Urarv – Nychta Psychis (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Urarv – Nychta Psychis

🧿 Kurzfazit
Nychta Psychis ist ein herrlich eigenwilliges, riffstarkes und erfreulich unberechenbares Avantgarde-Black-Metal-Album. Urarv verbinden die rohe Energie norwegischen Black Thrashs mit psychedelischen Umwegen, ungewöhnlicher Bassarbeit und Aldrahns unvergleichlichem Stimmtheater. Die Musik bleibt trotz aller Experimente erstaunlich zugänglich und besitzt ordentlich Vorwärtsdrang. Gelegentlich übertreibt es die Band mit ihren Einfällen, manche Gesangseskapade gerät gefährlich nah an unfreiwillige Komik, und nach gut einer halben Stunde ist der Spaß bereits vorbei. Dennoch: eine charakterstarke Platte voller musikalischer Überraschungen, deren beste Momente weit über gewöhnlichen Genreexzentrizitäten stehen.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Für Hörer von frühen Dødheimsgard, Ved Buens Ende, Virus, Voivod, Code, Sigh und den experimentelleren Ausläufern von Blut Aus Nord. Wer seinen Black Metal gern mit schrägen Grooves, dissonanten Gitarren, psychedelischen Störungen und einem Sänger hört, der sämtliche Konventionen seines Berufsstandes als unverbindliche Vorschläge betrachtet, dürfte hier ausgezeichnet unterhalten werden.

🎼 Highlights
Dødheimsgard, Nychta Psychis, Operation Genocide

⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wenn du Black Metal ausschließlich als frostige Raserei mit geradlinigen Songstrukturen begreift, könntest du hier ernste Schwierigkeiten bekommen. Urarv setzen auf stilistische Brüche, ungewöhnliche Rhythmen und ausgesprochen exzentrischen Gesang. Auch Freunde ausgedehnter, emotional überwältigender Black-Metal-Epen dürften die vergleichsweise kompakte und oftmals spielerische Herangehensweise eher befremdlich finden.

Cover von Urarv – Nychta Psychis. Eine düstere Schwarzweißillustration zeigt eine gesichtslose, hagere Gestalt, die sich inmitten abgestorbener Bäume, verschlungener Wurzeln und schädelartiger Figuren erhebt. Über ihrem Kopf leuchtet ein geometrisch verzierter Kreis. Das Motiv wird von einem breiten weißen Rahmen eingefasst, über der Illustration steht der Bandname, darunter der Albumtitel.

Urarv – Nychta Psychis: Fünf Songs, sieben Stimmen und Kontrollverlust auf Norwegisch

Eine Black-Metal-Band benennt ihren Albumauftakt nach der früheren Wirkungsstätte ihres Sängers. Anschließend zerlegt sie die norwegische Genregeschichte in ihre Einzelteile, schickt den Bass auf einen Spaziergang durch die Psychiatrie, lässt psychedelische Gitarren von der Decke tropfen und gönnt ihrem Sänger gelegentlich die Freiheit, wie ein außer Kontrolle geratener Theaterdarsteller zu klingen.

Willkommen in der ziemlich seltsamen Welt von Urarv. Ihr drittes Album Nychta Psychis dauert gerade einmal 32 Minuten und 40 Sekunden. Für eine gepflegte musikalische Entgleisung reicht das hier jedoch vollkommen. Bjørn „Aldrahn“ Dencker Gjerde, dessen Stimme schon bei Dødheimsgard und Thorns erhebliche Schäden an gewöhnlichen Hörgewohnheiten hinterlassen hat, führt seine Mitstreiter durch fünf Kompositionen, in denen Black Metal auf Punk, Thrash, psychedelische Klangexperimente und gelegentlich ziemlich befremdliche Einfälle trifft. Was dabei wirklich überrascht, ist der Umstand, wie gut dieser Apparat über weite Strecken zusammenhält.

