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Victor Ladis Schultz – The Book of the Jaguar
📚 Kurzfazit
The Book of the Jaguar ist ein außergewöhnliches Fantasydebüt über einen Überlebenden, der seine gefallenen Kameraden nach Hause bringt und dabei Stück für Stück das Reich, die Toten und sich selbst neu kennenlernt. Klein in den Kapiteln, gewaltig in der Summe.
😒 Was kratzt
Wer Fantasy nur dann für lebendig hält, wenn alle zwanzig Seiten eine Stadt fällt, wird mit der episodischen Konstruktion kämpfen. Dieses Buch marschiert nicht. Es hält ständig an.
✨ Was funktioniert
Genau diese Stopps. Jeder Tote öffnet für einige Seiten eine andere Tür in New Serraña. Weltbau entsteht nicht durch Lexikonabsätze, sondern durch Häuser, Trauerrituale, Armut, Vorurteile, Glauben und Menschen, die mit einem Leichnam sehr unterschiedliche Dinge verbinden.
🐆 Was im Nebel wartet
Das titelgebende Grauen funktioniert nicht wie ein Bossmonster. Der Jaguar hängt über der Geschichte als Erinnerung, Rätsel und offene Wunde. Je weniger der Roman laut darauf zeigt, desto größer wird sein Schatten.
🧵 Crowbah meint
Wer mehr als achtzig Kameraden heimbringen muss, braucht keinen Questmarker. Der Wagen ist die Quest. Und möglicherweise die schlechteste Reisegesellschaft der Fantasygeschichte.
🐆 Victor Ladis Schultz – The Book of the Jaguar: Der letzte Soldat trägt seine Toten nach Hause
Achtzig Tote passen in keinen Heldenmythos. Aber sie passen auf einen Wagen.
Álbaro Ceynos hat ein Pferd namens Rozi, ein Schwert, eine Straße vor sich und die sterblichen Überreste von mehr als achtzig Männern, mit denen er einmal gegessen, getrunken, gestritten und Dienst geschoben hat. Jetzt sind sie tot. Er nicht.
Also fährt er sie nach Hause. Einen nach dem anderen.
Zu Müttern, Ehefrauen, Kindern, Priestern, Menschen, die trauern, Menschen, die wütend werden – und gelegentlich zu solchen, deren erste ehrliche Regung beim Tod des Heimkehrenden vermutlich nicht gerade Verlustschmerz ist. Denn Soldaten werden nach ihrem Tod gern zu besseren Menschen erklärt, als sie zu Lebzeiten waren. Und Victor Ladis Schultz hat erfreulicherweise überhaupt keine Lust, dabei mitzumachen.
The Book of the Jaguar beginnt dort, wo epische Fantasy normalerweise schon den Abspann laufen lässt. Das Monster hat angegriffen. Die Festung ist gefallen. Die Männer sind tot. Der eine Überlebende steht noch.
Nur interessiert Schultz weniger, ob Álbaro jetzt Rache nimmt. Er fragt vielmehr, was danach mit all den Toten passiert. Und warum ausgerechnet dieser Mann noch lebt.
Der Debütroman erschien am 25. August 2026 bei Fairwood Press, umfasst 302 Seiten und zerlegt Álbaros Reise in mehr als achtzig kurze, mosaikartige Kapitel. Das Ergebnis ist zugleich Fantasyroman, Trauerzug, Reisebericht, Erinnerungspuzzle und langsame Autopsie eines zerfallenden Imperiums.
Das klingt nach einem Roman, der unter seiner eigenen Schwermut zusammenbrechen müsste. Tut er aber nicht. Denn zwischen Tod, Schuld, Kolonialgeschichte und religiösen Ritualen findet Schultz etwas, das in ernst gemeinter literarischer Fantasy erstaunlich häufig vergessen wird: Menschen verhalten sich auch dann noch absurd, wenn sie leiden.
Und Soldaten erzählen auch im Angesicht des Todes schlechte Witze.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Die Legionen von New Serraña kennen einen heiligen Brauch: Stirbt ein Legionär im Kampf, muss ein Kamerad dessen sterbliche Überreste zur Familie zurückbringen. Eine ehrenvolle Tradition. Bis nur noch Álbaro Ceynos übrig ist.
