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Der Palast der offenen Tore: Die moralische Kapitulation der Biennale
Die Biennale von Venedig lässt Russland 2026 wieder zu und verteidigt das mit den üblichen Samtbegriffen der Hochkultur: Offenheit, Dialog, keine Zensur. Die Ukraine benennt es mit gutem Recht als das, was es in solchen Momenten fast immer ist: der Versuch, einer Institution, die eigene Unentschlossenheit zur Tugend zu erheben.

Venedig und die hohe Kunst der Ausflucht
Es gibt Entscheidungen, die so geschniegelt formuliert sind, dass man ihren wahren Geruch erst mit einem Moment Verzögerung bemerkt. Die Biennale Arte 2026 führt laut offizieller Übersicht 99 nationale Teilnahmen; darunter ist wieder Russland, erstmals seit den Bruchlinien nach dem völkerrechtswidrigen Großangriff von 2022. Der Streit darum eskalierte in den letzten Tagen sichtbar: Die Ukraine fordert, die Entscheidung rückgängig zu machen, und warnt davor, die Biennale könne zur Bühne der Weißwaschung von Kriegsverbrechen werden.
Das ist als Stoff fast schon unanständig ergiebig. Denn hier geht es nicht nur um Russland. Es geht um die alte Lieblingslüge der großen Tempelpriester der Kultur: dass Feigheit besonders edel klingt, wenn man sie mit ausreichend viel institutionellem Samt bespannt.
Der Kriegsmagier kehrt in den Bilderpalast zurück
Die Biennale sagt im Kern: Sie sei eine offene Institution; nationale Teilnahmen entstünden aus Initiativen der Staaten, und man lehne jede Form von Ausschluss oder Zensur von Kultur und Kunst ab. Das ist jener Satzbau, in dem sich kulturelle Einrichtungen traditionell am liebsten verstecken, sobald eine Entscheidung unangenehm konkret wird.
In einer ehrlichen Fantasy-Erzählung wäre das der Moment, in dem die Torwächter des Palastes den alten Kriegsmagier wieder einlassen und erklären, das geschehe nicht etwa aus Schwäche, sondern im Sinne eines neuerdings herrschenden Pluralismus. Man müsse schließlich alle Stimmen hören. Dass eine dieser Stimmen gerade Städte zerlegt, Gräber füllt und Kulturstätten vernichtet, wird dann zur lästigen Fußnote der Protokollführung.
Die Ästhetik der falschen Großmut
Die gemeinsame Erklärung aus Kyjiw ist deshalb so präzise, weil sie den Nebel einfach wegbläst. Außenminister Andrij Sybiha und Kulturministerin Tetjana Berezhna fordern, die Rückkehr Russlands zu stoppen und an der Linie von 2022 bis 2024 festzuhalten. Sie verweisen auf zerstörte Kulturstätten, getötete Künstler und Journalisten und auf die Gefahr, dass russische Teilnahme als Normalisierung gelesen wird.
Hier beginnt der eigentliche Skandal: Die Biennale behandelt Haltung wie ein Problem der Form, nicht des Inhalts. Man will nicht entscheiden, also erklärt man die Entscheidung zur Zensurfrage. Das ist ein uralter Trick des Kulturbetriebs. Wer seine Hände nicht schmutzig machen will, taucht sie in Begriffe wie Dialog und Offenheit und hofft, niemand bemerke den Unterschied zwischen Großmut und feigem Ausweichen.
Der Hof der Kuratoren und seine Unschuldsmiene
Besonders unerquicklich wird die Sache durch den politischen Unterton. Pietrangelo Buttafuoco, Präsident der Biennale, wurde von der Regierung Meloni eingesetzt und steht seit Längerem unter Beobachtung all jener, die bei Kulturinstitutionen noch immer naiv genug sind, Personalentscheidungen für dekoratives Beiwerk zu halten. Selbst aus Italien kamen Distanzierungen; der Guardian berichtet von Kritik aus Italiens Kulturministerium und von parteiübergreifendem Widerspruch aus dem Europaparlament.