Urarv verfügen über ein erstaunlich sicheres Gespür für Riffs und rhythmische Bewegung. Unter den schrägen Gitarrenfiguren, dissonanten Ausflügen und vokalen Verrenkungen arbeitet ein kräftiger, oft geradezu mitreißender Black-Thrash-Motor. Die Musiker können ihren Wahnsinn jederzeit unterbrechen, um ein herrlich primitives Riff herauszuhauen, das auch auf einer obskuren norwegischen Veröffentlichung von 1995 bestens aufgehoben wäre. Danach beginnt das nächste Experiment.

Und während man noch versucht herauszufinden, ob Aldrahn gerade singt, knurrt, predigt oder einen Streit mit seinen eigenen Stimmbändern austrägt, haben Urarv längst wieder das Tempo gewechselt. Und Nychta Psychis besitzt noch eine seltene Eigenschaft: Man weiß nie genau, was als Nächstes passiert, möchte aber unbedingt dabei sein. Wir hören uns das mal komplett an.

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🎧 Was erwartet dich?

Genres: Avantgarde Black Metal, Experimental Black Metal, Black Thrash, Psychedelic Metal

🎼 Musikalische Einordnung: m Kern von Nychta Psychis steckt erstaunlich traditioneller norwegischer Black Metal. Die Gitarren arbeiten mit rauen, sägenden Akkordfolgen, die Rhythmik trägt häufig deutliche Thrash- und Punk-Einflüsse, und manche Passagen könnten beinahe aus der Frühzeit der zweiten norwegischen Black-Metal-Welle stammen. Doch Urarv haben wenig Interesse daran, diese Grundlage unverändert stehen zu lassen.

Schon auf dem Opener Dødheimsgard wechseln sich harsche Black-Metal-Attacken mit beinahe rockigen Grooves, beweglichen Bassfiguren und eigenartigen atmosphärischen Verschiebungen ab. Die Musik besitzt eine körperliche Direktheit, die dem experimentellen Charakter eine wichtige Grundlage verschafft.

Das unterscheidet die Band von vielen Avantgarde-Projekten, deren Kompositionen vor allem demonstrieren sollen, wie viele ungewöhnliche Ideen ihre Urheber gleichzeitig unterbringen können. Bei Urarv entstehen die Experimente häufig aus dem rhythmischen Verlauf eines Songs. Ein Gitarrenmotiv verändert seine Richtung, der Bass nimmt eine eigenständige melodische Bewegung auf, und plötzlich befindet sich die Musik an einem völlig anderen Ort.

Gerade die Bassarbeit von Sturt verleiht den Arrangements zusätzliche Tiefe. Das Instrument begnügt sich keineswegs mit der Verdoppelung der Gitarren. Immer wieder entwickelt es eigene Figuren, die zwischen den scharfkantigen Riffs hindurchwandern und stellenweise eine fast post-punkartige Beweglichkeit erzeugen. Dazu kommen psychedelische Effekte, ungewöhnliche harmonische Wendungen und Momente, in denen die Band mit der Erwartungshaltung des Hörers regelrecht spielt.

Im Vergleich zum Vorgänger Substratum von 2023 wirkt die Musik kompakter, energischer und stärker auf unmittelbare Wirkung ausgerichtet. Der Hang zum Skurrilen bleibt erhalten, doch viele der neuen Stücke besitzen eine erfreulich klare rhythmische Grundlage. Leider trägt hie nicht jeder Einfall gleichermaßen. An einigen Stellen wirkt die Exzentrik etwas demonstrativ, und gerade Aldrahns vokale Spontaneität kann die musikalische Spannung gelegentlich unterbrechen. Insgesamt gelingt die Verbindung von experimenteller Freiheit und geradlinigem Riffing aber bemerkenswert gut.