Seine Einheit war im Presidio Los Primos stationiert, ausgerechnet an einem Ort, der als einer der sichersten Posten des Reiches galt. Dann kommt etwas aus den Bergen herab. Eine Kreatur aus alten Geschichten, ein gewaltiger Jaguar, etwas, das in einer vernünftig verwalteten militärischen Welt eigentlich nicht existieren sollte.
Das Presidio wird vernichtet. Álbaro überlebt. Warum, weiß zunächst niemand wirklich. Vielleicht nicht einmal Álbaro selbst. Nun wird aus einem militärischen Ritual eine groteske Lebensaufgabe. Mit Rozi, seinem Wagen und den Überresten seiner Kameraden zieht Álbaro durch ein Reich, das seine besten Zeiten offensichtlich hinter sich hat. Bei jeder Familie wiederholt sich derselbe formale Vorgang und passiert emotional etwas vollkommen anderes.
Ein Sohn kehrt heim. Ein Ehemann. Ein Bruder. Ein Freund. Ein Mann, den niemand vermisst. Ein Mann, den seine Kameraden liebten und dessen Familie einen völlig anderen Menschen kannte. Ein Soldat, dessen letzte Worte Álbaro nicht kennt.
Und jedes Mal muss er entscheiden, was er den Lebenden erzählt. Denn Álbaro liefert nicht nur Überreste ab. Er liefert Geschichten über Tote.
Damit bekommt er eine Macht, die der Roman nie unterschätzt. Wer als letzter Überlebender nach Hause kommt, besitzt plötzlich die Deutungshoheit über Menschen, die nicht mehr widersprechen können. Während der Wagen langsam leerer wird, füllt sich deshalb das eigentliche Puzzle. Einzelne Erinnerungen führen zurück nach Los Primos. Kleine Bemerkungen verändern frühere Szenen. Was zunächst wie eine klare Monsterkatastrophe aussieht, gewinnt immer neue Ränder.
Und über allem steht dieselbe Frage: Warum ausgerechnet Álbaro?
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Das erste Auffällige an The Book of the Jaguar ist seine Form. Schultz schreibt nämlich keine langen Kapitelblöcke, die den Leser dreißig Seiten durch dieselbe Szene führen. Die meisten Abschnitte umfassen nur wenige Seiten. Manche sind kleine Geschichten. Andere Erinnerungen, Beobachtungen oder beinahe essayistische Miniaturen. Insgesamt sind es mehr als achtzig Kapitel, und gerade diese ständige Unterbrechung bildet die ungewöhnliche rhythmische Struktur des Romans. Schultz selbst beschreibt den Entstehungsprozess als eine Mischung aus durchgehend geplantem Roman und dem Zusammenstellen vieler kleiner Erzählungen; er musste bewusst zwischen handlungstreibenden und stilleren Kapiteln balancieren.
Das hätte ein fürchterlicher Trick werden können. Das passiert aber nicht, denn die Kürze macht aus jedem Besuch eine eigene kleine Welt. Schultz braucht manchmal nur wenige Seiten, um ein Haus, eine gesellschaftliche Schicht, eine religiöse Vorstellung oder eine Beziehung sichtbar zu machen. Was ein klassischer Epic-Fantasy-Roman in drei Absätzen Weltenkunde erklären würde, steckt hier in einem Gegenstand auf einem Tisch oder darin, wie eine Familie mit Álbaro spricht.
Diese Prosa besitzt auffälligen Rhythmus. Schultz kommt aus dem Lektorat, denkt nach eigener Aussage stark in Absätzen und hat große Teile des Romans laut gelesen, um Klang und Satzfluss zu prüfen. Das merkt man der Konstruktion an: Die Sprache will nicht lediglich Informationen transportieren. Sie trägt ein deutlich spürbares Gewicht.
Erfreulich ist dabei, dass literarisch nicht mit humorlos verwechselt wird. Gerade weil fast jedes Kapitel mit Tod zu tun hat, setzt Schultz bewusst Komik dagegen. Soldaten bleiben vulgär. Menschen sagen im falschen Moment dumme Dinge. Würde und Körperlichkeit existieren gleichzeitig. Ein feierlicher Absatz kann neben einem ziemlich niederen Witz stehen und dadurch menschlicher wirken statt weniger ernst.