Das macht die Sache nicht automatisch finsterer, aber doch gleich viel interessanter. Denn plötzlich steht der Hof der Kuratoren da und möchte als letzte Bastion der Offenheit gelten, während um ihn herum alle halbwegs wachen Beobachter dieselbe Frage stellen: Offenheit für wen – und auf wessen Kosten?
„Keine Zensur“ – das Lieblingsparfüm institutioneller Schwäche
Man muss diesen Satz wirklich würdigen: „La Biennale di Venezia rejects any form of exclusion or censorship of culture and art.“ Er riecht nach altem Holz, nach moralischer Höhe und nach jener gepflegten Selbstbewunderung, die Kunstinstitutionen entwickeln, wenn sie sich beim Nicht-Handeln zusehen.
Nur ist Kultur hier eben nicht ein abstrakter Luftgeist, der unschuldig durch den Äther weht. Es geht um einen Staat, der einen Pavillon benutzt. Um Repräsentation. Um Symbolik. Um die sehr reale Frage, ob ein internationales Prestigeereignis sagt: Wir machen weiter, als ließe sich all das in die neutrale Sprache eines Ausstellungsverzeichnisses überführen. Die Biennale tut so, als verteidige sie die Freiheit der Kunst. Tatsächlich verteidigt sie vor allem ihr eigenes Recht, keine klare Grenze ziehen zu müssen.
Venedig als Bühne der zivilisierten Verdrängung
Natürlich ist die Biennale nicht die NATO. Sie ist keine Strafkammer und kein Tribunal. Genau das wird nun wieder als Beruhigungsformel benutzt. Doch Hochkultur liebt es, ihre Verantwortung kleinzureden, sobald Verantwortung einmal nicht nur aus Wandtexten besteht. Dann ist sie plötzlich nur noch Plattform, nur noch Spiegel, nur noch Raum des Austauschs. Es ist die alte Oper der zivilisierten Verdrängung: Man stellt sich selbst als über den Konflikten stehend dar, damit niemand merkt, wie bequem diese Haltung von oben aussieht.
In Wahrheit ist auch ein Bilderpalast nie neutral. Schon gar nicht dann, wenn er Staaten einlädt, Flaggen duldet und Pavillons verwaltet. Wer das Gegenteil behauptet, verwechselt Kuratorensprache mit Unschuld.
Der eigentliche Skandal ist nicht Russland
Russlands Rückkehr ist der Aufhänger. Der eigentliche Gegenstand der Betrachtung ist aber die Institution selbst. Denn die Biennale zeigt gerade in Reinform, wie europäische Hochkultur funktioniert, wenn sie an den Rand einer Entscheidung gedrängt wird: Sie erklärt die eigene Unentschlossenheit zur Form von Humanismus. Sie redet von Verbindung der Völker und hofft, dass niemand fragt, warum ausgerechnet der Täterstaat von dieser poetischen Weite profitieren soll.
Das ist die Ästhetik der Ausflucht. Sie ist nicht laut. Sie ist geschniegelt, weltläufig, wohlduftend. Und genau deshalb so unerträglich.
Fazit: Samt über dem Abgrund
Die Biennale wollte vermutlich, wie immer, größer wirken als die Tagespolitik. Das gelingt ihr auch, nur leider im schlechtesten Sinn. Sie wirkt jetzt wie ein Palast, der seine Tore weit öffnet und den Rückzug aus der Verantwortung als kulturelle Größe ausstellt.
Oder kürzer, weil Präzision auch im Sarkasmus eine Form von Anstand ist:
Venedig nennt es Dialog. In Wahrheit ist es die alte Kunst, Kapitulation so lange zu kuratieren, bis sie wie Offenheit aussieht.