🔊 Klangbild: Nychta Psychis besitzt einen rauen, kantigen und bewusst wenig luxuriösen Klang. Die Gitarren sägen mit einer leicht körnigen Schärfe, der Bass bleibt ungewöhnlich präsent, und das Schlagzeug sorgt für einen kräftigen, teilweise beinahe punkigen Vorwärtsdrang. Die Produktion verzichtet auf jene monumentale Tiefenstaffelung, die man von aufwendig inszeniertem modernem Black Metal kennt. Stattdessen wirken die Instrumente relativ unmittelbar und gelegentlich etwas dünn. Das lässt der Musik allerdings genügend Raum, um ihre zahlreichen rhythmischen Eigenheiten auszuspielen.

Besonders wichtig ist die Durchhörbarkeit der Basslinien. Gerade bei einem Album mit so vielen schrägen Gitarrenfiguren würde ein zugeschütteter Tieftonbereich einen erheblichen Teil des musikalischen Reizes zerstören. Für Mix und Mastering zeichnet Colin Marston verantwortlich, der unter anderem durch seine Arbeit mit Krallice und Gorguts bekannt ist. Seine Erfahrung mit komplexer, unkonventioneller Musik passt hervorragend zu diesem Material. Eine vollständig geglättete Produktion hätte Nychta Psychis vermutlich einiges von seinem Charakter genommen. Trotzdem hätte etwas mehr klangliche Substanz manchen aggressiveren Moment noch wirkungsvoller gemacht. Und dann ist da natürlich Aldrahn.

Seine Stimme steht häufig sehr präsent im Mix und verändert ihre Gestalt mit einer Geschwindigkeit, die selbst innerhalb dieses Genres außergewöhnlich ist. Kreischen, Sprechen, Knurren, bizarre Ausrufe und beinahe theatralische Gesangslinien wechseln sich ab, ohne dass die Platte jemals den Eindruck vermittelt, ein gewöhnlicher Sänger habe die Kontrolle übernommen. Die Stimme ist ein zentrales Element der Kompositionen. Manchmal aber auch deren größte Gefahr.

🎬 Offizielles Musikvideo: Dødheimsgard

Mit Dødheimsgard eröffnen Urarv ihr drittes Album Nychta Psychis: norwegischer Black Thrash, verschrobene Grooves und Aldrahns unverwechselbares Stimmtheater. Ein musikalischer Kontrollverlust mit überraschend funktionierendem Sicherheitskonzept.

🌀 Highlights: Drei Ausbrüche aus der norwegischen Normalität

Dødheimsgard

Ein Song, der den Namen von Aldrahns früherer Band trägt, weckt zwangsläufig Erwartungen. Urarv beantworten sie mit einem Auftakt, der seine historischen Verbindungen kennt und trotzdem bemerkenswert eigenständig bleibt. Die ersten Minuten leben von schneidenden Gitarren, aggressivem Gesang und einer kräftigen Black-Thrash-Rhythmik. Dann verändert sich das Geschehen. Der Bass beginnt, eigene Wege einzuschlagen, die Musik entwickelt einen beinahe rockigen Bewegungsdrang, und zwischen den schroffen Riffs entstehen ungewöhnlich weite Räume.

Besonders reizvoll ist die Entwicklung im letzten Drittel. Die anfängliche Energie weicht einer zunehmend unheimlichen Atmosphäre, deren schrille Klangakzente und verlangsamte Bewegungen beinahe kosmischen Horror heraufbeschwören. Ein großartiger Einstieg, weil hier Aggression, Groove und Experimentierfreude tatsächlich miteinander arbeiten. Der Song wirkt trotz seiner ungewöhnlichen Wendungen geschlossen und besitzt genügend Riffsubstanz, um auch ohne seine historischen Anspielungen zu überzeugen.

Nychta Psychis

Der Titelsong beginnt mit einer beinahe trügerischen Zurückhaltung. Akustische Gitarren und eigentümliche melodische Bewegungen öffnen einen Raum, in dem zunächst wenig auf die folgende Eskalation vorbereitet. Dann übernimmt der Black Metal. Die Gitarren gewinnen an Schärfe, rhythmische Verschiebungen verändern die Bewegung, und psychedelische Elemente sorgen dafür, dass der Song immer wieder zwischen aggressiver Direktheit und sehr merkwürdigen Stimmungen pendelt.