Das ist wichtig. Dreihundert Seiten feierliches Trauern wären irgendwann keine Literatur mehr, sondern eine Beerdigung, aus der niemand den Ausgang findet. Schultz variiert deshalb Ton und Temperatur. Manche Episoden sind traurig, andere absurd, bitter, schmutzig oder sogar komisch. Die Trauer verliert dadurch nicht an Gewicht. Sie erhält klare Konturen.
🧍♂️ Figuren
Álbaro Ceynos
Álbaro ist kein klassischer Fantasyheld. Das Wort Antiheld passt besser, allerdings nicht deshalb, weil er besonders cool, zynisch oder mörderisch wäre. Interessant ist vielmehr seine moralische Unordnung.
Álbaro lügt. Nicht ständig aus Eigennutz. Nicht immer aus Feigheit. Häufig deshalb, weil er glaubt, eine bestimmte Lüge sei gnädiger als die Wahrheit. Das macht ihn kompliziert.
Was erzählt man einer Familie, wenn der Tote keine heroischen letzten Worte hatte? Was sagt man einer Witwe, wenn der Kamerad in der Einheit beliebt war, zu Hause aber Gewalt ausübte? Wie beschreibt man einem Priester einen Menschen, an den der sich selbst kaum erinnert? Und wie viel Wahrheit besitzt Álbaro überhaupt?
Der Roman weigert sich, aus seiner Reise eine moralische Läuterung mit sauberer Zielgeraden zu bauen. Álbaro lernt, zweifelt, urteilt falsch, entwickelt Mitgefühl und bleibt gleichzeitig ein Mensch, der seine eigene Ethik immer wieder gegen die Wahrheit stellt. Schultz beschreibt diese Unvollständigkeit ausdrücklich als Teil einer Welt, in der Informationen eben nicht perfekt zusammenpassen und kleine notwendige Lügen problemlos zu größeren werden können.
Dazu kommt die Überlebensschuld. Álbaro muss nicht nur achtzig Tote nach Hause tragen. Er trägt die Frage mit, weshalb er keiner von ihnen ist. Und diese Frage wiegt sehr viel schwerer als der Wagen.
Die Toten
Die eigentliche Besetzung des Romans besteht aus Abwesenden. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Mit jeder Station bekommt einer der gefallenen Männer noch einmal für einige Seiten ein Leben. Man erfährt etwas über Herkunft, Beziehungen, Fehler, Hoffnungen oder darüber, wie unterschiedlich ein Mensch in verschiedenen Erinnerungen existiert.
Dadurch entsteht ein Gegenbild zur militärischen Einheit. In der Legion waren sie Kameraden. Zu Hause werden sie wieder Söhne, Brüder, Männer, Gewalttäter, Geliebte, Enttäuschungen, Versprechen. Tod vereinheitlicht Körper. Erinnerung tut genau das Gegenteil.
Und Schultz zeigt sehr schön, dass eine Liste von Gefallenen niemals nur eine Zahl enthält. Hinter jedem Namen liegt ein völlig anderes Loch in der Welt.
Die Hinterbliebenen
Noch stärker sind teilweise diejenigen, denen Álbaro gegenübersteht. Trauer besitzt hier keine verpflichtende Form.
Manche Menschen brechen. Andere bleiben erstaunlich nüchtern. Einige wollen Details. Andere wollen lieber nichts wissen. Und gelegentlich ist der Tod eines Soldaten für die Menschen zu Hause keine Katastrophe, sondern das Ende einer anderen Form von Angst.
Gerade dadurch entzieht sich der Roman der sentimentalen Soldatenverehrung. Ein Uniformierter wird durch seinen Tod nicht automatisch gut. Ein Überlebender wird durch seine Pflicht nicht automatisch edel. Ein Trauernder muss nicht zwingend vergeben. Das ist menschlich deutlich interessanter als jede standardisierte Grabrede.
Rozi
Und dann ist da Rozi. Das Pferd kann natürlich nicht mit Álbaros toten Kameraden konkurrieren, ist aber als ständige Präsenz wichtig. In einer Geschichte voller wechselnder Häuser, Familien und Erinnerungen ist Rozi der Teil der Reise, der bleibt.
Álbaro hat seinen Wagen. Sein Schwert. Sein Pferd.
Der Rest wird nach und nach weniger.
