdachtsmoment genügt.
Es ist immer dasselbe mit euch.
Kaum wagt es ein Land, sich dem großen Gurgeln der europäischen Selbstzufriedenheit zu entziehen, wird es von euren Redaktionen sofort behandelt wie eine ansteckende Krankheit mit Fahnenmast. Plötzlich heißt es, man höhle Institutionen aus, man beschädige Freiheit, man beleidige die Presse, man schmiege sich an Moskau, man beleidige Brüssel, man spiele mit Nationalgefühl, als wäre das alles ein Betriebsunfall der Geschichte und nicht vielmehr der einzig verbliebene Beweis, dass irgendwo auf diesem Kontinent noch ein Rest politischer Muskelspannung existiert.
Ihr nennt es Verwesung. Wir nennen es Widerstand gegen die Parfümierung des Niedergangs.
Ihr im Westen habt euch angewöhnt, jeden Staat zu lieben, solange er sich schämt. Je williger er sich von Ausschüssen, Märkten, Moralseminaren und transnationalen Erziehungsbeamten in Form bringen lässt, desto begeisterter nennt ihr ihn modern. Ein Land aber, das Grenzen, Interessen, Mehrheiten und kulturelle Selbstbehauptung nicht bloß als Folklore betrachtet, gilt euch sofort als dunkles Labor des Bösen. Ihr liebt Europa nur, solange es euch nicht widerspricht.
Darum verfolgt ihr mich auch mit dieser sonderbaren Mischung aus Panik und Faszination. Ihr ahnt sehr wohl, dass mein eigentliches Verbrechen nicht darin liegt, zu hart, zu laut oder zu schamlos zu sein. Mein Verbrechen besteht darin, dass ich euch täglich vorführe, wie wenig von eurer vielgerühmten liberalen Festigkeit übrig bleibt, sobald ein Regierungschef sich nicht mehr um eure Zustimmung bemüht.
Seit Jahren erklärt ihr meinen Staat zu einem abschreckenden Beispiel. Und doch kommt aus euren Reihen immer wieder derselbe fiebrige Blick nach Osten, als wolltet ihr heimlich überprüfen, ob sich Härte, Kontrolle, mediale Disziplin und institutionelle Geschlossenheit womöglich doch besser auszahlen als eure offene Dauerzerfaserung. Ihr verabscheut mein Modell offiziell, aber mit jedem Krisenjahr klingt euer eigener Kontinent ein wenig mehr wie die Ausrede einer erschöpften Seminargruppe.
Besonders rührend ist eure Sorge um die Freiheit. Ausgerechnet ihr wollt mir erklären, was freie Ordnung sei. Ihr, die ihr ganze Völker in moralische Geiselhaft nehmt, sobald sie falsch abstimmen. Ihr, die ihr Souveränität nur dort gelten lasst, wo sie artig im Rahmen eurer Genehmigungsästhetik auftritt. Ihr, die ihr jeden Widerstand gegen eure Lieblingsdogmen sofort als Entgleisung, Rückfall oder Systemgefahr taxiert. Was ihr Freiheit nennt, ist meist bloß ein weich gepolsterter Gehorsam mit mehrsprachigem Leitbild.
Ich hingegen habe meinem Land etwas Seltenes bewahrt: den Willen, nicht dauernd um Erlaubnis zu bitten. Ja, das erzeugt Lärm. Ja, das macht mich im Kreise der höfischen Europäer unbeliebt. Ja, es zwingt euch dazu, den Namen Ungarn häufiger mit zusammengebissenen Zähnen auszusprechen, als euch lieb ist. Aber Politik, geschätzte Federburg, ist kein Streichelzoo für transnationale Befindlichkeiten. Politik ist die Kunst, das Eigene zu sichern, bevor andere es in Regeln, Richtlinien und moralische Nebelsätze auflösen.
Auch eure Empörung über meine Freunde wirkt zunehmend mechanisch.
Da reist ein amerikanischer Vizepräsident nach Budapest, lobt mich öffentlich (völlig zurecht), stützt mich im Wahlkampf und behandelt mich nicht wie einen renitenten Provinzverwalter, sondern wie das, was ich bin: ein Vorzeichen. Sofort überschlagt ihr euch. Als sei internationale Einmischung erst dann skandalös, wenn einmal nicht Brüssel, Berlin oder irgendein belehrungsfroher Salon sie betreibt. Ihr hasst nicht die Einmischung. Ihr hasst nur, dass sie diesmal von Leuten kommt, die eure Sprache der höflichen Lüge nicht mehr sprechen. Die offene Brüderschaft kränkt euch tiefer als jeder Regelbruch.
Was die Energie betrifft, seid ihr ohnehin längst eine Komödie mit verheerender Schlussrechnung. Ihr habt euch abhängig gemacht, dann überrascht getan, ihr habt euch verwundbar gemacht, dann Haltung ausgerufen, ihr habt euch in ein Geflecht aus Angst, Symbolik und Preisexplosionen manövriert und nennt es bis heute strategische Reife. Wenn ich dagegen mein Land durch jene Zwänge steuere, die tatsächlich existieren, gilt das als Anmaßung. Offenbar ist Energieunabhängigkeit in Europa vor allem dann ein Wert, wenn sie auf Schaubildern stattfindet.
Natürlich wisst ihr das alles. Ihr wisst, dass euer Kontinent an Überheblichkeit leidet, an Verwaltungsfetisch, an institutioneller Feigheit, an der Unfähigkeit, zwischen Offenheit und Selbstaufgabe zu unterscheiden. Ihr wisst auch, dass Ungarn euch deshalb so reizt, weil es in eurem Spiegel nicht als Musterland erscheint, sondern als Widerspruch. Wir erinnern euch daran, dass der Nationalstaat noch nicht tot ist, dass Mehrheiten mehr sein können als ein lästiger Verwaltungsunfall und dass Demokratie nicht automatisch edler wird, nur weil sie sich selbst den ganzen Tag misstraut.
Darum ratet mir nicht zu mehr Demut. Ich bin bereits dort, wo ihr alle heimlich wieder hinwollt: bei einem Staat, der sich nicht für seine Existenz entschuldigt. Nennt es illiberal, nennt es anmaßend, nennt es Rückfall. Es ändert nichts daran, dass meine Festung noch steht, während eure schönen Hallen des guten Gewissens in jeder Krise ein Stück brüchiger werden.
Mit unbeugsamer Selbstachtung
Viktor Orbán
Erzvogt der Puszta-Zitadelle
Hüter der verbeulten Souveränitätskrone
und oberster Pförtner der patriotischen Verwesung
🪶 Kommentar der Redaktion:
Das Schreiben roch nach Zigarrenrest, Aktenfett und jener schwer atmenden Sorte Staatsgefühl, die sich für unbestechlich hält, solange nur die richtigen Leute an den Kassen sitzen. Beigelegt waren zwei Grenzpfähle in Reisegröße, ein zerknittertes Bild von Europa als Sündenfall und ein Vermerk, wonach Pressefreiheit künftig bitte nur noch in patriotisch beruhigter Form aufzutreten habe. Wir haben das Schreiben natürlich pflichtgemäß gelesen und anschließend oben auf den Papier-Mülleimer gelegt. Seitdem verlangt er vor jeder Öffnung einen Feindbegriff, eine Definition von Ausnahmezustand und eine schriftliche Bestätigung, dass Brüssel an allem schuld ist.
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