Gerade Aldrahns Gesang entwickelt hier eine beinahe groteske Eigendynamik. Seine ungewöhnlichen Lautäußerungen und theatralischen Betonungen können irritieren; manche Momente scheinen unmittelbar an der Grenze zur Selbstparodie zu stehen. Gleichzeitig geben sie dem Stück eine Persönlichkeit, die bei konventionellerem Gesang kaum denkbar wäre. Der Titelsong ist einer der besten Belege dafür, wie weit Urarv ihre Black-Metal-Grundlage dehnen können. Nicht jede Wendung wirkt zwingend, doch die Atmosphäre und die eigenständige musikalische Entwicklung machen ihn zu einem der interessantesten Stücke der Platte.

Operation Genocide

Hier erreicht Nychta Psychis seinen vielleicht überzeugendsten Punkt. Operation Genocide setzt auf dissonante Gitarrenfiguren, ungewöhnlich bewegliche Basslinien und eine rhythmische Struktur, die mehrfach beinahe jazzartige Freiheiten annimmt. Dazu kommt Aldrahns Stimme, die zwischen aggressiver Wut und befremdlichen Ausbrüchen wechselt. Der Song besitzt eine herrlich unangenehme Beweglichkeit. Einzelne Motive wirken, als wollten sie einander absichtlich aus dem Takt bringen, werden aber von einer erstaunlich stabilen musikalischen Architektur zusammengehalten. Gerade die Bassarbeit verdient hier besondere Aufmerksamkeit.

Doch auch inhaltlich steckt mehr dahinter, als der martialische Titel zunächst vermuten lässt. Das Stück beschäftigt sich mit menschlicher Gier, Krieg und historischer Gewalt. Ein konkreter Bezug gilt dem Massaker von Wounded Knee 1890; außerdem erinnert der Song an den Lakota-Anführer Crazy Horse. Damit erhält die aggressive, gelegentlich beinahe groteske Musik eine ernsthafte thematische Grundlage. Für uns ist Operation Genocide das stärkste Stück des Albums. Hier erreicht die Verbindung aus ungewöhnlichem Songwriting, rhythmischer Virtuosität und musikalischer Direktheit ihren Höhepunkt. Die Experimente bereichern die Komposition, und der Song bringt seine Ideen in vergleichsweise kompakten viereinhalb Minuten auf den Punkt.

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🖼️ Artwork

Eine hagere, gesichtslose Gestalt erhebt sich aus einer schwarzen Landschaft aus knorrigen Wurzeln, abgestorbenen Bäumen und schädelartigen Erscheinungen. Ihre langen Arme oder Hände strecken sich vor dem Kopf empor, als versuche sie, etwas Unsichtbares zu berühren. Dahinter leuchtet ein kreisförmiges, dicht von geometrischen Linien durchzogenes Gebilde, das zugleich an einen Heiligenschein, ein kosmisches Diagramm und ein okkultes Ritualsymbol erinnert.

Das schwarzweiße Artwork von Nychta Psychis besitzt eine bemerkenswerte grafische Wucht. Seine feinen Linien, schroffen Kontraste und verwachsenen Formen erinnern an klassische Holzschnitte und düstere Underground-Illustrationen. Besonders reizvoll ist der große weiße Rahmen, der die finstere Zeichnung beinahe wie ein Exponat in einem Kunstmuseum präsentiert. Die zentrale Figur steht dabei für einen konkreten Gedanken. Aldrahn beschreibt das Motiv als langsam erwachenden Geist, umgeben vom Tod. Die totenähnlichen Gestalten und verschlungenen Strukturen werden damit zur Kulisse eines spirituellen Erwachens.

Das passt hervorragend zum philosophischen Unterbau des Albums. Zwischen Vergänglichkeit und Bewusstsein, körperlichem Verfall und geistiger Erkenntnis entsteht eine Bildwelt, die weit über gewöhnliche Black-Metal-Todesromantik hinausgeht. Ein starkes Cover, dessen beinahe strenge Schwarzweißästhetik der unberechenbaren Musik einen erstaunlich konzentrierten visuellen Rahmen gibt.