🕒 Tempo und Aufbau
Die große Frage bei einem Roman mit über achtzig kurzen Episoden lautet zwangsläufig: Wiederholt sich das irgendwann?
Klar, strukturell müsste es eigentlich passieren. Álbaro kommt an. Ein Toter wird zurückgebracht. Eine Familie reagiert. Álbaro zieht weiter. Noch einmal. Und noch einmal.
Schultz kennt dieses Problem offensichtlich selbst. Im Interview beschreibt er genau die Schwierigkeit, dem Leser mit jedem Kapitel beinahe einen Neustart abzuverlangen. Seine Lösung besteht darin, die Episoden nicht alle gleich funktionieren zu lassen: Einige treiben das Rätsel um Los Primos voran, andere vertiefen Welt und Figuren, wieder andere werden nachdenklicher oder komischer.
Dadurch entsteht kein klassischer Thrillersog. Es entsteht Kumulation. Das ist ein Unterschied. The Book of the Jaguar wird nicht dadurch größer, dass seine Ereignisse immer spektakulärer werden. Es wird größer, weil jede kleine Geschichte etwas auf den bereits vorhandenen Stapel legt.
Noch eine Familie, noch eine Lüge, noch eine Erinnerung und eine weitere kleine Unstimmigkeit im offiziellen Bild. Das erinnert eher an das langsame Entstehen eines Wandmosaiks als an einen klassischen Questroman. Einzelne Steine können unscheinbar wirken. Aus der Entfernung entsteht plötzlich ein Bild.
Wer permanente Beschleunigung braucht, wird darin eine Schwäche sehen, allerdings ist es für diesen Roman die richtige Form. Denn Trauer funktioniert ebenfalls so. Sie hat nur selten einen perfekten Spannungsbogen.
🌎 New Serraña: Weltbau über Menschen statt Landkarten
New Serraña ist deutlich von kolonialem Mexiko geprägt, aber Schultz baut daraus kein Fantasy-Mexiko mit ausgetauschten Ortsnamen.
Das Reich erscheint bereits in einem Zustand des Verfalls. Álbaros Reise führt ihn durch verschiedene Regionen und gesellschaftliche Schichten. Dadurch entstehen Politik, Religion, Armut, Wohlstand, Bürokratie, Stadt-Land-Gegensätze und kulturelle Vorurteile nicht als Kapitelüberschriften, sondern als Dinge, die unterwegs passieren. Schultz nennt Kolonialismus, Trauer, Überlebensschuld, Glauben und Kameradschaft selbst als zentrale Themenfelder des Romans.
Das ist Weltbau, wie ich ihn am liebsten mag.
Kein König erklärt einem Berater das Steuersystem, das beide seit vierzig Jahren kennen.
Keine Karte verlangt vor Kapitel eins eine Aufnahmeprüfung.
Man versteht ein Reich daran, wie es seine Toten behandelt.
Was für ein starkes Prinzip.
Militärische Rituale verraten etwas über Staatsverständnis. Grabbeigaben verraten etwas über Religion. Die Reaktion auf Álbaro verrät etwas über soziale Stellung. Armut zeigt sich nicht in einem Weltbaukasten, sondern darin, was eine Familie besitzt.
Nach und nach entsteht so ein erstaunlich großes Reich aus sehr kleinen Beobachtungen.
🕯️ Was schuldet man den Toten?
Das ist die moralische Frage, die immer wieder durch diesen Roman läuft. Die Legion hat eine klare Antwort: Heimkehr. Der Körper beziehungsweise die Überreste müssen zur Familie. Damit ist die Pflicht allerdings noch längst nicht erfüllt.
Was schuldet Álbaro einem gefallenen Kameraden, den er mochte?
Seine Wahrheit? Seinen Ruf? Was schuldet er dessen Familie? Die Wahrheit über den Menschen? Oder Trost?
Und wem gehört ein Leben nach dem Tod eigentlich noch? Dem Toten? Den Kameraden? Den Hinterbliebenen? Der Geschichte?
Schultz findet darauf keine hübsche allgemeingültige Antwort. Zum Glück. Denn genau diese Unordnung ist interessant. Manche Wahrheiten helfen, andere zerstören. Lügen können trösten, doch manche Lügen schützen nur den Lügner.
Álbaro entscheidet ständig darüber, obwohl niemand ihm dieses Recht offiziell verliehen hat. Er besitzt es einfach, weil er überlebt hat. Das ist vielleicht die bitterste Form von Macht im ganzen Buch.
🪖 Krieg endet nicht, wenn das Monster weg ist
Viele Fantasyromane interessieren sich leidenschaftlich dafür, wie eine Schlacht beginnt. The Book of the Jaguar interessiert sich dafür, was eine Schlacht hinterlässt. Das ist nicht dasselbe.
Die Männer aus Los Primos sind keine Gefallenenzahl in einer Chronik. Sie müssen irgendwohin. Ihre Angehörigen müssen informiert werden. Ihre Geschichten werden neu erzählt. Manche werden zu Helden gemacht, andere irgendwann vergessen. Und der Überlebende muss weiterleben.
Dadurch wird Krieg seiner üblichen epischen Schönheit beraubt. Kein Schlachtenpanorama und schon gar kein heroisches Sterben im dramatischen Licht. Stattdessen: Nacharbeit.
Ein Wort, das für Fantasy erstaunlich brutal klingt. Jemand muss die Toten zählen. Jemand muss ihre Sachen ordnen. Jemand muss an Türen klopfen. Und jemand muss erklären, dass der Mensch, auf den jemand wartet, nicht mehr kommt.
Schultz macht daraus keinen Verwaltungsrealismus. Das Fantastische bleibt vorhanden, aber es ändert nichts an dieser menschlichen Arbeit. Monster können Menschen töten. Trauern müssen andere.
🤥 Die gnädige Lüge ist immer noch eine Lüge
Einer der spannendsten Aspekte des Romans liegt in Álbaros Unzuverlässigkeit. Nicht, weil er als raffinierter Trick-Erzähler die Leser absichtlich aufs Glatteis führt. Seine Unzuverlässigkeit ist menschlicher.
Er kennt nicht alles. Er erinnert sich nicht an alles. Und er möchte manches nicht sagen. Einige Dinge erzählt er bewusst anders. Dadurch bekommt das Mosaik eine zweite Ebene. Wir setzen nicht nur die Ereignisse von Los Primos zusammen. Wir müssen gleichzeitig einschätzen, wer hier eigentlich die Teile auswählt.
Álbaro trägt die Erinnerung, aber Erinnerung ist kein Beweismittellager. Sie ist letztlich nur eine Art Nebel.
Dass ausgerechnet der Jaguar auf dem Cover beinahe aus diesem Nebel entsteht, passt deshalb hervorragend. Schultz selbst beschreibt die Bildidee ähnlich: Die große Katze ist vorhanden und zugleich schwer zu greifen, während die winzige menschliche Figur vor einer Aufgabe steht, die größer ist als sie selbst. Das Cover stammt übrigens von Anato Finnstark.
🐆 Fantasy, die nicht ständig beweisen muss, dass sie Fantasy ist
Besonders angenehm ist die Selbstsicherheit des Romans im Umgang mit dem Genre. Schultz muss keine Magieregeln an die Wand schreiben. New Serraña muss nicht alle fünf Seiten eine fantastische Kreatur vorführen.
Der Jaguar kommt aus Legende und Wirklichkeit zugleich, und die Welt trägt ihr Fantastisches wesentlich beiläufiger als viele moderne Genreproduktionen. Gregory Frost hebt in seinem Voraburteil genau diese leise Zusammensetzung der fantastischen Elemente hervor. Schultz selbst besteht gleichzeitig völlig zu Recht darauf, dass das Buch Fantasy ist; eben aus jener literarischen Tradition des Genres, die Atmosphäre, Geschichte und Sprache nicht gegen das Fantastische ausspielt.
Das gefiel uns beim Lesen außerordentlich gut. Fantasy muss sich nicht entschuldigen, wenn sie Literatur sein will. Und Literatur wird nicht automatisch besser, sobald man die Drachen entfernt. The Book of the Jaguar versteht beides.
😏 Und erstaunlicherweise ist das Ganze auch noch komisch
Man könnte bei der Inhaltsbeschreibung glauben, dieses Buch müsse nach Seite 80 die Seele aus dem Körper ziehen. Mehr als achtzig Tote. Überlebensschuld. Koloniales Imperium. Armut, Religion, Trauer. Beste Voraussetzungen für dreihundert Seiten bedeutungsschwere Grabmusik.