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✨ Besondere Momente

🎤 Ein Kehlkopf mit eigener Personalabteilung

Aldrahns Stimme gehört seit Jahrzehnten zu den unverwechselbarsten Instrumenten des norwegischen Black Metals. Auf Nychta Psychis demonstriert er eindrucksvoll, warum. Sein Gesang bewegt sich zwischen frostigem Kreischen, aggressivem Knurren, beinahe gesprochenen Passagen und skurrilen melodischen Ausbrüchen. Die Stimme verändert mitunter innerhalb weniger Sekunden ihren Charakter. Manche Einwürfe klingen wie spontane Reaktionen auf das musikalische Geschehen, andere wirken sorgfältig in die ungewöhnlichen Kompositionen eingearbeitet. Diese Vielseitigkeit ist faszinierend, besitzt allerdings auch ihre Schattenseiten. Gelegentlich unterbricht ein allzu verspielter Ausruf eine ansonsten ausgezeichnet aufgebaute Atmosphäre. Aldrahn ist hier zugleich die größte Stärke und der unberechenbarste Risikofaktor der Musik.

🎸 Der Bass hat den Dienstweg verlassen

Die auffällig eigenständige Bassarbeit von Sturt verdient besondere Beachtung. Während sich viele Black-Metal-Produktionen darauf beschränken, den Bass als zusätzliche Schicht unter die Gitarren zu legen, entwickelt das Instrument hier regelmäßig eigene musikalische Bewegungen. Es entstehen laufende Bassfiguren, schräge melodische Gegenstimmen und beinahe post-punkartige Grooves, die der Musik eine ungewöhnliche Beweglichkeit verleihen. Gerade im Zusammenspiel mit den dissonanten Gitarrenlinien gehören diese Momente zu den interessantesten Eigenschaften der Platte.

🥁 Punk im norwegischen Hochgebirge

Unter der experimentellen Oberfläche steckt überraschend viel direkter, beinahe rotziger Rock-’n‘-Roll- und Punk-Energie. Das Schlagzeug treibt die Musik häufig mit einer Unmittelbarkeit voran, die für komplex arrangierten Avantgarde Black Metal keineswegs selbstverständlich ist. Diese rhythmische Grundlage bewahrt das Album davor, sich vollständig in seinen eigenen Ideen zu verlieren. Selbst die schrägsten Passagen besitzen häufig einen kräftigen Bewegungsimpuls. Urarv können ebenso überzeugend vorwärtsprügeln wie experimentieren.

🧠 Philosophie ohne Gebrauchsanweisung

Hinter den eigentümlichen Songtiteln verbirgt sich eine ungewöhnlich philosophische Gedankenwelt. Besonders die Verbindung von Bewusstsein, Materie, Identität und dem Verhältnis zwischen Individuum und Universum beschäftigt Aldrahn. Dabei geht es um Zustände, die sich seiner Auffassung nach begrifflich nur unzureichend erfassen lassen. Diese Vorstellungen spiegeln sich auch musikalisch wider: Gewohnte Strukturen verändern sich, vermeintlich stabile Motive verlieren ihre Form, und einzelne Klangideen scheinen kurzzeitig außerhalb der gewöhnlichen Ordnung zu existieren. Das kann durchaus faszinieren. Gelegentlich aber wirkt die gedankliche Aufladung sehr viel größer als die emotionale Wirkung der Musik. Die Stärke des Albums liegt vor allem darin, seine abstrakten Ideen mit körperlicher Energie zu verbinden.

👽 Ein Raumschiff hat sich im Black Metal verirrt

Auch die psychedelischen Klangexperimente gehören zu den markantesten Eigenschaften von Nychta Psychis. Ungewöhnliche Effekte, schwebende Klangflächen und stellenweise beinahe altmodische Science-Fiction-Geräusche erweitern die ansonsten rohe Instrumentierung. Diese Elemente wirken bisweilen wie akustische Fremdkörper, schaffen aber häufig reizvolle Kontraste zum traditionellen Black-Metal-Fundament. Die Band bewegt sich damit zwischen eisiger norwegischer Vergangenheit und einer ausgesprochen seltsamen Zukunftsvision. Wenn die Musik schließlich wieder in ein grobes, punkiges Riff zurückfällt, wirkt das gelegentlich wie eine Notlandung. Erstaunlich oft ist es eine gelungene.

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📜 Hintergrund: Aldrahns zweites Leben und das Erbe der norwegischen Finsternis

Urarv wurden 2003 von Bjørn Dencker Gjerde, besser bekannt als Aldrahn, ins Leben gerufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Norweger bereits eine bemerkenswerte musikalische Vergangenheit hinter sich. Seine Arbeit mit Dødheimsgard, Thorns und dem legendären Projekt Zyklon-B gehört zu jenen Kapiteln der norwegischen Black-Metal-Geschichte, in denen das Genre begann, seine ursprünglichen Grenzen radikal zu erweitern.

Besonders bei Dødheimsgard prägte Aldrahn mit seiner eigenwilligen Stimme und seinem experimentellen Ansatz eine Entwicklung, die weit über den klassischen skandinavischen Black Metal hinausging. Alben wie Kronet til Konge und Monumental Possession sind wichtige Bezugspunkte für das musikalische Selbstverständnis von Urarv. Die eigene Band entwickelte sich allerdings vergleichsweise langsam. Auf das 2017 erschienene Debüt Aurum folgte 2023 Substratum. Mit Nychta Psychis liegt nun das dritte vollständige Studioalbum vor.

Interessant ist dabei die lange Entstehungsgeschichte. Aldrahn erklärte, dass über rund sechs Jahre verschiedene kompositorische Ansätze ausprobiert und teilweise wieder verworfen wurden. Erstmals flossen außerdem Kompositionen anderer Bandmitglieder in größerem Umfang in das Material ein. Diese Entwicklung erklärt einiges am Ergebnis. Die fünf Stücke besitzen einen klar erkennbaren Black-Metal-Kern, lassen gleichzeitig aber mehr individuelle musikalische Vorstellungen zu als eine ausschließlich von einer Person bestimmte Veröffentlichung.

Auch die philosophische Ausrichtung ist für Aldrahn von Bedeutung. Der Bandname Urarv bedeutet sinngemäß uraltes Erbe. Damit verbindet er sowohl die musikalischen Traditionen, aus denen sich das Projekt speist, als auch Vorstellungen über überlieferte spirituelle Erkenntnis. Für ihn beschäftigt sich Nychta Psychis unter anderem mit dem Verhältnis von Bewusstsein, Identität und Wirklichkeit. Das abschließende Youniverse verweist dabei auf seine Vorstellung, dass jedes Lebewesen ein Ausdruck eines größeren universellen Ganzen ist.

Die Band betrachtet solche Gedanken keineswegs als vollständig erklärbare Konzepte. Es geht vielmehr um Erfahrungen und Erkenntniszustände, die sich dem gewöhnlichen begrifflichen Denken entziehen. Das ist ambitioniert, gelegentlich beinahe provokant abstrakt. Gleichzeitig passt diese Haltung gut zu einer Musik, die konventionelle Strukturen regelmäßig infrage stellt. Nychta Psychis erscheint am 16. Oktober 2026 bei Darkness Shall Rise Productions auf CD, Vinyl, Kassette und digital. Für den abschließenden Mix und das Mastering zeichnet Colin Marston verantwortlich.

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🌀 Fazit: Die Vernunft hat das Gebäude verlassen. Die Musik bleibt erstaunlich geil.