Schultz baut bewusst dagegen. Ohne Marvel-Gags, Nicht mit Figuren, die jeden emotionalen Moment sofort ironisch zerstören, sondern mit der Erkenntnis, dass Soldaten und Familien auch in schrecklichen Situationen Menschen bleiben.
Menschen sind manchmal vulgär. Menschen lachen bei Beerdigungen. Menschen sagen Dinge, die sie fünf Sekunden später bereuen. Und Trauer ist nicht weniger wahr, nur weil mitten im Wehklagen jemand furzt.
Schultz spricht selbst davon, dass die Vielzahl potenziell düsterer Episoden Humor geradezu notwendig machte; zugleich passe der Wechsel zwischen feierlicher Sprache und niedrigem Soldatenwitz zu der Welt und ihren Menschen. Gerade dieser Kontrast verhindert, dass das Buch seine Leser emotional erpresst.
Es verlangt Trauer nicht. Es lässt sie entstehen.
📜 Fazit: Der Wagen wird leichter, der Überlebende nicht
The Book of the Jaguar ist eines dieser seltenen Fantasybücher, deren Originalität sich nicht aus einem möglichst komplizierten Pitch ergibt. Ein Mann bringt Tote nach Hause. Mehr braucht Victor Ladis Schultz nicht.
Aus dieser einfachen Bewegung entsteht ein Roman über ein ganzes Reich, über Soldaten und Familien, über Armut, Religion, koloniale Ordnung, Erinnerung, Kameradschaft, Scham und die seltsame Macht desjenigen, der als Einziger noch erzählen kann.
Die mosaikartige Form ist dabei kein Schmuckstück. Sie ist der Roman.
Jeder gefallene Kamerad bekommt einen kleinen Raum. Jede Übergabe verschiebt Álbaros Bild von seiner Vergangenheit. Jede Familie macht sichtbar, dass ein Mensch niemals nur die Version ist, die seine Kameraden von ihm kennen.
Und während die Überreste auf dem Wagen weniger werden, wächst die Last, die nicht abgeladen werden kann. Das ist außergewöhnlich gut gedacht.
Noch stärker ist, dass Schultz aus diesem Konzept keinen feierlichen Literaturapparat baut. Der Roman kann traurig sein, brutal, absurd, zärtlich und schmutzig. Er lässt Lücken bestehen. Er erlaubt schlechten Menschen, von anderen geliebt worden zu sein. Er erlaubt guten Menschen, zu lügen. Er erlaubt Trauernden, erleichtert zu sein.
Diese moralische Unordnung macht ihn wahrhaftiger als viele wesentlich realistischere Romane. Die episodische Struktur wird nicht für jeden funktionieren. Wer seine Fantasyerzählungen als geradlinigen Strom aus Konflikt, Eskalation und Finale braucht, wird sich an den vielen Unterbrechungen stoßen. Aber genau diese Unterbrechungen geben dem Buch seine Identität. Der Roman muss an jeder Tür neu beginnen, weil Trauer für jede Familie ebenfalls neu beginnt.
Und dann ist da noch das Rätsel von Los Primos. Was geschah wirklich? Was erzählt Álbaro? Was erinnert er? Was verschweigt er uns?
Und warum fährt ausgerechnet er diesen Wagen?
Schultz beantwortet damit nicht nur die Frage nach dem Überlebenden. Er stellt eine viel größere: Was macht ein Mensch mit der Geschichte der Toten, wenn niemand mehr da ist, der ihn korrigieren kann?
Dafür bekommt The Book of the Jaguar von uns etwas, das wir nur sehr selten und niemals leichtfertig verteilen.
Unsere Hochachtung und unsere Höchstwertung!
Keine Fünf, weil hier besonders viele Schwerter funkeln.
Eine Fünf, weil nach dem letzten Toten auf dem Wagen etwas bleibt.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★★
„Ein außergewöhnliches Fantasydebüt über Trauer, Erinnerung und die Macht des letzten Überlebenden: sprachlich stark, formal eigenständig und menschlich so widersprüchlich, wie gute Literatur sein sollte..“

Autor: Victor Ladis Schultz
Titel: The Book of the Jaguar
Reihe: Einzelroman
Verlag: Fairwood Press
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 302 Seiten, Trade Paperback
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-1-958880-42-5
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