Nychta Psychis ist ein ausgesprochen eigenständiges Album, das vor allem durch seine musikalische Unberechenbarkeit, ausgezeichnete Riffarbeit und die ungewöhnliche Präsenz von Aldrahns Stimme überzeugt. Urarv beherrschen einen Kunstgriff, der vielen experimentellen Metalbands schwerfällt: Sie können ihre Kompositionen in beinahe jede erdenkliche Richtung verbiegen und verlieren trotzdem erstaunlich selten den rhythmischen Boden unter den Füßen.

Gerade die Verbindung von Black Thrash, psychedelischen Effekten und eigenständiger Bassarbeit sorgt für viele faszinierende Momente. Dødheimsgard demonstriert diese Stärke bereits im Auftakt, der Titelsong erweitert sie um unheimliche und beinahe surreale Klangbilder. Mit Operation Genocide erreicht das Album schließlich seinen überzeugendsten Punkt. Hier sind die Experimente musikalisch besonders gut eingebunden, während die Komposition ihre aggressive Direktheit behält.

Eitel Finsterschein ist hier natürlich auch nicht alles: Manche vokalen Verrenkungen wirken stärker auf den Überraschungseffekt ausgerichtet als auf die musikalische Wirkung. Einige psychedelische Einschübe hätten etwas entschlossener in die Kompositionen integriert werden können. Und trotz der fünf relativ ausführlichen Stücke hinterlassen die gut 32 Minuten ein gewisses Gefühl von Unvollständigkeit. Gerade weil Urarv so viele interessante Ideen entwickeln, hätte man ihnen gern noch etwas mehr Raum zugestanden.

Auch emotional bleibt das Album etwas schwerer zu greifen. Die Musik überrascht, begeistert mit ihren ungewöhnlichen Wendungen und besitzt eine starke individuelle Handschrift. Eine wirklich überwältigende düstere Intensität entfaltet sie hingegen nur gelegentlich. Dafür ist ihr Grundcharakter zu beweglich, zu verspielt und manchmal schlicht zu eigenwillig. Dennoch überwiegen die Stärken deutlich.

Aldrahn gehört weiterhin zu den faszinierendsten Stimmen des norwegischen Extremmetals. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern gelingt ihm hier eine Platte, die ihre Traditionen kennt und sie mit großer Selbstverständlichkeit gegen den Strich bürstet. Nychta Psychis ist roh, schräg, gelegentlich absurd und über weite Strecken erstaunlich mitreißend. Wer experimentellen Black Metal liebt, bekommt hier eine der charaktervolleren Veröffentlichungen dieses Herbstes.

Die norwegische Black-Metal-Schule hat damit ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis erhalten. Der Schulleiter sollte sich allerdings dringend die Anwesenheitsliste ansehen. Ein erheblicher Teil des Lehrkörpers scheint geistig längst in einer anderen Dimension zu unterrichten.

Cover von Urarv – Nychta Psychis. Eine düstere Schwarzweißillustration zeigt eine gesichtslose, hagere Gestalt, die sich inmitten abgestorbener Bäume, verschlungener Wurzeln und schädelartiger Figuren erhebt. Über ihrem Kopf leuchtet ein geometrisch verzierter Kreis. Das Motiv wird von einem breiten weißen Rahmen eingefasst, über der Illustration steht der Bandname, darunter der Albumtitel.

Künstler:

Urarv

Albumtitel:

Nychta Psychis

Erscheinungsdatum:

16. Oktober 2026

Genre:

Avantgarde Black Metal / Experimental Black Metal / Black Thrash

Label:

Darkness Shall Rise Productions

Spielzeit:

ca. 32 Minuten

👥 Besetzung:

Bjørn „Aldrahn“ Dencker Gjerde – Gesang, Gitarre
Sakis Chatzitakis (Snakiz) – Gitarre
Jens B. Johansen (Sturt) – Bass
Trish Kolsvart – Schlagzeug

🎼 Trackliste:

Dødheimsgard – 6:48
Nychta Psychis – 7:00
When Consciousness Identifies With Matter It Is Lost – 7:18
Operation Genocide – 4:30
Youniverse – 7:04

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